Living Protest

Drei Personen vor einem Zaun schauen auf ein Brachgelände

Der schöne Garten, in dem der “reiche Mann” gerne bauen würde – Foto: h|b

“Stell dir vor du hast einen schönen Garten…”, versucht der Vater seinem Kind zu erklären, was derzeit an der Mühlenstraße in Berlin passiert: “… und dann kommt ein reicher Mann und nimmt dir einfach ein Stück davon weg”. Ja, so einfach kann die Welt für ein Kind sein. Viele andere, überwiegend jüngere Menschen, scheinen es aber ähnlich zu sehen, denn heute nachmittag um 14 Uhr kommen rund 5000 Demonstranten und Mauerschützer an der East-Side-Gallery zusammen, um, tja, um was eigentlich zu tun? Okay, so wie es aussieht, erstmal um Spaß zu haben. Die Sonne scheint, es gibt etwas zu trinken und natürlich Mucke. Genug Gründe um am ersten Frühlingswochenende endlich mal wieder was los zu machen. Auf einer autofreien Mühlenstraße gemütlich zu flanieren, wo sonst der Autoverkehr das Tempo vorgibt, hat auf jeden Fall auch etwas. Die East-Side-Gallery kommt gleicht zweimal so gut zur Geltung. Wenn jetzt noch die parkenden Autos …

Die East-Side-Gallery von der Spreeseite aus gesehen

Ein entferntes Mauerstück, ein weiterer Abbau wurde erstmal durch die Proteste verhindert – Foto: h|b

Aber eigentlich geht es ja um etwas anderes. In Vorbereitung zum Neubau der Brommybrücke, so der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Schulz, muss ein Stück der East-Side-Gallery herausgetrennt werden – insgesamt rund zwanzig Meter – um einen Zugang zu schaffen. Da es eine reine Rad- und Fußgängerbrücke wird, und sogar von der Gruppe “Mediaspree versenken” bereits früher in einem Flyer zum Brückenneubau ohne Probleme thematisiert wurde, kann das den massiven Protest allerdings noch nicht erklären. Um aber auf den Eingangssatz des Vaters zurückzukommen, es soll an dieser Stelle noch ein Haus gebaut werden. Am Spreeufer, genau dort, wo jahrelang mit dem “Oststrand” und dem “Strandgut” die Lieblingsspielplätze aller urbanen und hippen Berliner die Rufe nach “Spreeufer für Alle” ad absurdum geführt haben. Östlich und westlich an den jeweiligen Enden des bereits vollendeten Parks stand und steht man nach wie vor vor einem Zaun, der die beiden Teile des Spreeuferweges unterbricht und dafür sorgte, dass man hier schön unter sich sein konnte. Selbst im Winter, wenn hier nur eine Sandbrache den Platzhalter spielte, gab es kein durchkommen. Wer zum Haupteingang rein wollte – auch hier klafft übrigens seit langem ein breites Loch in der Mauer –  musste oft am Türsteher vorbei.

Demonstrant und Polizist vor der Mauer der East-Side-Gallery - Foto: h|b

Mauerschützer und Ordnungshüter friedlich vereint – Foto: h|b

Nun ist dieses Bauwerk was hier am Ufer entstehen soll, natürlich kein gewöhnliches Haus, sondern wirbt damit, “… direkt am Ufer der Spree zu liegen, umgeben von den spannenden HotSpots Berlin. Eine der spektakulärsten Immobilien unserer Zeit: Kompromisslos, souverän, einzigartig.” Maik Uwe Hinkel, der Investor, sprich “der reiche Mann”, will an dieser Stelle nichts anderes, als “… sich von Konventionen lösen und eine neue Freiheit etablieren”. Wer in den oberen Stockwerken des “Living Levels” diese Freiheit für sich in Anspruch nehmen möchte, sagen wir mal im 175 Quadratmeterloft, um auch über der East-Side-Gallery dem Lärm der Mühlenstraße ungehindert ausgesetzt zu sein, muss dafür vermutlich sehr, sehr tief in die Tasche greifen. Dafür hat er dann natürlich einen unverbaubaren Spreeblick bis weit hinüber nach Kreuzberg. Wer auch immer in der Berliner Verwaltung dieses Bauwerk an dieser kritischen Stelle genehmigt hat, muss sich heute fragen lassen, ob er damals möglicherweise schlicht und ergreifend einen Fehler gemacht hat. Der Investor tut jetzt dass, wofür er dieses Grundstück vermutlich erworben hat: Tatsachen schaffen und bauen. Verdenken kann man es ihm erstmal nicht. Geschäft ist schließlich Geschäft. An dieser exponierten Stelle ist das allerdings möglicherweise ein schlechtes Geschäft, auch wenn dadurch endlich der Spreeuferweg durchgehend von der Oberbaumbrücke bis zum Ostbahnhof begehbar wäre, was ich persönlich sehr begrüßen würde.

