Kein Zugang für Behinderte!
Linda in Hauptstadtwahl am 17. September 2006, 15:33 28 Kommentare »
Die Rollstuhlfahrer aus meinem Wahlbezirk hatten das Pech: wenn sie heute ihr Wahlrecht ausüben wollten und die Wahlbenachrichtigung vorher nicht sorgfältig studiert haben, dann standen sie vor einem unüberwindlichen Hindernis!
Das Wahllokal im ersten Stock ist nur über hohe Steinstufen zu erreichen. Kein Fahrstuhl, nirgends.
Es gibt in Berlin so viele unsinnige bedeutsame Gesetze und Verordnungen, aber bisher ist niemand auf die Idee gekommen, dass Wahllokale zwingend behindertengerechte Zugänge haben müssen. Was für eine Zumutung!
28 Kommentare
Stefan S.
am 17. September 2006, 15:57 #
Das ist eine Frage der Relation. Wenn in diesem Wahlbüro nur ein Rollstuhlfahrer wählen geht ist es nicht gerechtfertigt, hier einen Fahrstuhl einzubauen. Viel notwendiger ist es, dass alle S-/U-Bahnhöfe für Rollstuhlfahrer und Kinderwagenfahrer erreichbar sind. Als Alternative ein anderes Wahllokal (soweit liegen die nicht auseinander) oder die Briefwahl zu nutzen ist doch keine Zumutung. Für Rollstuglfahrer wird es immer Behinderungen geben, alles Andere ist Luxus.
am 17. September 2006, 16:39 #
Na man kann es übertreiben. Behindertengerechte Wahllokale werden ganz schön teuer für die Wahlen alle paar Jahre. Insbesondere wenn mit der Briefwahl eine äußerst bequeme Alternative zur Verfügung steht. Der Wahlschein weißt sogar Wochen(!) im voraus auf diese Alternative hin.
Ein wenig Kosten/Nutzen sollte man auch hier angedeihen lassen. Auf den ÖVP z.B. sind Rollstuhlfahrer angewiesen, auf das Wahllokal nicht.
Wäre die Sache wirklich so ein Ärgernis dann gäbe es viel mehr öffentlichen Druck und man hätte wohl längst die Wahllokale umgebaut. Aber so wie ich es sehe funktioniert das mit der Briefwahl ganz gut.
am 17. September 2006, 16:50 #
Abgesehen von der Briefwahl: Rollstuhlfahrer dürfen ihre Stimmzettel auch vor dem Wahllokal, im Freien ausfüllen. Das ist sicher nicht ideal. Aber zumindest eine Alternative. In diesem Fall lässt der Rollstuhlfahrer über einen anderen Wähler dem Wahlvorstand seines Wahllokals mitteilen, dass er vor der Tür steht. Ein Mitglied des Vorstands bringt dann das Material nach draußen.
Kevin
am 18. September 2006, 14:46 #
Tummeln sich hier nur die Nichtwähler, die noch nie ein Wahlbüro von innen gesehen haben?
Es ist sicher kein Problem oder gar zuviel verlangt, nur barrierefreie Räume als Wahllokale zu benutzen. Es denkt nur kein Schwein daran, weil Behinderte schon im Kindergartenalter “aussortiert” vom Rest der Menschheit getrennt werden. Hätten wir mehr integrative Einrichtungen, wäre die Notwendigkeit von Rampen und Aufzügen deutlich präsenter.
Kevin
am 18. September 2006, 19:35 #
Bei mir im Wahllokal waren die Wahlkabinen so eng nebeneinander gestellt, da haette nicht mal ein halber Rollstuhl dazwischen gepasst. Von daher nix mit geheimer Wahl bei mir im Wahllokal fuer Gehbehinderte… dann doch lieber die Treppe!
