Verqueer

Susanne in am 31. August 2006, 18:48   17 Kommentare »

Seit Anfang des Jahres steht fest, wie das seit längerem geplante Denkmal für homosexuelle NS-Opfer aussehen soll. Das norwegisch-dänischen Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset hat mit seinem Entwurf das Rennen gemacht. Geplant ist nun also, dem großen Mahnmal von Peter Eisenman eine einzelne Stele gegenüberzustellen. Anders als bei dem Vorbild soll diese einzelne Stele jedoch an einer Stelle schräg eingeschnitten sein. Durch dieses Loch soll dann ein Video zu sehen sein, in dem zwei Männer sich küssen. (Mehr bei Queer)

Soweit, so gut. Oder? Aber nein, gut gehen konnte das nicht. Natürlich rumorte es schon bald in der Szene.

Was ist mit den Lesben, diese Frage macht seit einiger Zeit die Runde. Was ich einerseits durchaus nachvollziehen kann, andererseits sehe ich natürlich die strittigen Punkte. Und die sind überzeugend, muss ich sagen. Dementsprechend zwiespältig zu betrachten ist wohl auch die Unterschriften-Aktion der Emma, unterstützt von Klaus Wowereit und Hella von Sinnen.

Was ich aber gestern in der Kulturzeit sehen musste, hat mir die Sprache verschlagen. Die beiden Künstler wollen nun – da sie Lesben in ihrer Skulptur keinesfalls ausschließen wollen – das Geschlecht der Küssenden unkenntlich machen.

Wie bitte? Unkenntlich? Und damit allen Sinn und Zusammenhang wegretouchieren? Hä???

Mal eben so in die Regenbogenrunde gefragt: Bin ich eigentlich die einzige, die sich gerade vor Lachen auf dem Boden krümmt?

17 Kommentare

1

Matthias

Im Januar habe ich ja geschrieben, dass es wohl schwierig werden könnte, wenn man die Damen nicht berücksichtigt. War wieder vorhersehbar. Aber scheinbar hat keiner in der Kommission für 5 cent seinen gesunden Menschenverstand verwendet.

Wie wäre es, die Personen regelmäßig zu wechseln?

2

HSB Susanne

Ich bin mir wie gesagt nicht so sicher, ob und wie Lesben vertreten sein sollten. Eine wechselnde Bespielung scheint mir aber eine angemessenere Lösung zu sein, als eine Unkenntlichmachung der Geschlechter. Das ist ja wohl eher eine Art politisch überkorrekter Bocksprung rückwärts ins ganz und gar Bedeutungslose.

Aber spaßig, ich lache immer noch.

3

Paul

Ist das Holocaust Mahnmal nicht für alle? Oder nur für jüdische Opfer? Bekommt jede Opfergruppe ein eigenes Mahnmal. Wenn ich mal so zynisch sein darf, aber wir Deutschen war im Krieg recht gründlich. Wir müßten ja alles mit Mahnmälern vollstellen.

Die jeweiligen Diskussionen im Vorfeld sind ohnehin lächerlich und verlieren irgendwie das Ziel aus den Augen.

4

Matthias

Paul. Genau. Die Regenbogenfraktion ist im großen Mahnmal nicht eingeschlossen. Ebensowenig wie die Sinti und Roma. Und dann gibt es ja noch ein paar Dutzend Gruppierungen die bedacht werden wollen.

5

blrx

Ich glaube, mich an die Diskussion erinnern zu können, dass sogar diejenigen, die als Juden umgebracht wurden, aber gar keine waren, nicht einbegriffen sein sollen.

Videokunst finde ich grundsätzlich unpassend zur Idee eines Denkmals. Mit dem Begriff Denkmal verbinde ich Beständigkeit. Es soll mit Nachdruck und Würde erinnern. Und das ist alles andere als ein Videofilm. Wenn ich allein daran denke, wie schnell typisches elektronischen Equipment seinen Geist aufgibt. Und wahrscheinlich muss man dann in 5 Jahren ein Schild mit dem Sponsor der Stromkosten und Ersatzteile anbringen….

