Aufrüsten aus Ratlosigkeit

Claudia in am 9. Juni 2007, 19:27   20 Kommentare »

Ich werde beschimpft. „Nutte“ oder „deutsche Fotze“ ist noch harmlos. Ich werde bespuckt. Ich wurde inzwischen mehrmals fies und gesundheitsgefährdend vom Rad gedrängt. Ich werde von kleinen Rambos in Papas fettem Auto mit offensichtlicher Freude über die Straße gejagt. Das alles ohne ersichtlichen Grund. Die Dinge passieren, während man sich auf den Weg zur S-Bahn oder zum Supermarkt befindet. Die letzten vier verbalen und tätlichen Übergriffe auf meine Person wurden von vier Männern verübt, die ich nicht als deutschstämmig bezeichnen kann. Gab es eine Form der Kommunikation, wurden die Angriffe verbal darin untermauert, dass es mein „Vergehen“ ist, eine deutsche Frau zu sein. Es ist im realen Leben als deutsche Frau in Berlin-Tempelhof an der Grenze zu Neukölln (Oderstraße, Ghettokiez) lebend, inzwischen schwer durch den Tag zu kommen.

Ich habe gar keine Lust hier großartige Differenzierungen zwischen Deutscher und Ausländer zu bringen, denn eines ist mir absolut bewusst: es gibt in dieser Stadt mindestens eine muslimische Frau, die zur gleichen Zeit von ähnlichen Übergriffen erzählen kann, nur dass die Aggressoren bei ihr vermutlich Deutsche waren.

Und noch weniger Lust habe ich mich hinzustellen und mit den Fingern auf irgendwelche Minoritäten zu zeigen und zu sagen: „Du bist schlecht, weil Du so und so bist …“. Wer es unbedingt will, der zieht unabhängig von seiner Herkunft die Knarre, das Messer oder reicht die Faust. Ich glaube an das Leben miteinander in Würde und in Respekt voreinander. Dennoch kann ich nicht mehr übersehen: der türkische Großvater hilft mir auf, wenn ich mit dem Fahrrad auf die Nase lege. Sein Nachwuchs hingegen sorgt dafür, dass ich überhaupt falle.

Zunehmend fällt es mir schwer, mich als „deutsche“ Frau hier sicher zu fühlen. Das habe ich sehr lange Zeit nicht wahrnehmen wollen, weil ich immer der Meinung war, ich will als Deutsche mit Rassen- oder Minderheitendiskriminierung immer besser umgehen können, als es meine Vorgänger in diesem Land getan haben. Ich habe Freundschaften zerbrechen lassen, weil ich mit der in meinen Augen vom Menschen zum Rassisten-Entwicklung der Personen nicht gemein gehen konnte. Meine Mutter hat mir den Respekt vor jedem anderen Menschen anerzogen. Mir ist das eine Herzenssache.

Stefan Niggemeier bloggt in seinem Post Welt-Offenheit zu einem Artikel in der Welt Online (es geht um Handgreiflichkeiten zwischen Menschen verschiedener Herkunft) die Kommentare, die sich natürlich in den üblichen dezent braungefärbten Plattheiten ergießen. Niggemeier hält den Finger drauf. Nur, ich glaube nicht mehr, dass es damit getan ist. Wir helfen uns in der heutigen Zeit nicht mehr, wenn wir auf eine solche Berichterstattung (die eine gewisse Argumentation seitens der Leser fördert) nur kritisch in der üblichen Haptik der betroffenen Nachkriegsgenerationen reagieren.

Mein Leben sieht mittlerweile so aus: Ich werde mir diese Woche das erste Mal in meinem Leben Pfefferspray kaufen. Aufrüsten. Ich habe in den letzten zwei Wochen Erlebnisse gehabt, die mir sehr deutlich gemacht haben, ich muss mich künftig gegenüber solchen Angriffen selber schützen können. Das darf es aber doch nicht sein? Es darf doch auch nicht sein, dass Männer verprügelt werden, weil sie offensichtlich schwul sind. Es darf genauso wenig sein, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind – egal ob sie Kopftuch tragen oder nicht – Opfer von Übergriffen werden. Oder alte Menschen. Oder jeder andere Mensch, der nicht zufällig der Norm die der andere gerade preferiert, zugehörig ist.