Nein, mal ehrlich. Ich glaube, die Einzigen, die sich ueber solche Dinge aufregen, sind die, die noch zwei gesunde Beine haben. Dem Rollifahrer macht’s in den meisten Faellen sicherlich nichts aus, 20 Meter weiter zu fahren – grade hier in Berlin, wo Wahllokal an Wahllokal angrenzt. Und andererseits gibt es mit der Briefwahl auch eine bequeme Alternative, die jedermann benutzen kann, wenn er denn moechte!
Barrierefreiheit in allen Ehren, ehrlich! Behindertengerechte Einrichtungen jeglicher Art tragen sicherlich zur Mobilitaet vieler bei und verbessern deren Lebenssituation betraechtlich. Aber man kann’s auch uebertreiben und einen Ort, den man alle paar Jahre mal aufsuchen kann/muss, den man durch andere Moeglichkeiten umgehen oder wechseln kann, den zaehle ich zu den Uebertreibungen.
am 18. September 2006, 22:16 #
Traurig, wie viele hier von einem Luxusproblem sprechen oder gar vermuten, es würde Rollstuhlfahrer sicherlich nicht stören, Briefwahl zu machen oder zu beantragen, in einem anderen Wahllokal wählen zu können. Doch, das stört mich und ich kenne viele andere, die es auch stört.
Wählen ist eines der wichtigesten Bürgerrechte in einer funktionierenden Demokratie und steht auch gehbehinderten Wählern (es geht nämlich nicht nur um die Rollstuhlfahrer!) zu. Und viele möchten keine Briefwahl machen. Briefwahl ist eine Option für die Bürger, der Staat kann nicht behinderte Wähler auf Briefwahl verweisen, so lange nicht alle anderen auch Briefwahl machen. Und wer einmal mit einem Wahlschein in ein anderes Wahllokal musste, der kann erzählen, wie “routiniert” sowas geht: Man steht nicht auf der Wählerliste, es wird rumtelefoniert und letztendlich verlässt man das Wahllokal mit dem Gefühl nicht sicher sein zu können, dass die Stimme mitgezählt wird, weil Wahlhelfer x Bestimmung y nicht kennt.
Wahllokale werden nicht extra gebaut, sondern werden zu jeder Wahl ausgesucht. Meist sind es Schulen etc. Dann muss man halt die Schule A statt B aussuchen und sich mal nach Alternativen umsehen. Aber dafür benötigt man eben ein wenig Organisationstalent und weniger Barrieren in den Köpfen. Die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft fängt bei den Wahlen an und hört beim Schulbesuch lange nicht auf.
am 19. September 2006, 00:23 #
Es entsetzt mich, wie hier über eine Gruppe von Menschen gedacht wird. Sind wir denn wirklich wieder so weit?
Wahllokale sind öffentliche Gebäude. Dass diese nicht barrierefrei sind, spiegelt meiner Ansicht nach hervorragend wieder, in welchem Zustand sich unsere Gesellschaft befindet. Menschen mit Benachteiligungen dadurch zu beleidigen, dass ihre Probleme, ganz normal in der Gesellschaft behandelt zu werden, als Luxus angesehen werden, ist eine krasse Sache. Wenn man nicht bei den Kleinigkeiten anfängt, dann werden behinderte Menschen immer Sonderfälle bleiben. Sonderwahllokale, Sonderbusse, Sonderschulen, Sondermüll, bloß weg damit. Es fängt bei den kleinen Dingen an. Behinderte Menschen durchzufüttern kann auch teuer sein. Wenn man so anfängt, sind wir bald an einem Punkt, wo niemand mehr hin möchte, auch nicht stefan s. und alle anderen, die ihm hier zugestimt haben, vermute ich mal.
