Neuköllner Momente (1)
Susanne in Stadtnotizen am 29. Dezember 2007, 16:10 Kommentar schreiben »
Es gibt Tage in Neukölln, die überraschen. Immer wieder gibt es solche Momente, man möchte es nicht meinen. Dass sich Klischees immer wieder, immer noch brechen lassen. Trotz der allgemeinen Festschreibungen.
Neulich war die vorherrschende Sprache einen ganzen Tag lang Spanisch. Und nicht Türkisch oder Arabisch, wie man meinen könnte. Im Vorbeigehen auf der Straße, in der U-Bahn und im Spätkauf, spanische Fetzen von Mutter zu Kind, von Frau zu Mann und am Handy. Neben Deutsch natürlich, das darf man ja nun nicht vergessen. Entgegen anders lautenden Gerüchten wird auch in Neukölln vorwiegend immer noch Deutsch gesprochen. Oder diese Art von Deutsch, you know what I mean.
Natürlich gibt es sie, diese absoluten Fressen, in die man nicht einmal hineinsehen möchte. Sie stehen an den Supermarktkassen, zum Beispiel, mit dem Handy am Ohr und rufen irgendetwas schwer verständliches. Ist das eigentlich Deutsch? Gesichter, aus denen die Dumpfheit nicht spricht, sondern vielmehr wabert. Ziellos. Man schämt sich für diesen Gedanken, ich zumindest tue das, augenblicklich. Gutmenschreste, nach über drei Jahren Neukölln. Immer noch. Immerhin.
Daneben steht der schmale, dunkle Typ, unauffällig, mit Schirmmütze und dunklem Wollmantel. Klavierspielerhände hat er und einen englischen Akzent, als er mit der Kassiererin spricht, ihr ein gutes neues Jahr wünscht. Anschließend, am Einpacktisch, höre ich ihn summen. Eine zweite, dritte Chorstimme vielleicht. Oder irgendwelche Etüden. Kein Pop, kein Rock, nicht mal Rap. Wo gibt es denn so was?
Draußen dann gleich wieder ein kleines Grüppchen Bomberjacken. Dass die niemals aussterben. Ist doch längst überholt, denke ich immer. Aber es gibt auch sie, diese Bomberjackenträger mit täglich frisch rasierten Schädeln, deren Sprache sich in über isch-misch-dich Dimensionen kaum hinausbewegt. Zu bewegen scheint. Meinen meine Gutmenschreste gerade. Na gut.
Eben habe ich noch ein kleines Wunder entdeckt. Ein Handyladen ist verschwunden, was an sich kein besonderes Vorkommnis darstellt. Ständig werden in Neukölln Handyläden und 1€-Shops geschlossen und wieder neu eröffnet. Das ist eine Art Einzelhandelringelrein. Ein eigenartiges Spiel mit seltsamen, verborgenen Regeln. Aber durchaus schön anzusehen, anmutig fast. Mehr oder weniger, Marketing vielleicht. Doch dieser eine Handyladen wurde nun ersetzt durch ein polnisch-schlesisches Lebensmittelgeschäft. Tatsache! Mit an den Wänden hängenden Würsten und frischem Käse in der Theke. Und polnischen Zeitungen, das ist neu. Polnisch ist hier bislang eher wenig zu hören, aber das wird sicher. Neuerdings sind ja die Grenzen offen.
Und außerdem: Meine Oma ist mitten im heutigen Polen geboren und aufgewachsen. Natürlich war sie Deutsche, damals. Vor dem ersten Krieg, als Pommern noch nicht verloren war. Später dann Tschechin, weil sie mit einem Tschechen verheiratet war. Wie sie den gefunden hat? Keine Ahnung, aber im Ruhrgebiet war das sicher nicht allzu schwierig. Anschließend, nach dem Tod des ersten Gatten, wurde sie wieder Deutsche. Passend zur Zeit, vermutlich. Der zweite Mann, mein Opa, kam aus Ostpreußen in den Pott. Und Königsberger Klopse gehörten immer zum Standardrepertoire in Omas Küche.