Belesen werden – Rituale der Literatur
Susanne HSB in Kultur ⁓ 05. September 2012 ⁓ 14:08 Uhr ⁓ 97 Kommentare
Da an dieser Stelle im HSB ein unvermutet großes Interesse an der hohen Literatur zutage getreten ist und ich selbst mich kürzlich erst todesmutig (oder lebensmüde?) in eine Veranstaltung der Hochliteratur gestürzt habe, erlaube ich mir eine Verlinkung auf einen recht persönlichen Bericht über eben dieses bizarre Erlebnis. Dieser beginnt allerdings erst in der zweiten Hälfte, vorher geht es um ein Buch, oh Wunder, und um das Lesen generell. Dann aber folgt dieses:
Lesungen der sogenannten Hochliteratur, die in einem irgendwie postulierten, gar akademischen Rahmen stattfinden, lassen grundsätzlich Schreckliches vermuten. Ich weiß das, ich hätte gewarnt sein sollen. Aber mitunter bin ich ein freches Kerlchen und trage meine olle Fresse auch mal in eine unpassende Umgebung. Wenn es anders nicht geht.
Frontallesung mit Tisch. Gut, das war zu erwarten. Der Raum ist durch und durch beige und wird quer bespielt. Da kann man nichts machen. Ich habe schon auf Europaletten Salsa gespielt, damals, zu Bandzeiten. Die Beine der Trommeln stürzten immer wieder in die Lücken. Aber man nimmt es, wie es kommt. Bei einer Lesung in einem kleinen Theater saß ich einmal über eine Stunde unmittelbar vor einem zirka zwei Meter hohen Eisblock. Selten habe ich so gefroren. Bis heute frage ich mich, ob das Publikum mein unkontrolliertes Zittern gesehehen haben könnte. Das kann man sich nicht aussuchen, das weiß ich. Wenn man auf die Bühne muss. Das Licht kommt an diesem Abend von oben, im ganzen Raum. Und es bleibt, die ganze Zeit. Zwei Strahler sind kaputt, zum Glück auch der über mir. Dafür bin ich dankbar. Die Sitze sind gepolsterte Freischwinger, und es gibt Teppich, natürlich. Nichts, das quietschen oder knarren könnte. So hat der Raum keinen Ton. Ich versuche, ob mein rechter Stiefel vielleicht ein kleines bisschen knatschen mag. Tut er aber nicht. Leider. Ich leide, dabei hat es noch nicht einmal angefangen. Ich schalte mein Mobiltelefon stumm und schreibe eine SMS an Madame Modeste, die mich aus beruflichen Gründen versetzt und in diesem Elend allein gelassen hat. Sie soll auch leiden. Die Luft steht, jetzt schon. Draußen wird es dunkel.
Von Anfang an und auch noch weiterlesen im Common Reader







“Da an dieser Stelle im HSB ein unvermutet großes Interesse an der hohen Literatur zutage getreten ist…”
merkwürdig, gerade an DIESER stelle (http://www.hauptstadtblog.de/2012/08/05/sachen-machen-in-berlin/) trat doch ein vermutet geringes interesse an der hohen Literatur zutage… so gesehen ist der neuerliche beitrag nur eine fortführung, fütterung (?) des sowieso bestehenden geringen interesses…
Was Sie nicht sagen!
Neugier Dein Name ist Weib :-) Der Name der Autorin hat mir nichts gesagt, deshalb habe ich auf den Beitrag hin ein bißchen gegooglet. Der ganz große Wurf scheint Frau Strubel mit dem Buch wohl nicht gelungen zu sein http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/antje-ravic-strubel-sturz-der-tage-in-die-nacht-luftnummer-im-vogelschutzparadies-11134032.html
Ah ja. Offenbar geht es in dem Buch auch um “Birding” im Sinne von “Vogeln” und auch von “Vögeln”. Womit ein Bezug zu weiteren Blogthemen hergestellt wäre. Und es geht irgendwie um die Stasi. Wie schreibt Sigrid Löffler:
“…eine wilde, glückverheißende Gegenwelt der reinen Naturkräfte, die doch gegen das grundböse Kalkül der Eindringlinge aus der DDR Vergangenheit nicht bestehen kann.”
Ja, bekanntlich war die Stasi nicht gut zu Vögeln…
Eigentlich liest sich der Plot ja so, als könne es ganz spannend sein. Aber ich habe in jungen Jahren die DDR nun mal als ein ganz banales und schlampiges Staatswesen kennengelernt, wo in den 80-ern selbst die Überwachung und Gängelung noch irgendwie schlampig daherkam. Ohne jetzt groß pro oder contra DDR hier mich positionieren zu wollen: Die nachträgliche Dämonisierung des Ostens, immer häufiger auch in Krimis anzutreffen, in denen finstere Stasi-Vergangenheiten die Motive für Mordserien abgeben… also diese Dämonisierung erscheint mir heute genauso unglaubwürdig und überdreht wie seinerzeit die offizielle Selbstbeweihräucherung als hochentwickelte Industrienation an der Spitze des Menschheitsfortschritts. Die Ausbreitung von DDR-vergangenheitsbezogenen Motiven in der künstlerischen Fiktion wird nach meinem Eindruck immer abstruser und lächerlicher, je länger jenes Staatswesen zeitlich zurück liegt.
Liebe Autoren, wenn Ihr das unergründlich Böse darstellen wollt, Abgründe der Seele oder was weiß ich nicht alles… also jedenfalls so Zeugs, woran glückverheißende Gegenwelten reiner Naturkräfte zugrunde gehen… Findet Ihr da nichts besseres als den alten Osten mit seiner putzigen Amtsstubenbeflissenheit und seinem Industriemuseum? Ein besseres, glaubwürdigeres Böses müßte man doch allerorten finden…
Ansonsten kenne ich solche Wahrnehmungen bei öffentlichen Lesungen, wie von @Susanne beschrieben, auch. Ich mag auch lieber allein und so ein bissel versunken lesen, mit Ausnahme natürlich von dramatischen Texten, die man ganz gut in Gruppen mit verteilten Rollen lesen kann. Das kriegt dann so eine lustige Dynamik, weil man sich natürlich ohne es zu wollen mit der zufällig erlangten Rolle ein wenig identifiziert.
@ ulla
Wie zuvorkommend doch dieses Internet ist, um sich schnell mal die Meinungen anderer zu borgen. (So einfach ist es aber nicht, eigentlich nie. Und schon gar nicht, wenn es um Bücher geht. Denke ich. Weil ich mich doch immer noch so viel wie möglich zu denken bemühe. Und nicht so sehr zu meinen.)
@ Glis Glis
Die Stasi zwischen Dämonisierung und Banalisierung, ich weiß nicht recht. So einfach ist es wohl nicht, dass man sich schlicht zwischen diesen beiden entscheiden müsste, und alles wäre gut, erledigt. Aber als Vollwessi tu ich mich schwer, dazu überhaupt etwas zu sagen. Bei dem Stoff fehlt mir der Atem, der ihn lebendig machen könnte.
Vielleicht soviel: In dem Buch kann von vergangenheitsbezogener Motivation nicht die Rede sein. Nein. Zumindest, wie ich es gelesen habe.
@Susanne
ich schrieb’s ja, der Name der Autorin sagt mir nichts. An der ständigen DDR-Aufarbeiterei – obwohl ebenfalls “Vollwessi” – bin ich nicht sonderlich interessiert. Daran arbeiten sich ja inzwischen -zig Schriftsteller und Filmemacher ab. Was davon “künstlerische Freiheit” ist und was nicht entzieht sich meiner Kenntnis.
Nach all der Lobhudelei bezügl. dieses Buches – “DDR-Aufarbeitung” ist wie gesagt bei der schreibenden Zunft schwer angesagt – finde ich meine “geborgte Meinung” auch wegen der anderen angesprochenen Aspekte wirklich erfrischend. Da traut sich doch tatsächlich jemand gegen den Strom zu schwimmen.
… und ob Sie’s nun glauben oder nicht, ich habe mich bemüht selbst zu denken und nicht nur zu meinen um Ihnen das zu schreiben :-)
@ Susanne HSB
die autorin sollte sich durchaus der kritik bewußt sein, daß in diesem roman nichts wirklich “entschieden” ist/wird, weder die inzestproblematik, noch die sache mit der ‘Stasi’, weder die liebesbeziehung noch die irgendwie zu konstatierende vergangenheit der protagonisten. ich bin geneigt zu behaupten, daß es Antje Rávic Strubel tatsächlich nur um die “atmosphärische Dichte der Stimmung” geht, wie es Sigrid Löffler formuliert (quelle, link im beitrag zum buch), nicht aber etwa um (eine herausforderung zu bewußten) “entscheidungen” oder gar (politische) ‘Standpunkte’, auch das scheitern in diesem sinne wird nicht thematisiert – insgesamt ein manko vieler neuer(er) autoren, die von der ‘schreibe’ her z.t. durchaus mehr oder weniger virtuos agieren, aber selten wirklich stellung beziehen oder klare mitteilungen machen (wollen). ich neige zu der ansicht, daß das zeittypisch ist, und von daher bezieht diese art von literatur wohl auch ihre berechtigung und den zugewiesenen anspruch, evtl. so etwas wie “Hochliteratur” zu sein, aber diese literatur schreibt sich damit auch ins vergessen(werden).
auch das spielen mit den genres gehört dazu, es ist (k)eine liebesgeschichte, es ist (k)eine politische/histrorische/existentielle/psycholgische/etc. auseinandersetzung mit vergangenheit, es ist (k)ein krimi, (k)eine enthüllungsgeschichte, es sind (keine) psychogramme, es ist irgendetwas und der leser kann sich dazu interpretationen aus dem blau des himmels dichten, wie er mag. von daher ist die kritik von @Glis glis (5. September 2012 ~ 21:57) mindestens so berechtigt wie Ihre replik (6. September 2012 ~ 12:58) dagegen.
andererseits sehe ich auch eine vertane chance, denn das inzestmotiv des romans läßt sich bzgl. konzeption des romans tatsächlich auch auf solche historischen/politischen phänomene erweitern wie z.b. das wirken der ‘Stasi’ exemplarisch für “das zerstörerische Potential” einer gesellschaft” bzw. die gesellschaftliche durchdringung dieser einrichtung nicht nur in alle gesellschaftlichen bereiche hinein, sondern auch in form von denkformatierungen, die wiederum wirksam biografien beeinflussen und natürlich auch heute noch wirksam sind. in einem interview mit Dennis Scheck in der ARD (Druckfrisch, 19.12.2011) bestätigt die autorin, daß es ihr bzgl. ‘Stasi’ letztlich auch um die frage ‘Wie kommt das Böse in die Welt’ ging, und führt weiter aus, daß sie so etwas wie eine ‘inzest’-problematik zwischen innen und außen sieht, daß man das innen mit dem außen verbindet/verbündet, um gesellschaftlichen fortschritt (was immer das dann sein mag) zu ermöglichen. klasse ansatz, aber leider kommt die autorin nicht wirklich über diesen ansatz hinaus. das mag auch an der methodik ihres schreibens liegen.
