Outdoor-Check: Barock in Brandenburg
Ute in Ausflug am 21. Mai 2006, 13:02 5 Kommentare »
Stadtflucht! Pack die Liebste ein und nüscht wie raus ins Jrüne! Damit der Hauptstädter nun wieder seiner sommerlichen Lieblingsbeschäftigung ordentlich präpariert nachgehen kann, hat das HSB seine Tourismusbeauftragte zum Outdoor-Check ins Brandenburgische ausgesandt. Die Empfehlung des Frühlings 2006 lautet also: Heiraten Sie mal im Stift Neuzelle. Oder lassen Sie sich zumindest dort im Klostergarten in entsprechender Gewandung fotografieren.
Eheentschlossene und Frischestverheiratete in größeren Mengen nahmen beim samstäglichen Ausflugstest am Brunnen auf dem rekonstruierten Barockparterre, im Kreuzgang und vor Kirchentüren Aufstellung. Deshalb habe ich immer noch nicht die Kirchen besichtigt, die dort offenbar im Plural, katholisch und evangelisch, aufzutreten pflegen. Man will ja nicht stören und beim Ablichten des schönsten Tages im Leben unschön durchs Erinnerungsfoto tappern.
Brautpaar-Spotting funktioniert am besten vom strategisch günstigen Platz im Barockparterre aus: Stuhl besetzen vor der Orangerie, Kaffee schlürfen oder Eisbecher löffeln. Sonnenschein. Geradeaus schauen, Brunnen, Blumen und Brautpaare gucken. Kopf nach rechts wenden, mit leichter Untersicht die Kirche oberhalb der Terrassen bewundern. Jawohl, das ist erhabenes Sanssouci-Feeling, mit dem unschlagbaren Vorteil, im Orangerie-Café herumsitzen und sich den Samstagnachmittag versüßen zu können. Kleiner, intimer als beim großen Weltkuturerbe-Bruder in Potsdam, das Ganze natürlich.
Und da die Freiluft-Saison in Neuzelle jetzt eröffnet ist, gibts dort auch wieder den Sommer über Outdoor-Kultur – mit der OperOderSpree, sowie bei den “Sommerklängen” mit Weltmusik von Tango bis Musette.
Weitere Erkenntnisgewinne: Katholische Barockkirche befindet sich in preußisch-reformierter Sandsteppe, weil Neuzelle bis 1815 eine Filiale des Königreichs Sachsen war. Freunden des Bieres ist die Klosterbrauerei wohl ein Begriff. Ich wäre ja eher interessiert an der Verkostung eines Glases “Phoenix” oder “Regent” – immerhin soll es sich bei den 300 Litern Rot- und Weißwein der Neuzeller Klosterwinzer um die Erzeugnisse des drittnördlichsten Weinanbaugebietes Deutschlands handeln, wie mir kolportiert wurde.
Außerdem fliegen in Neuzelle keine Mücken, nur flauschige Pappelpollen durch die Luft. Brautstrauß-Trend des Jahres: Lange mit Perlen verzierte Gräser-Pendel akzentuieren das sehr grün und schlicht gehaltene Gebinde 2006.
5 Kommentare
am 21. Mai 2006, 18:29 #
Als jemand, der einst die gleich neben dem Brandenburger Barockwunder beheimatete Schule (einst NAPOLA, zu meiner Zeit mehr oder weniger profanes deutsch-polnisches Gymnasium) ist mir Neuzelle natürlich sehr ans Herz gewachsen und daher freue ich mich, dass hier so schön darüber berichtet wird.
Die Orangerie war damals (erste Hälfte der 1990er) die Turnhalle und der Klostergarten Bolzplatz und Laufbahn.
Einen Ausflug ist Neuzelle in jedem Fall wert, allerdings an sonnigen Feier- und Wochendtagen schon fast zu überlaufen.
Wenn man sich jedoch in Richtung Freibad/Turnhalle ein wenig entfernt, erreicht man den wunderschönen Fasanenwald, in dem man ganz einzigartig einsam sein kann.
Zum Grenzfluss Oder sind es übers Feld immerhin ein – zwei Kilometer, aber auch da verläuft sich all das Touristische (und findet hoffentlich am Abend wieder heim).
Wer schroffe Gegensätze mag, kann auch ein bis zwei Stunden in die recht unbarocke Vorzeige-Shrinking-City “Eisenhüttenstadt” investieren, wo man in der Kernstadt die steingewordene sozialistische Städtebauutopie in Reinform nacherleben und jenseits des Oder-Spreekanals in den so genannten Wohnkomplexen VI. und VII. Abriss und Rückbau Ost in Aktion beobachten kann.
Dass es keine Mücken (im Moment eher Gnitzen) gibt, ist selbstverständlich nur die Illusion, die ein lockerer Tagesausflug zu vermitteln vermag: die harte Realität sieht ganz anders aus, wie ich aus langen Sommern im Kleingarten berichten muss.
am 21. Mai 2006, 22:34 #
Dabei soll Berlin die Trendstadt schlechthin sein! Aber gut, jetzt hätten wir also den Hochzeitsort, vielleicht sollten wir im Hauptstadtblog eine Spalte mit Kontaktanzeigen anlegen, damit wir viele Hochzeiten arrangieren können!
am 22. Mai 2006, 08:03 #
Oh nein, Ben, bitte nicht die Illusion rauben – soll es nur am Wind gelegen haben, dass mich die Mücken/Gnitzen nicht zerbissen haben?
Ja, das Nachbarstädtchen ist eine Reise wert. Die Schnörkelung an manchen der ersten 50er-Jahre-Bauten könnte man doch beinah als “sozialistischen Barock” bezeichnen, oder? Gibt es nicht Stadtführungen in Eisenhüttenstadt? Da weißt du als bloggender Eingeborener doch bestimmt mehr dazu. Ich will mir “Hütte” unbedingt jenseits vom EKO Stahl noch genauer anschauen. Bin ja schließlich die Tourismusbeauftragte vom HSB… ;-)
Matthias, das ist ein guter Plan. Ich denke da übrigens über Todesanzeigen nach.
am 22. Mai 2006, 15:11 #
In der Tat gibt es momentan im Rahmen des Kulturlandjahres Brandenburg (link) nahezu jedes Wochenende besondere Architektur- und Stadtführungen.
Allerdings konnte ich nirgendwo im Web eine Terminübersicht ermitteln. Ganz sicher mehr weiß aber der Tourismusverein Eisenhüttenstadt (link).
am 22. Mai 2006, 19:47 #
Danke, Ben. Der Tourismusverein EH hat weitergeholfen. Die freundliche Dame hat mir verraten: Es gibt jeden Samstag, 14 Uhr, themenbezogene städtebauliche Führungen. Leider steht’s – noch? – nicht im Internet, ich würde es zu gern verlinken. Also, demnächst im Wohnkomplex IV oder auf dem Kirchturm in Fürstenberg…