Halbinsel Stralau

Fotos: Copyright Ute Schirmack, 2013.

Alle Jubeljahre gucke ich nach, wie es an Orten aussieht, an denen ich schon mal war, an die ich aber nicht so häufig komme. Die Halbinsel Stralau ist so einer. Eigentlich ganz nah von mir aus, aber irgendwie hinter der Bahn und dem Damm doch abgelegen. Dafür aber auch ein bisschen im Dornröschenschlaf, mindestens an einem eisigen, aber sonnigen Sonntagnachmittag. Ich wandelte auf der Südspitze herum, besser gesagt, versuchte ich mich per mentaler Beschwörung und Stollenprofilsohlen auf den Eisplatten auf den Wegen zu halten, aber, nun gut, ein bisschen Schwund ist immer dabei.

Irgendwann nach der Wende bin ich auf Stralau herumgewandelt, mit Entdeckerneugier durchs Durcheinander der Veränderung. Davon ist inzwischen natürlich nicht mehr viel zu sehen. So habe ich zum Beispiel damals einen Schröddelweg zum Ufer von der Tunnelstraße aus gefunden. Ich meine, es wäre sogar so eine Art offizieller Minipark oder Ausguck gewesen. Oder ob mir da die Karl-Marx-Erinnerungsstätte im Kopf herumgeistert? Hmm,  ich brauche ein besseres fotografisches Gedächtnis mit Abruf-Funktion. Damit ich in 20 Jahren alles wiederfinde, was es dann nicht mehr gibt.

Heute ist da offenbar eine Art Stralauer Minihafen. Sogar Karten sind überall im Grün aufgestellt und blitzblanke, noch nicht mal von Tags beschmierte oder an den Schrauben angerostete Nabu-Infotafeln zur Stadtnatur zwischen Biber und Stiel-Eiche. Aber es gibt auf Stralau auch keine Chance mehr, irgendwas Unordentliches zu finden. Das Durcheinander aus Fabrikgebäuden, Brachen, Werft, alten Wohnhäusern, ein bisschen Park an der Inselspitze und Kirchenbereich ist längst passé. Ich fürchte, die damaligen Besuche haben in meiner Vor-Fotografie-Zeit stattgefunden, so dass ich noch nicht mal historische Fotos in meinen Beständen finden kann.

Stralau hat sich seit der Wende so was von wohngegendmäßig rausgeputzt. Das Ganze fing damit an, dass die Rummelsburger Bucht beplant und auch bebaut werden sollte im Rahmen der Berliner Olympiabewerbung für das Jahr 2000. Das letzte Mal bin ich vor etwa fünf Jahren im Sommer dort herumgeradelt. Nur den Dornröschenschlaf und die Abwesenheit von Supermärkten und ordentlicher Nahversorgung für die vielen Anwohner und der Endpunkt für den 104er-Bus, der sich vom Brixplatz im Westend durch die ganze Stadt nach Stralau schraubt, die scheinen sich auf der Halbinsel hartnäckig gehalten zu haben.

Die Ärmsten der Armen wohnen auf der Halbinsel Stralau, vor den Toren der Stadt und abgetrennt von der rummeligen Großstadt, gewiss nicht. Nahversorgung dürfte allerdings ein Problem sein und ohne Auto macht Stralau keinen Spaß im Alltag, würde ich sagen. Denn die Busse sehen nicht so aus, als ob sie alle fünf Minuten führen und mit dem Rad wollen Sie auch nicht für eine Tüte Milch über die Stralauer Allee stadteinwärts oder übern Damm nach Lichtenberg rüberradeln. Da verwundert mich nicht und gleichzeitig doch, was ich in der Wikipedia las:

Das Entwicklungsgebiet wurde autoarm geplant, was zu Steuerminderung bei den Baukosten führte. Die Pkw-Quote je Einwohner ist inzwischen höher als der Berliner Durchschnitt.