das andere: die autorin war zum zeitpunkt des ‘Falls der Mauer’ 15 jahre alt, d.h. die sie prägenden jahre hat sie just in dem gesellschaftlichen system erlebt, über das sie aber, wie viele ehemaligen DDR-bürger auch, nicht wirklich kritisch reden will (sonst täte sie es ja!). deshalb sind wahrscheinlich auch ‘Stasi’ oder irgendwelche ‘dunklen Geschichten’ aus dieser zeit irgendwie (psychologisch) naheliegend, aber sie kommen letztlich daher wie anekdotische schatten eigener vergangenheit, die an längst verfestigte und wenig hinterfragte sichtweisen angehängt werden. das kann man tatsächlich vehement kritisieren, weil es u.a. leider auch für so viele (junge) autoren geradezu typisch ist! so drängt sich mir leider auch bei vielen dieser autorINNen immer der eindruck auf, man habe es bei diesen werken mit einer art pseudoliteratur zu tun – sprachlich oder auch ‘kompositorisch’ mehr oder weniger gelungen, also ‘handwerklich’ okay, aber in ihren aussagen und themenkreisen völlig beliebig bis belanglos oder auf eine merkwürdige art mit einer verschwiemelten wichtigkeit besetzt, die zumindest ich diesen werken nicht abnehmen mag. es ist wohl das unvermögen dieser autoINNen, oder sogar der heutigen gesellschaft, etwas auf den punkt zu bringen, alles kann irgendwie richtig oder falsch sein, wobei die eigenen parameter so offen gehalten werden, daß eine “entscheidung” auch gar nciht notwendig erscheint. es scheint völlig ausreichend zu sein, wenn etwas mehr oder weniger vage angedeutet wird, um es dann lediglich “atmosphärisch” oder ‘komisch’ zu ver-dichten…
so gesehen kann man diese art von literatur auch als zeittypischen ausdruck einer positionslosigkeit deuten, die sich letztlich auf rein pragmatische gewißheiten zurückgezogen hat und genauso pragmatisch literatur der zeit produziert. manche meinen sogar, daß damit die “Hochliteratur” auf dem müllhaufen einer auf unterhaltung, spiel, spaß und (politische) ablenkung getrimmten gesellschaft gelandet ist, und letztlich nur noch als hehrer, aber leerer bildungsanspruch hier & da recycled wird…
@Glis glis
In Punkto “Banalisierung und Dämonisierung” der DDR muss ich widersprechen. Sie war so brutal und menschenverachtend wie es Diktaturen nur sein können.
Dabei geht es nicht nur um die physisch Vernichteten und Verletzten sondern um die alltägliche Brutalität der “Staatsorgane” und ihrer gerade in Ost-Berlin sehr zahlreichen “Helfer” aus der Bevölkerung im Umgang mit Andersdenkenden.
Auch war das System nicht so schlampig, wie Sie es verniedlichen möchten: Noch im Februar 1989 wurde im Süden von Berlin ein junger Mann abgeknallt, weil er von Treptow nach Neukölln wollte.
Herzschuss: http://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Gueffroy
Im Gegensatz zu @Susanne traue ich mich, auch als “Vollwessi” meine Meinung dazu zu sagen. So wie ich mich natürlich auch als Nachgeborener zu allen früheren Epochen äußern kann und will.
Ich hatte und habe sehr viele intensive Kontakte zu “Vollossis”.
Die Klärung der “Leichen im Keller” ist dabei allerdings immer Voraussetzung für eine tiefergehende Beziehung. Mit Leichen sind natürlich nicht nur die Toten gemeint.
Ein Schüler, dem aus politischen Gründen aktiv und bewusst der Zugang zur EOS verbaut wurde, das reicht schon, um die Beteiligten zutiefst zu verachten.
@1704
Was die Unentschiedenheit und Positionslosigkeit angeht, bin ich geneigt, ihnen zuzustimmen. Das betrifft allerdings nicht nur den Roman, sondern scheint vor allem eine durchgehende Kennzeichnung dieser Zeit zu sein. Und an dem „scheint“ in meinem vorhergehenden Satz mag man ablesen, dass auch ich – deutlich älter vermutlich als die, die sie als „junge AutorINNen“ bezeichnen – mich dem nicht grundlegend zu entziehen vermag. Das stellt möglicherweise ein Problem dar, es kommt aber auf die Art der Betrachtung an. Denn andererseits öffnet es natürlich Perspektiven, derer es unzweifelhaft zu jeder Zeit viele gibt. Möglichkeiten und Varianten aufzugeben fällt mir seit jeher schwer. Eine ganz persönliche Vorliebe oder sonstwie begründete Gegebenheit, wenn man so will. Im Lesen, im Leben und im Schreiben sowieso.
Ach so: In dem meisten Büchern werden zwangsläufig/vermutlich (wie unentschieden) die allermeisten Chancen zugunsten anderer vertan. Das liegt in der Natur der Sache, die einer gewissen Linearität und Eindeutigkeit verhaftet ist.
@ Susanne HSB (6. September 2012 ~ 17:24)
“Das liegt in der Natur der Sache, die einer gewissen Linearität und Eindeutigkeit verhaftet ist.”
dem widerspreche ich ganz bestimmt – es liegt in der ‘Natur’ der autorin/des autors. wer allerdings erzählen/schreiben lediglich ‘linear’ und ‘eindeutig’ denken kann, der wird dieser struktur wohl auch zweifellos folgen. außerdem konstruieren Sie hier einen gegensatz, der m.M.n. so gar nicht besteht. Sie behaupten nämlich, daß, wer eine position/entschiedenheit einnimmt bzw. für sich gelten läßt, würde sich damit automatisch vieler perspektiven, möglichkeiten und varianten begeben. wahrscheinlich kommen Sie auf diesen gedanken, weil sie ‘position’ oder ‘entschiedenheit’ als dogmatische festlegung/verengung begreifen. das mag für viele zeitgenossen durchaus gelten, für das schreiben ist es aber nicht zwangsläufig so. zum anderen entkommen Sie auch hierbei nicht der eigenen ‘Natur’, d.h. Sie beschreiben hier schon eine notwendigkeit, die Sie für sich als vielleicht unerläßlich ansehen, aber das taugt nicht, um es zu generalisieren!
es geht auch nicht darum, ob hier eine chance vertan wurde oder nicht oder ob damit andere aufgegriffen/ermöglicht worden sind (das ist ja notabene meine ureigenste meinung/ansicht), sondern, wenn die autorin dieses motiv schon selbst in einem interview anspricht, dann ist es doch auch naheliegend, einmal nachzulesen, was sie damit gemacht hat. der ansatz, von dem ich schrieb, wurde ja von der autorin selbst als ansatz zum verstehen ihres textes mit angegeben, um so mehr überrascht es dann (zumindest mich), wie wenig dieser ansatz im text dann auch ausgearbeitet/weiterverfolgt worden ist. mehr wollte ich gar nicht gesagt haben, zumal ich denke/meine, hätte die autorin diesen ansatz weiter verfolgt, dann würde ihr text sicherlich wesentlich ernstzunehmender sein, so aber reiht er sich letztlich ein in handwerklich durchaus gekonnte unterhaltungsliteratur. mit anderen worten: ich persönlich sehe da ein potential, das letztlich nicht genutzt wird, und es hätte sogar das zeug (gehabt), dieser “Unentschiedenheit und Positionslosigkeit” etwas entgegen zu setzen…
Also @Hernando, Sie übertreiben wie immer, wenn es um den Osten geht. In vielem kann ich @Glis glis zustimmen, ich kenne beide Seiten und ein Teil meiner Familie lebte! im Osten, das hat der Krieg so mit sich gebracht, obwohl wir hanseatische Wurzeln haben. Und die halten wir hoch.
@1704
Über die Natur von AutoINNen zu sprechen, lehne ich nahezu grundsätzlich ab. Und die Natur von Bücher ist nicht unwesentlich geprägt von Dingen wie etwa der Nummerierung der Seiten und deren „lineare“ Abfolge, ebenso wie die Sprache in nicht unerheblichem Maße allzu leicht ihrer (hierachischen) Grammatik unterliegt. Mehr wollte ich nicht gesagt haben, die Möglichkeiten sind darüber hinaus natürlich dennoch unermesslich.
(Ihre Rückschlüsse auf meine Person kommen mir ebenfalls recht gewagt, wenn nicht abwegig vor. Aber mutig sind sie, das muss man ihnen lassen.)
@ 1704, Susanne
Also ich kenne das Buch nicht und kann es im konkreten Fall nicht beurteilen. Meine Kritik ging nur allgemein gegen die Art und Weise der oft wenig nachvollziehbaren Erweiterung von Handlungsplots um DDR-Bezüge, wie sie nach meinem Eindruck doch zunimmt, auch in Film und Fernsehen. Manchmal geht es um zerrüttete Familienverhältnisse, die den Hintergrund für üble Dinge abgeben und in die dann noch irgendeine Stasi-Geschichte mit eingearbeitet wird – so als würde die “profane” Wirklichkeit nicht genug Geschichten von Zerrüttung und Trennung und Vertrauensverlust bereithalten, ohne daß man die Stasi und den Osten noch sozusagen als Diabolus ex machina bereithalten müßte, um das Böse und Destruktive in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu erklären.
Der absurde Höhepunkt war mal ein Tatort oder Polizeiruf mit allerdings etwas anderem Plot: da ging es um einen früheren Stasi-Oberst, der einen mittelständischen Unternehmer erpreßte, um mithilfe von dessen Firma Waffen in Krisengebiete zu liefern. Zum einen muß man da sagen: Das Liefern von Waffen in Krisengebiete ist unserer Wirtschaftsordnung natürlich sowas von fremd, da braucht es schon die Stasi, um diesen Vorgang dramaturgisch plausibel zu machen… Zum anderen war jener Stasimann aber auch wirklich ein ganz und gar böser Erzschurke, wie man ihn im immer ein bißchen sozialarbeiterischen Tatort oder Polizeiruf selten sieht. Ich hatte den Eindruck, da wollten sie einfach mal einen richtig bitterbösen Charakter zeichnen, wie im amerikanischen Kino… und haben sich die Frage gestellt, wie denn das Vorkommen eines solchen Charakters in der Grauzonenwelt des deutschen Krimis begründet werden kann. Et voila: die Stasi! Eine deutsch-deutsche Inzeststory gab es in jenem Film auch, wenn ich mich recht erinnere. Es gibt doch nichts Neues unter der Sonne, auch nicht das Böse…
@ Hernando
Ach, nun kommen Sie mit der Mauer… Es gab zum Schluß eine ziemlich überschaubare Anzahl von No-Gos in der DDR, und eines davon waren im unmittelbaren Wortsinne die Grenzsicherungsanlagen. Das war allen bekannt. Ich widerstehe der Versuchung, eine längere historisch-politische Betrachtung zum Eisernen Vorhang zu schreiben, möchte das diesem Thread nicht antun… verweise nur kurz darauf, daß vielerorts in der Welt Stellvertreterkriege zwischen den beiden Supermächten tobten, während in Europa auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Frieden und eine jeweils vorher unbekannte Prosperität herrschten… auch in jenem Land, das zuvor einen mörderischen Krieg mit zig Millionen Toten angefangen und verloren und jene weltpolitische Konstellation damit erst ausgelöst hatte…
Einen guten literarischen Einblick in den DDR-Alltag liefert m.E. Erich Loests Buch „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ von 1978. Ich bin nicht einverstanden mit vielem, was Loest später dann so an Kulturkämpferischem von sich gegeben hat, auch wenn ich es bei seiner Biographie gut verstehen kann. Aber das Buch ist klasse, sehr authentisch (und daß die DDR-Oberen es nach der ersten Auflage dann doch der Zensur unterworfen haben, hatte wohl eher was mit Beschränktheit zu tun).
