An die Ausgetretenen (Und die Ungetauften auch)
Susanne in berichtet am 27. August 2006, 12:57 Leserbriefe
Wie sich inzwischen herausgestellt hat, treffen die in Teil 1 ausführlich geschilderten intensiven Nachforschungsarbeiten der Berlin Kirchensteuerstelle nicht nur ehemalige Mitglieder des besagten Vereins. Vielmehr scheint es sich um eine flächendeckende Ermittlung zu handeln, die letztendlich auf jeden Zugezogenen zweifelsohne irgendwann zukommt. (Wenigstens zwei Fälle sind mir persönlich bekannt.)
Das erste Telefonat
Das nachdrücklich vorgetragene Anliegen der Berliner Kirchensteuerstelle zwingt mich dazu, tief in die Vergangenheit einzutauchen und Nachforschungen in einem Gebiet anzustellen, das ich seit langem nicht mehr betreten habe. Man verschwindet ja nicht ohne Grund in andere Städte, geht nach Berlin sogar, in die Hauptstadt der Verlorenheit. Aber was man auch tut, es holt einen doch immer wieder ein.
Der Stadtkirchenverband der Stadt Essen hat jedoch nicht gerade auf meine Anfrage gewartet. Man versteht mich wohl, habe ich den Eindruck, mag es mir aber auch nicht allzu leicht machen. Die im Internet recherchierte Durchwahl wird nicht bedient, mein Rufen verhallt mehrfach irgendwo im Raum. Unter einer anderen, willkürlich zusammengestellten Nummer wird mir dann aber freundlich erklärt, dass die zuständige Dame nur montags, dienstags, sowie donnerstags und freitags jeweils bis zwölf erreichbar sei. Morgen jedoch wäre es schlecht, da sei sie ausnahmsweise nicht da. Ich solle es einfach danach noch einmal versuchen, dann sei ganz sicher jemand zu erreichen. Natürlich ist gerade Donnerstag.
Das zweite Telefonat
Am Montag spreche ich dann tatsächlich auf Anhieb mit der sehr freundlichen, netten Frau, die nichtsdestotrotz intensiv und konzentriert die Koordinaten meiner damaligen Existenz abfragt. Neben meinem Namen und dem Geburtsdatum verlangt es sie danach, meine damalige Adresse, die seinerzeit zuständige Gemeinde und noch einiges mehr zu erfahren, das sich, wenn überhaupt, in weit abgelegenen Hirnregionen niedergelassen haben mag. Mir ist natürlich längst bewusst, dass die Kirche ein straff organisiertes, grundsätzlich bürokratisches Gebilde ist, allein schon die Größe dieses Vereins mit Zwangsmitgliedschaft lässt darauf schließen. Und das radikale Berliner Vorgehen bezüglich der Zugezogenen sowieso. Es überrascht mich also eher nicht, damit habe ich gerechnet. Doch wir reden hier über die 80er Jahre, ein Land also, das vor zwanzig Jahren verlassen wurde und inzwischen verödet ist. Letztendlich bin ich dann mehr als überrascht, nahezu entsetzt, als mir sogar noch die genaue Bezeichnung der Gemeinde einfällt. Altenessen Nord… usw.
Die Frau am Telefon macht sich ausführliche Notizen und verspricht mir, dass sie sich, sollte sie einen Eintrag über meinen Austritt finden, gleich nach Ostern melden würde. Solange würde es aber vermutlich schon dauern.
Ostern? Das sind nur ein paar Tage, stelle ich erleichtert fest, Karfreitag liegt noch in derselben Woche. Aber Ostern, du lieber Gott, ausgerechnet. Zum Abschied wünschen wir uns also Frohe Ostern, wie peinlich, wo ich doch ausgetreten bin. Und wie doppeldeutig.
