Hart verdiente Dollars – Wer kennt schon noch den Genitiv
Ulf in berichtet am 15. April 2007, 14:53 4 Kommentare »
Das Leben als aufstrebender, fernsehbekannter Stand-Up Comedian sieht aufregend und glamourös aus. Geld, Weiber, Schampus bis zum Kammerflimmern. Über Schampus und Geschlechtsverkehr kann ich mich nicht qualifiziert äußern, aber ich weiß, dass der Unglaubliche Heinz seine Euronen hart verdienen muss und eigentlich völlig unterbezahlt ist. Total ausgebeutet. Quasi ein Komödianten-Sklave.
Wieso ich das weiß? Ich habe ihn erleben dürfen. Vor einem Saal voll mit Teenagern. Dummen Teenagern. SEHR dummen Teenagern.
Dieser Text ist keine Kritik an der Show. Den unglaublichen Heinz kann man mögen oder es lassen. Guckt ihn Euch halt selbst an. Häufig bei Nightwash oder dem Quatsch Comedy Club. Oder ihr geht selber zu einer Show und kauft die teuersten Karten. Wer ihn mag oder wieso nicht, ist nicht der springende Punkt. Der springende Punkt ist, dass ich mit ihm mitfühle.
Donnerstag habe ich mich am familiären Prenzlberg in Tram und U-Bahnen gesetzt und bin so lange durch die Gegend gefahren, dass ich überrascht war, rund um die UFA-Fabrik überhaupt noch Häuser zu finden. Gefühlte Geographie: südliches Brandenburg. In dem mittelgroßen Saal von unsäglicher Akustik gab es für uns noch Plätze in der letzten Reihe. Der Rest des Saals war voll von pickligen, kreischenden und schweißfüßigen Vierzehnjährigen. Und – jippieh – der Klassenkasper saß direkt vor mir.
Vermutlich kommt Heinz aus dem Bildungsbürgertum, war auf einem humanistischen Gymnasium und hat danach viele Jahre mit Inbrunst Germanistik studiert. Oder Deutsch auf Lehramt. Für die Oberstufe. So wurde er, was er heute ist: Ein helles Kerlchen mit Spaß an Wortswürsten, Grammatikwitzen und sinnloser Dichtung. Gut, dass er obendrein so schrecklich hässlich ist. Das öffnet einen weiten Raum für Ironie und Selbstgeißelung.
Was hat er sich bemüht, der Heinz. Den ganzen Abend hat er sich abgerackert, den erstaunlich intelligenten Blödsinn gut zu verkaufen. Nur geschnallt haben das die Hirnis nicht. Wenn man Grammatik-Witze verstehen will, muss man halt wissen, was der Genitiv ist. Der Klassenkasper saß, wie gesagt, direkt vor mir. Nicht weit entfernt von meinen kurzen, dicken, zuckenden Würgefingern. Er war so nah, dass ich jedes einzelne Wort gut verstehen konnte. Gern hat er Witze lärmend kommentiert. Wahrscheinlich glaubte er, die Show damit besser machen zu können. So wie es Leute gibt die glauben, eine Dose Ravioli damit besser machen zu können, in dem sie mehr vertrocknetes Basilikum dran tun. Kommentiert hat er jeweils lautstark, wenn er was verstanden hatte. Aber verstanden hat er zum Glück nicht so viel. Immer wenn Heinz in die Rolle des pottenhässlichen kauskasischen Karussellbremsers stieg, auf den die Frauen auf unerklärliche Weise völlig abfahren und sich die Leopardenmusterblusen von den üppigen Körpern reißen, war Hirni#1 ganz vorne mit dabei. Ansonsten schaute er sich gequält zu den nicht weniger dummen Mädels neben sich um, die genau diese eine Art der Langeweile demonstrierten, die nur vierzehnjährige Mädchen empfinden können.
Während wir älteren Gestalten in der letzten Reihe bei Protestsongs eines zynisch, ernüchterten Bob Dylans vor Vergnügen gekrischen haben oder an der Stelle johlten wie Heinz auf Muttis Frage „weißt Du wer gestorben ist“ reagiert, kam von vor mir nur langsames Atmen. Der komplette Saal blieb still. Das war keine nachdenklich angenehme Stille. Das war blanker intellektueller Durchzug. An den sackdoofesten Programmpunkten hingegen, die nicht die Bohne lustig waren und hoffentlich nur aus Verzweiflung ins Programm gerutscht sind, wurde geschrieen, gegackert und sich laut über das ausfallende Haupthaar des Künstlers mokiert.
Nein, mit Glamour hat Heinz’ Leben nichts zu tun. Und ich könnte gut verstehen, falls er nach der Show allein in seinem Hotelzimmer alkoholisiert in die Kissen geweint hat. Wobei wahrscheinlich auch die Gage nicht so exorbitant hoch war, dass er sich ein Hotelzimmer mit Minibar hätte leisten können. Gewundert hätte es mich nicht, wenn er mutlos die Bühne verlassen und alles hingeschmissen hätte. Oder wenn Gewalt ins Spiel gekommen wäre. Heinz scheint das Herz eines Rock’n’Rollers zu haben. Professionell hat er die Show bis zum Schluss durchgezogen und sich zum Abschied auch noch gepflegt über die Arschgeigen öffentlich lustig gemacht. 1A Publikumsbeschimpfung auf höchstem Niveau. Respekt!
Nach der Veranstaltung drängte die Traube trotteliger Teenager als allererste ganz nach vorne. Plötzlich waren sie Fans. Jeder und jede wollte Autogramme abgreifen möglichst mehrere und mit persönlicher Widmung. Aaaarrrrrgggghhhhssss. Teenager sind doof. Soooooooo dooooof So unglaublich doof waren wir nie, sind meine Begleitung und ich uns einig. Da sind wir uns zumindest fast sicher.
4 Kommentare
sven
am 15. April 2007, 20:25 #
Das ist natürlich sehr schade. Ich habe ihn mal gesehen vor Publikum, dass seine Witze auch verstanden hat. Da war es ein großes Vergnügen.
Stefan S.
am 16. April 2007, 16:55 #
Bastian Sick kommt im Juni nach Berlin, der soll bei Schülern gut ankommen. Versuch es doch da noch mal.
Soll das wirklich unsere Zukunft sein?