In der Gruselbimmelbahn
Claudia in Stadtnotizen am 28. Januar 2008, 22:53 13 Kommentare »
Heute bin ich mal wieder U8 gefahren. Ihr wisst schon, die brutalste U-Bahnstrecke Berlins, ach, was schreib‘ ich, die gefährlichste U-Bahnlinie von ganz Deutschland. Tapfer wie ich bin (und wie es gewisse Anreisemodalitäten zu meiner Home Docking Station nicht anders zulassen) habe ich auch noch die finstere Route über den bösen Hermannplatz genommen.
Mensch, gefährlich war das wieder. Alleine schon die drei Minuten Wartezeit auf dem Bahnhof bis der Zug aus dem hohen gefährlichen Norden der Stadt kommen sollte, haben das Blut in den Adern gefrieren lassen. Der junge Mann z. B., der die illegal herumstehende Pfandflasche einfach so einsammelte, dabei soll man doch herrenlose Gegenstände der Aufsicht melden, könnte es sich um terroristisches Anschlagmaterial handeln.
Wenn doch die Spuren, wo immer europaweit hier und da ein kleiner Terrorist hops genommen wird, sofort gleich nach Deutschland führen, da liegt es ja auf der Hand, dass die direkt zum Hermannplatz lenken. Weil der doch so böse ist. Der junge Mann jedenfalls, der mit der Pfandflaschensammelleidenschaft, der guckte auch in die einzige noch mit Bargeld zu betätigende Telefoneinheit auf dem Bahnhof, ob in der Klappe sich vielleicht noch ein paar Cent langweilen. Dann sprach er mit den Müllbehältern. Sehr gefährlich.
Oder die junge Frau, die diesen merkwürdigen grünen Zipfelrock trug. Die Zipfel mit einer Brosche zusammengehalten. Sehr sehr verdächtig. Graue Strumpfhosen dazu. Zur Tarnung trug sie sehr schöne damenhafte Pumps. War gleich klar, damit konnte sie nicht weit rennen. Hat sie sich bei mir sofort verdächtig gemacht, ich habe da ja einen Blick für. Also für’s Gefährliche.
Und als nämlich der Zug kam und seine für die allgemeine Sicherheit viel zu lange währende Pause auf dem Bahnhof Hermannplatz hielt, da war da die ältere Dame. Die saß mit dem Rücken zu und vor mir, links auf der Fensterseite. So Typ «Oma», weißgraue Löckchen, hinten leicht kraus gelegen. Die hatte offensiv der anderen älteren Dame, auch Typ «Oma», die auf der anderen Seite auf den Zug gewartet hatte, gewunken. Immer wieder. Wenn die sich mal nicht beide nach erfolgreichem Drogen-Deal auf diese Art mit geheimen Zeichen verständigt haben. Vielleicht haben sie auch zusammen oben vor dem Karstadt-Eingang den «Wachturm» verkauft. Ist ja ‘ne gefährliche Ecke dort. Nicht nur auf dem Bahnhof. Schlimm das alles.
Und dann, da habe ich ja fast den Herzkollaps bekommen. Als der Typ in den Waggon einstieg: mit ‘nem Holzfällerhemd. Das sagt doch schon alles. Holzfällerhemden! Die sind doch die Tarnung des Grauen. Der war aber richtig gefährlich, das kann ich Euch sagen! Klarer Fall von Serientäter der übelsten Sorte. Wenn das überhaupt reicht. Der trug nämlich auch ein Basecap: und zwar richtig herum!
Zum Glück war der schräge Vogel mit der Süddeutschen Zeitung unter dem Arm nicht wieder unterwegs. Wenn der einsteigt mit seiner Komplizin, lasse ich ja immer lieber einen Zug aus. Das sollte man schon mal auf die nächste Bahn warten. Sicher ist sicher!
Ich bin froh wieder zu Hause zu sein. War sehr gefährlich heute. In der U8. Wie immer.
13 Kommentare
am 29. Januar 2008, 09:48 #
Und gestern Abend soll gegen halb zwölf am Rosenthaler Platz ein Blogger mit roter Tasche und milchschokobrauner Jacke eingestiegen sein. Die ganze Zeit hat er an seinem Funkfernsprecher rumgefummelt und ist erst an der Pankstraße wieder ausgestiegen. Mysteriös.
der Falk
am 29. Januar 2008, 10:25 #
Hatten sie ihren Fahrschein bereits vorher gelöst?