Das dritte Telefonat
Es findet ohne meine aktive Beteiligung statt und gewinnt dadurch an theatralischer Nachhaltigkeit. Die nette Frau vom Stadtkirchenverband spricht mir auf das digitale Billigaufnahmegerät, das seit jeher gerne einmal ein paar Buchstaben verschluckt und auf die Art schon so manche Nachricht arg verstümmelt hat. Diese allerdings ist eindeutig, trotz auffälliger Lücken. Außerdem kann ich sie ja mehrfach anhören und im Geiste (des Herrn?) logisch schlüssig ergänzen.
Sie habe mich gefunden, teilt die Frau mir freudig mit, ich sei am 11. August im Luther Haus(?) getauft worden. Von einem Austritt allerdings sei nichts dokumentiert.
Abschließend werde ich freundlicherweise noch ans Amtsgericht verwiesen, die könnten vielleicht Aufzeichnungen über einen möglichen Austritt haben. Ein Satz, der wieder alles offen lässt. Dann wird mir, wie zum Hohn, wie mir scheint, noch ein schöner Tag gewünscht.
Zwischenruf
Es ist erschreckend, aber genau so ist es. Man tritt aus der Kirche aus, aus gutem Grund und wohl überlegt. Und selbige weiß es nicht einmal. Über zwanzig Jahre lang wird keine Notiz davon genommen, dass man sich anders entschieden hat, dass man auf dem Weg ist, zu neuen Ufern, anderen Überzeugungen vielleicht. Pustekuchen! Man bleibt ein Schäfchen, ob schwarz oder weiß, ansonsten gänzlich unbeachtet. Aber brav gezählt natürlich.
Die Anteilnahme im Freundeskreis immerhin ist groß. Parka Lewis berichtet von seiner mit großen Stolz aufbewahrten Austrittbescheinigung, die er folglich unverzüglich der Berliner Steuerbehörde vorweisen konnte, als diese selbstverständlich mit ihrem Anliegen irgendwann auch auf ihn zukamen. Madame Modeste bietet sich erfreut als Enttaufpatin an, ein guter Termin wäre wohl der 11. August. Darüber hinaus erläutert sie mir nebenbei den Sinn und Zweck einer Eidesstattlichen Erklärung. Denn, wie im Vorfeld schon angedeutet, es werden in Berlin auch gänzlich ungetaufte Wesen dazu angehalten, sich an der angeblich ungeklärten Frage ihrer Religionszugehörigkeit abzuarbeiten. Aber: Wo kein Eintritt, da auch kein Austritt! Also was tun? Eine Eidesstattliche Erklärung eben. Man merke sich diesen Begriff, der die hier geschilderte Prozedur wesentlich erleichtert, vor allem abkürzt. Kathleen hingegen stieß in der letzten Woche mit der anderen Seite der Medaille, ihren Austrittsbemühungen nämlich, auf ähnliche absonderliche bürokratische Gegebenheiten.
Es ist ein Kreuz!
Das vierte und das fünfte Telefonat
Um es kurz zu machen, so kurz vor dem Ziel will ich mich nicht mehr auf die Eidesstattliche Erklärung einlassen. Besonders, nachdem ist feststellen musste, dass die Kirche nichts, aber auch rein gar nichts, von meinem Austritt registriert hat. Ich habe schließlich meinen Stolz.
Das Amtsgericht verweist mich unverzüglich an das Bürgeramt. Das Bürgeramt bittet sich ein paar Tage aus, um nachzusehen, und will mir dann den Ausdruck zusenden. So einer zu finden sei. Ich ahne Schreckliches, sage aber nichts weiter dazu. Das Bürgeramt kommt mir erholsam neutral vor, das allein schon stimmt gnädig.
Das Ergebnis
Das Schreiben, das ich wenig später erhalte, umfasst drei Zeilen. Es besagt, dass festgestellt werden konnte, dass ich am 26.08.1985 aus der Kirche ausgetreten bin.
Na also, ist doch ganz einfach.
Nachwort
Zweierlei bleibt allerdings offen. Zum einen überlege ich ernsthaft, noch einmal mit dem Stadtkirchenverband der Stadt Essen in Kontakt zu treten, um diesen davon in Kenntnis zu setzen, dass ich seit über zwanzig Jahren keines ihrer Schäfchen mehr bin.
