nachts im ostbahnhof. eine reise unter menschen.
Michael HSB in bei Nacht ⁓ 04. Oktober 2011 ⁓ 05:06 Uhr ⁓ 5 Kommentare
warten.
zug kommt später an. zeit haben. beobachten. nicht reden müssen.
ich kaufe eine zeitung. mit vielen bildern, zum ablenken, berliner bilder, new yorker bilder, künstler, die bestimmt etwas sagen wollen. verdichtung, kunst, verfremdung. ich verstehe es in diesem moment nicht, ablenkung hat nicht funktioniert, das leben, die bewegung im bahnhof ist doch spannender.
ein paar arbeiter stehen vor dem bahnhof neben einem eingang und rauchen, reden nichts, ihr blick geht in die leere, müde sind sie, wahrscheinlich. einer schmeißt die kippe hin, die anderen nicken ihm zu, sie folgen ihm, einer hat seine kippe noch im mund, als sie in den bahnhof eintreten und an mir vorbei gehen.
aus der hamburgerbraterei kommen ein paar hektisch durcheinander redende englische girlies, reden schrill, aufgeregt, erzählen sich von den wilden phantasien, die sie hier in berlin zu erleben hoffen, schauen sich nach kräftigen kerlen um, ein jüngere sicherheitsbeamter hat es ihnen angetan. sie kichern. er schaut ihnen schüchtern nach, als sie schon längst vorbei sind.
die verkäuferin in der brezelbude wischt mit wohlüberlegten, wenigen bewegungen die schutzscheibe vor den auslagen ab, tausende saubere und schmutzige hände haben heute diese scheibe berührt, sie ist rasch, will nach hause, ein langer tag, sie sieht aber irgendwie glücklich aus. wenig später lacht sie, ist fertig mit der arbeit, ein hübscher mann steht vor ihr, es ist wohl ihrer. sie macht das licht aus, sie gehen in den wunderbaren warmen oktoberabend hinaus, ich rieche den sex, den sie haben werden.
durst. hole mir etwas zu trinken, unten im rewe. vor der rolltreppe sitzen drei osteuropäische burschen, besoffen, sie leben draußen, ihre gegerbte haut verrät das. einer blutet an der schläfe, hat sich geprügelt, röchelt laut, ich schaue irritiert, er lacht, ruft mir “money, money” entgegen, setzt sich immer wieder die schnapsflasche an den hals.
die beiden bahnhofspolizisten lassen die drei jungen osteuropäer rechts liegen, eilen in den supermarkt.
lautes geschrei kommt aus dem eingangsbereich, zwei männer und eine frau, berliner dem akzent nach, streiten, sind aggressiv, wollten leergut abgeben, doch der automat ist nicht in betrieb. zu wenig personal heute. jeden tag der markt ist offen im ostbahnhof, immer, immer. nur nachts ein paar stunden geschlossen. heute sind, wie immer nach feiertagen, viele regale mit getränken leer, viele dinge des täglichen bedarfs fehlen, alles ist dreckig, ein paar scherben liegen noch herum, viele kunden haben vor dem kassenbereich waren liegen lassen, ich bedaure das billigpersonal, die nachts alles auffüllen müssen, schnell, schnell, 6,20€ brutto pro stunde, danach putzen, schnell, schneller. schwitzen vor anstrengung.
wieder oben, ein blick auf die anzeige. der zug kommt noch später.
vorne: ein mann wartet, lässig an eine scheibe gelehnt. hat musik auf seinem handy auf lautsprecher laufen, ”there is too much i love to hate, and i love to love, please undress, be so kind”, ein gitarrenriff, dann, “i hate new york, i hate berlin”. ich mag den song, und nu’ hab ich ihn im ohr, hatte ihn vorher zu hause noch gehört, von sep7ember.
der verkäufer eines ladens begrüßt einen kumpel per gimmi-five, die hände klatschen laut, ein tourist mit rollkoffer dreht sich um. ich höre noch, wie der verkäufer “ein scheißtag” sagt, aber sich freut, dass sein kumpel da ist. menschlich sein. gefühle haben dürfen, feierabend, keine verkaufsmaschine mehr sein, nicht allzeit-in-5-fremdsprachen-immer-freundlich-alles-sofort-wissen-müssen.
die geschäfte haben zu, es wird ruhiger, nur noch wenige züge kommen an. ein licht nach dem anderen geht in den läden aus, die anstrengengung eines allerwelt-arbeitstages zieht wie nebelschwaden durch die halle, die lebensmittelgerüche verschwinden in den winkeln des gebäudes.
der obdachlose, der auf der bank im des wartebereiches mit windschutz liegt, schreckt zusammen, als er grölende männer hört.
die gröler ziehen vorbei, ohne ihn zu beachten. eine lampenreihe im bahnhof flackert, ich habe immer noch den song im ohr, die gitarrenriffs, die menschen laufen wie in einem film vor mir, aber wer ist der regisseur? was ist die handlung?
spiele ich selber mit? habe ich meine rolle gelernt?
jemand stößt mich an. ich höre mich irgendetwas auf spanisch antworten, “no lo sé”, ich weiß nicht. aber was weiß ich nicht? ich bin müde. und der zug kommt nicht.
mein handy brummt. eine sms. meine freunde. der zug ist liegengeblieben. wir kommen erst um 7 uhr an. oder um 8. heißt es. ich gehe nach hause, durch diese merkwürdig warme oktobernacht, und im abspann meiner gedanken tauchen noch einmal alle menschen auf, die ich in den letzten stunden beobachtet habe.
müdigkeit gespürt. ihren frust, ihre lebensfreude aufgesogen. gelebt.
i love to love. dieser song! der soundtrack dieses abends.
ich gehe müde, aber glücklich nach hause, muss in ein paar stunden wieder hier sein, dann wird wieder alles ganz anders sein. andere menschen, andere schichten, andere reisende. und doch auch gleich.




Sehr schöne Geschichte. Danke dafür!
Da gibt es keine 6 €, da gibt es 5. Habe ich da mal gemacht über eine Fremdfirma. Nur mal angemerkt.
Behalten durfte ich dank Hartz natürlich nicht alles, was ich als Lohn bekam … Dafür habe ich (47) seither Rücken.
Aber die Story gefällt mir auch, leider hat deine shifttaste ein Problem.
Mmmhhh, wie sag ich’s jetzt ganz vorsichtig? Ich überlege schon ein Weilchen wie man den Sex, den die beiden haben werden, riechen kann. Ausmalen möchte ich mir das nicht. Eine erotische Ausstrahlung kann man merken, aber …
Aber die Geschichte gefällt mir schon deshalb, weil ich selbst gerne Menschen beobachte. Allerdings ohne Schnupperkurs. ;-))
Die Sache mit dem Sex … so etwas nennt man Dichterische Freiheit :-)
Super! Lange nicht mehr sowas schönes, genaues, transzendentes gelesen. Und der gerochene Sex: Das ist der beste Satz im ganzen Text!