Pinkeln 2.0
Ian in berichtet am 27. August 2007, 23:47 10 Kommentare »
Man hat nicht jeden Tag die Gelegenheit, den Eröffnungsfeierlichkeiten einer Anstalt des öffentlichen Bedürfnisses beizuwohnen. Und noch seltener kommt es vor, dass ein solches Örtchen von einem Regierenden Bürgermeister höchstpersönlich eingeweiht wird. So liefe ich heute Nachmittag ahnungslos über den mittlerweile fast vollständig umgestalteten Alexanderplatz, als ich eine aufgeregte Menge mitsamt preußisch aufgemachter Blaskapelle erspähte. “Da ist ja was los”, sagte ich mir mit dem geübten Blick eines Großstädters. Gratisunterhaltung lasse ich mir nicht entgehen, besonders nach einem etwas drögen Wochenende (auch wenn die Führung durch das Justizministerium durchaus geistig anregend war). Mit deduktivem Feinsinn erriet ich, dass ich fast buchstäblich an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter der sanitären Versorgung stand. Und nein, nicht nur ich – den Herr mit dem knallroten Schlips kenne ich doch aus dem Fernsehen.
Kaum hatte ich diese unerwartete Nähe zu einem hohen Vertreter der Landes- und Bundespolitik innerlich verarbeitet, blies die Blaskapelle los. Anschliessend wurde die “City Toilette” in höchsten Tönen von allen Beteiligten (modern! behindertengerecht! urban!) gelobt, das zeremonielle Band feierlich durchschnitten und die neue Anlage dem Regierenden (in den Worten eines Herrn Wall, dessen Firma wohl für diverse kleinere und größere Geschäfte in Berlin zuständig sei) “vorgeführt”. Wie das genau vonstatten ging, kann ich leider nicht mitteilen, da zuerst die geladenen Gäste die Anlage ausprobieren durften und ich dringend musste. Woanders hin, meine ich.
10 Kommentare
am 28. August 2007, 08:22 #
oh, was ist nur aus der städtischen Klappen-Kultur ondamaris.blogspot.com/2006/10/klappenkultur geworden …
nun, immerhin besser als ‘atom-klos’ …
am 28. August 2007, 10:14 #
Wenn man dem Tagesspiegel glaubt, dann ist der neue Pinkeltempel die neue Attraktion der Hauptstadt.
Es ist auch von einem Drehkreuz zu lesen. Was der Tempel wohl an Eintritt verlangt?
am 28. August 2007, 13:36 #
Ma könnte das mit einem Flatrate-Trinken-Angebot für die Vor- und Nachher-Rundumversorgung kombinieren.
Merkwürdig bei der ganzen Veranstaltung war, dass in den Reden die landeskassenfreundlichkeit des Finanzierungsmodells und das supertolle soziale Engagement der Betreiberfirma usw. umfassend hochgepriesen wurden, wodurch der Eindruck entstand, das wären wahre öffentlichen Toiletten, die von der Firma quasi als Dienst an die Berliner Bürger aufgestellt werden. Erwähnt wurde jedoch nicht, dass der Nutzer einen kleinen Obulus zu entrichten hat – wenn die Leistung stimmt, hätte ich rein theoretisch nichts dagegen, aber bei der Anlage bei mir um die Ecke hat das All-Inclusive-Angebot von 50 Cent dazu geführt, dass die umliegenden Büsche auch in der trockenen Jahreszeit immer mit Flüssigkeit versorgt werden.
Stefan S.
am 28. August 2007, 16:37 #
Oh, Herr Wall Senior trägt keine Krawatten mehr. Dafür sieht Junior umso schmucker aus.
Jana
am 22. September 2007, 00:52 #
Okay, etwas spät entdeckt, aber… ein Schwuler weiht eine öffentliche Toilette mit einer Blas-Kapelle ein? :D