Vorausschau mit Rücksicht
Bernd in Stadtnotizen am 29. Dezember 2005, 20:05 4 Kommentare »
Zu Beginn des Jahres 1966 steht ein Berliner auf Platz Nr. 1 der Hitparade: Drafi Deutscher. Sein Titel „Marmor, Stein und Eisen bricht“ sorgt beim Bayerischen Rundfunk für Unruhe und wird boykottiert. Falsche Grammatik war damals noch ein Stein des Anstoßes. Ob es 2006 in Stoibers Heimat – oder auch in unseren Landen – wieder so tapfere Streiter für korrektes Deutsch geben wird, darf bezweifelt werden.
Vor vierzig Jahren tritt Willy Brandt als Regierender Bürgermeister zurück. Denn er wird Außenminister. Sollte sich unserem Wowi nach einem Wahlsieg im Herbst eine ähnliche Perspektive bieten? Wer weiß?
Im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 schlägt die DFB-Auswahl England mit 4:2, nachdem ein russischer Linienrichter dafür sorgt, daß ein umstrittenes drittes Tor anerkannt wird.
Etwa 161.000 Menschen sind im Jahresdurchschnitt 1966 in der BRD arbeitslos. Drei Mal hin gucken! Ihr lest richtig! Ist diese Zahl heute überhaupt noch glaubhaft? Für das Land des goldenen Sozialismus, die DDR, ist das Phänomen eines arbeitslosen Menschen nicht überliefert.
Vor zwanzig Jahren konnte der Bundeskanzler ein Werk der Nixdorf AG im Wedding eröffnen. Für unsere Bundeskanzlerin sind die Aussichten 2006 wohl nicht so rosig.
Dreissig Jahre ist es her, daß in Berlin die erste Filiale einer amerikanischen Schnell-Imbiß-Kette eröffnet wurde. Wer dazu Restaurant sagt, hat in meinen Augen irgendwas mißverstanden. Im gleichen Jahr wird der Palast der Republik fertig gestellt. 2006 könnte nun den Beweis bringen, was länger währt: Burger oder sozialistische Architektur?
1956 wird das Funkhaus des Rundfunks der DDR in der Nalepastraße eingeweiht. Im nächsten Jahr werden wir erfahren, was in einer kapitalistischen Welt daraus wird.
Vor zehn Jahren war der Papst in Berlin. Auf den Tag genau wird 2006 im Olympiastadion eine andere Messe gelesen: Ukraine – Tunesien. Ob unser Papst dazu seinen Segen gibt?
Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs landet die erste Maschine aus New York in Berlin-Tempelhof. Für 2006 wünschen sich Berliner Unternehmer eine Direktverbindung nach Shanghai. Ob das in Erfüllung geht? Im Augenblick kommt man nur bis Alma Ata!
Und weil ich Silvester bestimmt noch eine gute Fee treffe, habe ich drei Wünsche für 2006 frei:
Ich möchte mehr Leuten mit einem Lächeln im Gesicht auf den Straßen begegnen.
Ich möchte mehr gutes Deutsch hören und lesen – überall.
Den Dritten verrate ich nicht!
4 Kommentare
am 29. Dezember 2005, 22:18 #
Über die Grammatik von Marmor, Stein und Eisen habe ich heute noch gesprochen. Als ich durch das Schöneberger Südgelände stapfte.
(Nur so am Rande: 2006 schlägt Deutschland England 4 zu 2? Woher weißt du? – Ich hab da so eine Ahnung… ;-)
thomas-bremen
am 30. Dezember 2005, 12:39 #
o.k., getz mal für mich, wo genau ist dort falsche grammatik. ich bin gebürtiger sauerländer und fand das immer in ordnung mit der grammatik.
thomas aus bremen
am 30. Dezember 2005, 12:45 #
Oh ja, da hab ich auch lange nachdenken müssen als gebürtige Ruhrpottgöre.
Also, es ist so: ‘Marmor, Stein und Eisen’ ist eine Aufzählung, demzufolge Mehrzahl, ergo müsste es heißen, dass all diese ‘brechen’, nicht aber ‘bricht’.
Klingt für mich aber auch immer noch total richtig in der Liedzeile.
thomas-bremen
am 30. Dezember 2005, 13:30 #
marmor, stein und eisen brechen,
wir müssen unsere liebe rächen,
...
kann mann(deutscher) doch umschreiben…
ne danke für die erklärung.
lese nach möglichkeit täglich.
thomas getz bremen