Wir müssen sehr dringend hinsehen und etwas tun. Nicht die Menschen, die anders sind, an die Wand oder in die Ecke stellen. Das haben wir über lange Zeit gemacht und es knallt uns gerade in ganz neuer Dimension – und das ist das Schlimmste – mit den jüngeren Generationen um die Ohren. In diesem Land läuft gerade gewaltig etwas aus dem Ruder. Und zwar nicht zwangsläufig gesteuert von irgendwelchen Medien, die gerne überzogen und im Grundtenor pro-rassistisch schreiben wollen, um die Stimmung aufzuheizen. Es passiert auf der Straße. Und da ist der Rassismus ein ganz eigener, nämlich ein praktizierter und existenter, von und auf allen Seiten. Wir sind mittlerweile alle beteiligt. Und: wir können uns mittlerweile alle nicht mehr wohl und sicher fühlen, und dabei ist es völlig egal, wo wir geboren wurden, wer wird sind, wie wir leben. DAS ist doch der eigentliche Punkt. Vielleicht merke ich das hier in einem Randbezirk nur früher?

Wer sich mies und fies bewegen will in dieser Stadt, muss nicht deutschstämmiger Türke, Albaner, Russe etc. sein. Dem Deutschen fällt es genauso leicht, aus allen anwesenden Kulturen die kriminellen Methoden zu saugen, um sein eigenes Ding daraus zu machen. In der Beziehung ergänzen sie sich alle wunderbar: „Wie Du mir, so ich Dir.“ Am liebsten aber gegen die Schwächeren und das müssen nicht zwangsläufig Ausländer oder die Inländer sein oder Schwule oder Behinderte oder „nur“ Frauen oder alte Menschen. Sie müssen „nur“ schwächer sein.

Hassverbrechen deutlicher zu bestrafen als übliche Gewalttaten ist keine Lösung, wie neulich auf Spreeblick diskutiert. Das wäre nur die Konsequenz aus der Resignation einer gegen die Wand gefahrenen Migrationspolitik. (Wobei so mancher Deutsche, meiner Meinung nach, dringender die Migration in sein Geburtsland nötig hätte als so mancher Zugezogener.) Es muss in erster Linie darum gehen, den Hass aus den Köpfen und Herzen zu entfernen. Von allen Beteiligten.

Ja: die Veränderung muss in unseren Herzen und in unseren Köpfen passieren und ich fühle mich zunehmend ratlos, weil ich von außen in eine völlig falsche desaströse Richtung gedrängt werde. Zu Gefühlen in meinem Herzen und Gedanken in meinem Kopf, die ich niemals fühlen und denken wollte. Das macht mir Angst. Mir zeigt das, dass meine bis dato gut funktionierende Migrationspolitik in meinem Kopf langsam den Geist aufgibt. Ich fange an, mich dafür zu hassen – und das aus der Tatsache heraus, weil ich ein Opfer bin. Scheiße!

20 Kommentare

1

Rob HSB

Frieden und Respekt bekommt man nicht mit Gipfelgetöse oder kommunal-politischen Diskursen: Es reicht, wenn wir mit einem „Danke“ und einem aufmerksamen Moment dem anderen gegenüber anfangen…

2

SteffenBerlin

... wäre der Kauf eines Kopftuches statt des Pfeffersprays nicht sinnvoller gewesen?

3

HSB Mario

Ich will nicht auf der Straße fürchten müssen, von irgendjemandem zusammengeschlagen oder beschimpft zu werden, nur weil ich bin, was ich bin. Auch ich fühle mich häufig unsicher auf Berlins Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Auf der einen Seite hat sich Toleranz und Respekt für alles und jeden während meiner Sozialisation in mir gefestigt, auf der anderen Seite macht Schweinefleisch schwul, heißt es im Dokumentarfilm Prinzessinnenbad “Ich hasse Schwule”, wird irgendwo in Osteuropa noch auf am Boden liegende Schwule eingetreten (O-Ton im Radio in etwa: “Seht ihn euch an, wie er dort liegt, er hat kein Recht zu leben”).

Und dann lese ich hier schockiert, dass es schon ausreicht, nur “Frau” zu sein, um solche Erfahrungen machen zu müssen?