“Mühen in unserer Ebene” ist natürlich ein ironisiertes Brecht-Zitat und bezieht sich bei Loest auch auf eine gewisse Ritualisierung der Abläufe in einem zunehmend etablierten Sozialgefüge, dem auch auf der Ebene der einzelnen Leute in ihrer Lebensplanung der große Entwurf abhanden gekommen ist. Ist recht lakonisch, aber mit Sympathie für den Haupthelden erzählt. Ich nehme an, wenn man den politischen Rahmen austauscht, findet man Parallelen zu so manchen “lebensweltlichen” Dingen auf der anderen Seite der Grenze (vielleicht etwas später, unter Kohl?, das kann ich jetzt nur mutmaßen).
@ Susanne HSB (6. September 2012 ~ 22:59)
ich wußte nicht, daß für Sie die “Natur der Sache” die “Natur von Büchern” meint(e). so habe ich denn mit einigem erstaunen zur kenntnis genommen, daß
“In den meisten Büchern werden zwangsläufig/vermutlich (wie unentschieden) die allermeisten Chancen zugunsten anderer vertan. Das liegt in der Natur der Sache, die einer gewissen Linearität und Eindeutigkeit verhaftet ist”
lediglich z.b. so fährnisse meint wie die “Nummerierung der Seiten und deren ‘lineare’ Abfolge, ebenso wie die Sprache in nicht unerheblichem Maße allzu leicht ihrer (hierachischen) Grammatik unterliegt.”
was soll ich also von einem autoren/einer autorin halten, dem/der die seitennummerierung schon inhaltliche grenzen setzt und der/die eine sprache benutzt, die in nicht unerheblichen maße allzu leicht ihrer (hierarchischen) grammatik unterliegt? wahrscheinlich ist dann auch der satzspiegel schon ein fast unüberwindbares hindernis, weil der/die autor/in an den stegen scheitern kann? vermutlich wird es dann auch gar kein drama sein, wenn ein so entstandenes werk auch nie veröffentlicht wird…
(na ja, wenn das kleine wörtchen VIELLEICHT nicht wär´)
@ Glis glis (7. September 2012 ~ 01:13)
“… Vermutlich ist es nicht den zurückliegenden Ereignissen selbst, sondern zu einem wesentlichen Teil dem groschenheftadäquaten Arrangement geschuldet, mit dem Antje Rávic Strubel sie in diesem paradiesischen Eiland zum Showdown bringt, dass das Treiben in dem windigen Vogelparadies relativ rasch zur Luftnummer verkommt…
Das alles ist gerade deswegen so bedauerlich, weil Antje Rávic Strubel mit ihrem Roman ein Thema angeht, das sich zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR mit großer Dringlichkeit den Weg an die literarische Oberfläche zu bahnen scheint: Nach Wawerzinek, Altwasser und jüngst Angelika Klüssendorf erzählt auch sie über das schmerzvolle Scheitern von Mutterschaft und zwischenmenschlicher Beziehung in der DDR. Man wäre diesen Grabungen und Rekonstruktionen gerade bei ihr zu gern gefolgt, hätte sie diese nicht in falsch verstandener Artistik überschrien.”
(FAZ, Antje Rávic Strubel: Sturz der Tage in die Nacht – Luftnummer im Vogelschutzparadies, 09.09.2011, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/antje-ravic-strubel-sturz-der-tage-in-die-nacht-luftnummer-im-vogelschutzparadies-11134032.html )
@1704
Mitunter bin ich ja geneigt, sie als Korinthenkacker wahrzunehmen. Doch das wäre zuviel des Lobs. Im Grunde scheißen sie sich nur ihre höchstpersönlichen vermeintlichen Fakten zusammen, um sie anschließend nach ebenfalls eigenem Gutdünken zu arrangieren.
@Susanne
“… um sie anschließend nach ebenfalls eigenem Gutdünken zu arrangieren”
Ihre Auseinandersetzung mit @1704 interessiert mich zwar nur so am Rande; aber nach wessen Gutdünken sollte er/sie die “höchstpersönlichen vermeintlichen Fakten” denn sonst arrangieren wenn nicht nach den eigenen?
Eigentlich versuche ich mich ja nur noch als stille Leserin auf diesen Seiten. Aber danke Susanne, you made my day.
Und was bin ich froh, dass in meinem Bekanntenkreis das eine oder andere Buch schon mal ganz einfach mit den Worten “kann man lesen” weiterempfohlen wird.
@ulla
Stimmt. Das eigentliche Problem das Material, nicht die Vorgehensweise. Eine Art Hermetik.
@ FAZ via 1704 – “…das schmerzvolle Scheitern von Mutterschaft und zwischenmenschlicher Beziehung in der DDR.”
Ja, das war natürlich alles ganz schlimm im Osten. Das Scheitern in jeder Hinsicht war endemisch dort. Beziehungen gab es kaum, und Kinder wurden auch kaum geboren. Bekanntlich werden im Osten ja überhaupt erst seit der Vereinigung wieder Kinder geboren… oder wie war das gleich noch?
“Schmerzvolles Scheitern…” … buhuhu, der/die Liebste hat mich verlassen, und die Blagen gehen mir auf den Geist, deshalb fühle ich mich schuldig, aber eigentlich schuld sind Honecker und Mielke…
Ich meine, daß die Dinge manchmal nicht so laufen wie gedacht, wenn nach dem Happy-end abgeblendt wird, ist nichts Neues, hüben wie drüben. Das kann man mit Fassung zu tragen versuchen, da braucht man nicht im Nachhinein noch die Ostsozialisation oder gar die Ostsozialisation der Eltern verantwortlich zu machen. Überhaupt geht es mir immer auf den Keks, wenn Leute, ob Literaten oder nicht, in der eigenen Familienbiographie herumwühlen, um sich darin dann irgendwelche Bedingtheiten des eigenen Weltschmerzes zurechtzukonstruieren.
Und es stimmt auf den Osten bezogen ja auch nicht. Ein paar Jahre nach der Wende war ich mal eher zufällig zu Gast in einem “neubürgerlichen” Haushalt in einer westdeutschen Kleinstadt. Die Dame des Hauses war Mutter eines kleinen Kindes und frisch vom Kindesvater getrennt. Und, ungelogen, gleich im Flur, so daß es auch jeder sehen konnte, stand ein Bücheregal mit massenhaft “Fachliteratur” zu den Themen: “Wie bin ich eine gute Mutter?” und “Die Kunst der Trennung”. Der Kleine tat mir in dem Moment leid…
Und SOWAS hat es im Osten nicht gegeben, da wurde damit nicht so affektiert umgegangen. Wird auch heute noch nicht, auch wenn es sich, vermittelt über die Westimporte, vermutlich so langsam in einige Milieus hineinfrißt…
… und übrigens: Im bösen Osten war das Aufwachsen in Alleinerziehenden-Haushalten auch bei niedrigerem Haushaltseinkommen NICHT gleichbedeutend mit Armut… ganz im Gegensatz zum Nachwendedeutschland, wo kinderlose Ehepaare zwar Steuersplitting betreiben können, Alleinerziehenden aber das Kindergeld auf das ALG II angerechnet wird. Das ist sowas von abartig… Aber nein, wir betreiben lieber füjjedonistische Küchenpsychologie und reden von “schmerzvollem Scheitern von Mutterschaft und zwischenmenschlicher Beziehung” und so… Sentimentalistischer biedermeierlicher Schwachsinn ist das, sorry, mußte sein… (Damit meine ich wie gesagt nicht die Literatin, sondern so ein medial konstruiertes Interpretationsumfeld, in dem solche Themen überhaupt erst so besetzt werden.)
@ Susanne HSB (7. September 2012 ~ 11:33)
“Im Grunde scheißen sie sich nur ihre höchstpersönlichen vermeintlichen Fakten zusammen, um sie anschließend nach ebenfalls eigenem Gutdünken zu arrangieren.”
keine ahnung, was Sie da hat entgleisen lassen, aber lassen Sie es mich so sagen: ‘Ihre Rückschlüsse auf meine Person kommen mir ebenfalls recht gewagt, wenn nicht abwegig vor’ – aber immerhin haben Sie es damit geschafft, eine userin hier auf das äußerste zu beglücken! und das ist ja auch schon was!
apropos “Korinthenkacker” – ich könnte Ihnen auch erklären, wie man kleine würfelchen kackt, aber: falls Sie es tatsächlich nicht bemerkt haben sollten, mein kommentar, auf den Sie hier nun in so wohlgesetzter rede reagieren, war heiter ironisch gemeint…
@ Glis glis (7. September 2012 ~ 12:58)
mir kam es vor allem auf das “groschenheftadäquate Arrangement” in ergänzung zu Ihrem “Diabolus ex machina” an, weil man nämlich sehr wohl der meinung sein könnte, daß die autorin hier einem typischen merkmal der triviallitertur entspricht: der klaren unterscheidung zwischen gut und böse, den guten und den bösen. Sie haben es wahrcheinlich nicht bemerkt, aber hier ging es mir darum, Ihnen zuzustimmen, weil Sie schrieben: “Ein besseres, glaubwürdigeres Böses müßte man doch allerorten finden…” es geht nämlich vermutlich gar nicht um ein “glaubwürdigeres Böse”, sondern um ein akzeptiertes! es scheint hier ja auch niemand die mühe wert gewesen zu sein, daß interview, auf das ich hier sogar verlinkt habe, einmal inhaltlich zur kenntnis zu nehmen, denn da meint die autorin, daß sie die “Stasi” nur “exemplarisch” benutzt, um letztlich die frage zu stellen: wie kommt das böse in die welt… klicken Sie mal auf 1704 in @1704 (6. September 2012 ~ 19:02), natürlich nur, wenn es der mühe wert erscheint.
bzgl. “schmerzvolle Scheitern von Mutterschaft und zwischenmenschlicher Beziehung in der DDR” sehen Sie es mir nach, daß ich das zitat nicht verstümmeln wollte, mir war der letzte satz wichtig und der kontext, in dem er zu lesen ist: “Man wäre diesen Grabungen und Rekonstruktionen gerade bei ihr zu gern gefolgt, hätte sie diese nicht in falsch verstandener Artistik überschrien.”
es wird Sie evtl. erstaunen, aber ich persönlich empfand die DDR immer ausgesprochen piefig, miefig, spießig. allerdings hatte ich das gleiche empfinden auch bzgl. der damaligen BRD. von daher meine ich allerdings auch, daß man die gelebten sozialen/psychischen zwänge z.b. in der DDR eben nicht mit der existenz der ‘Stasi’ erklären kann/sollte…
@1704
Mitunter liegt die Ursache der Engleisung in der (kurzen) Freude am Entgleisen. Nehmen sie es als Erschöpfung nach jahrelangem Konsum von HSB-Kommentaren, die Wahrnehmung wird trüb und der Geist schließt sich dem Niveau nur allzugerne an.
@ 1704
Na, den Link hatten Sie aber gut versteckt. Ich war auf das Interview aber schon vorher gestoßen, als ich im Netz was “live” von der Autorin suchte, um mal zu hören, wie sie so klingt.
