Politische Pseudokampfrituale gegen Scientologen
Claudia in berichtet am 25. Juni 2007, 13:53 12 Kommentare »
Die Berliner Gazetten waren am Wochenende voll mit Tom-Cruise-Schlagzeilen. Cruise will ab Juli in Potsdam auf dem Gelände der Filmstudios in Babelsberg das Leben des Hitler Attentäters Oberst Klaus Schenk Graf von Stauffenberg verfilmen. Er produziert den Film und spielt die Hauptrolle.
Der Sohn von Oberst Klaus Schenk Graf v. Stauffenberg, der 1944 in Folge des missglückten Attentates auf einem der Höfe im Bendlerblock in der Stauffenbergstraße hingerichtet wurde, rät Herrn Cruise die Finger von seinem Vater zu lassen und dessen Ansehen nicht zu beschmutzen. Denn Herr Cruise ist bekennender Scientologe, das disqualifiziert ihn und das gesamte Filmprojekt in den Augen von Herrn Berthold Graf Schenk von Stauffenberg.
Auf den Zug auf springt Frau Antje Blumenthal, Sektenbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion, die in großen Tönen verkündet der Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hätte ihr Freitag bereits angedeutet, dem Filmteam garantiert keine Drehgenehmigung für Aufnahmen im Berliner Bendlerblock zu erteilen.
Soweit so gut. Die Scientologen sind keine freundliche Vereinigung. Die sollte man nicht mögen. Zumindest muss man sehr genau hinsehen, auf das, was sie nebenbei noch so treiben, wenn sie nicht Mitglieder scouten, manipulieren und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen. Wohl wird einem sicherlich dabei nicht ums Herz. Deshalb will spontan man rufen:, „Richtig so, Ihr lieben Politiker und auch Herr Schenk Graf von Stauffenberg, den Scientologen zeigen wir jetzt ordentlich wo der Hammer in Berlin hängt!“
Nur, so einfach ist das nicht. Man weiß nicht inwieweit Berthold Schenk Graf von Stauffenberg sich mit dem Projekt überhaupt näher beschäftigt hat, als auch Tom Cruise zu diesem Projekt überhaupt persönlich gesprochen hat, um solche Ressentiments wie „da kommt sicher nur Mist raus“ zu verkünden. Es klingt nicht danach, als hätte es einen persönlichen Austausch dazu gegeben. So wird im Vorfeld einem Projekt der Prädikatsstempel „Mist“ erteilt, weil der Produzent und Schauspieler der Titelrolle Scientologe ist. Aber macht dieser Umstand das gesamte Projekt tatsächlich gleich zu einem scientologischen Film?
Dies hier jedoch erfüllt mit größerem Unbehagen: die Produktionsfirma hat bis zum heutigen Tag gar keinen Antrag auf eine Drehgenehmigung im Bendler Block gestellt. Cruise hat vor kurzem die Gedenkstätte als auch denn Ehrenhof mit Ehrenmal vom 20. Juli 1944 in der Stauffenbergstraße besichtigt. Das kann man als Recherche bezeichnen. Die Dreharbeiten starten bereits im Juli, hätte man an so einem geschichtsträchtigen Ort drehen wollen, lägen die Anträge vermutlich längst den zuständigen Behörden vor. Dabei ist der Ehrenhof so authentisch wie zum Zeitpunkt der Hinrichtung im übrigen heute nicht erhalten. Das kann Babelsberg besser.
Wie können also Politiker im Vorfeld pressewirksam verkünden, es würde keine Drehgenehmigung erteilt werden? Auch hier deutlich mit dem Rückschluss auf die bekennende Mitgliedschaft von Tom Cruise bei den Scientologen formuliert. Sollten Politiker nicht etwas effizienter mit ihrer Energie umgehen, und solche Absagen erst verkünden, wenn sie tatsächlich um Drehgenehmigung gebeten werden und nachdem sie sich mit dem Projekt auseinander gesetzt haben? Anstatt medial über ungelegte Eier zu polemisieren?