Roter Schirm mit Aufschrift vor bunter Mauer

Die Schirmherrschaft gehört dem Volk – Foto: h|b

Zusammengefasst geht es hier also nur vordergründig um das kleine Stück zu versetzende und bunt bemalter Mauer, die in ihrer Funktion als Touristenmagnet sicherlich eine Attraktion darstellt. Ich bin mir aber auch ziemlich sicher, dass die Touristen, wenn sie denn wieder zurück in Tokyo oder Barcelona angekommen sind, und die Bilder betrachten, auf denen sie vor einem bunten Bild abgelichtet wurden, kaum noch wissen, dass sich diese Bilder auf einer Mauer befunden haben. Nein, es geht darum in einem Bezirk der immer nachgefragter und dafür für Investoren interessanter wird, ein Exempel zu statuieren und einem “gierigen” nur auf “Gewinnmaximierung” ausgerichteten Investor sein Spielzeug kaputtzumachen, da man das eigene ja auch nicht mehr hat. Laut Kiezblättchen werden allein in Friedrichshain in den nächsten Jahren 5600 neue Wohnungen gebaut. Viel Raum für Konflikte also, auch außerhalb des Spreeufers.

Ein Teil der Eastside-Gallery in Berlin mit Slogans zur Demo

So wie es aussieht, geht es vielleicht doch um etwas anderes – Foto: h|b

Weitere interessante Informationen zum Thema auch auf den Facebook Seiten des HSB.

10 Kommentare
  1. claudia 3. März 2013 ⁓ 20:39

    „Ich bin mir aber auch ziemlich sicher, dass die Touristen, wenn sie denn wieder zurück in Tokyo oder Barcelona angekommen sind, und die Bilder betrachten, auf denen sie vor einem bunten Bild abgelichtet wurden, kaum noch wissen, dass sich diese Bilder auf einer Mauer befunden haben.”

    Da irrst Du Dich aber gewaltig bzw. unterschätzt das gesellschaftlich politische Interesse der Stadtbesucher m. E.. Wenn dem so wäre, wären diese Touristen sicherlich gar nicht erst zu dem Bauwerk gefahren. Allein bunte Bilder können die nämlich überall in der Stadt haben.

  2. Helen 3. März 2013 ⁓ 21:22

    Ich habe im vergangenen Herbst einen Spaziergang von der Oberbaumbrücke bis zum Ostbahnhof gemacht. dabei bin ich auch ans Spreeufer gekommen. Ja, aber wie ging das? Es waren Löcher in der Mauer und dahinter wurde Ramsch und Trödel verkauft. Weiter Richtung Ostbahnhof waren mehrere Löcher, auch zu Bars, vorhanden. Also, was soll das Gejammer? Sie ist nun mal nicht 1,3 km lang, und zusammenhängend. Scließlich müssen auch Fluchtwege offen gehalten werden, Brandschutz erfordert auch Zufahrten.
    Also was soll das Geschrei?

  3. Hugo aus Schöneberg 3. März 2013 ⁓ 22:00

    Das witzige ist ja,dass die MS Versenker die Initiatoren der Brommybrücke und der damit verbundenen Maueröffnung waren.Gegen die sie jetzt lauthals demonstrieren.Der Bezirk hat den Investor in einem städtebaulichen Vertrag verpflichtet,die Mauer an der Stelle zu öffnen,jetzt schwingt sich Hr.Schulz als Retter der Mauer auf.

