Berlin, deine Afterhours
Thomas in Kultur am 5. Dezember 2006, 17:10 6 Kommentare »
Hier, in der Kapitale der digitalen Bohème, der Touristen und Studenten, der Arbeitslosen und Tagelöhner, der Projektjobber, Praktikanten, der Prekären und Verkannten, der Musiker und Künstler: hier gibt es wirklich gar nicht so viele, die Montags morgens zur Arbeit gehen müssen. Wenn doch, spielt man Sonntags Squash, taucht die Füße zum Tatort in heiße Kamille und isst Obst mit Keksen. Die anderen gehen auf die Afterhour.
Afterhours sucht man z.B. in London nahezu vergeblich, die kennen nicht mal das Wort. Hier sind sie fester Bestandteil der Partyszene, wenn nicht sogar ihr Kern. Doch Afterhours erscheinen nicht in Stadtmagazinen oder Travel Guides. Etwas mystisch-geheimnsivolles umweht diese Orte des Exzesses und der Dekadenz, der Entgrenzung und der Hemmungslosigkeit. Und so wie das Fotografieren im Berghain streng verboten ist, wird es auch auf den Afterhours gar nicht gern gesehen.
Dabei konnte man doch so schöne Fotos machen, besonders im Sommer, als in Berlin wieder Flächen zum Open Air Feiern erschlossen wurden. Legendär sind dabei die “Wir sind Park”-Veranstaltungen an verschiedenen Orten, die Patenblau-Parties (absolutes Highlight diesen Sommer: das Stadtfest in einem alten Stahlskelett in der Nähe der Landsberger Allee und der Karneval der Verpeilten. (der fiel dieses Jahr allerdings dem Regen zum Opfer). Und wer diesen Sommer nicht mindestens einmal den Sonnenaufgang in der Bar25 erlebt hat, hat etwas verpasst, ist nicht Teil der Szene, soll gar nicht anfangen, über Berlins Clubkultur zu reden.
Dabei schätze ich, dass nur die Hälfte der Afterhour Gänger wirklich durchmachen. Viele kommen auch frisch und ausgeruht vom Frühstückstisch. Andere schauen Sonntags abends vorbei, um das soziale Netzwerk zu pflegen (gediegenes socializing, event business talk, Verballerte beobachten und klasse Tanzen: Neulich erlebt bei Home Sweet Home)
Noch ein paar Afterhours Tips? Bitte, der Frühschoppen im Steinhaus und die ganzwochenendliche Afterhour im Golden Gate. Und wer nach “Afterhour Berlin” googelt, trifft unweigerlich auf das infamose Kumpelnest3000. Das war schon Afterhour, bevor es den Begriff überhaupt gab.
Sonntags in Berlin heißt nun ein 30minütiger Film über das Leben nach der Party, in der Party. Den Einstieg bildet eine weitere Berliner Sonntags-Institution, die Beatstreet. Unten gibt es einen Trailer, Premiere ist am 15.12.
Um nochmal zum Anfang zurück zu kommen: Natürlich kann man das ganze Wochenende feiern und dann Montag trotzdem zur Arbeit gehen. Gesund ist das aber nicht. Gesund ist auf Afterhours: Ausgeschlafen hingehen, Obst essen, Apfelschorle trinken und viel tanzen. Die anderen werden euch trotzdem lieben. Und zwar sehr.
(Fotos von Patentblau und BerlinFotos bei Flickr; Ergänzungen wie immer nach dem Signalton, liebe feiererfahrene Leser)
6 Kommentare
am 5. Dezember 2006, 22:24 #
mmhh.
der erste Gedanke: Häh?
das erste Gefühl: Bäh..äh…oder doch nicht..tja
die erste Körperreaktion: punktuelles Stirnrunzeln
die zweite Körperreaktion: Durst
der letzte Gedanke: Siehste, das kommt davon wenn man diese Stadt überwiegend BWL-Stundenten aus Baden-Würrtemberg überlässt.
Grinsende Grüße
Stan
Maria
am 7. Dezember 2006, 17:18 #
Au Backe, da war ja einer gut unterwegs.. Immer schön Obst essen, wa?!
am 7. Dezember 2006, 18:32 #
Also, liebe Afterhour-Unwissenden. Wenn ich dort jemals einen BWLer aus BW treffe, dann lade ich den ein. Ist mir nämlich noch nicht untergekommen. Gezeigt wurden mir diese Orte übrigens meistens von.. Berlinern. Jaha, soviel zu Jay und Stan. Berliner können feiern, echt, ich kenne viele, woher kommt also euer Vorurteil, “sowas” sie was für Zugezogene und Berliner würden da nicht hingehen? Nur weil ihr lieber die Füße in Kamille badet?
