Mozart zum Frühstück

Ute in am 21. Januar 2008, 08:57   6 Kommentare »

…ist für mich als Morgenmuffel schon eine echte Herausforderung. Da ich seit Jahresbeginn jedoch meinen durchgängigen Nachtschlaf weitestgehend zurückerhalten habe, stellt der sonntägliche Zieleinlauf im Konzerthaus um 10.15 Uhr kein größeres Hindernis mehr dar. Der Morgenkaffee wurde sicherheitshalber dennoch in der heimischen Küche genommen und auch auf die kleinen, aufgebackenen Abreiß-Croissants möchte ich mich nicht gänzlich verlassen.

Dennoch ein schöner Gimmick – Milchkaffee und Croissant sind beim Kartenkauf inklusive und wo der Berliner das Attribut umsonst wittert, setzt er sich flugs in Bewegung, um seinen Vorteil in langen Schlangen und unter Bodycheck-Bedingungen wahrzunehmen. Ich war also in privater Mission wie mit beruflicher Neugier (neue Formate! andere Kunden!) unterwegs, und ließ es mir nicht nehmen, Serenade, Sinfonie und Klavierkonzert, pianiert von Rudolf Buchbinder bei Mozart zum Frühstück im Konzerthaus am Gendarmenmarkt einzunehmen.

Musikalisch fachkundige Begleitung und ich halten als Besuchsbilanz dieser zweiten Mozart-Matinee fest:

  • Das internationale Publikum hat interessante Sitten: Hungrige Asiatinnen langten ungehemmt in die Croissant-Kisten hinterm (!) improvisierten Tresen. Sayonara, meine Damen, aber das geht gar nicht. Man wartet höflichst, bis der Herr Kellner die Körbchen auf den Stehtischen aufgefüllt hat oder fragt die Dame hinterm Tisch-Tresen, ob Selbstbedienung in Ordnung ist. Schließlich bedeutet Milchkaffee und Croissants für alle, also für sagen wir mal 800 Leute in 60 Minuten, fürs Catering-Personal eine sportive und logistische Höchstleistung in kürzester Zeit.
  • Nein, liebe Berliner Kaffee-Snobs, noch mehr Milchkaffee-Automaten, selbst die bösen, weniger arbeitsintensiven Einknopfmaschinen, kann kein Gastronom anschaffen, nur weil wir zum sehr preiswerten All-inclusive-Tarif von 15 Euro für 75 Minuten Konzert und französisches Déjeuner den Qualitätsmilchkaffee mit der handgeschlagenen Schaumhaube erwarten. Bitte überqueren Sie den Gendarmenmarkt und nehmen Sie diesen, unbedingt empfehlenswerten, Capuccino im Einstein schräg gegenüber ein. (Essen Sie aber dort bitte kein Clubsandwich mit Bacon, der ungebraten und speckig daher kommt und der sonstigen Qualität von Speis und Trank nicht entspricht.) Oder seien Sie bereit, mindestens fünf Euro mehr fürs Catering bei so einem Konzert zu zahlen.
  • Ausverkauftes Konzert im großen Saal (geschätzte 1.000 Plätze) ohne Platzreservierung reizt den Berliner zum Bodycheck im U-Bahn-Style: Wer quetscht sich zuerst durch die Türen und wirft seinen Schal oder Allerwertesten auf die vorderen oder gefühlten Stammplätze? Vorsicht, der gemeine Berliner Rentner ist ein ernstzunehmender Nahkampfgegner und ein enger Artverwandter des überall anzutreffenden Büffetgeiers oder der südosteuropäischen Matrone mit Hackenporsche beim Einkauf auf dem Türkenmarkt. Ich stelle aus meiner lichten Höhe beim Blick übers Auditorium fest: Hohe Silberlockenfrequenz.
  • Toleranz, meine Damen und Herren! Werter Herr Pianist, auch Sie sind gemeint. Wir alle waren mal jung. Lässt sich bei so einer Performance ein kleines Kind (ja, die Kinderbetreuung im Werner-Otto-Saal, eine löbliche Sache, war schon lange ausgebucht!) von den ersten Pianistentönen zum Weinen bringen, gehört es nicht mit Blicken wie Pfeilspitzen getötet, sondern einfach ignoriert. Schließlich dauert es ein bisschen, bis die willige Mutter mit ihrem Sproß den Saal verlassen hat. Ein Konzert, das als neue, lockerere Form daherkommen will, ist nicht heilig. Nein. Bei aller Freude an glasklarer Akustik und perlender Konzentration, aber wie soll der Nachwuchs je der Musik nahekommen, wenn ein Klassik-Konzert still wie ein Besuch im Trappisten-Kloster daherkommen soll? Und, wertes erwachsenes Auditorium, auch Niesen und Nasehochziehen ist in diesem Kontext sonst bitte sehr zu unterlassen.
  • Fachkundige Begleitung meint: Den Mozart hat der Pianist aber nur so runtergeschnurrt. Dafür gibt’s allenfalls eine Drei minus. Doch das Konzerthausorchester erfreute, auch Dirigent Lothar Zagrosek sorgte für Plaisir, vor allem beim ersten Stück, in kleiner Besetzung mit Bläser-Oktett. Die Pianisten-Qualität kann ich nicht beurteilen, da bin ich akustischer Legastheniker, was mich zwar intellektuell ärgert, aber in einen undifferenzierten Hat mir gefallen-Feelgood-Modus versetzt. Man gebe mir Bilder, man gebe mir Texte, da bin ich gnadenlos, aber bei Konzerten ist meine Unwissenheit gnädig, nur gröbste Schnitzer erreichen mein Ohr. Also ein schönes Konzert für mein Laienohr.
  • Das internationale Publikum war gut vertreten: Auch General Jaruszelski war da. Ein Double oder Original des gewesenen polnischen Dikators sorgt für gesteigertes Amüsement. Hoffentlich sind wir nicht ins Visier seines gewesenen Geheimdienstes geraten und werden für unsere diskrete Lästerlichkeit bald entleibt.
  • Klarer Fall: Da gehen wir wieder hin. Popstar Mozart am späten Morgen, das kann man gut haben. Und was die Rentner können, das können wir auch, da machen wir deren Lebensalter und Erfahrung durch unsere sportive Jugend im Nahkampf um Tütenhörnchen, Kaffee komplett und Klassizismus-Stuhl glatt wett.

