Familiengeschichten von unterm Schleier
Ute in berichtet am 9. Januar 2006, 00:33 16 Kommentare »
Familientreffen in Bloggistan – nachdem die Mitglieder des Neujahres-Vorleseclans ihre Burkhas abgelegt hatten, wurde es im “Lass uns Freunde bleiben” heute, streng genommen also gestern Abend, so richtig kuschelig. Was sicher an den durch erhebliche Mengen von Menschen in zu wenig Raum erzeugten Temperaturen ebenso lag wie an den herzerwärmenden Geschichten der 13 Vortragenden und Innen. Aber das ist ja immer so, ist der Schleier abgelegt, kommen die gewagtesten Tops und Bekenntnisse zum Vorschein.
Wer hätte geahnt, dass Frau Lyssa ihre studentischen Brötchen durch die Bändigung von Weihnachtsbaumzüchtern und Shropshire-Schafen auf offener Bühne verdienen muss? Ein hartes Los mit Tieren, das Parka Lewis mit ihr und mit Otto, seiner persönlichen Hauselster, teilt.
Harte Männer mit weichen Problemzonen dagegen müssen sich beim Mineralwasserhantelschwingen und Zimmerjoggen nur sich selbst beweisen, wie Herr Mequito zum Besten gab. Hoffen wir, dass das alles nicht mit roter Unterhose quer über der Brust stattfand. Das Leben eines Mannes ist nicht einfach, auch nicht als in diplomatengattinnenkompatibles Tuch gehüllter Bruder der geschätzten Kaltmamsell, die die kunst- und architekturhistorischen Kenntnisse der Anwesenden über die Münchener Innenstadt mit schönstem bayerischem Akzent aufpolierte.
Überhaupt der Dresscode. Vorlesende Blogger und Innen präsentieren sich gern in adäquater Robe ihren Zuhörenden. Frau Wortschnittchen glänzte glückshoroskopgerecht mit Glitzerschal und Wortperlen aus dem Nabelchakra. Oooommm, sage ich da nur und atme tief durch. Ganz in Perlenkette und mit tiefgelegtem Timbre erinnerte Frau Modeste an Familienfeiern in Aspik und Mayonaise. Stilgerecht in Kragen, aber ohne Schlips, bedauerte Don Alphonso den mit “Iris” nicht im Zweitbademantel verbrachten Neujahrsmorgen. Macht nichts, 2007 hat ja wieder einen Neujahrstag im Angebot.
Frau Schwadroneuse berichtete dagegen aus dem Norden von Torfu- und Mozzarella-Ess-Erlebnissen. Herr Bunbury verstand die Welt des Kaninchens gar nicht mehr und Herr Burnster versuchte sich an der Kunst der Pause, trug aber dennoch selbstverfasste Texte vor. Frau Frank, ungekrönte Königin des Milchschaums, setzte beim Vortrag lieber darauf, Annäherungsversuche einer Kollegin nicht zu erwidern. Lieber Don Dahlmann, ich weiß übrigens genau, dass Sie auch gelesen haben, aber mir fällt beim besten Willen nicht mehr ein, worüber. Was eher der nachtschlafenden Stunde als dem Sujet des Textes geschuldet ist, das sei hier ausdrücklich erwähnt.
Gut jedenfalls, dass sich im Gegensatz zu Neujahrstagen manches nicht wiederholen lässt. Der Schmerz um die verlorene erste Liebe zum Beispiel. In Frau Engls Leben scheint es eine Zeit gegeben zu haben, die vom Noch-Nicht-Erfunden-Worden-Sein des Internets profitiert. Ich jedoch freute am heutigen Abend über die Anonymität des Internets, die solch geballte Schaffenskraft und Plauderfreude hervorbringt. Hüllte mich in meine Burkha und entschwand in der eisigen Berliner Nacht gen Kreuzberg und in mein eigenes kleines, unerhebliches Leben.
Bildnachweis: Bei Sabbeljan ausgeliehen. Besten Dank.
16 Kommentare
am 9. Januar 2006, 00:38 #
Herr Dahlmann gab uns doch einen Einblick in die pädagogischen Qualitäten seiner Grundschullehrer an einer katholischen Grundschule.
Aber Respekt Frau Ute! Ich hätte die Texte nicht mehr zusammen bekommen.
am 9. Januar 2006, 00:47 #
Genau!
Dann wollte ich noch anmerken, da es mir ja oblag, die Reisekostenzuschussspenden einzusammeln, dass die Spendenbereitschaft der Zuhörerschaft sehr groß war. Gefühlt wurde viel gegeben. Was letztendlich rausgekommen ist, kann ich nicht sagen.
sven
am 9. Januar 2006, 01:14 #
ach du warst der mann am sammelglas – ich hoffe mein (geschummelter, weil gewechselter) zwanziger wurde noch reichlich getoppt.
danke nochmal für den hinweis hier heute, sonst hätte ich diese schöne lesung sicher verpasst.
am 10. Januar 2006, 09:35 #
Für die Akten: Es handelt sich natürlich nicht um meine Elster. Die Ex-Halter (Otto ist vor einiger Zeit entflogen) wären gewiss empört, wenn ich das behauptet hätte.
am 10. Januar 2006, 09:40 #
Ich danke dem Protokoll für die Ergänzungen. Schade, so eine Hauselster auf der Schulter würde Sie gewiss vorzüglich kleiden! Ohr hört also nur, was Hirn denken und inneres Auge sehen will… Sie haben übrigens eine sehr gute Vortragsstimme, Herr Lewis, fällt mir da gerade noch so ein.
am 10. Januar 2006, 12:22 #
das mit dem milchschaum …
ich bin sehr eigen, was den schaum auf meinem kaffee anbetrifft. nicht zu wenig nicht zu viel, gerade so, dass der zucker drauf hängen bleibt und sich mit der hellbraunen flüssigkeit in meinem mund zu einem ganz eigenen geschmackserlebnis entwickelt.
was ich eigentlich sagen wollte, ich habs gar nicht so mit dem zeug, ich nehme an, zumindest nicht mehr als andere.
am 10. Januar 2006, 12:47 #
Eben! Das ist doch ein schönes Alleinstellungsmerkmal. Frau Frank, eine der ersten Geschichten, die ich von Ihnen las, behandelte die Unfähigkeit, noch allein die Kaffee-Maschine zu bedienen, wenn der Lebensbegleiter und morgendliche Kaffeeebereiter auf Reisen ist.
Ich verknüpfe unweigerlich Milchkaffee, wenn nicht gar Milchschaum mit Ihnen! Auch ich warte auf den Milchschaumführer.