Das Schweigen brechen
Claudia in berichtet am 13. Juli 2007, 11:54 9 Kommentare »
Künstlerische Toleranz hat auch ein Ende: Brothers Keepers e.V. haben keinen Bock mehr auf die rassistische und sexistische Stereotypisierung im erfolgreichen kommerziellen deutschen Hip Hop. Der Zusammenschluss afrodeutscher KünstlerInnen und ProduzentInnen engagiert sich gegen Rassismus und für Gleichberechtigung auf allen Ebenen und spricht die Missstände in der deutschen Musikindustrie sehr deutlich an. Gleichzeitig fordern sie die Verantwortlichen auf mit mehr Respekt füreinander und gegen Rassismus aufzutreten. Was den Musikbossen ziemlich schnuppe ist: Harmonie bringt keine Knete und fördert somit die Abstinenz schwerer Goldbunnykettchen um des Produzenten zarten Halses.
Die Künstler des in Berlin ansässigen Labels Aggro Berlin, das einst das Neu-Dahlemer Kehlchen Bushido hervor gebracht hatte und heute u. a. Sido unter Vertrag hält, hat’s in der jüngsten Vergangenheit bei den Künstlern des Hauses mit dem, was man unter künstlerischer Freiheit verstehen möchte, übertrieben. Dass gerade Berliner Rap – gerne aus der Ecke dieses einen Labels – extrem sexistisch, Gewalt verherrlichend und homophob ist, dürfte bekannt sein. Deutliche Worte auf einem Track des pathologischen Homophobikers Rappers G-Hot, der sich bis vor kurzem bei Aggro Berlin unter Vertrag wähnte und sein offensichtlich sich ebenfalls massiv vor Schwulen fürchtenden Kollegen Boss A: „Homosexuelle hätten kein Leben verdient“. Tipps, wie sie ihren eigenen sehr offensichtlichen Schwanzneid zu therapieren versuchen, liefern sie mit: „Schneidet ihnen den Schwanz ab.“
Das war nun selbst Musikern aus den eigenen Reihen zu viel. Eine Berliner Rapperin, die anonym bleiben möchte, erstattete Anzeige gegen die beiden Milchbubies mit Bildungslücke und erklärte im Hip-Hop-Magazin Wildstyle, der Track sei nicht nur diskriminierend, sondern werde darin zur Gewalt aufgerufen und wörtlich: “Das sind Naziideologien, die in unserer Gesellschaft nichts zu suchen haben und ich finde es schlimm, dass diese Leute Rap als Versteck und Plattform für ihren Hass, ihre Komplexe und Gehirnkrankheiten missbrauchen.”
Kleiner Erfolg, der bewusste Track ist offiziell im Internet nicht mehr zu finden. Und Aggro Label pressemitteilte (verfassen die die eigentlich in Rap-Lyrik?) zwischen dem Label und G-Hot gäbe es seit Herbst letzen Jahres keine geschäftlichen Beziehungen mehr.
Aggro Label kann also doch mit Schwulen? Inwieweit sie aber mit schwulen Farbigen könnten oder hetereo und farbig, ist schon wieder fraglich:
Das gleiche Label produziert nämlich B-Tight. Dem muss mal ein Mensch mit dunkler Hautfarbe die legal auf C-Cup gepumpte Tussi abgeschleppt haben und nun hat er seinen Herzschmerz auf Vinyl gerappt: B-Tight hat unter dem Vertrieb Groove Attack das Album „Neger Neger“ (im Text auf * reduziert) am Start. Eine Bezeichnung, die sich seit langem von selbst verbietet. Dank der offensichtlichen extremen geistigen Armut, der für die Kampagne zuständigen Werbetreibenden, kleben nun dementsprechende Aufkleber mit dem rassistischen Album-Titel in der Stadt. Der afrodeutsche Künstler rappt: „Wer raucht immer noch dein Gras weg? Der *, Wer rammt immer noch sein Penis in dein Loch, sag mir wer ist immer straf? Der *.“ Erinnert irgendwie stark an Kindergartenreim. Sie können einem in ihrer Angst vor allem, was anders und vielleicht größer ist als sie selbst und mit ihrer ewigen Fick-Paranoia ehrlich leid tun.
Aggro Label verneint selbstverständlich den Vorwurf der Brother Keepers e.V. mit solchen Alben rassistisches Gedankengut zu vertreiben und plädiert für die künstlerische Freiheit ihrer Künstler. Halten gar die schützende Hand über ihre Mimosen: hier würde in einer angeblich gesamtgesellschaftlichen Debatte „ein einzelner Künstler am Pranger stehen“.
Den Forderungen der Brothers Keepers e.V. folgen u.a. Smudo (Fantastischen Vier), Roger Willemsen, Claudia Roth und Monika Griefhahn. Letztere war Anlass für eine noch frische Razzia in der Berliner Untergrund Rap-Szene. Nachdem man die Vorsitzende des Bundestagsausschusses Neue Medien wegen ihrer kritischen Äußerungen zur deutschen Rap-Szene mehrfach beleidigt hatte und zur Gewalt gegen sie aufgerufen und sie sogar mit dem Tode bedroht hatte, räumte am 5.7.2007 das Landeskriminalamt die Wohnungen von drei Beschuldigten, die unter einem Label die CD „1. Mai Steinschlag“ herausgegeben haben. Auf dieser CD wird in zehn Songs der deutschen Polizei sehr deutlich alles gewünscht was krank macht – nichts Gutes also. Grund für das Amtsgericht Tiergarten hierfür einen Beschlagnahmebeschluss zu erlassen. Im Rahmen der Durchsuchungen wurden unter anderem ein Maschinengewehr AK 47 inklusive Magazin mit verschlossenem Lauf, eine Pistole „Luger M-11“, eine Gaspistole und über 200 Gewehrpatronen im Patronengürtel sichergestellt.
Yo, alles so’n Zeuch, das man eben zum Rappen so braucht. Vor allem wenn man voll fett Angst vor dem großen schwulen oder schwarzen Mann hat.
9 Kommentare
am 13. Juli 2007, 13:13 #
Yepp: das steht auch in dem Artikel kursiv betont: „Der afrodeutsche Künstler rappt“.
MarkS
am 13. Juli 2007, 13:20 #
Zu diesem Komplex gibt es einen sehr lesenswerten Artikel in der taz vom 9.7.: Verbales Mutterficken
SteffenBerlin
am 13. Juli 2007, 15:53 #
Was für ein Glück ist es da, dass die Homophobiker in CDU, CSU und SPD die Lesben und Schwulen am Leben lassen.
am 14. Juli 2007, 10:50 #
„Gelungene“ Stellungsnahme: G-Hot “Ihr seid mir alle scheissegal“ differenziert sehr spannend zwischen der Böse ist nicht, wer den Track macht sondern der Böse ist erst, wer den Track rausbringt. Video auf YouTube, großes deutsches Sprachkino!
am 27. Juli 2007, 10:20 #
Ich erlaube mir mal einen manuellen Trackback auf den sprechblasenblog. Beste Grüße, m.