Muss der Kampf gegen Scientology in dieser Stadt nicht an ganz anderer Stelle deutlicher und wirksamer ausgetragen werden? So fällt direkt eine Adresse in Charlottenburg ein. Seit der Eröffnung der Scientology-Zentrale im letzten Winter hat die Landesregierung bisher dieser Zentrale und der massiven Mitgliederwerbung von Scientology auf den Straßen nicht wirklich viel entgegengebracht, außer dem öffentlich verkündeten Willen deren Machenschaften „zu beobachten.“
„Valkyrie“ ist im September abgedreht. Dann verlässt Tom Cruise die Stadt. Die Zentrale der Scientologen wird allerdings viel länger noch als über den September hinaus in Berlin stehen. Von dort aus wird weiterhin die Mitgliederakquise im öffentlichen Raum Berlins vorangetrieben. Frau Blumenthal, was dann?
12 Kommentare
am 25. Juni 2007, 15:34 #
Zugegeben, allein aus Cruisens Scientology-Mitgliedschaft lässt sich noch schließen, dass der Film per se schlecht wird (allenfalls aus seiner bisherigen schauspielerischen Tätigkeit). Aber die Frage ist doch, ob man Leute unterstützt, die sich einem System angeschlossen haben, das von Experten als totalitär eingestuft wird.
Ich finde, die Dreharbeiten sind eine gute Gelegenheit, darauf aufmerksam zu machen, mit wem man es hier (und in Charlottenburg) zu tun hat – egal, ob eine Drehgenehmigung beantragt wurde oder nicht. Auf dem Gelände der FU laufen heute Leute herum, die Komparsen für den Film anwerben – an den schwarzen Brettern hängen Flugblätter (man muss übrigens zu einem militärischen Haarschnitt bereit sein). Ein bisschen Aufklärung kann da nicht schaden.
qwerty
am 25. Juni 2007, 15:53 #
ich kann dem nur zustimmen.
lächerlich ist das wie sich einige “politiker” profilieren.
klar haben die sciencos einen an der waffel, inklusive tom cruise.
trotzdem kann ich (man) das trennen. mit wenigen ausnahmen sind seine filme zwar meistens bluckbuster…aber eben auch immer etwas anders und unterhaltend.
das er jetzt nach berlin kommt um ein skript von alexander mc quarrie (“die üblichen verdächtigen”) zu verfilmen ist eigentlich ein glücksfall. nicht nur für den film (ich bezweifle stark das es ein klischeeüberladener kitsch-schinken wird) sondern auch für die stadt bzw. babelsberg. es werden arbeitsplätze geschaffen, die paparazzi werden beschäftigt und warscheinlich wird mrs. cruise den umsatz in der friedrichstrasse ankurbeln.
tom cruise ist nicht blöd…es würde mich wundern wenn er jetzt (nach all den jahren) auf einmal einen film mit scientology-bezug machen würde. er ist schließlich nicht john travolta.
die ganze argumentation ist sowieso etwas merkwürdig.
hören die deutschen jetzt auch keine musik mehr von madonna, weil die ja sehr öffentlich die kaballah-sekte unterstützt?
guckt keiner mehr sendungen mit oliver pocher, weil der mitglied bei den zeugen jehovas ist?
die leute sollten informiert werden was diese sekten tun. wer dann trotzdem mitmachen will …bitte schön. aber dieses plakative gebrüll ist einfach nur peinlich…und irgendwie auch typisch deutsch.
ich persönlich finde es toll das hollywood berlin immer mehr entdeckt. nicht nur wegen der arbeitsplätze…es ist auch toll die stadt im kino zu sehen. die deutschen filme hängen in der cinematographie ja leider immer noch jahre hinterher.
asd
am 25. Juni 2007, 18:09 #
Also ich muss dem Artikel widersprechen: Tom Cruise nutzt seine Bekanntheit permanent zu Werbezwecken für Scientology. Auch wenn die Filme selbst unbedenklich, vielleicht sogar gut sein mögen, verschaffen sie ihm doch immer wieder die Möglichkeit, auf sich und seine Sekte aufmerksam zu machen. Und dann muss es auch erlaubt sein, an dieser Stelle einzuhaken und ihm das nicht auch noch staatlich zu ermöglichen.
asd
am 25. Juni 2007, 18:13 #
“guckt keiner mehr sendungen mit oliver pocher, weil der mitglied bei den zeugen jehovas ist?”
