Der Abgesang beginnt

Malte in am 22. August 2005, 21:59   6 Kommentare »

Gaslaterne in Berlin (Foto: may)

Viele Berliner machen es ihr nicht mehr nach, aber Lili Marleen, die einst romantisch-verrucht unter einer Laterne stand, ist noch immer das Symbol für die gasbetriebenen Leuchten der Hauptstadt. Insgesamt knapp 44.000 versehen vor allem im ehemaligen Westteil Berlins ihren Dienst und spenden des Nachts warm schimmerndes Licht. Allerdings wohl nicht mehr lange.

Denn wenn es nach dem Willen der Stadtlicht GmbH, dem privaten Betreiber der Berliner Straßenbeleuchtung, geht, soll innerhalb der nächsten zwei Jahre allen Berliner Gaslaternen (immerhin rund 20% aller Laternen im Stadtgebiet) der Hahn abgedreht werden.

Die Betriebskosten sind allerdings nur ein Argument, das für eine Abschaltung spricht – derzeit belasten die Gaslaternen den Stadtsäckel mit satten 11,5 Mio. Euro, vor allem die Wartungskosten sind unverhältnismäßig hoch. Nach Aussagen der Betreiber könnte man bei einer Umstellung auf elektrisches Licht ca. 70% dieser Kosten einsparen, ohne Verlust von Leuchtkraft auf nächtlichen Straßen.

Gaslaternen brennen in Berlin seit 1826 aber erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts (mit der Erfindung des Glühstrumpfes) haben sie sich über die ganze Stadt ausgebreitet. Doch was damals als bahnbrechende technische Neuerung gefeiert wurde und auch so manchen Technologiesprung (Elektrizität, Leuchtstoffröhren) überlebte, steht nun scheinbar vor einem schleichenden Tod.

Die Umweltverschmutzung ist der eigentliche Killer der Gaslaterne. Um halbwegs brauchbares Licht zu erzeugen, muss die Gasflamme (Verzeihung: der Glühstrumpf) mit einer Leistung von rund 1.000 Watt brennen – und das erzeugt in Berlin jährlich mehr als 40.000 Tonnen des giftigen CO2. Außerdem fallen jedes Jahr zusätzlich ca. 50 Kilogramm schwach radioaktiver Sondermüll an, das Leuchtmittel besteht aus Thoriumoxid. Vom Gasverlust (ca. 700.000 Kubikmeter) durch lecke Leitungen oder vom Wind ausgeblasene Laternen ganz zu schweigen.

Für das Weiterlebenlassen der anheimelnden Lichtspender sprechen jedoch auch sehr gewichtige Gründe. Da wäre einerseits eine überraschend starke Lobby (Unterstützungsschriften sind an gaslicht@gmx.de zu richten), die schon vor drei Jahren ein Abschalten verhindern konnte, andererseits bangt man um den touristischen Reiz, wird doch gerade Berlin mit dem anheimelnd goldenen Licht der Gaslaternen in Verbindung gebracht. Kunststück, leuchten doch in der Stadt mehr als 50% des Restbestandes deutscher Gaslampen.

Zudem dürfte ein Umrüsten der vorhandenen Gaslaternen die Stadt schätzungsweise bis zu 70 Millionen Euro kosten, ein Faktor, den man in Zeiten klammer Haushalte nicht vernachlässigen sollte.

Doch ein Kompromiss scheint sich anzubahnen: So wollen das Bezirksamt Mitte, zuständig für die Stadtbeleuchtung, und der Betreiber keine neuen, modernen Lichtmasten aufstellen – die alten gusseisernen Laternen sollen stehen bleiben, allerdings mit elektrischer Befeuerung.

6 Kommentare

1

[HSB] Matthias

Kann man mit gefärbten Glühbirnen nicht ein ähnliches Licht erzeugen? Oder sind die auch sehr teuer?
2

[HSB] Malte

Man kann, ist wohl auch gar nicht mal teuer, kommt dem Original aber nicht wirklich nahe. Außerdem geht es (vor allem den Lobbyisten) ums Prinzip.

