Wichsvorlagen und die Zukunft des Qualitätsjournalismus

Günter in am 8. Juni 2007, 01:17   6 Kommentare »

Wenig Höhepunkte und was ist noch mal Bürgerjournalismus?

Und für Christoph Keese, Online-Chef der Welt, noch mal zum mitschreiben: W-i-c-h-s-v-o-r-l-a-g-e. Denn nichts anderes sind die Bilder auf Seite 1 der Bild – da gibt es nichts schönzuschreiben. Nichts anderes als diese Wahrheit hat WamS-Kommentarchef Alan Posener in seinem Redaktions-Blog Apocalypso geschrieben. Den Angriff auf Bild-Chef Kai Diekmann ließ Keese entfernen – und verteidigte die hausinterne Zensur (die er so nicht bezeichnet haben wollte) heute abend noch einmal bei der Podiumsdiskussion zum Thema “Bürgerjournalismus – Was bringt’s den Tageszeitungen?”: Nicht etwa, weil eine kritische Auseinandersetzung mit dem Boulevardblatt (das im selben Verlag, nämlich bei Springer, erscheint) nicht möglich sei, sondern aus “stilistischen Gründen” sei der Beitrag rausgeflogen – eben auch aufgrund der Verwendung von Ausdrücken wie “Wichsvorlage” (ausführlich im SZ-Interview).

Christoph Keese, Welt online

Die Diskussion über Keeses Entscheidung war auch schon der Höhepunkt der Debatte im tazcafé, die durch die Moderation von Nicole Ritter vom Verein Berliner Journalisten nicht besser wurde. Kontra erhielt Keese von tagesspiegel.de-Chefin Mercedes Bunz: “Och, nö, so subjektiv dann doch wieder nicht”, beschrieb sie den halbherzigen Umgang mit dem Redaktionsblog. Hauptstadtblogger Sebastian Basedow sah das ähnlich: Zwar wollte er nicht ausschließen, dass ein unabhängiges Blog auch im Auftrag eines Verlages arbeiten könnte. Jedoch dürfte niemand “Hineinredigieren” und den Autoren vorschreiben, was und wie sie zu schreiben hätten. Meinung mache den Erfolg von Weblogs aus – den Tageszeitungen bescheinigte Basedow hingegen wachsende “Meinungsschwäche”.

Vor allem Bunz war es zu verdanken, dass das Gespräch wenigstens hin und wieder kontrovers geführt wurde. So warf sie Andreas K. Bittner, Vorsitzender des Fachauschusses Online des Deutschen Journalistenverbandes, vor, die Web-Communities “schlecht zu machen”. Bittner hatte in seiner inhaltichen Einführung Belege für eine Gefährdung des Qualitätsjournalismus durch Formen von Bürgerjournalismus angeführt. Bunz trat hingegen dafür ein, Zeitung und Online nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als sich ergänzende Medien zu betrachten – Blogs könnten etwa als Quelle anstelle von Tickermeldungen dienen. Eine negative Tendenz im Onlinebereich machte sie in der hastigen Veröffentlichung ungeprüfter Meldungen aus – auf eine zweite Quelle werde häufig verzichtet. Vorteile von Blogs gegenüber anderen Medien sah Bunz u.a. in ihrer “lokalen Verwurzelung”.

Laut taz-Redakteur Matthias Urbach (noch ein Relaunch-Verantwortlicher) kommt es vermehrt zu einem Wettbewerb zwischen Beiträgen (anders als früher, als vor allem Medien miteinander konkurrierten), da die sich die Resonanz im Internet messen lasse. Schnelle Reaktionen der Leser seien für viele Autoren “wie eine Droge”. Die Kommentare und Korrekturen der Leser führten zudem zu “mehr Wahrheit”.

Sebastian Basedow, Hauptstadtblog

Weitgehend unbeantwortet ließ Bunz die Frage, welchen Gewinn seitenweise Kommentare zu einem Beitrag – oft mit sehr ähnlichen Aussagen – der Öffentlichkeit bringen. Beim Relaunch von Tagesspiegel Online seien die Kommentare ein “alte Funktion” gewesen, bei der “nichts groß zu überlegen” war. Wie eine gelungene Einbindung der Leserschaft geschehen könnte, blieb offen.
Urbach blickte in die Vergangenheit, stellte die taz “als ein Produkt von Bürgerjournalismus” dar – geschaffen von Bürgern angesichts der Unzufriedenheit mit den etablierten Medien, von denen bestimmte Nachrichten nicht beachtet wurden. Auch heute sei es noch möglich, mit einer guten Geschichte in die taz zu kommen – die Hürden seien jedoch ungleich höher im Internet. Es ermögliche wieder Quereinstiege in den sonst so “verschulten Beruf” des Journalisten. Dem pflichtete Basedow bei, als er die Publikumskritik über “am Telefon genervte taz-Redakteure” wie folgt beantwortete: “Ich verstehe das Gejammer nicht – mach’s doch selber.”