Ihr letzter Absatz (“es wird Sie evtl. erstaunen”) drückt so ziemlich das aus, was ich auch meinte, freilich nicht ganz so negativ formuliert und in bezug auf den alten Westen in Form einer Mutmaßung gekleidet, die sich ja nur auf Erzählungen von anderen stützt. Und, nein, es erstaunt mich nicht…
@ Glis glis (7. September 2012 ~ 15:55)
zur ergänzung, ganz unversteckt: http://interview-lounge.tv/antje-ravic-strubel-im-gesprach/
und, wie so häufig, macht dann erst die überarbeitung (wahrscheinlich) den murx: “Diesen Roman habe ich am wenigsten von allen geplant. Ich habe mich vom Schreiben tragen lassen, und mich erst im Laufe der Zeit und im Zuge des Überarbeitens stärker auf die Handlung konzentriert. Ich stellte fest, es wird eine klassische Enthüllungsgeschichte. Also fing ich an, mich mit Spannungsdramaturgie zu beschäftigen. Denn wie verschenkt wäre eine Enthüllungsgeschichte, deren Spannungspotential man nicht nutzt?” (quelle: http://www.belletristik-couch.de/interview-mit-antje-ravic-strubel.html)
Hat das Buch außer Susanne überhaupt jemand hier gelesen?
Also ich nicht. Allerdings finde ich die Diskussion außerordentlich interessant. Vor allem was alles in ein Buch oder über einen Autor bzw. Autorin hineininterpretiert werden kann. Das finde ich immer wieder aufs Neue spannend, obwohl ich schon vorher in etwa sagen kann, wer gegen wen kommentieren wird.
Ich freu mich schon auf die Neue, na hier von „Buchbesprechung“ zu schreiben wäre ja fast vermessen, aber ich freue mich trotzdem darauf.
Danke @Susanne, auch wenn Sie die Kommentare ertragen müssen, so erfreuen mich Ihre Buchvorstellungen stets aufs Neue. Die Kommentare beginnen meist sehr zögerlich, nehmen aber nachdem ein Kommentar geschrieben ist, sehr schnell Fahrt auf.
Auf, dass das Sezieren eines Gedankens weiter gehen möge.
@ Mitleser (7. September 2012 ~ 18:06)
es gibt hier mindestens 2, die den roman gelesen haben. beantwortet das Ihre frage?
@1704
Falls Sie von uns usern neben @Susanne der 2. Leser des Buches sein sollten, ist das dann zusätzlich zu den von Arno Schmidt errechneten 3150 Bänden die ein Mensch in seinem Leben zu lesen schafft oder ist es inclusive?
@ulla
Bücher zählen? Würd ich ja nie machen. Ich messe meine in Metern. ;)
@Susanne
Ich auch – habe mir gerade wieder 2 m Hochliteratur, gemischt, bestellt :-)
@ ulla (7. September 2012 ~ 19:30)
versuchen Sie es einmal mit logik und konsequent denken – manche fragen stellen sich dann gar nicht oder erweisen sich als falsch gestellt…
;-)
@1704
Wie kommt das Falsche in die Welt? (Natürlich heiter ironisch gemeint.)
@1704
Ich schrieb ja falls Sie hier (im thread) der 2. Leser des Buches sein sollten – wenn Sie’s nicht sind können Sie mir die Frage auch nicht beantworten, ist doch klar :-)
@ Susanne HSB (7. September 2012 ~ 20:08)
wahrscheinlich, weil die gesamte schöpfung ein irrtum ist – natürlich heiter ironisch geantwortet. und, immer noch heiter ironisch, ist Ihre frage deshalb vermutlich falsch gestellt!
;-)
@ ulla (7. September 2012 ~ 20:25)
nicht nur, daß Sie fragen falsch stellen, jetzt kommen Sie auch noch mit falschen schlußfolgerungen. Sie erkennen einfach nicht, daß der ausgangspunkt Ihrer frage nur 1 antwort ermöglicht, oder aber es müßte eruiert werden, daß Arno Schmidt sich geirrt/verrechnet hat. das wiederum traue ich Ihnen absolut nicht zu! d.h. also: Sie stellen eine frage, die sich nicht stellt oder aber Sie stellen sie eben falsch, suchen Sie es sich aus!
;-)
@1704
Schön, daß Sie zu Späßen aufgelegt sind und Ihre Bemerkungen zu meiner Frage und dem Kommentar von 20:25 (wo habe ich da eine Schlußfolgerung gezogen?) nichts weiter sind als Ihr liebgewonnenes und nicht ernst zu nehmendes Geplänkel. Fein, daß Sie das jetzt so häufig durch ein ;-) betonen.
So viele falsche Töne hier? Was ist denn das? Zurück zum Thema bitte!
@Susanne
beim Thema muß ich passen – ich habe das Buch nicht gelesen.
Aber ich ziehe mich jetzt eh zurück – die family ruft.
Meine Frage: Wie stellt man eine Frage falsch – umgekehrt wie stellt man sie richtig? So ein Quatsch! Man kann eine Frage so stellen, daß man die Antwort schon hineinbringt, oder man stellt einfach eine Frage!
@Helen
Jetzt wirds aber banal. Natürlich ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen. Und auch die richtigen Fragen richtig zu stellen. Vielleicht sind sogar die falschen Fragen ganz witzig, wenn man sie richtig stellt. Und auf die Antworten kommt es dabei wohl eher nicht an.
@ Helen (7. September 2012 ~ 21:22)
was ist ‘einfach’?
Also banal wurde es hier längst vor Helens Einwurf. Den ich berechtigt finde. Richtige Fragen? In Bezug worauf? Und wer kann schon (begründet) entscheiden, was eine “richtige” Frage ist. Um das Buch geht es hier jedenfalls längst nicht mehr, sondern um die üblichen Eitelkeiten. (Ich nehme glis glis ausdrücklich davon aus.) Gähn. Und Gute Nacht.
Ich werde mir dieses literarische Werk jedenfalls nicht “antun” und empfehle jenen, die sich an den Betroffenheits- und “Aufarbeitungs”-romanen abarbeiten, mal einen Blick in zeitgenössische Literatur aus den Jahren 1949-1989 (Ost) zu werfen. Kann ggf. hilfreich sein.
@ostsee
Betroffenheit und Aufarbeitung. Da musste ich jetzt, in Kenntnis des Buches, doch ziemlich lachen. Sogar laut auflachen.
@ostsee: “Ich werde mir dieses literarische Werk jedenfalls nicht “antun” und empfehle jenen, die sich an den Betroffenheits- und “Aufarbeitungs”-romanen abarbeiten, mal einen Blick in zeitgenössische Literatur aus den Jahren 1949-1989 (Ost) zu werfen. Kann ggf. hilfreich sein.”
Sicher ist da auch manch Erhellendes zu finden.
Aber: Papier ist geduldig. Besonders wenn ein Kurt Hager sein Imprimatur geben muss.
Ich empfehle wieder mal:
http://www.perlentaucher.de/buch/thomas-brussig/wie-es-leuchtet.html
Ein Nachwende-Buch eines Berliners (Ost).
Fast 700 Seiten – ein Potpourri vergnüglicher und nachdenklicher Geschichten.
Die obigen Thread-Kreise möchte ich nicht weiter stören.
@ wen auch immer:
kennen Sie sicher: 15 leute steigen in einen bus, 12 steigen aus, frage: welche farbe hat der pullover des busfahrers? oder: wie hoch ist das durchschnittsalter der fahrgäste? das sind z.b. “falsch gestellte” fragen. nebenbei: fragen haben keinen ‘wahrheitswert’, das wird hier im blog leider viel zu oft nicht so gesehen!
@ ostsee (7. September 2012 ~ 22:31)
“Ich werde mir dieses literarische Werk jedenfalls nicht “antun” und empfehle jenen, die sich an den Betroffenheits- und “Aufarbeitungs”-romanen abarbeiten, mal einen Blick in zeitgenössische Literatur aus den Jahren 1949-1989 (Ost) zu werfen. Kann ggf. hilfreich sein.”
na, dann nennen Sie doch ein paar beispiele ‘zeitgenössischer Literatur aus den Jahren 1949-1989 (Ost)’ – würde mich echt interessieren, von welcher literatur Sie hier reden! und, hätten Sie die ‘diskussion’ aufmerksam verfolgt, ich meine den teil der diskussion, der sich mit dem roman von Antje Rávic Strubel befaßt, dann müßten Sie eigentlich wissen, daß in diesem roman nichts “aufgearbeitet” wird und er auch nicht “betroffen” machen soll!
Christa Wolf, Heiner Müller, Sarah Kirsch, Volker Braun, Jurek Becker, Peter Huchel, Erwin und Eva Strittmatter, Peter Hacks, Thomas Brasch, Christoph Hein, Ulrich Plenzdorf, Stefan Heym, usw, …..puh – fast alle leider schon tot.
Und wo lassen wir Brecht?
Nur mal so nebenbei, kann mir denn einer der belesenen Literaten sagen, was Literatur eigentlich ist? Gibt es da sowas wie eine Definition? Würde evtl. einige, beim Einordnen, vereinfachen.
@1704
Das ist nun wirklich eine selten blöde Erklärung für “falsch gestellte” Fragen. Zudem haben Sie den Gag unvollständig wiedergegeben.
@ Susanne 22.37
Ich könnte mir die Mühe machen und hier dutzende Links zu Rezensionen setzen in denen z. B. über “klischeehafte(r) DDR-Biografie-Fassaden” die Rede ist.
Ein Beispiel nur (das jetzt ausdrücklich keine Bewertung enthält): “Antje Rávic Strubel fügt damit diesem Bücherherbst, der ein halbes Jahrhundert nach dem Bau der Mauer auffallend viele Romane über die DDR hervorbringt, eine weitere literarische Auf- oder Nacharbeitung hinzu…” (Frankfurter Allgemeine, 09.09.2011)
Und: Ist doch erfreulich, dass Sie laut lachen konnten (können) – immerhin.
@ ulla (8. September 2012 ~ 08:20)
dann passen Sie mal schön auf, daß Sie nicht etwa am ende “selten blöde” dastehen. es geht hier nicht um den “Gag”, der in unzähligen varianten und variationen kursiert, sondern um das, was verdeutlicht werden soll. ich weiß, daß es Ihnen schwer fällt, etwas in dem kontext zu verstehen, in dem es zu lesen ist, aber genau dieses unvermögen führt oft genug dazu, daß Sie hier dann nur noch trollig auftreten und so auch wahrgenommen werden. Ihre kleinen spielereien im sinne von kontextverschiebungen, ebenenwechsel, bewußtem mißverstehen und bewußt falscher wiedergabe sind auf eine gewisse zeit durchaus hier&da amüsant, aber letztlich bei ständig fehlender ernsthaftigkeit und substanz dann auch irgendwann nur noch langweilig. gähn!
beschäftigen Sie sich doch besser intellektuell mit diesem hier: http://www.hauptstadtblog.de/2012/09/05/belesen-werden-rituale-der-literatur/#comment-6782 – evtl. bemerken Sie dann ja auch, daß Sie dort eine “selten blöde” frage stellen!
