Sonne im Kiez

Gestern war ein strahlender Tag. Am Morgen schon piepten die Vögel, und der Frühling lag nicht nur in der Luft. Er lag auf der Haut, auf der Netzhaut sogar.  Da draußen ist Berlin und wartet. Im Winter, im monatelangen Kälteschlaf vergesse ich das leider, immer wieder. Im Winter macht Berlin auch keinen Spaß, da ist es einfach nur kalt und voll hier.  All die Menschen, die sich über die überbreiten Bürgersteige zwingen und zwängen, man glaubt es kaum.  An strategischen Engpässen navigiert man sich besser sorgsam durch die Massen, mit Schulterblick bei Überhohlmanövern. Hier in Neukölln zumindest ist das so.

Beim Kaffee lese über Gentrifizierung in Neukölln und die Weserstraße, die mittlerweile von Barcelona bis nach New York ein berühmtes Partyareal sein soll. Das Übliche, man kann es mittlerweile überall finden, in Blogs und Zeitungen, bald wird es die Lifestylemagazine und das Hochglanz-TV erreichen. Wenn das nicht schon längst geschehen ist. Das Fazit: Alles wird teurer, nichts ist mehr schön, wir vertreiben uns selbst, vielleicht aber auch (doch noch) nicht.

Dann gehe ich hinunter auf eben diese Weserstraße, um meinem Motorrad die Batterie zu entnehmen. Es ist Frühling, bald geht es wieder los, und ich will bereit sein. Beim Schrauben mache ich eine ganz eigenartige Alltagserfahrung in Sachen Postgender und lerne: Ich bin ein Mensch, das ist genug. Auch das gehört dazu, zum Berliner Spießertum, zur Weltoffenheit, zur heimischen Multikulti. Das gehört hierher, die ureigene, allein seligmachende Façon.

Auf dem Weg zum Friseur, die Weserstraße hoch, fast bis zum Hermannplatz,  sehe ich zum ersten Mal einen Postkartenständer draußen stehen. Dahinter ein Laden wie in Friedrichshain, Schnickes, Schnackes und Souvenirs. Drei Schritte weiter ein türkischer Späti mit Billardtisch im Hinterzimmer. Frisch eröffnet, den halben Winter wurde dort von Grund auf renoviert. Ein paar Straßen weiter steht jemand in einem Hauseingang und macht Fotos mit einem Apfeltelefon. Vermutlich von einem dieser langsam verfallenden Kleingärten, die  alle paar Meter rund um einen Straßenbaum angelegt werden. Etwas anderes, auch nur halbwegs fotogenes kann ich jedenfalls nicht erkennen. Aber schräg gegenüber steht ein Lokal leer, davor ein Pärchen. What’s that, fragt er. A future bar, antwortet sie. Und wir lachen, alle drei.

Um die Ecke sitzt mein türkischer Friseur auf der Bank vor dem Laden und erwartet mich bereits. Nein, eigentlich telefoniert er und reicht mir nebenbei kurz die Hand. Aber ich bin termingerecht für drei Uhr eingetragen, nur meinen Namen hat man in der letzten Woche am Telefon offensichtlich nicht richtig mitbekommen. Sonne, steht da. Nicht Susanne.

Ich bin also Sonne. Sonne um drei. Und ein Mensch in Neukölln.

1 Kommentar
  1. Plastica 7. März 2013 ⁓ 19:13

    Hier im Rheinland ist es schon so warm, dass sich die Vögel nicht nur das Gefieder vom Körper reißen, sondern das sie auch nackisch wie die sind lieber zu Fuß gehen, als zu fliegen. Pieps!