Was ist, wenn bald die gesellschaftliche Stimmung gegen solch rücksichtsloses Proll-Verhalten kippt? Werden dann Minderheiten die Sündenböcke der rücksichtslosen Prolls sein?

4

Helene HSB

Passiert regelmäßig (mir auch immer wieder in Kreuzberg, und meine 13jährige Nichte wurde als “Lesbenfotze” am Kotti gejagt) – möchte nur nochmal drauf hinweisen, dass ich auch schon von deutschen Jungs berotzt und angegriffen wurde.
Heranwachsende Männlichkeit scheint sich vor allem darüber zu definieren, dass man andere demütigt? Da wird nichts als Verachtung ejakuliert. Hat ihnen wohl noch niemand gesagt, dass sie sich so nicht wirklich Respekt verdienen.

Irgendwie sollte mal jemand ein neues cooles, vielleicht sogar erstmals sozialverträgliches Männerbild erfinden.

5

StefanJ

Als meine Generation (Jahrgang 65) heranwuchs, hatten wir noch das (trügerische) Gefühl, unsere Zukunft komplett selbst in der Hand zu haben. Der Berufsweg sollte sich mit individuellen Interessen und persönlicher Entwicklung vereinbaren lassen. Von heutigen Jugendlichen dagegen wird in erster Linie Anpassung und Integration in bestehende Verhältnisse erwartet. Sie stehen einem Berg von Forderungen gegenüber, ohne dass die Gesellschaft dafür Gegenleistungen bietet. Mit Verwunderung höre ich von Schulabgängern und Studienanfängern, die noch auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind, aber jetzt schon an ihre private Altersvorsorge denken sollen. Der Berufswunsch hat sich natürlich danach zu richten, was in wenigen Jahren (und für wenige Jahre) gebraucht wird. Freiräume Fehlanzeige. Fehlentscheidungen lassen sich nicht korrigieren. Der Lebenslauf muss gerade sein, Kurven und Umwege sind verboten. Man soll höchst flexibel sein in einem zunehmend erstarrenden System.
Wäre ich heute 14, 15 Jahre alt, würde ich mich vermutlich auch überfordert fühlen und aggressiv werden – in welcher Form auch immer.
Dumm nur, dass sich momentan die Aggressivität gegen diejenigen entlädt, die für die noch Schwächeren gehalten werden. Die Schule müsste nicht Toleranz predigen (was ihr sowieso nur als Schwäche ausgelegt wird), sondern zeigen, wie man seine Wut in Produktivität umwandelt.

6

andrea

Was Claudia hier beschreibt, kenne ich selbst aus Neukölln – dem Kiez rund um den Körnerpark, um genau zu sein. Bin auch schon verbal und sogar körperlich attackiert worden. Allerdings zum Glück nur sehr selten. Sonst hätte ich der Gegend sicher schon Adieu gesagt…- und behalte mir das vor.

Das darf aber nicht die einzige resignative Lösung des Problems sein.

Was kann man(n) / frau da für Tipps geben?
Es hängt immer vom Einzelfall, der Situation, der Stimmung ab.
Oft gelingt es mir, Pöbler in kurze Gespräche zu verwickeln (der Inhalt ist so unterschiedlich wie die Personen). Suche wechselseitigen Blickkontakt, das stellt meist Nähe her – und erhöht die Hemmschwelle bei der Gewaltbereitschaft. Besonders aggressiven Typen weiche ich eher aus, fixiere sie nicht.

Ansonsten hat geholfen, in der Nachbarschaft die Leute zu kennen – nicht nur Freunde oder direkte Nachbarn. Offen zu sein für ein Lächeln, einen kurzen Gruss auf der Strasse, einen Small-Talk mit jedem, egal, ob “Deutscher” oder nicht. Das ist die andere Seite des Kiezes – menschlich und kommunikatitv.

Da hat Gewalt weit weniger Raum und “Schlagkraft”.