@ Marco (8. September 2012 ~ 07:56)
“Literatur” ist ein ‘Sammelbegriff’, der sich inhaltlich im laufe der jahrhunderte veränderte und im deutschen sprachgebrauch mindestens seit 1571 als ‘erklärter’ begriff nachweisbar ist (‘Ein Teutscher Dictionarius’ von Simon Roth), mit der grundbedeutung von ‘Schrift, Schriftkunst und Schriftlichkeit’, die im weiteren sprachgebrauch und verständnis auch ‘Wissenschaft’ und ‘Gelehrsamkeit’ mit einbezog.
eine relativ gute einführung findet sich in wikipedia, Literatur (http://de.wikipedia.org/wiki/Literatur), zeigt aber auch auf, daß es keine ‘einfache’ erklärung/definition für “Literatur” gibt. der vom verlagswesen benutzte begriff der ‘Belletristik’ umfaßt wiederum nur unterhaltungsliteratur (z.b. romane, erzählungen, memoiren, etc.) und ist immer noch weitgehend auf den bereich beschränkt, wie er durch die “Belles Lettres” des frühen 18.jahrhunderts aufgekommen ist. bemerkenswert daran: obwohl romane z.b. als belletristische werke angesehen werden, gibt es keine belletristikkritik, keine belletristikkritiker etc., d.h. daß das durch die jahrhunderte geprägte verständnis von “Literatur” mit all seinen literaturkontroversen wirkmächtiger ist und damit auch immer die tradition des jeweiligen begriffsverständnisses mitzudenken ist, was wiederum eine “einfache” definition/erklärung sehr erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht.
“… Die Neudefinition des Wortes” [Literatur] “geschah im Wesentlichen unter Einfluss neuer Literaturzeitschriften und ihnen folgender Literaturgeschichten, die zwischen 1730 und 1830 sich schrittweise den belles lettres, den schönen Wissenschaften öffneten, dem Bereich modischer und eleganter Bücher des internationalen Marktes und die dabei Werken der Poesie ein zentrales Interesse schenkten.
Es wurde im selben Prozess selbstverständlich, dass Literatur
- nach Überlieferungen in einzelnen Sprachen zergliedert wird in die ‘Literaturen’ der einzelnen Nationen, Regionen,
- gruppiert wird unter den zentralen ‘literarischen Gattungen’, die im Blick auf die Aristotelische Poetik neu definiert wurden,
- zu verstehen ist in einem historischen Prozess, der Kultur- und Literaturgeschichte,
- nach dem Adressaten betrachtet wird in Kategorien wie Kinder- und Jugendliteratur, Frauenliteratur,
- grundsätzlich nach Anspruchsniveaus unterschieden wird in ‘hohe’ (oder ‘anspruchsvolle’) Literatur und ‘Trivialliteratur’.”
(wikipedia, Literatur)
der Duden macht es sich da einfacher, und erklärt das wort “Literatur” als
1 a [gesamtes] Schrifttum, veröffentlichte [gedruckte] Schriften
1 b [fachliches] Schrifttum über ein Thema, Gebiet
1 c (Musik) in Form von Notentexten vorliegende Werke für
Instrumente oder Gesang
2 künstlerisches Schrifttum; Belletristik
hinzu kommt, daß “Literatur” unterschieden wird in einzelbereiche wie hochliteratur, unterhaltungsliteratur, trivialliteratur, fach- und gebrauchsliteratur usw.
noch einmal zurück zum angesprochenen wikipedia-artikel über literatur. der autor unterteilt sehr gut in verschiedene aspekte, unter denen “Literatur” betrachtet werden kann und unterteilt diese in ‘Ästhetik und kunstvolle Sprachbeherrschung’, ‘Fiktionalität, gesellschaftliche Relevanz’, ‘Literarischer Stil und Subjektivität’ sowie ‘Höhere strukturelle Komplexität und komplexeres Traditionsverhalten’. es wird aber auch deutlich, warum eine eindeutige ‘Definition’ schwierig und evtl. auch gar nicht wünschenswert ist.
wesentlich komplizierter und komprimierter z.b. hier: http://www.ruhr-uni-bochum.de/komparatistik/basislexikon/texte/literatur/extern.html
@ ostsee (8. September 2012 ~ 11:14)
bzgl. des zitats, in ganz einfachen worten:
nur weil jemand über einen besen sagt, das sei aber ein schöner baum, wird der besen nicht zum baum!
außerdem überlesen Sie in diesem zitat das ‘oder’ – eine ‘nacharbeitung’ ist nicht zwangsläufig ein “Betroffenheits- und ‘Aufarbeitungs’-Roman” in dem sinne, wie Sie es hier benutzt haben! abgesehen davon sind literaturkritiker auch nur menschen und können sich, wie alle anderen menschen auch, auch einfach irren. es kann natürlich auch sein, daß jemand einen roman par tout gern in eine schublade gsteckt wissen will, weil schubladen ja so wichtig sind für das tägliche überlegen… (ab ‘weil’ ironisch gemeint)
@ostsee
Rezension ist nicht Rezeption. Welche ich bevorzuge. (Also letztere.)
@1704
Sie sollten – trotz Ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstörung – besser einen unter normal gebildeten Mitteleuropäern üblichen Umgangston wahren.
Dem Blog würde das nur guttun.
@1704
Das mit dem „Besen“ und dem „Baum“ gibt allerdings eine schöne Poetologie. Die ich gerne erweitern würde durch eine Ergänzung der „Schublade“ um eine weiter „Kiste“, eine mit Deckel und Nägeln. Zu Lebzeiten nicht besonders zu empfehlen.
@ ulla (8. September 2012 ~ 11:59)
merkwürdig, daß Sie meinen, bei 1704 kritisieren zu müssen, was Sie in eigener unbekümmertheit selbst formulier(t)en. zum lesen von kommentaren gehört z.b. auch, daß man anführungszeichen zur kenntnis nimmt, diese sind häufig hinweis darauf, daß jemand den wortgebrauch eines anderen, hier: einer anderen, benutzt!
und was sind “normal gebildete Mitteleuropäer” ? zählen Sie sich etwa dazu? dem blog würde gut tun, wenn Sie einfach auf Ihr herumtrollen verzichten könnten!
@1704 @ulla
Könnten Sie sich bitte aller Unterstellungen und persönlichen Dispute enthalten. Danke!
@ Susanne HSB (8. September 2012 ~ 12:12)
als sehr wahrscheinliche aussicht aber durchaus bedenkenswert!
nebenbei: die frage, die die autorin stellt (‘Wie kommt das Böse in die Welt’), repräsentiert durch die ‘Enthüllungsgeschichte’, kontrastiert doch sehr mit den natur- und landschaftsschilderungen oder den geschilderten augenblickverhafteten momenten des romans, und man könnte durchaus der ansicht sein, daß damit zum ausdruck kommt, daß das, was das ‘Böse’ in die welt bringt, das ist, was als vergangenheit gelebt worden ist. und die extremste vergangenheit ist wohl die, die man final hinter sich hat! personen werden u.a. als “geschichte” begriffen, die in “geschichten” mehr oder weniger deutlich ‘erklärt’ werden. geschichten wiederum, die man noch nicht erzählen kann, weil sie noch gar nicht stattgefunden oder noch kein ende gefunden haben, erklären evtl. auch den letztlich doch sehr offenen schluß des buches, also die offene ‘kiste’ des romans…
@ Susanne
Sicher nicht, das war, wie geschrieben, auch nur EIN Beispiel (ich schrieb ja auch, dass ICH das Buch nicht lesen werde).
@ 1704 (ausnahmsweise)
Geschenkt. Und siehe oben.
@1704
„Sehr wahrscheinlich“ ist nett gesagt, aber wohl dennoch unzutreffend für die einzige Gewissheit im Leben.
In der Tat, mit dem Schluss des Romans hadere ich auch noch. (Vielleicht daher meine kleine Verzweiflung über den Zufall.) Einstweilen bestaune ich immerhin die Kunst, einen „Schluss“ zu finden, der weder einer ist noch sich so anfühlt. Oder etwa doch?
Frage: Gibt es eine nichtfinale Vergangenheit? Und was wäre das?
Oder weiter: Bricht in diesem Buch die Gegenwart an der Vergangenheit, bzw. umgekehrert, und ist deshalb mein blöder Zufall völlig irrelevant?
Ich finde dieses literarische Quintett einfach spannend. Kaum jemand hat das Buch gelesen aber eine Meinung dazu hat man. Hervorragend, der RBB ist sehr an einer neuen Programmstruktur interessiert, so jedenfalls wird es behauptet. Eventuell könnte man der Intendantin vorschlagen, ein literarisches Quintett einzuführen.
Nun darf er ;-)) allerdings nicht fehlen.
Mit literarischem Quintett meine ich übrigens:
@1704
@ulla
@susanne
@Glis glis
@Hernando
Allerdings sollte man dann erst lesen und sich danach eine Meinung bilden. Es könnte zumindest hilfreich sein.
Ach ja zum Buch kann ich auch weiterhin nichts schreiben, die Thematik interessiert mich nicht sonderlich. Das einzige Buch von einem DDR-Schriftsteller hatte ich in den 70ern gelesen. „Die wunderbaren Jahre“ von Reiner Kunze. Wegen dieses Buches wurde er kurze Zeit später aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen.
@Sigurd
Nee, ich passe nicht in das Quintett. Ich hab’ ja nur die Rezension in der FAZ gelesen und gewagt an dem “großen Wurf” von Frau Strubel zu zweifeln.
Dafür bin ich von @Susanne am 6. Sept. 2012 um 12:02 Uhr ernsthaft gerügt worden :-)
P.S.
Meiner Antwort auf die Rüge hin habe ich nichts hinzuzufügen – bei der “Aufarbeiterei” bin ich ganz bei @ostsee und Glis glis
@ 1704 8. September 2012 ⁓ 11:35
Man sind sie ..langatmig, kann man auch kürzer sagen, als im Urschleim anzufangen.
Ich hatte mal ein sehr schönes Zitat gehört, und gebe es gern zum Besten (damit ein gewisser Jemand, daß ganz nach belieben auseinandernehmen kann, um mir dann meine eigene Dummheit unter die Nase zu reiben um sich (womöglich) selbst zu erhöhen – so wie man das hier im Blog immer mal wieder mitbekommt).
Literatur ist eine Technik die Wahrheit zu sagen. (Wobei, es gibt nicht nur eine Wahrheit.)
@Marco
Gar nicht so übel, dieser Satz. Wobei das mit der Wahrheit natürlich so eine Sache ist. Auch die Annahme, dass es mehr als nur eine Wahrheit gäbe, hilft nicht wirklich weiter. (So versuche ich es allerdings auch immer wieder.) Eventuell klappt es mit „Wahrhaftigkeit“ besser? Und das mit dem sagen ist schon wieder so eine Sache.
Vielleicht ganz interessant in diesem Zusammenhang: Authentizität
Das wär doch schon mal was.
http://de.wikipedia.org/wiki/Authentizit%C3%A4t
Wahrheit oder Wahrhaftigkeit wären das Sahnehäubchen oben drauf.
@ Marco (8. September 2012 ⁓ 16:37)
“Literatur ist eine Technik die Wahrheit zu sagen.”
dann sehen Sie es doch so!
ich halte Ihren satz für eine oberflächliche trivialität, die zudem dem gegenstand auch nicht wirklich gerecht werden kann, weil z.b. schon so unklare begriffe wie “Wahrheit” oder “eine Technik” gegenstand Ihrer ‘Definition’ (?) ist. aber ich will Sie nicht weiter langweilen!