6 Kommentare

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Huflaikhan

Vielen Dank für die zahlreichen Hinweise. Jetzt bin ich total unsicher, ob man da hingehen sollte oder besser nicht.

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Ute HSB

Doch, doch, das ist schon eine Hör-Empfehlung. Nur, was die Qualität der einzelnen Künstler angeht, die kann ich mit meinem Laienohr nicht beurteilen, aber das kannst du ja als Fachmann, bzw. nach Programmankündigung, besser einschätzen.

Das Drumherum ist, wie gesagt, witzig bis skurril, macht aber Freude am Sonntagmorgen. Und das Orchester hatte ich auch schon mal beim Gluck.Gluck.Gluck.-Konzert gehört und auch die damalige fachkundige Begleitung meinte, es sei von guter Qualität. Aber hören Sie selbst…

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Huflaikhan

Danke für Antwort, Ute. Ich kannte mal etwas ähnliches, aber viel kleiner aufgezogen von Wien. Da spielt einer sämtliche Klavierwerke von Schubert, verteilt auf viele Tage, jeweils zum Mittag – also gegen 12. Danach gab es ein kleines Essen im Konzerthaus.

Das zielt auf ein etwas anderes Publikum. Jetzt, da ich weiß, es geht um einen Sonntag, weiß ich, dass ich das nicht so will. Das wäre mir doch zu voll insgesamt und überall.

Man könnte natürlich auch sagen: Mozart zum Frühstück geht gar nicht. Aber zur Vesper … ;-)

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Ute HSB

Ach, da bin ich völlig unempfindlich, ob Frühstück oder Vesper… Hauptsache, ich bin nicht unausgeschlafen.

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Huflaikhan

;-)

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claudia hsb

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