Noch einmal: Wahllokale sind in der Regel öffentliche Gebäude. Wenn alle öffentlichen Gebäude für Menschen mit Geheinschränkungen zugänglich wären, womit ein Leben mitten in der Gesellschaft erleichtert würde, dann bräuchten wir diese Debatte nicht zu führen. Man sollte sich also grundsätzlich für den Zugang zu öffentlichen Gebäuden einsetzen. Solange wir das nicht tun, solange wir es zulassen, dass behinderte Menschen aus Kosten- oder anderen Gründen ausgegrenzt werden, solange können wir keine Veränderung erwarten. Eingliederung, Integration, das alles beginnt mit Kleinigkeiten, wie einem Barrierefreien Wahllokal beispielsweise. Oder noch früher, im Kopf. Solange es für Menschen vorstellbar ist, dass Rollstuhlfahrer ohne Geheimnis wählen müssen, solange es vorstellbar ist, dass blinde Menschen kein öffentliches Schwimmbad besuchen dürfen, solange es vorstellbar ist, dass wichtige oder interessante Sendungen im Fernsehen nicht in Gebärdensprache gedolmetscht werden, solange es vorstellbar ist, dass wichtige Texte nicht in einfacher Sprache geschrieben sind, solange wird sich nichts ändern. Und ja, auch dieser Text ist nicht in einfacher Sprache geschrieben, weil ich es noch nicht gelernt habe.
Ulrike Michels
am 19. September 2006, 14:53 #
Ja aber natürlich kann ich auf der Stufe wählen. Ich kann es auch im Regen, vor der Tür. Notfalls auch unsichtbar per Brief, wo dann wieder eine ach-so-Behinderte weniger “auffällt”.
Ich kann auch im Restaurant nebens Klo auf den Katzenplatz gesetzt werden, ich kann auch gar nicht bedient werden – Essen gibts auch Zuhause. Wieder unsichtbar.
Klar, ich kann auch Ämtergänge vor dem Haus wahrnehmen, weils keinen Zutritt für mich bietet. Ich kann auch ärztliche Behandlung im Treppenhaus in Anspruch nehmen, weil ich nicht in die Praxis komme.
Alles möglich. Alles ganz toll, wenn man “Behinderte” als Drittklassige Sonder-Menschen aus-sondern will.
Offensichtlich ist das von vielen gewollt.
am 20. September 2006, 14:45 #
”...Nein, mal ehrlich. Ich glaube, die Einzigen, die sich ueber solche Dinge aufregen, sind die, die noch zwei gesunde Beine haben.”
na, mike, dann frohlocke und jauchze schon mal: ich schweige fortan.
“That which is not slightly distorted lacks sensible appeal, from which it follows that irregularity—that is to say, the unexpected, surprise and astonishment—is an essential part and characteristic of beauty.”
Charles Baudelaire
Alexander Drewes
am 20. September 2006, 16:12 #
Was viel mehr aufmerken lässt als das Dummgeseiere im Hinblick auf die vorgebliche “Luxus”-Problematik ist die Degradierung von Menschen mit Behinderung zu Wählern eigener Kategorie, will heißen, geht es nach den “Luxus”-Argumentierern, zweiter Klasse.
Es erscheint überhaupt nicht nachvollziehbar, weshalb Barrierefreiheit nicht in einem für die Demokratie grundlegenden Bereich komplett durchexerziert werden soll. Das Recht zu wählen ist eben ein Jedermann-Recht, es ist nicht einsichtlich, dass jemand nur deshalb, weil er bestimmte Barrieren nicht über”schreiten” kann, von der freien, gleichen, unmittelbaren Wahl ausgeschlossen bleiben soll. Dass Briefwahl regelmäßig die “geheimere” Wahl sein soll, hängt evident davon ab, wie zuverlässig der entsprechende Wahlvorstand funktioniert. Wenn Menschen wegen ihrer Behinderung von Verfassungs wegen nicht benachteiligt werden dürfen, entsprechende Regelungen sowohl in einem Bundes- als auch (auch in Berlin) in Landesgesetzen Gültigkeit erlangt haben, ist es schlichtweg undemokratisch, diesem Personenkreis zwangsweise ein Wahlverfahren aufzubürden, das ggf. gar nicht gewollt ist. Aber es lässt sich – natürlich – in Zeiten leerer öffentlicher Kassen darüber paraphrasieren, “was das wieder alles kostet”. Denken kostet auch nichts, tut aber manchmal – offensichtlich – verdammt weh.