@ 1704
Auf Ihre “einfache” Frage werde ich nicht antworten, nachdem ich heute hier gelesen habe, ist darüber keine Diskussion erwünscht. Obwohl gerade Banalitäten auch zum Leben gehören. Sprache – Frage war mal ein Thema in meiner Lehrtätigkeit.
@ Helen (8. September 2012 ⁓ 21:13)
schade. vielleicht ergibt sich ja eine andere gelegenheit, das ganze noch einmal aufzugreifen.
@ Hernando (8. September 2012 ⁓ 18:11)
mit dem begriff der authentizität geben Sie, wahrscheinlic ohne sich dessen bewußt zu sein, ein gutes beispiel, warum man literatur eben nicht einfach so aus dem bauch heraus ‘definieren’ wollen sollte, denn eine der traditionen der literatur ist die rhetorik, und in dieser wird authentizität völlig anders verstanden als in dem sinne, in dem Sie es hier als begriffliches surrogat für wahrheit oder wahrhaftigkeit vorschlagen (stichwort: dissimulatio artis), d.h. es wird ein (an)schein erzeugt, der als ein sein durchgehen soll, nicht aber etwa die übereinstimmung zwischen unmittelbarem schein und eigentlichem sein im sinne von wahrhaftig oder gar wahr…
ich schrieb es bereits: literatur ‘einfach’ oder nach eigenen belieben “definieren” zu wollen ist schwierig (aber natürlich machbar!). es ist durchaus auch zu fragen, ob eine ‘geschlossene’ definition (wie z.b. “Literatur ist eine Technik die Wahrheit zu sagen.”) oder als definitorische vorgabe (‘Literatur sollte authentisch sein’) überhaupt wünschenswert ist, weil wir es ja bzgl. literatur oder z.b. auch der kunst keineswegs etwa mit abgeschlossenen vorgängen zu tun haben, sondern mit vorgängen, die sich weiter entwickeln (werden) – zumindest behaupte ich das jetzt mal hier so! zum anderen haben in der vergangenheit geschlossene definitionen immer dogmatisch einengend gewirkt, was (weiter)entwicklungen eher verhinderte, mindestens aber stark behinderte…
@ Sigurd
So? Welch eine Meinung hab ich denn über das in der Tat nicht gelesene Buch? Wenn Sie mir meine Meinung mitteilen könnten, würde mir das vielleicht weiterhelfen, außerdem wäre dieser Blog dann ja auch regelrecht meinungsbildend.
@ Marco
Ich tät mal sagen: Literatur ist eine Technik, irgendwas zu sagen und einen Verlag dazu zu bringen, es zwischen zwei Buchdeckeln abgedruckt in den Handel zu bringen.
@Helen
Ich denke, man muß auf die “falschen Fragen” auch nicht weiter eingehen – hier versucht nur mal wieder jemand sein Wissen über die Kantsche Philosophie an den Mann, bzw. die Frau, zu bringen, selbst wenn es nicht in den Kram paßt.
@Susannes “banal” halte ich für einen Ausrutscher weil wir ihr zu weit vom Thema abgewichen sind.
Falsche oder dumme Fragen gibt es nicht, falsche oder dumme Antworten schon – und es gibt die rhetorischen Fragen; aber das ist ein anderesThema.
@ ulla (9. September 2012 ⁓ 08:28)
wenn Sie jetzt noch ausführen könnten, welches wissen über die “Kantsche Philosophie” “an den Mann, bzw. die Frau” gebracht werden sollte, wäre ich von Ihnen regelrecht begeistert. Ihre behauptung stimmt zwar nicht, Ihre darlegung zu Kant als darlegung dessen, was hier denn “an den Mann, bzw. die Frau” gebracht werden soll(te), wäre sicher ein zugewinn für die diskussion und zudem Ihr erster substantieller beitrag zu der diskussion hier.
Sie zeigen letztlich nur wieder auf, daß Sie immer noch nicht verstanden haben, warum Ihre frage in @ulla (7. September 2012 ⁓ 19:30) zu jenen fragen gehört, die sich letztlich gar nicht stellen oder sich als falsch gestellt erweisen… (@1704, 7. September 2012 ⁓ 20:02). da muß auch kein Kant bemüht werden, um aufzuzeigen, daß, wenn ein mensch sowieso nur 3150 bücher in seinem leben lesen kann (nach Arno Schmidt), irgendein gelesenes buch natürlich “inklusive” anzusehen ist. so viel an logischem verstand könnten Sie aufbringen, da muß ein Kant oder sonstwer gar nicht weiter bemüht werden…
@1704
Sie erinnern sich vielleicht nur nicht mehr an meinen Kommentar in dem vorherigen Literatur-thread.
“Aber wer liest schon jedes Buch zweimal? Für ein sogfältig ausgesuchtes kleines Taschenbuch ist sicher immer ein Plätzchen frei.” schrieb ich in http://www.hauptstadtblog.de/2012/08/05/sachen-machen-in-berlin/#comment-6520
Bei geschicktem Management kann man also durchaus das eine oder andere Buch zusätzlich lesen wenn man auf das zweimalige Lesen aller 3150 Werke verzichtet.
Es soll übrigens Menschen geben, die schon mit 14 aufnahmefähig für Bücher sind und mit 65 immer noch. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß nicht alles Lesenswerte inclusive der 3150 Bände ist, die A. Schmidt errechnet hat.
@ ulla (9. September 2012 ⁓ 11:24)
“Falls Sie von uns usern neben @Susanne der 2. Leser des Buches sein sollten, ist das dann zusätzlich zu den von Arno Schmidt errechneten 3150 Bänden die ein Mensch in seinem Leben zu lesen schafft oder ist es inclusive?”
(@ulla, 7. September 2012 ⁓ 19:30, http://www.hauptstadtblog.de/2012/09/05/belesen-werden-rituale-der-literatur/#comment-6782)
überlegen Sie sich einmal, welche auswirkungen es hat, daß Arno Schmidt von “zweimal zu lesen” spricht (“Selbst wenn Sie ein Bücherfresser sind, und nur fünf Tage brauchen, um ein Buch zweimal zu lesen, schaffen Sie im Jahre nur 70. Und für die fünfundvierzig Jahre, von Fünfzehn bis Sechzig, die man aufnahmefähig ist, ergibt das 3150 Bände: die wollen sorgfältigst ausgewählt sein!”)
daß Sie nun Ihre ‘Argumentation’ verändern, zeigt doch erst recht, daß Sie die frage in @ulla (7. September 2012 ⁓ 19:30) falsch gestellt haben! Sie wollen das nur par tout nicht einsehen!
@Glis glis 9. September 2012 ⁓ 01:09
Stopp, stopp, stopp da habe ich mich wahrscheinlich undeutlich ausgedrückt oder wurde ganz einfach falsch verstanden. Das war keine Schelte von mir. Ich wollte nur die Idee eines literarischen Quintetts in etwas, na sagen wir mal, lustiger Form anbringen.
Ist mir offensichtlich nicht so ganz gelungen. Sie @Glis glis habe ich dabei mit erwähnt, weil ich gerade ihre Kommentare, ohne Ihnen nun Honig ums…, na Sie wissen schon, sehr schätze.
@sigurd
Ach nein, ich hab das nicht falsch verstanden. Eine absurde Vorstellung ist es dennoch.
Vielleicht setzt sich demnächst bei Büchern sowas Ähnliches durch wie jüngst bei der leeren Bilder-Ausstellung im Haus am Waldsee.
Kahle Wände, weil die unter Vetrag stehende Künstlerin sich gerade mit dem Bilderverbot im Islam beschäftigt.
3000 geladene Eröffnungsgäste konnten nicht mehr ausgeladen werden.
Die Künstlerin konnte nicht befragt werden, da vollkommen abgetaucht.
Erstaunlich, was die Chefin des Hauses da aus den kahlen Wänden noch so alles rausquetscht hat. Respekt!
Da haben wir ja wohl auch Anspruch drauf, denn das Haus wird gefördert, und der Steuerzahler weiß schon ganz gern, wie sein Geld vergeudet wird.
Um das Defizit zu begrenzen, wurde die “Ausstellung” dann nach drei Tagen geschlossen. Gottseidank fand man schnell Ersatz.
http://www.hausamwaldsee.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=21&Itemid=122&lang=de
Bei Diskussionen über die künftigen Bücher mit den weissen Seiten kann sich dann hier im Blog auch jeder ungeniert beteiligen.
Kompositionen ohne einen einzigen Ton gibt es auch schon.
Die Feuilletons würdigen es seitenweise.
@ Hernando ()
woher nehmen Sie denn die behauptung:
“Kahle Wände, weil die unter Vetrag stehende Künstlerin sich gerade mit dem Bilderverbot im Islam beschäftigt” ? die Berliner Morgenpost weiß jedenfalls weniger (?) als Sie: http://www.morgenpost.de/printarchiv/kultur/article109097098/Drei-Jahre-Arbeit-fuer-nichts-Eine-Ausstellung-im-Haus-am-Waldsee.html und auch der Tagesspiegel ist so ahnungslos (?): http://www.tagesspiegel.de/kultur/schoene-leere/7111432.html
Ihre quelle würde mich also brennend interessieren!
Sie sollten evtl. einmal lesen, worauf Sie verlinken?
“… Verweigern und Verschwinden kommen in der jüngeren Kunstgeschichte seit den späten 1960er-Jahren vor. So fanden die Besucher einer Ausstellungsreihe des amerikanischen Malers und Konzeptkünstlers Robert Barry 1969 in der Galerie Art & Project in Amsterdam ein Schild vor: ‘Während der Ausstellung bleibt die Galerie geschlossen’. Künstler haben, wie Daniel Buren, die Malerei in den Raum getragen oder fest mit der Architektur verbunden. Sie entziehen sich, wie Tino Sehgal, der Dokumentation oder verfassen, wie Frank Bölter, ‘Bekennerschreiben’, um zu begründen, warum sie sich nicht für eine Ausstellung bewerben, beziehungsweise, wie Kai Althoff bei der Documenta 13, um eine Ausstellungszusage zurückzuziehen…”
falls Sie es nicht wissen, die Documenta 13 läuft noch bis zum 16.09.2012, das genannte beispiel ist also noch recht aktuell! unterstellen Sie Kai Althoff auch, daß er sich auch “mit dem Bilderverbot im Islam beschäftigt” und deshalb der documenta fern blieb? wenn ja, oder auch, wenn nein – ein wenig zum hintergrund finden Sie hier: http://www.monopol-magazin.de/artikel/20105475/documenta-13-fridericianum-rundgang.html
(quelle: link in @Hernando, 10. September 2012 ~ 20:33)
und natürlich könnte man auch erst einmal versuchen, es so einfach zu erklären wie es der Tagesspiegel (link siehe oben) macht: “Dass Elke Krystufek ganz einfach keine Lust gehabt haben könnte…”
ach, da sind mir doch glatt ein paar flüchtigkeitsfehler unterlaufen.
ganz zu anfang muß es natürlich
@ Hernando (10. September 2012 ~ 20:33)
heißen, und
‘(quelle: link in @Hernando, 10. September 2012 ~ 20:33)’
muß natürlich direkt dem zitat “… Verweigern und Verschwinden… um eine Ausstellungszusage zurückzuziehen…” folgen.
