Gemeiner Osterglocken-Klau
Alex in Stadtnotizen am 25. April 2006, 13:53 Kommentar schreiben »
Bis Mitte vergangener Woche waren sie noch da – die Osterglocken auf dem Mittelstreifen der Martin-Luther-Straße vor meiner Haustür. Welch schöner Vorbote des Frühlings, welch gelungene Überraschung des Gartenbauamtes. In derart österlicher Pracht hab ich den von Platanen gesäumten Grünstreifen noch nicht erleben dürfen. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer, denn schlimmer als die Miniermotte ist nur eine Kreatur: der Mensch.
Am Sonntag, auf dem morgendlichen Heimweg vom Brötchen- und Tulpenkauf, machte mich einer meiner Mitmenschen im direkten Umfeld meines Kiezes dezent darauf aufmerksam, dass ich mir das Tulpenkaufen hätte sparen können. Stand da doch ein kerniger, leicht untersetzter Mann mit Dreitagbart an der Bushaltestelle, in den Händen einen kleinen Strauß wunderschön frischer Osterglocken – und ein Pfund vakuumverpackter Kaffee. Offenbar befand er sich auf dem Weg zu Mutter oder – besser noch – Schwiegermutter und kam dann wohl doch auf die Idee, ein Pfund Kaffe sei kein sehr prickelndes Mitbringsel.
Und plötzlich bemerkte ich es: Der gesamte Mittelstreifen, der noch vor Tagen im gelben Glanz erstrahlte, war plötzlich leergegrast. Und da ich eins und eins – nämlich die Tatsache, dass ich noch nie Schafe auf unserem Mittelstreifen hab grasen sehen und diejenige, dass der Mann einen kleinen, eher unscheinbaren Strauß eben jener Art Blumen, wie sie dort erblühten, in der Hand hielt – zusammenzählen kann, stand für mich sofort fest, dass es sich hier um gemeinen Osterglocken-Klau gehandelt haben muss.
Wie schön, dass mein ebenso gemeines Umfeld an Mitbürgern offenbar nur zum Wochenende auf Besuch fährt, zu dem man anstandsgemäß Blumen mitbringt. Somit hatte ich wenigstens eine knappe Woche meine Freude an dem wunderbaren, wenn auch von Gärtnerhand geplanten Naturschauspiel…