Stefan S.
am 20. September 2006, 23:21 #
Oh, oh, oh; potentielle Wahllokale gibt es also wie Sand am Meer. Wir können doch die Kneipe an der Ecke zum Wahllokal erklären und dem Wirt einen Verdienstausfall für den Sonntag Zahlen. Bitte nicht falsch verstehen, ich unterstütze jeden Ansatz der es behinderten Menschen in unserer Gesellschaft leichter macht, bin aber soviel Realist um zu erkennen, dass nicht alles möglich ist.
In mein Wahllokal waren genau 1000 Wahlberechtigte registriert, bei einer Wahlbeteiligung zw. 50% und 60% bin ich eher über diesen Luxus verwundert, da sitzen 4 oder mehr Bürger den ganzen Tag in einem Zimmer rum und bewachen 2 Wahlkabinen, nur damit 480 Bürger ihr Recht wahrnehmen können. Im Raum nebenan war dann noch ein Wahllokal.
Der Bürger, auch der behinderte, muss bei der Wahrnehmung seiner Rechte auch selber aktiv werden. Ich würde auch wählen gehen wenn das Wahllokal nicht vor meiner Haustür liegen würde.
am 20. September 2006, 23:37 #
@Stefan: Natürlich kann und sollte man auch wählen gehen, wenn das Wahllokal nicht vor der eigenen Tüpr liegt. Und natürlich sollte Jeder aktiv werden, also zur Wahl hingehen. Es geht auch nicht darum, jedes Gebäude zu einem Wahllokal zu machen. Scheint so, als ob Nichtbetroffenheit mal den Blick vernebelt, was? – Ich zum Beispiel habe von öffentlichen Gebäuden gesprochen, die schon mal per se barrierefrei sein sollten. Dann könnte man sich die blöde Debatte über einmal alle vier Jahre für einen Rollstuhlfahrer sparen.
Die Frage ist viel grundlegender: Will man Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft haben oder nicht. Hier geht es nicht in erster Linie um das Wahlrecht. Denn wenn man sie in der Geselschaft haben will, dann hat man nichts dagegen, dass öffentliche Gebäude allgemein, die man dann auch noch als Wahllokale verwendet, langsam aber sicher barierefrei umgerüstet werden.
Ausführlicher habe ich das in meinem Blog geschrieben, möchte hier nicht alles vollschreiben.
Stefan S.
am 21. September 2006, 00:01 #
An alle Träumer
Ich stimme euren Wünschen und Vorstellungen absolut zu, für mich sind das aber eher weite Ziele als gegenwärtig umsetzbare Aufgaben. Selbstverständlich sollten (und werden auch) alle öffentlichen Neubauten (ja die gibt es noch) behindertengerecht gebaut werden. Die 2501 Berliner Wahllokale werden in bestehenden Einrichtungen untergebracht, das diese auch noch barrierefrei erreichbar sein sollen ist zu viel verlang. Berlin hat über 60 Mrd. EUR Schulden und es wird überall gespart, wo soll das Geld herkommen zur Verbesserung aller Wahllokale?
Behinderte sind keine Menschen 2. Klasse und auch keine Sonderlinge, sie sind aber aufgrund körperlicher Einschränkungen im täglichen Alltag “behindert”.
am 21. September 2006, 19:39 #
An alle Nichtträumer (also Stefan S. und so)
Sagt euch das was?
Artikel 1
Menschenwürde; Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt]
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Artikel 3
[Gleichheit vor dem Gesetz; Gleichberechtigung von Männern und Frauen; Diskriminierungsverbote
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Wer mit der deutschen Verfassung nicht einverstanden ist, also eben gerade gemeckert hat, der kann gehen oder sollte für immer schweigen, wenn sich jemand über mangelnde Barrierefreiheit aufregt.