Ich fasse es nicht! Unserem Dr. Allwissend sind Fehler unterlaufen, wenn’s auch “nur” Flüchtigkeitsfehler sind.
Da soll noch jemand behaupten es geschehen keine echten Wunder mehr :-)
@1704
Meine Quelle: Ein ausführliches Interview mit der Leiterin Frau Dr. Katja Blomberg auf Deutschlandradio Kultur.
Die archivieren eigentlich recht viel, ich bin aber nicht fündig geworden. Vielleicht kann Frau Blomberg Auskunft zu Fundstellen (Mauskript oder mp3) des Interviews geben.
Schade, dass Sie wieder mal nicht widerstehen konnten, sehr umfangreiche Teile meines Links hier reinzuknallen.
HSB-User können doch wirklich selbst entscheiden, ob sie klicken und wann und wie sie das Verlinkte rezipieren möchten.
@ ulla (11. September 2012 ⁓ 09:07)
im gegensatz zu Ihnen hat jener “Dr. Allwissend” gar keine probleme damit, fehler einzugestehen!
interessanter wäre doch gewesen, @Hernando ein wenig beizustehen – es ist nämlich völlig klar, woher er sein vermeintliches ‘wissen’ hat!
im übrigen sind Sie mit Ihren reaktionen immer sowas von vorhersehbar! notieren Sie sich das, für eine spätere retourkutsche, denn die kommt ganz bestimmt!
@Hernando
bitte haben Sie Verständnis und zeigen Sie Erbarmen mit @1704. Wenn er/sie die Links anderer user einfach nur Links sein läßt ohne sie – die Links – zu “übersetzen” würden die üblichen Teppichrollen an einer erschreckenden Kürze leiden.
@1704
“… notieren Sie sich das, für eine spätere retourkutsche, denn die kommt ganz bestimmt!”
Ist das jetzt ein Versprechen oder eine Drohung?
Bitte! Für so ein blödes Geplänkel hab ich heute keine Zeit. Danke!
@ ulla (11. September 2012 ⁓ 12:40)
es drückt eine erwartung dazu aus, wie Sie mit hoher wahrscheinlichkeit irgendwann handeln werden = eine vorausschauende vermutung!
@ Susanne HSB
Sie hatten fragen gestellt (in: @ Susanne HSB, 8. September 2012 ~ 13:29), auf die ich hier nicht eingegangen bin, weil es schon sehr spezielle fragen sind, die man zwar ganz ‘einfach’ (s.w.o.) (so/mal) stellen kann, deren beantwortung aber keineswegs ‘einfach’ ist. ich möchte Sie aber nicht ohne eine antwort von mir lassen.
“Frage: Gibt es eine nichtfinale Vergangenheit? Und was wäre das?”
wenn ich IHre frage als eine art ‘fortsetzung’ meiner darlegungen, die ja in @1704 (8. September 2012 ~ 12:31) aus der sicht eines einzelnen subjekts formuliert sind, ansehe, habe ich erst einmal das problem, daß ich gar nicht so recht weiß, ob Sie hier nun aufgrund einer unzulässigen verkürzung (‘finale vergangenheit’) einfach nur ein ‘gegensätzliches’ er-schaffen (also aus “die extremste vergangenheit ist wohl die, die man final hinter sich hat” wird so etwas wie “eine nichtfinale Vergangenheit”). ich gehe in meinem denken davon aus, daß nach dem eigenen tod keine geschichte mehr stattfindet und auch keine mehr erzählt wird, man also die extremste form der vergangenheit erreicht, wenn man sie ‘final hinter sich hat’. genau an diesem punkt erweist sich Ihre frage als sehr kompliziert, vor allem auch, weil gar nicht geklärt ist, ob es überhaupt ein ‘sinnvoller’ begriff ist/sein kann, denn die welt/vergangenheit des einzelnen ist nicht die welt/vergangenheit der anderen. daraus ließe sich ableiten, daß die ‘nichtfinale Vergangenheit’ entweder die vergangenheit ist, die man noch nicht abgeschlossen hat (final durch den eigenen tod) oder die fortsetzung von vergangenheit bei den anderen, für die der eine/’fremde’ tod lediglich ein detail einer geschichte darstellt, die noch nicht zuende erzählt worden ist. in diesem sinne ist vergangenheit wohl immer als ‘nichtfinal’ anzusehen. die frage ist aber, ob das sinn macht oder auch, ob das nicht letztlich eine dieser trivialen weiheiten ist, die oft genug dafür herhalten müssen, für irgendwelche sinnkonstruktionen gerüst sein zu sollen (‘Das Leben geht ja weiter’, ‘über generationen hinweg etwas schaffen’, für spätere generationen etwas errichten/bewahren, ‘Man macht es für die Kinder’ usw. usf.). in diesem sinne muß vergangenhiet sogar als ‘nichtfinal’ angesehen werden, damit das ganze sinnvolle nicht als konstruktion zusammenbricht/in frage gestellt wird bzw. nicht so offensichtlich im absurden landet, daß man das absurde nicht mehr leugnen kann.
i.d.R. ist wohl keine menschliche vergangenheit als eine zu begreifen, die man nur für sich alleine hat, nur für sich erschafft/erschaffen hat – es sind immer auch andere daran beteiligt oder werden in welcher form auch immer mit einbezogen.
ich dachte bei meinem kommentar aber gar nicht so kompliziert, sondern von den ‘geschichten’/der ‘geschichte’ der protagonisten her, die genau bis zu dem punkt erzählt werden können, wie sie überhaupt erzählbar bzw. erdacht worden sind. alles weitere kann (noch) nicht erzählt werden, weil es sich ja noch nicht erreignet hat oder noch nicht ‘ausgedacht’ ist. es ist eigentlich sehr konsequent und durchaus auch modern von Antje Rávic Strubel gedacht, deshalb an einem bestimmten punkt einfach aufzuhören, auch wenn es dann einzelne leser evtl. enttäuscht, weil sie gern einen sinnvollen) schluß (gehabt) hätten, oder zumindest so etwas wie ein
abschließendes fazit, eine art ‘moral der geschichte’. es hängt auch mit der frage zusammen, wie sinnvoll denn leben/erzähltes/geschichten tatsächlich sein kann/können – denken Sie z.b. einmal
an Musils ‘Mann ohne Eigenschaften’ und an die fragen, die sich dort stellen (könn/t/en/ lassen), z.b. nach dem (eigenen) bleibendem, wenn sich doch alles (um einen herum) stets verändert, nach dem (eigenen) sinn im (uneigenen) sinnlosen (oder
auch umgekehrt: nach dem (eigenen) sinnlosen im (uneigenen) sinnvollen), usw. usf. – das erzählen mit einem schluß folgt der konvention, daß ab einem bestimmten punkt so etwas wie ein statischer zustand erreicht ist, die vollendung, der höhepunkt, das erwachsensein, die ent-täuschung, die er-füllung, das glück usw. usf. aber funktioniert das leben so? an genau dieser stelle kommt dann wohl auch ‘Ihr’ zufall zum tragen! immer auch anfänge für neue vergangenheiten.
‘Bricht in diesem Buch die Gegenwart an der Vergangenheit, bzw. umgekehrert, und ist deshalb mein blöder Zufall völlig irrelevant?’
frage ist ja, ob es in einer geschichte/einem roman/einer erzählung/etc. überhaupt einen zufall geben kann? und selbst, wenn die autorin behauptet, sie habe den roman nicht ‘geplant’, sondern einfach drauflos geschrieben (und dann ja auch von einer späteren ‘überarbeitung’ spricht), behaupte ich, daß trotzdem nichts in diesem buch dann zufällig ist. nach meinem verständnis kann überhaupt kein mensch “zufällig” schreiben, er kann sich auch keine “zufälligen” begebenheiten (aus)denken. andererseits können menschen im wirklichen leben mit zufällen nur schwer umgehen (weil sie selbst anders ‘programmiert’ sind), weshalb letztlich jeder ‘zufall’ ‘sinnvoll’ sein muß, selbst dann, wenn er am ende als ‘bedeutungslos’ oder nur ‘kurios’ usw. erklärt/dargestellt wird.
ich denke auch nicht, daß sich in diesem roman irgendetwas ‘bricht’, schon gar nicht die gegenwart an der vergangenhiet oder vergangenheit an der gegenwart. wirksam ist lediglich eine gleichzeitigkeit von ereignissen, die durch den kopf in eine solche oder solche zeit unterschieden wird, daß sich daraus eine struktur ergibt, die sich ordnen läßt. es ist ein strukturelles bemühen um konstruktion (‘sinn in die geschichte bringen’) und es ist ein analytisches hilfsverfahren, das letztlich den wald, sein entstehen, sein da-sein, seine möglichen aussichten an jedem einzelnen baum zu erklären sucht, ohne aber wirklich schlüssig darlegen zu können, warum der wald eigentlich da ist, noch weniger, was dann ‘morgen’ sein wird, weil die strukturen viele möglichkeiten zulassen, also bestenfalls wahrscheinlichkeiten produzieren (können).
für mich ist der offene schluß eher eine stärke denn eine schwäche des romans. und es gibt beispiele in der literatur (besonders bei nachgelassenen fragmenten), die ein erstaunliches eigenleben im verständnis dieser texte entwickeln, gerade weil nicht völlig klar ist, welcher struktur/anlage sie verpflichtet sind – eines der im deutschsprachigen raum berühmtesten beispiele dürfte wohl Büchners Woyzeck sein – wenn man einmal bedenkt, daß an den originalmanuskripten nicht erkennbar ist, in welcher reihenfolge die szenen zu lesen/aufzuführen sind, daß die einzelnen manuskriptseiten keine seitenzahlen (sic!) tragen, daß man nicht einmal weiß, ob wirklich alle szenen ‘fertig’ geschrieben worden sind, daß die einordnung der szenen in die akte des dramas unbekannt ist, also völlig offen, welche szene in welchen akt gehört, dann haben wir damit ein exzellentes beispiel dafür, daß jede lesart mehr oder weniger möglich und der ‘schluß’ dann immer jeweils ein anderer ist. trotzdem ‘funktioniert’ dieses drama/dieser text!
ich würde zwar nicht so weit gehen wollen, daß Antje Rávic Strubel aus einem ähnlichen grund einen ‘offenen’ schluß wählte (die gründe hierfür werden wahrscheinlich wesentlich trivialer/banaler sein, keine zeit mehr, keine lust, begrenzung auf soundsoviele seiten, interesse, das beim schreiben verloren geht,…, oder auch solche, wie weiter oben von mir schon dargelegt), aber darauf hinweisen, daß hier der offene schluß auch als ein hinweis verstanden werden kann, daß die geschichte möglicherweise falsch erzählt worden ist, weil in dem, was noch folgen könnte, details/informationen enthalten sein können, die die gesamte geschichte kippen und in einem völlig anderen zusammenhang ‘sinnvoll’ erscheinen lassen und alle bisherige interpretation(sversuche) über den haufen werfen könnte…
damit beende ich meine antwort, weil es schon wieder viel zu viel ist und tapeten hier ja bestenfalls an wänden gefallen. aber es war mir wichtig, auf Ihre fragen einzugehen, trotz der daraus folgenden notwendigen länge des kommentars.
