Zählliste
Günter in Hauptstadtwahl am 17. September 2006, 16:57 3 Kommentare »
Erstwahlhelfer-Erfahrungen, 4. Teil
Es gibt keine Umschläge.
So viel vorweg. Jetzt aber zur alles entscheidenden Frage des Erstwahlhelfers: Kann man an der Wähler-Wade erkennen, was der Wadenbesitzer wählt? Die Fußballer-Wade zum Beispiel, die mit den Kinderbeinchen. Schwarze Kniestrümpfe. CDU? Unwahrscheinlich. Nicht nur, weil das Wahllokal im Prenzlauer Berg liegt. Der Erstwahlhelfer kennt ja auch den Oberkörper dazu. Und der sieht aus wie Grüne. Ja, Grüne oder SPD vielleicht.
Aber von vorn: Im Wahllokal 202 herrschte heute morgen um 7 Uhr helle Aufregung: Zwar war in den Räumen der Thomas-Mann-Schule schon alles bezugsfertig aufgebaut. So ganz glücklich war unser Wahlleiter über die Zusammenstellung aber nicht. Also die Wahlkabinen an die andere Wand, die Tische auf die andere Seite, die Wahlurne verschoben. Das ganze ungefähr drei Mal hin und her, bis – kein Witz – alles wieder genau so war wie am Anfang.
Als hätte ich es gewusst (siehe Teil 2) war auch die Beflaggung gar nicht so einfach. Am Ende hatten wir in dem langgezogenen Raum, der insgesamt drei Wahllokale beherbergte, drei verschiedene Varianten, wie man die Fahnen aufhängt: Das Lokal vom Major nebenan (so nennen wir den kahlköpfigen Vorsteher mit Befehlston und Tarnfarbenhose) nutzte dafür die Wahlkabinen-Front, die anderen klebten die Banner irgendwie mit Tesa an die Wand und wir warfen sie mangels Alternativen einfach über die Trennwand hinter den Kabinen (die eigentlich keine Kabinen sind, sondern nur Tische mit Sichtschutz drauf) – aber natürlich alles in der vorgeschriebenen Reihenfolge und Blickrichtung. Man kann sich vorstellen, wie meine Freundin und ich reagierten, als wir ein paar Stunden später in unserem eigenen Wahllokal die Europa-Flagge zwischen Berlin und Schwarzrotgold hängen sahen – anstatt auf der linken Seite. Eigentlich ein Skandal.
Nach der Aufbaustunde öffnete das Wahllokal pünktlich um acht. Aber die Wähler scherte das nicht besonders. Es kamen nämlich keine. Der erste wurde dann ein paar Minuten später feierlich empfangen. Der Ansturm auf 202 ließ aber auf sich warten – jedenfalls bis zu unserem Schichtende um eins, als gerade mal 140 von rund 800 Wahlberechtigten gewählt hatten, davon nur einer unter 18 Jahren. Unsere Sorge galt fortan ganz der Berliner Wahlbeteiligung.
Und: Es gibt keinen Umschlag. Sicherlich die beliebteste Frage an meinem Arbeitsplatz. Denn ich war nicht nur für die Zählliste verantwortlich, sondern auch – hoho! – für das Anheben des Blattes auf der Wahlurne. “Ja, alles in den selben Topf!!!” Vielen fällt es offenbar schwer, verschiedenfarbige Papiere in denselben Behälter zu werfen. Vermutlich ein Ergebnis der deutschen Mülltrennung.
Bekanntlich ist der Wähler ja ein unbekanntes Wesen. Niemand weiß, was er als nächstes tut. Besonders schwer ist allerdings einzuschätzen, wer zu den Nachklopfern zählt. Das sind jene Wähler, die Sekundenbruchteile nach dem Einwerfen des Stimmzettels noch einmal auf die Urne hauen – ohne Not, weil der schmale Schlund die Blätter längst verschluckt hat. Ob damit dem Wahlvorgang noch einmal besonderer Ausdruck verliehen werden soll? Nach dem Motto: Jede Stimme zählt – und meine doppelt. Viele wählten übrigens tatsächlich für zwei: Schwangere scheint es im Prenzlauer Berg reichlich zu geben.
Beim Major nebenan bekamen wir übrigens so eine Art Promi zu Gesicht. Dort wählte eine Schauspielerin, deren Gesicht man aus “Verliebt in Berlin” kennt, deren Namen man aber nachschlagen muss: Stefanie Höner. Nicht nachschlagen mussten wir hingegen den Namen Wowereit, der zwar auf keiner unserer Stimmzettel auftaucht, aber trotzdem von vielen gewählt werden will. Damit die Enttäuschung nicht allzu groß ist, versuchen wir in Kürze zu erklären, wie der Regierende Bürgermeister bestimmt wird – nicht immer mit Erfolg: “Also, wo muss ich dann mein Kreuzchen machen, wenn ich Wowi will?” Dann also auf die direkte Weise: Einfach überall Es-Pe-De.
3 Kommentare
am 17. September 2006, 22:08 #
Es kommt darauf an, dass das Wahlgeheimnis gewahrt bleibt. Deshalb sollen Kinder nicht mit in die Kabine, weil sie sich verplappern könnten. Wenn die Kinder ohnehin noch nicht lesen können und/oder bei ihren wählenden Eltern bleiben wollen/sollen/müssen, dann kann man da ein Auge zudrücken – letztlich eine Entscheidung des Wahlvorstands.
Bliss Draven
am 20. September 2006, 13:13 #
ich finds lustig, dass hier das bild der thomas-mann schule gewaelt wurde. ich naemlich besuche auch die thomas-mann schule, allerdings die oberschule und bei uns siehts immer so aus, wie auf dem bild.