Ich hoffe damit sind alle Klarheiten beseitigt.
Stefan S.
am 21. September 2006, 22:29 #
Uff, das sind starke Argumente, und dann gleich die Grundrechte. Im Gegensatz zu den anderen Rechten sind diese historisch begründet, müssen ohne Einschränkung gewährt werden und dürfen nicht von der Kassenlage abhängig sein.
Eine Barrierefreiheit (in Wahllokalen) würde ich nicht vom Grundgesetz ableiten. Wenn das so wäre, müsste nur ein behinderter Bürger sein Recht einfordern und der Staat müsste alle Barrieren abschaffen. Die Möglichkeit der Briefwahl erfüllt die Nichtbenachteiligung, jeder hat irgendwie die Gelegenheit seine Stimme abzugeben. Nur weil einer nicht alle Optionen nutzen kann, ist er nicht gleich benachteiligt.
Mit dem deutschen Grundgesetz (wir haben keine Verfassung) und den Grundrechten sollte man nicht so um sich werfen!
am 21. September 2006, 23:19 #
@stefan: Warum versuchen wir nicht, das ganze auf eine sachliche Ebene zu heben? Ich will noch mal einen Vesuch machen, ohne gleich als Träumer diffamiert zu werden, obwohl es für mich eher ein Lob ist, denn die Träumer sind die ersten, ohne sie würde sich nie etwas bewegen, sie müssen die Anstöße geben. Trotzdem: Sachliche Ebene!
1. Es ist vollkommen klar, dass heutzutage nicht alle Gebäude barrierefrei erreichbar sind. Ziel sollte die mittelfristige Umsetzung der architektonischen Barrierefreiheit im öffentlichen Bereich sein. Dazu gibt es auch gesetzliche Verpflichtungen.
2. Das Wahlrecht ist ein Grundrecht. Auch behinderte Menschen müssen in der Lage sein, dieses Recht ohne wesentliche Einschränkungen wahrnehmen zu dürfen. Dieses ist durch mehrere Maßnahmen weitestgehend erreichbar:
a) Gedankenlosigkeit abschalten und Wahllokale von vorneherein weitestgehend in Gebäuden einrichten, die zugänglich sind. und:
b) Wo a) nicht möglich ist, provisorische Lösungen für diesen Tag schaffen, beispielsweise provisorische Rampen bei Gebäuden, die über eine oder zwei hohe Stufen erreichbar sind.
c) Und nur, wenn es absolut unumgänglich ist, dass das Wahllokal in einem Stock liegen muss, der nicht erreichbar ist, und wenn es kein barrierefreies Gebäude in der Nähe gibt, das nutzbar ist, sollte man Briefwahl als Möglichkeit einbeziehen. Das kann ich mir aber nur in höchst ländlichen Gebieten vorstellen. Es lassen sich nämlich meistens Lösungen finden, wo der gute Wille da ist. Und zu aller Beruhigung meine ich jetzt Lösungen, die keine Millionen kosten.
3. Es ist vollkommen klar, dass man nicht wegen eines Wahltages und eines Rollstuhlfahrers ein Wahllokalgebäude umbauen muss. Es ist schlimm, dass es Menschen gibt, die einen für so doof halten, dass man das noch erwähnen muss. Niemandem von uns ging es darum, ein Gebäude nur für diesen Tag umzurüsten.