Strom ist böse.
3

Urs Fries

Gaslicht in Berlin

Ich besuche die Stadt Berlin gerne und komme etwa eimal im Jahr. Die Gasleuchten sind eine Besonderheit, auf die ich mich jeweils besonders freue. Es gibt dann eine ausgedehnte nächtliche Radtour oder einen langen Spaziergang!

Mir gefällt das warme Licht und ich schätze sehr, wie die Leuchten in den in den zum Teil recht intakten Strassenzügen des 19. und des 20. Jahrhunderts mit der Architektur, mit der übrigen Möglierung und oft auch mit der alten Pflästerung zusammen harmonieren.

Wenn die Umstellung schon unbedingt sein muss, bevorzuge ich allerdings eine “ehrliche” moderne Lösung mit formschönen Elektroleuchten. Pseudoersatzglühstrumpfbirnchen sind mir – mit Verlaub geschrieben – ein Graus. Sie sind auch keine Neuerfindung. Es gibt sie zum Beispiel seit den Achtziger Jahren in Maastricht Ne.

Also lieber etwas Kreativität, Mut für Neues und Sorgfalt in der Gestaltung.

Noch lieber wäre mir aber der Erhalt dieser mittlerweilen einzigartigen Beleuchtung von Schinkel bis zur Peitschenleuchte!

Mit freundlichen Grüssen

U r s F r i e s

4

neukoelln.twoday.net

Trackback von neukoelln.twoday.net: Revoluzzer und Gaslaternen

Zur Diskussion um die Gaslaternen werfe ich einen literarischen Hut in den Ring der Diskussion. Was wird dann aus dem Gedicht von Erich M

5

tomtom

es gibt mittlerweile für einige unsinnige dinge volksentscheide!!!

das die alten gaslaternen, wie mir scheint, die alten gründerzeithäuser in den nebenstraßen in ganz berlin in ein schwumriges licht hüllen, wie es seinesgleichen sucht, abgeschafft werden sollen, ist mir einen echten protest wert.

wenn auch die beteuerungen, dass die laternen ja nicht abgeschafft werden, sondern nur elektrisiert werden sollen, zwar wie ein kleiner trost erscheinen. dennoch wird sich das licht verändern. hauptargument ist ja nicht die bessere und sicherere beleuchtung, sondern die preiswertere bewirtschaftung. es scheint mir ein echter skandal zu sein, denn die atmosphäre in den straßen wird sich zweifellos verändern. und das nicht zum guten wie ich befürchte. muß denn alles was berlin so lebenswert macht zerstört werden für ein paar groschen? wenn ein volksentscheid sinnvoll ist, dann für die beibehaltung der gasbeleuchtung. hallo….!
ich bin entsetzt und erstaunt, dass wir uns die lebensqualität in der stadt so vermiesen lassen.

politiker verzieht euch in eine ecke damit ich euch nicht finden kann. diese entscheidung finde ich unverzeilich. ein weiterer verrat an berlin. dort wo marlene noch einen koffer zu stehen haben glaubte.
tom

6

Rolf Hölterhoff

Die Entscheidung, Gaslampen gegen elektrische Beleuchtung auszutauschen ist für die dafür verantwortlichen Politiker einfach nur – wieder einmal – Ohrfeigen wert.

Rolf H.

Kommentar schreiben

Kein html! URLs werden automatisch zu Links konvertiert.
Formatierung nur mit Textile: *betont*, _kursiv_ , Zitat: bq. Zitattext. Textile-Hilfe

Hinweise

  • Kommentare werden gelöscht, wenn kein Bezug zum Artikel besteht, der Kommentar ausschließlich Werbezwecken dient, oder Rechte Dritter verletzt werden. Dies gilt auch, wenn der Kommentar Leser oder Autoren beleidigt.
  • Ab drei Links im Kommentar wird dieser moderiert und muss erst freigeschaltet werden.
  • Icons neben dem Kommentar: www.gravatar.com