6

HSB Susanne

An Schwierigkeiten mit den elektronischen Komponenten des Denkmals habe ich noch gar nicht gedacht. Auf die Art klärt sich ja die leidige Frage, ob Männlein oder Weiblein knutschen, größtenteils von selbst.

Aber dann hätten wir da eine zusätzliche Stele stehen, einfach nur so. Wie das dann wohl wirkt? Aber nein, ich möchte jetzt auf gar keinen Fall auch noch das künstlerische Konzept an sich in Frage stellen.

7

Germ

Hier ein kleiner Beitrag aus Holland:
Soweit ich gut informiert bin, waren es eher Männer, die unter den Nazis explizit als Homo verfolgt wurden. Es wäre demnach historisch inkorrekt, Lesben unter dem Rosa Dreieck zu subsumieren. Lesbenverfolgung fand unter dem schwarzen Dreieck statt. So betrachtet ist das Monument in dieser Gestalt ohnehin einseitig.

8

antistroebele

germ hat völlig recht. die verfolgung der männlichen homosexuellen stand im dritten reich ganz eindeutig im vordergrund. nichtsdestotrotz sollte man dem von matthias erwähnten irrsinn nicht weiter folgen, für jede opfergruppe ein eigenes denkmal schaffen zu müssen. (mal zynisch weitergefragt: wie kam es eigentlich dazu? wollten die juden nicht ein denkmal mit den schwuppen? gibt es verschiedene klassen von opfern?)

aber auch ich sehe vor allem ein problem mit dem medium selbst. das tape ist zwar ein im richtigen rahmen sehr eindrucksvolles, im vergleich gesehen jedoch das am wenigsten beständige medium der bildenden kunst – mithin für ein denkmal ausgesprochen ungeeignet. man legt einen schalter um… und das denkmal ist futsch.

zumal in der deutschen erinnerungstradition die homosexuellen opfer des ns-regims zumeinst ausgeblendet oder nur am rande berücksichtigt wurden, wäre eine wenige subtile lösung wünschenswert. ich persönlich favourisierte die variante der großen plastischen buchstaben, die das wort “homosexuell” bilden sollten. hier hätte der passant nur durch wortwörtliches wegschauen die möglichkeit der ignoranz gehabt,

9

HSB Susanne

@ Germ
Danke für die Hinweise. Ich hatte ja nur entsprechend verlinkt, weil das nicht der Hauptaugenmerk meines Artikels war. Mit dem rosa Winkel hat das Denkmal selbst aber nichts zu tun. Das ist hier nur die Artikelillustration.

@ all
Das mit dem Tape als Medium an sich wird mir mit zunehmenden Kommentaren immer suspekter, muss ich sagen. Bin mal gespannt, wie sich das weiter entwickelt.

10

antistroebele

daß ich in mancher hinsicht etwas konservativ bin, hat ja meine fangemeinde längst bemerkt. so überrascht es wenig, daß ich mich auch in der bildenen kunst gewissen traditionen verpflichtet fühle.

so sind einfach bestimmte kunstgattungen bestimmten aufgaben zugeordnet. die architektur hat ihre aufgaben, die malerei die ihren und eben auch die bildhauerei. und seit es bildende kunst gibt, ist es regelmäßig und ausschließlich die bildhauerei, die denkmale im engeren sinn schafft. die architektur liefert dafür allenfalls den rahmen, die malerei kann im einzelfall unterstützend fungieren. das denkmal selbst jedoch ist regelmäßig eine plastik oder skulptur. die unbedingte und definitionsmäßige vorgabe von beständigkeit und einem bestimmten maß an öffentlichkeit schließt die tafelmalerei aus. ebenso kann ein denkmal nicht architektonisch sein, weil es keine nutzbarkeit als gebäude aufweisen darf.

wenn also nicht einmal die klassischen gattungen in ihrer viertausendjährigen geschichte in der lage waren, sich den typus des denkmals anzueignen, wie soll ein medium dies leisten, das sich gerade erst als eigene gattung etabliert hat, außerhalb eines streng musealen kontexts als weitgehend unausstellbar gilt und nur von einem höchst kunstbeflissenen und vorgebildeten publikum überhaupt begriffen wird?