Wenn man länger dort herumspaziert, hat man nach einer Stunde allerdings ein kleines Problem. Mit einer gepflegten Kaffee-und-Kuchen-Gastlichkeit à la Familien können ihren Kaffee kochen ist leider nichts, zumindest nicht an einem jenseits der Sonne klirrig kalten Frühlingstag. Immerhin gibt’s ein neuzeitliches Klohäuschen auf der Wiese neben der Kirche, was die Mädels unter uns erfreuen wird.

Darauf, meinen Romane-des-19. Jahrhunderts-Lieblingsschriftsteller Theodor Fontane in einem Satz mit ordinären Klos zu verkuppeln, verzichte ich an dieser Stelle. Aber es wäre möglich. Denn Herr Fontane schickt die Ausflugsgesellschaft in seinem Roman L’Adultera ins Wirtshaus Löbbecke, das just in der Nähe des heutigen Klohäuschens damals in echt als Wirtshaus Tübbecke stand. Das und noch Einiges mehr verrät ein interessanter Artikel von Frank Herold aus der Berliner Zeitung vom 4. September 1998, der gerade aus der inzwischen schon wieder großen zeitlichen Distanz einen spannenden Zwischenstand der städtebaulichen Entwicklung wiedergibt. Ich werde im Sommer nachschauen, ob es den Garten der Künstevon Michael Stalherm auf Stralau noch gibt.

Gelegentlich stellt sich das Kraftwerk Klingenberg etwas scifiartig in die Aussicht nach Rummelsburg. So wie die Spree für die Versorgung des Kraftwerks mit Steinkohle aus Schlesien wichtig war, kann man bei einer einfachen Bötchenfahrt in Richtung Köpenick beispielsweise sehr gut nachvollziehen, wie die wachsende Stadt im 19. Jahrhundert vom Wasser erschlossen und über die Wasserstraßen versorgt wurde. Auch da geben übrigens die Ausflugssequenzen bei Fontane, so beispielsweise die zum Eierhäuschen in Der Stechlin auf der Plänterwald-Seite der Spree, zeittypische Einblicke.

Auf die Idee zu einem Wandel auf der Halbinsel Stralau bin ich übrigens durch das Buch Verborgene Orte in Berlin von Axel Klappoth gekommen, das ich unlängst geschenkt bekam. Die Auswahl der Orte ist gut und macht neugierig – einige kenne ich seit Zeitungszeiten, andere überhaupt nicht -, die Texte finde ich etwas tutig, also ein bisschen pseudosachlich-betulich und mir fehlt die auch stilistische persönliche Note jenseits der bloßen Ortsauswahl, dafür sind sie informativ. Die Fotos von Brigitte Proß-Klappoth sind schön und machen Lust aufs Selber-Gucken, könnten aber wiederum teils in besserer Qualität gedruckt sein.

Es lohnt sich also, öfters mal nachzuschauen, was auf Stralau los ist oder vielleicht auch gar nicht ist. Sobald das Leben wieder schnee- und eisplattenfrei ist, werde ich das Fahrrad bemühen und mich erneut auf der Inselspitze tummeln. Den Eingang zum ehedemigen Straßenbahntunnel sowie den Herrn Marx ordentlich suchen und mir den oberen Teil der Insel genauer zu Gemüte führen.

3 Kommentare
  1. Glis glis 28. März 2013 ⁓ 00:28

    Guter Artikel und klasse Fotos. Schön auch der Link zum Berl.-Ztg.-Artikel von 1998. Die Sache mit dem gefluteten Straßenbahntunnel war mir völlig unbekannt; man erfährt doch immer wieder mal was Neues. Habe bei der Gelegenheit mal nachgeschaut, wie viele Spreetunnel es in Berlin eigentlich gibt, man verliert ja leicht den Überblick, wo die U-Bahn überall drunter lang fährt. Erstaunlich, für was es bei Wikipedia so alles Listen gibt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Spreetunnel

  2. Ute 28. März 2013 ⁓ 19:35

    Vielen Dank für den Hinweis auf die ganzen Tunnel. Da gibt’s noch Einiges zu lesen. Und zu entdecken, da, wo man z.B. mit den Berliner Unterwelten hinein kann.