Pocher ist kein Mitglied mehr und ich habe ihn noch nie Werbung dafür machen hören. Bei Cruise ist beides anders.
qwerty
am 25. Juni 2007, 18:54 #
ach bitte, wikipedia???
hast du das da selber reingeschrieben?
sicherlich ist es richtig, dass cruise die promo für die filme dazu nutzt positiv über scientology zu sprechen (warum sollte er auch negativ darüber reden).
das muss in einem staat wie unserem erlaubt sein. schließlich liegt es dann auch am interviewer ihm nicht ein dementsprechendes forum zu geben und mit klugen fragen cruise’s ansichten herauszufordern. leider passiert das viel zu selten.
zudem ist es ja nicht so, das cruise die drehgenehmigung nicht kriegt weil er bei scientology ist. ich wüßte nicht wann jemals ein film im reichstag oder einem der ministerien gedreht worden ist. das scheint also eine genrelle regelung der bundesregierung zu sein. find ich auch richtig so.
ich freue mich trotzdem auf den film und lache nebenbei über die thetans und xenu. das geht.
am 25. Juni 2007, 19:49 #
@qwerty
Ein generelles „Nein“ zu Dreharbeiten auf dem Gelände von Ministerien gibt es in Berlin nicht. Die ARD-Verfilmung „Stauffenberg“ (u.a. mit Sebastian Koch i.d. Hauptrolle) wurde z. B. teilweise auch auf dem Ehrenhof im Bendlerblock gedreht.
@asd
Tut er das wirklich? Ich muß gestehen, dass ich Cruise und was er tut nicht so auf dem Plan habe. Man muss aber separieren: Macht Cruise tatsächlich offensiv Werbung, wenn ja, wann und wo? (Würde mich jetzt wirklich interessieren!) Oder wird ihm seitens der Medien vorgeworfen, er würde permanent Werbung machen, weil er wiederum permanent in Interviews darauf angsprochen wird und er darauf Antwort gibt? Ist das dann Offenheit oder Werbung?
Tamar
am 25. Juni 2007, 21:50 #
Scientology ist böse ! Ich habe schon riesigen Angst – für die letzte 50 Jahren oder so, trotz viele Promis (nicht nur Cruise, auch z.B. der Koch aus South Park, der Schauspieler meine ich), trotz ihre “Lügen” und Betrug gegen diejenige, die konvertieren oder Interesse zeigen, sind sie so klein. winzig. Es scheint als ob die Mehrheit ihre Xenu nicht so einfach im Kauf nimmt.
Es ist einfacher für die Politiker mit Scientology sich zu beschäftigen (eine kleine Religion, die fast von niemanden, dem nicht “drin” ist, beschützt wird), als mit echten Gefahren zur deutschen (und weltlichen) Demokratie: nur gestern wurden zwei Männer verletzt: einer, weil er als Inder in Wilmersdorf rumging (das ist die deutsche Sekte von Alkoholismus + Rassismus); der andere weil er versucht hat, eine Jüdin vor Arabern neben KaDeWe zu schützen (naja, waren es die Scientologen mit den Flugzeugen ins Gebäude und den 4000 Toten? Was macht eigentlich Deutschland gegen Antisemitismus, Anti-Amerikanismus und Antidemokaristmus unter junge Muslimen in Deutschland?).