11

HSB Susanne

Über die rahmenschaffende Aufgabe der Architektur im Zusammenhang mit Denkmälern vertritt Peter Eisenman sicherlich eine etwas anderer Auffassung. Und ich muss sagen, dass das Ergebnis überaus beeindruckend ist. (Von daher bin ich wohl eher weniger konservativ, was aber vermutlich ebenfalls nicht besonders überraschen mag.)

Eine einzelne Videostele hingegen… ach, ich sag lieber nix. Muss ich dann wohl erstmal sehen, das Ding.

12

antistroebele

peter eisenmans werk ist mitnichten architektur. der einizige architektonische teil ist die unterirdische begegnungsstätte. das stelenfeld mag zwar nicht der klassischen vorstellung von bildhauerei entsprechen, es ist jedoch eindeutig ein werk der plastischen kunst. und dessen charakter als solches entsteht m.e. auch erst aus der seriellen reihung der stelen. über die skulpturale qualität einer einzelnen stele könnte man ohnehin streiten. selbst donald judd würde kaum einen einzelnen quader als skulptur deklarieren.

wenn sich elmgreen/dragset nun beim plastischen moment ihres kunstwerks ohnehin nur eines zitats eisenmans werks bedienen und jene zitation sogar nur einen einzelnen partikel dort herausgreift, ist die sklupturale qualität dieses entwurfs sogar noch weiter geschwächt als ohne den vergleich zum benachbarten denkmal.

ich muß sie enttäuschen, susanne, so leicht können sie ihre progressivität nicht begründen… :-)

13

HSB Susanne

Architektur ist aber in zunehmendem Maße auch plastische Kunst, und zwar nicht erst seit der Erfindung moderner Baustoffe. Gestaltung des öffentlichen Raumes und somit auch Stadtlandschaftsgestaltung gehört ebenfalls seit jeher dazu. Alles eher eine Frage der Betrachtung als der Begründung, denke ich.

Die Armseligkeit einer solchen einzelnen Stele ist mir allerdings schmerzlich bewußt, und die Auswahl dieses, wie Sie richtig sagen, Zitats ist ein Jammer.

14

antistroebele

architektur wies von jeher plastische qualitäten auf und skulpturalen bauschmuck gab es immer. architektur jedoch ist im gegensatz zur plastik nutzbar, schafft innenräume, folgt bestimmten konstruktionsprinzipien. eine reihe einzeln stehender steinblöcke als architektur zu qualifizieren weitet die definition der gattungen jedoch so weit, daß diese obsolet würden – und das ohne not.

die philharmonie mag sklupturale qualitäten haben, ist jedoch eindeutig ein werk der architektur. hingegen das denkmal für die ermordeten juden ist, obwohl von einem architekten geschaffen, keine architektur.

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HSB Susanne

Ornament ist aber doch nicht gleich Skulptur, so geht es ja nun nicht. Und Raum wird auch geschaffen, wenn er nicht innen ist, so mancher Garten zeugt davon. So gesehen steht da mitten in Berlin ein einzigartiger Steingarten.

Doch, ich tendiere nach wie vor zu ‘Architektur’.

(Aber wir schweifen weit vom Thema ab…)

16

antistroebele

abschweifen: in der tat. aber ich fühle mich fachlich herausgefordert.

raum: mag sein. ich aber sprach von innenraum.

steingarten: darauf könnten wir einigen. (unter gewissen prämissen)

ornament: davon schrieb ich nichts.

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HSB Susanne

Ich hatte einfach mal ‘skulpturalen Bauschmuck’ mit ‘Ornament’ gleichgesetzt. Dabei ist mir schon klar, dass etwa die Bestückung von Sakralbauten mit allerlei Figuren nicht zwangsläufig darunter fällt. Die Grenzen sind fließend, wie immer.

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