Links zu Andreas Bittners Einführung:

fotos: claudia

6 Kommentare

1

claudia hsb

@Günter, dass Du auch das „Hobbyreporter“-Buch recherchiert hast, macht mich glücklich. ;-)

Für mich war die Quintessenz aus dem gestrigen Abend, dass Journalisten offensichtlich immer untereinander etwas sticheln müssen, scheint Berufshabitus zu sein. Das Blogger auch Journalisten sind, nach Christoph Keese. (Interessant, zumindest die nicht als Journalisten ausgbildeten Blogger vom HSB wollten in der späteren Runde diesen Status überhaupt nicht gerne einnehmen. Und das nicht aus Respektgründen.) Und tatsächlich die Ansage von Sebastian an einen „Bürgerjournalisten“, der sich kritisch über die Arroganz der Tageszeitungsredaktionen ausließ, „dann mach es doch selber!“ Wir haben schließlich dank des Internets und Blogtechnologie diese absolute Freiheit unsere Meinung rauszulassen, dazu braucht es keinen Ticker-Verwerter wie die Tageszeitung.

Urbachs Auslassung zu der Priorität der Kommentare war gut. Und genau da hinkt es noch ein wenig bei den Online-Portalen der Tageszeitungen: das Verständnis, dass ein erfolgreicher Online-Auftritt in diesem Medium mit der Akzeptanz und Reaktion auf die Kommentare der Leser steht und fällt. Wer die Funktion online offeriert, muss es richtig machen. Das ist gebau das, was die Blogwelt über alle Maßen attraktiv macht, die Auseinandersetzung miteinander zu einem Artikel. Ja, das kostet Zeit und Geld, deutlich mehr Investment als zur Zeit der analogen Leserbriefpraxis – aber wer sich dem als Zeitung verschließt künftig, nicht kapiert, das sich hier ein ungeheurer Mehrwert etabliert, dürfte es schwer haben.

2

Helene HSB

Danke sehr für die gute Zusammenfassung!

„Bürgerjournalismus“ allerdings halte ich für eine hohle paternalistische Phrase. Entstanden im Sog dieser ganzen Zivilgesellschaftsdebatte. Ein Füllsel für allerlei neue Formen von Berichterstattung und Meinungsventilation.

Es ging gestern Abend viel um „journalistische Standards“. Leider mehr darum, wie diese zu verteidigen seien, als darum, wie sie sich in neuen Medienformen fortentwickeln könnten. Konventionsjournalismus scheint vor dieser Frage ziemlich träge, unreflektiert und borniert herumzudümpeln.

Ein Zeitungsabo kostet heutzutage soviel wie die monatliche Flatrate. Die Printausgaben sind sperrig, kaum digital weiterzuverwerten, unkommentierbar und unökologisch.
Einige Verleger kaufen sich immerhin fortgeschrittene "Netzbürger" für den Online-Relaunch ein. Fortgeschrittene Online-Redaktionen nutzen sogar schon mal (unbezahlt!) Blogs als Quelle. Aber was dabei herauskommt ist neben neuen Layouts nur wenig fortgeschritten. Es geht ums Geschäft und die Verteidigung von Meinungshoheit. "Bürger" bleiben da nur Rezipienten mit Kommentarfunktion.

Seriöse Redaktionen kämpfen also sicherlich an zwei Fronten: einerseits gegen die Boulevardisierung (durch aufgeweichte und überholte journalistische Standards), andererseits mit sinkenden Abonnentenzahlen oder – sofern wahrgenommen – den neuen Anforderungen anspruchsvollerer Leser medienkompetenter User. Neben der sozialen Schere klafft auch die Bildungsschere immer weiter auseinander. Doch Journalismus wird dadurch nicht besser, dass es stets vom DAL (dem dümmsten anzunehmenden Leser) ausgeht.

Bin zuversichtlich, da passiert noch eine Menge...

3

Stefan

Herr Keese merkte an, dass man es mit 300 Mitarbeitern auf 81 Millionen schwer hätte. Nur ist das das Problem der 81 Millionen? Mit dieser Einstellung, Herr Keese, passiert nun mal das, was Herr Basedow riet: sie machen es selber. Das ist zwar im Sinne der 81 Millionen, die Zeitung soll sich dann aber nicht beklagen, wenn ihr die Leser ins Internet davon laufen.

4

claudia hsb

ix von wirres.net war gestern saunieren: Schwitzen mit Journalisten 1 und Schwitzen mit Journalisten 2

5

claudia hsb

Der Moment des Abends von Mercedes Bunz

6

Matthias HSB

Trackback zum Netzjournalist.

Kommentar schreiben

Kein html! URLs werden automatisch zu Links konvertiert.
Formatierung nur mit Textile: *betont*, _kursiv_ , Zitat: bq. Zitattext. Textile-Hilfe

Hinweise

  • Kommentare werden gelöscht, wenn kein Bezug zum Artikel besteht, der Kommentar ausschließlich Werbezwecken dient, oder Rechte Dritter verletzt werden. Dies gilt auch, wenn der Kommentar Leser oder Autoren beleidigt.
  • Ab drei Links im Kommentar wird dieser moderiert und muss erst freigeschaltet werden.
  • Icons neben dem Kommentar: www.gravatar.com