@1704
Besten Dank für die ausführliche Antwort, das ist recht interessant. Sie werden es mir dennoch nachsehen, dass ich ihren engmaschigen Konstrukten nicht in gleicher Art entgegen mag. Da sind unsere Arten wohl allzu konträr. Zum Beispiel beschleicht mich gerade die Vermutung, dass sie wesentlich linearer zu denken pflegen als ich.
Tatsächlich zielten meine (vor allem auch an mich selbst gerichteten) Fragen auf das Buch, den Text und waren weniger generell gemeint. Bei vielem bin ich übrigens nah bei ihnen. So gegrüße ich das offene Ende definitiv gerade aufgrund seiner Offenheit, mein Hadern ist offensichtlich ein anderes. Ebenso bin ich dankbar für jedes „unmoralische“ Buch. Zum Teufel mit der Moral in der Literatur.
(Ihre unbegründeten Unterstellungen/Engleisungen gegenüber der Autorin (keine Zeit, keine Lust, kein Interesse) dagegen, werde ich mir erlauben, bei Gelegenheit abermals durch Entgleisungen meinerseits zu honorieren.)
@ Susanne HSB (11. September 2012 ⁓ 18:18)
“(Ihre unbegründeten Unterstellungen/Engleisungen gegenüber der Autorin (keine Zeit, keine Lust, kein Interesse) dagegen, werde ich mir erlauben, bei Gelegenheit abermals durch Entgleisungen meinerseits zu honorieren.)”
ich sehe da keine “Unterstellungen/Engleisungen”, ich schrieb da nur aus eigener erfahrung, wenn Sie deutlicher gemacht hätten, daß Sie die fragen, auf die ich eingegangen bin, vor allem an sich selbst richteten, hätte ich mir diesen kommentar geschenkt. es wäre also hilfreich, wenn Sie bei solchen kommentaren dann auch auf eine direkte ansprache von @1704 verzichten könnten. da muß ich mich wohl nachträglich noch dafür entschuldigen, daß ich auf Ihre frage “Wie kommt das Falsche in die Welt?” überhaupt eingegangen bin…
“Zum Beispiel beschleicht mich gerade die Vermutung, dass sie wesentlich linearer zu denken pflegen als ich.”
nun ja, was alles so durch irgendwelche gefühlswelten schleicht und trotzdem täuscht. da will ich nur erwidern: “Was Sie nicht sagen!”
@1704
»Auch«, ich schrieb »auch«. Von Gefühlswelten dagegen hab ich nichts gesagt. Dafür von unterschiedlichen Arten. Aber egal. Geschenkt sozusagen.
@ Susanne HSB (11. September 2012 ⁓ 19:56)
ja, sicher schrieben Sie ‘auch’ – und wenn ich ihnen ein relativ dumpfes sprachgefühl zuerkennen würde, würde ich Ihre ‘erklärung’ auch glatt so nehmen wie Sie sie schreiben, aber ich sehe Sie anders, und von daher erstaunen Sie mich jetzt. “Aber egal. Geschenkt sozusagen.” von “unterschiedlichen Arten” haben Sie nicht geschrieben, aber unterschiedlich das wort ‘art’ benutzt, einmal als ‘nicht in gleicher Art’, einmal als “Arten”, die “wohl allzu konträr” – bei welchem wortgebrauch eine verbindung zu “Gefühlswelten” wohl am adäquatesten ist? aber das ist sicher schon viel zu linear gedacht…
ich kann es auch ganz einfach formulieren: ich dachte, Sie seien an einem dialog, einem gespräch über literatur oder das schreiben oder diesen roman interessiert (und ein solches gespräch kann auch gern von unterschiedlichen positionen aus geführt, und es darf auch durchaus ‘vertiefend’ geführt werden, und es wäre ein gutes gespräch, wenn auch die “unterschiedlichen” gedanklichen welten dabei deutlich werden, und es geht dabei auch sicher nicht um zwangsharmonischen austausch von belanglosigkeiten oder einander zustimmend zunicken in schriftlicher form), ich gehe nunmehr nicht mehr davon aus.
in diesem sinne hatte dann @ostsee wohl doch recht (gehabt), daß man es eben auch einfach dabei belassen kann, ein buch als ‘lesenswert’ zu empfehlen und gut ist.
@1704
Es ist spät, ich bin müde.
Dennoch: Ich bin immer an guten – konformen wie auch konträren – Gesprächen über Literatur und Bücher, ganz besonders auch über das Schreiben interessiert. Sie aber gehen offensichtlich davon aus, dass man etwas lesen könnte, wie es geschrieben wurde. Ich dagegen vertrete wohl eher die These, dass nicht einmal etwas geschrieben werden kann, wie es womöglich gedacht wurde. Da steht eben das Denken selbst dagegen. Denke ich. (Nicht fühle ich, nein!)
Unter diesen Voraussetzungen scheint zuminest jegliche Kommentarauseinandersetzung weitgehend dem Misslingen anheimgegeben. (Wie z. B. sollte ich auch nur im entfernstesten darauf kommen, dass sie sich in einer Klammerbemerkung zu Antje Rávic Strubel auf ihre eigenen Schreiberfahrungen beziehen?)
Aber wie gesagt, ich bin müde.
@ Susanne HSB (11. September 2012 ⁓ 23:30)
die un-logik beginnt dort, wo man den eigenen überzeugungen nicht schlüssig folgt: wenn Sie davon ausgehen, dass man etwas NICHT (so) lesen könnte, wie es geschrieben wurde, dann sollten Sie sich erst recht fragen, warum Sie Ihr lesen = (text)verständnis dann absoluter = zutreffender setzen/empfinden als das geschriebene, von dem Sie ausgehen, daß Sie es sowieso nicht ‘richtig’ lesen (können). die zweite variante, die Sie ausführen, kann hier vernachlässigt werden, weil Sie dann ja letztlich bei jedem text nicht wissen (können), wie er ausgefallen wäre, wenn das, was gedacht wurde, auch hätte geschrieben werden können. daraus würde für mich dann eher folgen, daß ich mich bzgl. des lesens fremder texte eher im zustand möglicher/sehr wahrscheinlicher irrtümer sähe. das tun Sie aber nicht, sondern nehmen dann merkwürdigerweise das gelesene bzw. ‘verstandene’ so, als wäre es auch so geschrieben worden.
daß Sie dann so erklärbare ‘Entgleisungen’ mit eigenen ‘Entgleisungen’ dann beantworten möchten, hat mit theoretischen überlegungen über schreiben/lesen schon nichts mehr zu tun…
ich gehe aber davon aus, daß die wirkliche/richtige erklärung wahrscheinlich wesentlich banaler ist, z.b. daß Ihnen dieses buch oder diese autorin besonders am herzen liegen und Sie deshalb besonders emfindlich auf vermeintliche kritik reagieren. aber da kann ich natürlich trotzdem auch völlig falsch liegen…
ich habe fertig!
@1704
Logik und Unlogik. Logisch, dass es darauf hinauslaufen würde.
Sie haben natürlich recht, wiewohl zur Logik durchaus befähigt, handle und lebe ich vielfältig dagegen. Das habe ich im Umgang mit Sprache gelernt, da drängen sich solche Un-Möglichkeiten nahzu auf.
Ebenso stimmt es, dass ich Bücher persönlich nehme. Insbesondere solche, die erkennbar auf poetischen Beinen stehen und damit in unlogischem Terrain. Ich erinnere mich aber dunkel, das ich sogar schon einmal Günter Grass gegen ähnliche Unterstellungen „verteidigt“ habe. Und der/dessen Bücher liegt/liegen mir wahrlich nicht „am Herzen“, was immer das sein mag, dieses Herzliegen.
Nicht doch, sie haben nie fertig. ;)
@ Susanne HSB (12. September 2012 ⁓ 11:27)
dann hoffe ich für Sie, daß Sie in Ihrem denken/handeln nicht “ebenso wie die Sprache in nicht unerheblichem Maße allzu leicht ihrer (hierachischen) Grammatik” unterliegen.
‘ich habe fertig’ bezieht sich als abschließende bemerkung auf den kommentar von @Susanne HSB, 11. September 2012 ⁓ 18:18.
kleiner nachtrag: ich frage mich gerade hinsichtlich Ihrer argumentation, wie Sie so eine formulierung wie “Sie haben natürlich recht” oder “Ebenso stimmt es” verstehen, und ich vermute, ‘auf poetischen Beinen stehend und damit in unlogischem Terrain’.
und dunkel ist nicht nur Ihre erinnerung, sondern auch Ihre rede, denn was sind denn nun in aller poetik namen “ähnliche Unterstellungen”?
In der Tat. Sie irren, wenn sie meinen, ich argumentierte.
@ Susanne HSB (12. September 2012 ⁓ 14:00)
idiopathisches wortgeklingel zum erhalt einer kleinen heilen sprechblasenwelt!
@ Hernando (11. September 2012 ⁓ 10:58)
ich habe übersehen, daß Sie auf meine frage geantwortet haben, nämlich so:
“Meine Quelle: Ein ausführliches Interview mit der Leiterin Frau Dr. Katja Blomberg auf Deutschlandradio Kultur.”
da möchte ich Ihnen natürlich gern auch antworten:
Sie nennen eine leider kaum nachprüfbare quelle, aber: wurde denn in diesem interview auch das gesagt, was Sie hier dann indirekt wiedergegeben haben? ich habe da sehr große zweifel, weil sich Katja Blomberg in dieser angelegenheit m.W.n. eher in der richtung geäußert hat, wie es auch auf der seite von ‘Haus am Waldsee nachzulesen ist: “… hat die Künstlerin entschieden, die Ausstellungsfläche leer zu lassen. Da dies ohne jede Mitteilung geschah, können wir ihr Handeln nur spekulativ bewerten. Aus der Entwicklung ihres bisherigen Werkes jedoch lässt sich die extreme Maßnahme herleiten und in die jüngere internationale Kunstgeschichte einordnen.” (http://www.hausamwaldsee.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=21&Itemid=122&lang=de). Sie hingegen haben ja geschrieben: “Kahle Wände, weil die unter Vetrag stehende Künstlerin sich gerade mit dem Bilderverbot im Islam beschäftigt.” (http://www.hauptstadtblog.de/2012/09/05/belesen-werden-rituale-der-literatur/#comment-6839)
wenn Ihre information aus dem interview stammen soll(te), dann werden Sie ja wohl auch in der lage sein, zumindest halbwegs aus dem gedächtnis heraus wiederzugeben, was Katja Blomberg in diesem interview gesagt hat.
“Schade, dass Sie wieder mal nicht widerstehen konnten, sehr umfangreiche Teile meines Links hier reinzuknallen. HSB-User können doch wirklich selbst entscheiden, ob sie klicken und wann und wie sie das Verlinkte rezipieren möchten.”
sicher können die user das, aber: das, was HSB-user können/wollen, und das, was (und wie) 1704 (etwas) wiedergeben möchte, muß ja nicht zwangsläufig identisch sein! zum anderen, diese “sehr umfangreiche Teile” bestanden aus lediglich einem absatz, der zudem recht kurz gefaßt ist. ich denke eher, daß Sie sich echauffieren, weil Ihr link nicht im mindestens wiedergibt, was Sie hier gern behauptet sehen wollen!
sehen Sie es mir nach, daß ich so spät geantwortet habe!