Was ist es mit den Deutschen und (In)Toleranz? Warum können die Scientologen in meisten Ländern nur als lächerliche winzige Sekte gesehen, und in Deutschland als der Teufel? Sind die deutsche Seelen empfindlicher als bei anderen Nationen?
am 25. Juni 2007, 22:08 #
Die Kritik an Berthold Schenk Graf v. Stauffenberg geht meiner Meinung nach fehl. Vom Sohn eines ermordeten Widerstandskämpfers sollte man nicht verlangen, daß er mit jedem Filmemacher, der einen Film über seinen Vater plant, persönlich spricht, bevor er sich ein Urteil darüber bildet.
Die Kritik an den Politikern kann man so sehen, muß man aber nicht. Mir erscheint sie zumindest an einer Stelle ähnlich wohlfeil wie die Politikerworte selbst: was könnte denn der Staat gegen die Zentrale in Charlottenburg und die von ihr ausgehenden Werbemaßnahmen tun?
Stefan S.
am 25. Juni 2007, 22:43 #
Hier, hier, hier, ich habe sie wieder in der Stadt gesehen, am Alex hatten die einen großen Stand aufgebaut und Beratung angeboten. Da war richtig viel los. Alles Statisten vermutlich.
am 26. Juni 2007, 00:30 #
Also (ich versuch’s mal) ganz neutral, ja Tom Cruise macht Werbung für Scientology. U.a. war zum Beispiel beim Dreh von Krieg der Welten ein ganzes Team/Zelt von Scientology am Drehort um “die Schauspieler zu unterstützen”. (Nett, wah?) Ich glaube in USA ist das auch viel presenter, als in Deutschland. Noch dazu ist es “seltsam” wie er in Interviews auf das Thema reagiert.
Aber was soll’s – Xenu impft einem wohl keine Gelassenheit ein. Und ob das alles Werbung ist – “Presse” ist es auf jeden Fall.
Werbung kann man natürlich verschieden definieren. Denn es braucht die Person die gerne darüber auskunft gibt (Tom Cruise) und Medien die es immer wieder erwähnen und ausschlachten. Wer zuerst da war – da ist wie das Ding mit der Henne und dem Ei.
Ich find’s allgemein seltsam, dass er die Rolle überhaupt bekommt – nun ja. Ich glaube mit ihm verkaufen sich eben ein paar 1000 Kinokarten mehr.
Darüber darf man selbstverständlich streiten – vorallem wenn man den Film gesehen hat. Vielleicht kommt auch etwas dabei raus. Immerhin darf man nicht vergessen, dass so ein Film auch etwas für das Bild über die Deutschen in Übersee tut (Mediale Aufbereitung, Massenpublikum, ...). Denn Leute die sich nicht explizit für Geschichte interessieren, die wissen meist gar nicht, dass es überhaupt deutschen Widerstand gab.
Und davon mal abgesehen ist das Stauffenberg. Und nicht die Gebrüder Scholl. Sieht jemand den Unterschied?
Ramon
am 27. Juni 2007, 10:22 #
Denkt immer dran: all die, die besonders subtil oder – im Gegenteil – extrem plakatik für Scientology schreiben (hier, in diesem Blog), gehören meist selbst dazu. Wer die neuesten Nachrichten zu dieser Sekte gelesen hat, weiß von ihren Vorhaben, sich unauffälliger als bisher in die Machtstrukturen unserer Gesellschaft einzugraben. Natürlich wird das jeder abstreiten: “Ich? Nein, ich argumentiere nur sachlich! Ich gehöre nicht dazu!” – Meinungsbildung im Internet gehört aber definitiv zu den Strategien dieser Geldgeier.
Tom Cruise ist ein besonderes Mitglied: er wird für sein Wirken bezahlt. Das macht Scientology aus PR-Gründen. Die “normalen” Mitglieder dürfen zahlen – und zwar kräftig.
@Tamar
Schön, daß Du als plakatives Beispiel vorangehst. Danke dafür.