Zum anderen ist da noch die Sache mit der Enttaufe, vielleicht im nächsten Jahr, 11. August.
10 Kommentare
am 27. August 2006, 13:16 #
Ja, finde ich auch. Vielleicht sogar besser als Geburtstag, den gibt es schließlich jedes Jahr.
am 29. August 2006, 12:56 #
Oh, das ist aber nett. Dann steht der Termin, 11.08.2007? ;-)
Ob man auch die Finanzbehörden und ein paar klerikale Ungeheuer, äh… ungeheuer klerikale Gestalten laden sollte?
BMID-Berlin-Basel
am 1. September 2006, 09:35 #
Als ich 2000 nach Berlin umzog, wusste der liebe Gott von meinem Austritt nichts und verlangte eine Austrittsurkunde des Amtsgerichtes (die ich natürlich nicht mehr hatte)Sie musste unter grossem Aufwand beschafft werden.(Die damalige Kirchengemeinde konnte mir angeblich nicht helfen, ich musste zum Amtsgericht) erst da gab der “Liebe Gott” Ruhe! Als ich 5 Jahre später Patin eines Kindes werden sollte, benötigte ich eine Taufbescheiningung. Komischerweise war da der “Liebe Gott” sofort informiert und mein Kirchenaustrittsdatum war vermerkt. Mit dem Ergebnis, dass ich das Kind noch nicht einmal übers Taufbecken halten durfte, oder als Patin zugelassen war…
Aber sowetwas ähnliches erlebe ich gerade mit der GEZ
auch so eine komische Sekte. Sie haben meine neue Adresse (sogar im Ausland)aber angeblich meine Kündigung nicht erhalten. 35,80 möchte man noch von mir, obwohl ich gekündigt habe.
Nun meine Frage: Reicht da auch eine Eidesstattliche Versicherung oder bin ich dann in Deutschland vorbestraft, wenn ich noch einmal meinen Fuss auf Deutschen Boden setze?
am 1. September 2006, 11:38 #
Oweia, ja, die GEZ ist auch so ein hartnäckiger Verein, der seine Schäfchen nicht in die Freiheit entlassen will. Genaueres weiß ich aber auch nicht. Helfen tut da wohl nur Hartnäckigkeit auf allen Ebenen, eingeschriebene Briefe, vielleicht auch Eidesstattliche Erklärungen, keine Ahnung. Auf jeden Fall dranbleiben.
BMID-Berlin-Basel
am 3. September 2006, 13:06 #
@ HSB Susanne:
Ich habs getan! ;-(
Ich bin weich geworden!
Ich hab gezahlt! Ich schäme mich, aber ich hatte wirklich Angst, dass die “Schweizermacher” in vier Jahren mir auf die Schliche kommen. In Deutschland nachfragen und meine Vergangenheit prüfen. Diesen nervlichen Druck und die vierjährige Ungewissheit hätte ich nicht durchgestanden!
Ich hab mich aufs Fahrrad geschmissen, bin über die Grenze geradelt, habe vom deutschen Konto aus bezahlt und bin sofort in den Aldi rein. Dort habe ich 5 Kilo Fleisch eingekauft und es über die Grenze geschmuggelt. Also genau genommen 4,5 Kilo geschmuggelt. Da hier die Fleischpreise drei mal höher sind, als in der früheren GEZ und Kirchensteuerheimat, hatte ich dann die 35,80 wieder raus. Aber es wurmt mich trotzdem.
am 6. September 2006, 16:22 #
Hilfe, kaum ist meine Steuernummer beantragt, habe ich Post erhalten: “Feststellung der Zugehörigkeit zu einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft”. Das Finanzamt (Kirchensteuerstelle) schreibt, dass meine Kirchenzugehörigkeit bisher nicht hinreichend geklärt werden konnte. Muss ich jetzt zahlen, wenn ich bisher nicht ausgetreten bin?
Stefan S.
am 30. September 2006, 15:23 #
Was ist denn hier los?
Hallo Susanne, schaut hier sonst keiner mehr rein???