Schon komisch, dass sich bisher nur Männer hier geäussert haben…

7

N. Stawrogin

Rob HSB (Nr. 1): “Danke” zu sagen, wenn man beleidigt oder bedroht wird, ist schon ein ziemlich unkonventioneller Lösungsvorschlag. Und dem anderen einen “aufmeksamen Moment” zu schenken, wäre zumindest ein klares Signal, daß die Provokation/Anmache funktioniert hat. Denn das ist ja gerade der Sinn dieses ganzen Verhaltens: das verzweifelte Betteln um Aufmerksamkeit.
Was die Jugendlichen – und ich muß leider sagen: insbesondere die mit Migrationshintergrund – statt dessen m. E. wirklich brauchen, ist, daß man ihnen häufiger unmißverständlich klar macht, daß sie nicht wirklich so cool sind, wie sie selbst glauben, daß sie – wie alle anderen Menschen auch – nur Ameisen in einem riesigen Ameisenhaufen sind und daß sich die Erde auch ohne sie weiter dreht, höchstwahrscheinlich sogar mit mehr Begeisterung.
Zur Frage der Generationen: wenn Claudia in einem Kiez wohnt, wo “türkische Großväter” ihr aufhelfen, ist sie ja geradezu privilegiert. ich kenne auch türkische Großväter, die da sehr gekonnt weggucken, wenn nicht sogar mit zutreten würden. Und wer ist denn verantwortlich für das Verhalten der Jugendlichen, wenn nicht die Eltern und Großeltern, deren Erziehungsmethoden offenbar entweder versagt haben oder inexistent sind?

8

Helene HSB

@andrea?
Ähem?! Nur Männer? Auch eine Frage der Wahrnehmung??

@stefan j
Uns haben sie damals auch gesagt: alles egal, Job kriegste eh nicht. Und deshalb hat keiner meiner Bekannten Leute angespuckt oder Frauen und Schwule angegriffen. Naja, ok, erstmal Punker geworden und eine Menge Subkultur angezettelt und daraus eine eigene Würde abgeleitet.

Was mich am meisten an der Gewalt-von-Jugendlichen-Diskussion stört, ist, dass man sofort klingt wie die eigenen (Groß-)Eltern. Aber irgendwie ist ein Grad der Rückverdummung erreicht, der den Jugendlichen anscheinend wenig Spielraum für Opposition lässt.

9

Stefan S.

Zum glück bin ich ein junger, großer, deutscher Heteromann und habe mit alldem keine Probleme. Ich fürchte mich eher vor Rauchern die sich auf einer Bank neben mich setzen und anfangen zu rauchen oder vor Radfahrern die mich beim rechts abbiegen rechts überholen.

Scheinbar schwappt die Gewalt als Folge von Orientierungslosigkeit jetzt aus den Ostländern nach West-Berlin über und Claudia macht am Stadtrand ihre ersten Erfahrungen damit. Nachdem jahrelang über den Osten gemeckert wurde ist die Angst jetzt umso größer. Herzlich Willkommen in der Gegenwart.

PS: Claudia, schöner Beitrag, wenn du den Text rechtschreiblich/grammatikalisch überarbeiten würdest liest er sich bestimmt flüssiger. JA, ich mache auch manchmal Fehler. ;-)

10

andrea

@heleneHSB

Ja, danke für den Hinweis… Posting auf dem Weg per Click – welch Miss-Geschick! Sorry, wollte niemanden übersehen haben, aber rasch antworten.

Ansonsten stimmt’s noch mit der Wahrnehmung – nur die Bewertung ist vielleicht eine andere. Warum auch nicht? Wird ja nichts beschönigt – nur aus einer anderen Sicht beschrieben. Schade, diese Stutenbissigkeit…

11

das Landvolk

..... äh …. was soll das?

Kein Grund, von Stutenbissigkeit zu reden, nur weil sich mal 2 Frauen querkommen. Das darf schon mal sein, warum auch nicht?
Stutenbissigkeit ist sowieso ein Begriff der Männer, um Frauen bei Aggressionen zu blamieren und um sich als Hengst gut zu positionieren.
Deshalb wird der Ausdruck “Hengstgebeiße” auch eher selten benutzt.
Superhengstisch find ich ja das: “Claudia, schöner Beitrag, wenn du den Text rechtschreiblich/grammatikalisch überarbeiten würdest liest er sich bestimmt flüssiger.”
Aber bekanntlich kann nicht jedes Pferd lesen. Rechnen fällt leichter. :-)

Claudia, du bist mutig genug, deine Alltags-Unannehmlichkeiten zu beschreiben, aber ich fürchte du musst noch zwei bis drei Jahre warten, bis man dir glaubt und nicht beim Zuhören den PC-Blick aufsetzt.

