Neues Portal für pflegende Angehörige – Kinder bleiben außen vor

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Dies ist ein Gastbeitrag der Berlinerin Claudia Groth, 1. Vorsitzende des nicht nur in Berlin agierenden Kinder Pflege Netzwerk e. V.

Zurzeit wird der Start der neuen Internetplattform „pflegen-und-leben“ in vielen Medien verkündet. Die Idee dahinter ist, dass pflegende Angehörige online Fragen und Probleme im Zusammenhang mit der häuslichen Pflege an ein geschultes Psychologenteam richten können. Im weitesten Sinne handelt es sich um ein Präventionsprojekt, um Belastungen abzumildern und Überlastungssituationen zu vermeiden (Stichwort: Gewalt in der Pflege).

Der unbefangene Angehörige eines pflegebedürftigen Familienmitglieds freut sich nach dem Motto „Hey, da passiert was für uns!“ und sieht sich auf der Seite um.

Der anfänglichen Hoffnung folgt Ernüchterung, nämlich dann, wenn man Angehörige/r eines pflegebedürftigen Kindes ist. Die Ansprache auf der Seite richtet sich ausschließlich an Angehörige von pflegebedürftigen älteren Menschen, die Bilder unterstreichen die ausgewählte Zielgruppe.

Ein erster Hinweis auf der Homepage besagt, dass das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert ist. Da müssten Familien mit pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen doch eigentlich vertreten sein, oder? Auch die das Projekt umsetzende Catania gGmbH setzt sich u. a. für die Prävention häuslicher Gewalt sowie die nachhaltige Verbesserung der medizinischen und psychosozialen Versorgung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen ein. Super! Auch sie haben junge Menschen „auf dem Radar”. Warum schließt dieses Projekt dann von mir geschätzte über 150.000 pflegende Angehörige von Kindern und Jugendlichen mit einer Pflegestufe in Deutschland aus?!

Der Grund ist mal wieder höchst bürokratisch (und typisch deutsch?); das Lösungswort lautet: ZUSTÄNDIGKEIT. Die weitere Recherche ergibt nämlich, dass das Projekt aus dem Bundesaltenplan finanziert wird und deshalb die (psychologische) Beratung nur für Angehörige angeboten werden dürfe, die ältere Menschen pflegen.

Entschuldigung, da hört bei mir als Mutter eines schwerbehinderten Kindes mit Pflegestufe 3 der Spaß auf. Die Erfahrung, zwischen allen Stühlen zu sitzen, machen Familien mit einem behinderten oder chronisch kranken Kind allzu oft. Eine Stelle verweist an die andere und fühlt sich im Zweifel erst einmal nicht zuständig. Dieses Projekt ist eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass die betroffenen Familien sehr häufig außen vor bleiben – wegen der Zuständigkeit.

Ich finde, dieser Aufreger ist es wert, einen Brief zu schreiben an die Bundesfamilienministerin, die projektverantwortliche Catania und die Ombudsfrau zur Entbürokratisierung in der Pflege. Falls ich jemals eine Antwort erhalten sollte, werde ich hier gerne berichten.

Herzliche Grüße an alle pflegenden Eltern,

Claudia Groth, 1. Vorsitzende Kinder Pflege Netzwerk e.V.

(Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz und kann komplett oder in Ausschnitten verwendet werden. Über eine Verbreitung in anderen Blogs wie auch über die gängigen Social-Media-Kanäle möchten wir uns schon jetzt bei allen Unterstützern bedanken.)

2 Kommentare
  1. Claudia Groth 2. August 2011 ⁓ 16:25

    Vielen Dank, dass Ihr unser Thema hier aufgreift. Wir möchten auch gerne die Bloggerpatenschaften erwähnen, die den Artikel weitergeleitet haben.

    Das hier genannte Portal ist zwar ein bundesweites Projekt, aber auch in Berlin gibt es genügend Beispiele dafür, dass behinderte und/oder pflegebedürftige Kinder und ihre Familien einfach vergessen werden. Da finden beispielsweise ganze Konferenzen, Symposien und Arbeitskreise statt, ohne dass einem der Organisatoren einfallen würde, dass von Pflege nicht nur alte Menschen betroffen sind.

    Ob die Kommentatorin Stephie auf unserer Seite unter http://www.kinderpflegenetzwerk.de/neues-portal-fuer-pflegende-angehoerige-kinder-bleiben-aussen-vor/ wohlmöglich Recht hat und “unsere” besonderen Kinder dann doch nicht gemeint sind, wenn es heißt: “Den Kinder gehört die Zukunft.”?

    Das angesprochene Problem der unterschiedlichen Zuständigkeiten sorgt dafür, dass eine Stelle denkt, die jeweils andere Stelle(n) wird´s schon richten. Und so kommt es, dass letztendlich keine oder wenig Hilfe bei der “Zielgruppe” ankommt – also nicht nur ein Berliner Phänomen.

    Viele Grüße, Claudia Groth

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