Das Problem ist ein mangelndes Bewusstsein. Siehe Internetseiten: Nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und der aus seinem Paragraphen 11 resultierenden Barrierefreie Informationstechnikverordnung (BITV) hätten alle Bundesbehörden bis ende 2005 ihre Internetauftritte barrierefrei umrüsten müssen. Bis jetzt haben es 20 % einigermaßen hinbekommen. Super, was? Gedankenlosigkeit ist das Problem, mangelnde Umsetzungsbereitschaft. Und was ist das Argument: Immer und immer wieder die Kosten. Die Kosten hindern Menschen daran, die fundamentalsten Dinge tun zu können, die andere Menschen ganz selbstverständlich tun. Im Internet beispielsweise sich informieren. Und wie heißt es so schön im Grundgesetz in Artikel 5: “Jeder hat das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen frei zu informieren.” Ich hoffe, mehr muss ich nicht sagen.
Stefan S.
am 22. September 2006, 00:11 #
Hallo Jens Bertrams,
das mit dem Träumer war durchaus positiv gemeint, man muss als Mensch und Gesellschaft Ziele haben die angestrebt werden.
Ich gebe zu, dass ich als Nichtbetroffener eine andere Sichtweise auf die Probleme habe. In meiner Umgebung gibt es nur Altbauten bei denen der Keller immer irgendwie einen Meter aus dem Boden ragt, bei Wahlen nutzt man genau diesen Bestand. Es gibt einfach keine flachen Gebäude.
Rathaus, Ämter und Ärzte sind durch Zusatzbauten oft barrierefrei zu erreichen. Ich würde dann den ÖPNV als wichtigsten Bereich benennen, hier gibt es einfach keine Alternativen. Ich stimme Ihrer Sichtweise zu; die Wahllokale haben allerdings bei mir eine eher geringe Priorität.
Zu 2a kann ich nur sagen, dass ich es mir nicht vorstellen kann, dass man in Deutschland eine provisorische Rampe baut um den Zugang zu ermöglichen (viel zu gefährlich). Wenn eine gebaut wird, dann richtig.
Das mit dem Bewusstsein kann ich nicht nachvollziehen, wenn es Gesetze und Verordnungen gibt, zeigt das doch wie bewusst uns die Probleme sind. Es mangelt an der Umsetzung.
Zu den Kosten werde ich hier sicherheitshalber nichts mehr schreiben.
am 22. September 2006, 09:31 #
Hallo Stefan,
Bleibt eigentlich nur noch die Frage des Bewusstseins. Glauben Sie mir: Gesetze und Verordnungen, die durch eine gewisse Lobbyarbeit erreicht wurden, bedeuten noch lange keine Veränderung im Bewusstsein der Menschen. Manchmal sogar im Gegenteil: “Wir haben doch alles geregelt, jetzt lasst uns damit in ruhe”, ist gerade von Politikern ein viel gehörtes Wort, und das sage ich durchaus aus eigener Erfahrung als Lobbyarbeiter im Behindertenwesen.
Umsetzung krankt an mangelndem Problembewusstsein und an, da stimme ich Ihnen zu, Angst vor praktischen Lösungen.
Ich habe allerdings hier in Deutschland schon positive Lösungen erlebt. Das marburger Rathaus war lange nicht barrierefrei zu erreichen, es handelt sich um einen historischen Bau, wo Eingriffe schwierig waren. Man hat es zu bestimmten anlässen mit einer provisorischen Rampe gemacht, bis eine Gesamtlösung gefunden war, die auch noch funktioniert. Es geht, man darf nur nicht nachlassen, darauf zu drängen, das Problem ins Bewusstsein der tatsächlich handelnden Personen zu rufen. Nicht das Bewusstsein der regelerstellenden Beamten ineinem federführenden Bundesministerium ist gemeint, sondern das Bewusstsein des Menschen, der vor Ort die Verantwortung trägt.
Grüße
Jens Bertrams
Stefan S.
am 3. Oktober 2006, 19:50 #
Der Bahnhof Wollankstraße hat jetzt einen Fahrstuhl bekommen und ist dadurch auch für RollstuhlfahrerInnen und KinderwagenschieberInnen erreichbar. Ein kleiner Schritt, aber immerhin.