Berlin ist einfach noch nicht so weit.

12

Stefan S.

Hallo Mädels, geht’s noch??? Soviel wirres Zeug kann ich an diesem heißen Sonntag nicht vertragen. Was wollt ihr sagen? Wo ist euer Standpunkt?

“Schon komisch, dass sich bisher nur Männer hier geäussert haben…”
“Berlin ist einfach noch nicht so weit.”
“Heranwachsende Männlichkeit scheint sich vor allem darüber zu definieren, dass man andere demütigt?”
“Schade, diese Stutenbissigkeit…”

Wo kommt ihr den her? Habt ihr zuviel G8 konsumiert? Und jetzt kommt mir bitte nicht mit gebissenen Hunden und so einem Quatsch.

13

Gabi

Ich habe während meines Studiums in den beiden Städten gewohnt, die damals (ist schon länger her) auf Platz 1 und 2 der Liste der deutschen Universitätsstädte mit der höchsten Vergewaltigungsrate standen. Kein Berlin oder Frankfurt, sondern ganz normale deutsche Kleinstädte. Damals habe auch ich gelernt, sehr genau zu überlegen, wann und wo ich hingehe, keine Straßen zu benutzen, auf denen wenig los war, nicht im Park zu joggen, keine Fahrradtouren zu machen und auf keinen Fall in der Dunkelheit zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Das Dumme ist, wenn Du die Angst ‘mal reinläßt, wirst Du sie nicht mehr los. Auch heute noch ist sie sofort wieder da, sobald ein Auto in meiner Nähe ohne offenkundigen Grund abbremst oder ich höre, daß jemand hinter mir geht.

Auch damals schon wurde pauschal “den Ausländern” die Schuld an der Misere gegeben, obwohl die Täter fast ausschließlich Deutsche waren, die nur eben der Meinung waren, daß Frauen Freiwild sind und Schwule bestraft werden müssen. Ich finde es also gut, daß Du trotz Deiner Erfahrungen nicht mit dem Finger auf die Ausländer zeigst. Ob Ausländer oder Inländer “die Bösen” sind, hängt letztlich nur vom Wohnort ab.

14

karl

Wenn ich abends in der U-Bahn sitze oder durch dunkle Gassen laufe (ich kann mir das auch im Ghetto leisten, weil mein Erscheinungsbild jedem als Gegner und nicht als Opfer anmutet) sehe ich vor allem eins: Chancenlosigkeit.

Ich sehe Menschen, die es nicht fertig bringen einen gepflegten Satz zu sprechen, Menschen, denen eine Arbeitsstelle zu geben nicht einmal mit Solidarität zu rechtferitgen wäre, Menschen die unter einem Druchschnitt liegen, der an sich schon unter dem Meeresspiegel ist.

Wie kann man als solcher Mensch, unfähig sich zu artikulieren, Selbstwertgefühl aufrecht erhalten? Einige tun das mit aufwendiger Körperpflege und Macho-Proll-Gehabe und andere tun das eben mit Gewalt. Interkulturelle Rivalitäten sind da nur ein Vorwand – ist doch logisch, wenn du jemanden verprügeln willst nimmt man lieber jemanden, der einem selbst nicht so ähnlich ist und außerdem bevorzugt Menschen, von denen man keine allzu durchschlagskräftige Wehrhaftigkeit erwartet.

Wie kann man etwas an dieser Situation ändern? Kurz- und Mittelfristig halte ich das für nahezu unmöglich. Demjenigen, der bei einem Hauptschulabschluss Probleme hat, kann man einfach keine echten Chancen vermitteln ohne ihn kaltblütig anzulügen. Und wer anfängt zu begreifen, dass er ohnehin keine Chance hat, der wird gewalttätig. Ihnen gegenüber Geringschätzung auszudrücken nutzt nicht, sie nicht beachten würde funktionieren, wenn man jemanden ignorieren könnte, der auf einen einschlägt … bleibt nur: sich wehren. Einen selbstbewussten Eindruck machen. Wer vermeintlichen Schlägern mit starker Körpersprache gegenüber tritt hat ein nachweislich geringeres Risiko mit ihm in eine Auseinandersetzung zu geraten, vorausgesetzt er provoziert auch nicht.