    Der oben erwähnte Vater mit seinem “reiche Mann” Geschwafel ist einfach nur peinlich.

  4. inberliner 4. März 2013 ⁓ 10:49

    tja, jeder sollte selbst mal hinterfragen, ob dass Geschrei was da losgetreten wurde wirklich den Tatsachen entspricht, folgender Artikel zu aktuellen Situation der East-Side-Gallery in der TAZ hat mir gut gefallen: http://www.taz.de/!112114/

  5. echte Berlinerin 4. März 2013 ⁓ 17:35

    Warum das Geschrei groß ist? Schon einmal etwas von Gentrifizierung gehört? Schaut euch doch Friedrichshain an: wie viele einheimische Berliner finden dort noch ein zu Hause? Die steigenden Mieten und die zunehmende Kommerzialisierung werden in Zukunft dafür sorgen, dass dort kaum noch ein durchschnittlich verdienender Berliner leben kann. Der Mietspiegel steigt doch durch z.B. diese Luxusbauten, die O2 World oder die Sanierung der S-Bahnhöfe.

  6. Harald (HSB) 4. März 2013 ⁓ 18:42

    Interessant, dass die dem Kommentar hinterlegte Website ein Hostelbetreiber ist. Ein Vertreter der Gruppe, die gerade Friedrichshain mit dieser Art von billigem Rollkoffertourismus überschwemmt. Kann natürlich sein, das dass ein perfider Plan gegen die Gentrifizierung ist, weil wer möchte schon gern dort wohnen und auch noch Steuern zahlen, wo im Sommer nächtelang die Jugend Europas meint, ihre Freiheit auf Kosten der dort lebenden Menschen ausleben zu dürfen. Aber wahrscheinlich sind das ja alles im Sinne der Autorin eh keine “echten” Berliner, daher ist das sicher tolerabel und Einwände dagegen schlicht spießig. Hätten wir das auch geklärt.

  7. Susanne HSB 5. März 2013 ⁓ 21:55

    Und Wowi macht mal wieder auf Chefsache. Klingt irgendwie wie Flughafen.

  8. echteBerlinerin 6. März 2013 ⁓ 16:57

    Also entscheidet jetzt der Link hinter dem Namen über meine Meinung? Ich finde es nicht gut, dass die Regierung sich nicht mehr für die Interessen der Berliner einsetzt. Die Mauer ist natürlich auf der einen Seite eine Touristenattraktion, auf der anderen Seite erinnert sie aber auch an das Schicksal vieler gebürtiger Berliner. Es ist ein Denkmal: das ist wichtig und das sollte man erhalten, aber warum setzt die Regierung sich nicht dafür ein? Na, weil sie unter Umständen später selbst in den Lofts an der Spree wohnen oder arbeiten werden. Daher weht doch der Wind!

  9. sigurd 6. März 2013 ⁓ 20:14

    Stimmt wir sprechen hier über ein Denkmal. Deshalb fand ich eine Rede am Sonntag etwas merkwürdig. Sinngemäß sagte einer der Redner er sei mit seinem Kind da und das wäre noch klein. Aber in einigen Jahren möchte er ihm die Mauer zeigen und erzählen, was da geschah. Entschuldigung, aber die East Side Gallery zeigt alles aber nicht die Schrecken der Teilung und niemand aber auch wirklich niemand der nicht auf Westberliner Seite den Todesstreifen sehen konnte, kann durch die Betrachtung der East Side Gallery nachempfinden, was sich dort einstmals abspielte.

    Richtig, die East Side Gallery soll als Denkmal erhalten bleiben, als Mahnmal ist sie genauso untauglich wie dieses Disneyland am ehemaligen Checkpoint Charlie, aber Mahnmal soll sie ja auch nicht sein.

  10. ostkreuz 11. März 2013 ⁓ 19:03

    ich finde den eifer der diskussion ja leicht übertrieben. habe da mal einen ganz passenden kommentar zum thema gefunden

    http://opahansblog.wordpress.com/2013/03/05/spreeufer-fur-alle/