Anna
am 10. Oktober 2006, 14:11 #
Ich habe eure Diskussion mit Interesse gelesen.
Eindeutig sehen es hier alle im Grunde ein, dass Behinderte keine Menschen 2., 3. oder sonstwelcher Klasse sind sondern genauso gleichberechtigt sein sollten wie jeder andere auch.
Das freut mich.
Ich bin gespannt, wann ihr versteht was eine Behinderung eigentlich ist. Das wird euch nämlich mit großer Wahrscheinlichkeit selber passieren! Ich rede vom Altern.
Behindert ist man, wenn man nicht “der Norm” entspricht. Dann ist man einer Minderheit zugehörig (das bringt das so mit sich wenn man nicht mehr zum Gros der “Normalen” gehört) und es passiert schnell, dass die Probleme der “Anderen” auf einmal die eigenen werden.
Warum gehen alte Menschen gerne kurze Wege? Warum haben sie einen Rentnerferrari? Warum hört sich der Mann im Warteraum an wie eine einfahrende Dampflok obwohl er sein ganzes Leben nicht geraucht hat?
Behindert ist man nicht. Man wird behindert gemacht.
brauner71
am 5. September 2007, 17:52 #
Nun muss ich mich auch mal äussern, ansonsten lese ich eigentlich nur diese Seite. Es amüsiert mich köstlich wie hier einige Menschen (sicher wollen sie Persönlichkeiten genannt werden) hier ihre Weltanschauubgen zum Besten geben. Man-man, bleibt auf dem Teppich! Wo endet bloss eure Kritik? Wir schaffen die Bordsteinkanten ab, weil Alte nicht darüberkommen? Wir verbieten per Gesetz die Gullydeckel (mir doch sch…egal wohin das Wasser abläuft) da Rennradfahrer, welche ja auch eigenständige Persönlichkeiten sind, mit ihren schmalen Rädern stürzen könnten?
Ich denke, eher eine gewisse Flexibilität unter uns allen entschärft vieles. Den Tip mit dem Bitten die Wahlurne nach unten zu bringen finde ich richtig pfiffig. Einfach, kostengünstig und es stärkt zwischenmenschliche Beziehungen in dieser Ego_Stadt!
Ps: bevor Kritik kommt; ich rede hier nicht über wichtige Dinge wie Fahrstühle an wichtigen öffentlichen Einrichtungen oder Ampeln für Blinde.
Andrea
am 5. September 2007, 20:17 #
…wer reist schon zu den paralympics –
es gibt doch fernsehen, nicht wahr?!
und ja, die menschen werden behindert gemacht.
am 13. Januar 2008, 02:25 #
Man, man, man! Zum Glück bin ick kein Berliner (nur nebenbei)
Aber ich bin seit 8 Jahren 100% körperbehindert und auf eine ständige Gehhilfe bzw. einen Rollstuhl angewiesen. Es muß für jeden denkenden Menschen logiscch sein das Behinderte nicht zusätzlich behindert werden dürfen!!! Ansonsten seid ihr abartige Rassisten…. Das Ziel egal wo “Gleichberechtigung für alle!” (Grundrechte eben). Finanzielle Sorgen dürfen die Grundrechte nicht stören!!!!
So viel zum Denkprozess…..
Im richtigen Leben spielt Geld natürlich eine Rolle. Aber der Punkt ist “Wo ein Wille da ein Weg!”
Mir als Rollstuhlfahrer und mitdenkender Bürger ist es doch klar das die Kommunen überlastet sind und es nicht geregelt bekommen das alles barrierefrei ist. DAS IS JA AUCH VOLLKOMMEN OK!
Wenn es vorher ordentlich bekanntgegeben wird und alternativen geschaffen werden ist das prima (die Briefwahl allein ist nicht genug!) Ob ein Wahllokal näher oder weiter weg ist, egal, hauptsache Rollstuhl gängig!
Ich hoffe das hat jeder Verstanden.