Denjenigen, die das nicht können bleibt nur zu raten: meidet derlei Situationen, wie auch immer.

15

Tim

Hört sich schön an: Verändern.

An sich gibt es nur eine Lösung: Umziehen. Viele mögen das nicht gerne hören und wahrhaben, aber die soziale und kultuerelle Separation von Wohngegenden und Kiezen ist schon lange in Gang und wird auch nicht gestoppt werden können. Freiwerdend Wohnungen, ob durch Umzug oder Tod führen nicht zur sozialen Durchmischung sondern zur weiteren sozialen Ausgrenzung. Daher kann man den Prozess nicht stoppen – weil die Fluktuationsdynamik dies verhindert.

16

Matthias HSB

Manueller Trackback im Hauptstadtblog: Weil kein Geld da ist, begibt sich die Polizei auf Schnäppchenjagd.

17

das Landvolk

Ich hab nun Claudias Anmerkungen noch mal sorgfältig durchgelesen und gestehe betrübt, dass ich mehrere Sentenzen überhaupt nicht verstehe. Was bedeutet zum Beispiel:

“Dem Deutschen fällt es genauso leicht, aus allen anwesenden Kulturen die kriminellen Methoden zu saugen, um sein eigenes Ding daraus zu machen.”

Genauso leicht, wie sich sozial positive Methoden zu saugen? Oder genauso leicht wie den anderen Berlinern? Lernen die Kulturen die kriminellen Methoden voneinander? Dann wäre die Kriminalität ja gleichmäßig über alle Bürger Berlins verteilt?

Ist das so oder ist das vielleicht viel leichter?

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claudia hsb

Der Eingangsatz dieses Absatzes beschränkt im Folgenden auf „Wer sich mies und fies bewegen will in dieser Stadt,“ – damit dürfte klar sein, dass hier nicht irgendwelche andere Berliner (egal welcher Herkunft) oder von einer gleichmäßigen Verteilung der Kriminalität aller Bürger Berlins gemeint sein kann. Die Rede ist alleine von den Menschen, die den Schritt weiter zu gehen gewillt sind.

Der Satz besagt, dass jemand, der kriminelle Dinge tun möchte, sie tun wird. So wird ein Mensch, dessen Bereitschaft aus welchen Gründen auch immer ausgeprägt ist, brutal und kriminell agieren zu wollen, sich seine Möglichkeiten suchen, um darin für sich gesehen besonders „erfolgreich“ zu sein. Der Messernahkampf ist damit inzwischen genauso wenig nur noch dem z. B. Albaner vorbehalten wie es die Faust oder Schußwaffe für eine Zeitlang dem z. B. Deutschen vorbehalten war. Ja, natürlich lernen Kulturen – sofern die Protagonisten genügend kriminelle Energie besitzen – kriminelle Methodik voneinander, schon alleine aus Tarnungsgründen.

Klärt die Antwort Deine Frage?

19

das Landvolk

Danke, Claudia, für deine ausführliche Antwort, aber heute ist wohl nicht mein Tag, was Klärung betrifft. :-)

“Der Satz besagt, dass jemand, der kriminelle Dinge tun möchte, sie tun wird.”

Aber nein, das ist ganz sicher nicht so – zum Glück. Wenn jeder täte, was er wollte … Im Übrigen würde ich in kriminellen Zusammenhängen nicht von Kulturen sprechen, sondern bestenfalls von Subkulturen.

Das mit den Tarnungsgründen hört sich ja auch spannend an, aber ich frag jetzt lieber nichts mehr. :-)

20

Pauli

Früher bin ich locker von der Disse, nachts um drei nach Hause gelaufen … heute gehe ich nicht mal mehr zum Briefkasten, wenn es dunkel ist. Ich wohne in Reinickendorf, am Rande zu Wedding. Mein Sohn (7) wird in der Schule von (ausschließlich) ausländischstämmigen Kindern angegriffen, weil er spielt. Er wird getreten, geschlagen und gewürgt und mit den Worten beschimpft “Du pisser, erschieß deine Mutter und deinen Bruder. Du bist nichts wert”. Die Eltern schauen weg. Die Lehrer sagen “Wir wissen auch nicht was wi tun sollen, reden sie doch mal mit den Eltern”. Und das muss man “halt als ganz normal” hinnehmen???

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