Dann hätten Sie die “Fahrkarten-Verkaufs-Verhandlungen” an den Automaten verpasst.
am 29. Januar 2008, 18:45 #
Oweia, mannomannomann! Hätt ich das doch bloß nicht gelesen hier. Dreimal musste ich heute über den Hermannsplatz (sic! ;-), U7 zwar, aber dennoch…
Ich sag Euch, ich hatte solche Angst. Dauernd diese Horrorgeschichten von Plastikflaschenfetischisten, Terroromas und Holzfällerhemden im Kopf. Verzweifelt stand ich an die Notrufsäule geklammert. Aber es hilft ja nichts, irgendwann muss man ja doch einsteigen. Und dann steht man da, eingesperrt in diese gelbe Blechbüchse. Zusammen mit all diesen schrecklichen Gestalten. Eingepfercht. Kein Entkommen möglich. Kein Notruf? Oder? Wo denn?
Ich vermag es kaum in Worte zu fassen.
Und dann, da drinnen, sah ich das Schlimmste von allem. Direkt vor mir, mitten im Gang. Da las einer in einem Buch! Vor meinen Augen, einfach so. Und das ist doch wirklich das Gefährlichste. Oder? Lesen! Das ist hochbrisanter Sprengstoff.
Ich war geschockt. Ich bin es noch. Nein, ich habe mich nicht getraut nachzusehen, was der Mann da las. Es ging einfach nicht, tut mir leid. Ich zittere jetzt noch. Wirklich!
Justus
am 29. Januar 2008, 22:23 #
Nicht in der Gruselbimmelbahn.
Letzte mal traf ich Sie in der selben Arztpraxis. Sie sassen mir gegenüber.
Wir zwinkerten uns zu. Unsere Blicke wurden unterbrochen. Wir mussten uns trennen.
Beim Arzt ist es wie in der Bimmelnahn. Man kriegt immer das zu hören was man nicht will. In meiner Arztpraxis ist alles so eng.
In der U-8 ist alles so unübersehbar. Man weiß nie wenn etwas passiert.
Darum lieb ich die U-8.
Obwohl meine Arztpraxis für 3 Monate nur 10 Euro kostet.
Meine Bimmel BVG kostet mich im Monat über 70 Euro.
Dafür erlebe ich ab 22.00 auch viel mehr in meiner Bimmel BVG.
am 29. Januar 2008, 22:31 #
@der Falk
Fahrscheinverhandlungen sind gänzlich ungefährlich, glauben Sie mir!
@rrho
bin ich froh, dass ich schon zu Hause war. Sie sind mir zu gefährlich!
@Susanne
Das klingt alles sehr schlimm. Du tust mir leid. Ich bin heute Rad gefahren. Einmal in der Woche U8 – mehr macht mein Herz nicht mehr mit!
@Justus
Hm, haben Sie mal über eine Therapie nachgedacht? «Darum lieb ich die U-8. » Sie machen mir Angst. Ehrlich. Jetzt.
@all
;-)
Justus
am 2. Februar 2008, 00:52 #
@claudia hm. Na daraus hätte man doch n bissel mehr machen können.
Jetzt hat es sich ja erst mal ausgebimmelt.
Jetzt zeigen wir uns erstmal solidarisch, mit den Streikenden.
Nächste Woche nicht mehr. Da brauche ich meine Bimmelbahn wieder.
Was sollen denn all die Junkies dann machen?
BVG: wir machen drei Wochen Urlaub. Sorry, drei Wochen Streik.
am 3. Februar 2008, 11:21 #
“20 Uhr, Bahnhof Zoo, U9. Grelles Neon-Licht, Graffiti-Schmierereien, Urin-Gestank, Betrunkene, Handymusik hörende Jugendliche. Und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) mittendrin – ohne Bodyguards an seiner Seite…”
Fortsetzung des Bild-Zeitungs-Krimis in der B.Z.
Friendster
am 19. Februar 2008, 22:40 #
Bahnhof Zoo, U9. =welch schlimme Linie
Grelles Neon-Licht, = Kerzenlicht wäre viel schönerGraffiti-Schmierereien,= das ist Kunst
Urin-Gestank, =auf welcher Toilette?Betrunkene, = um diese Uhrzeit,schon
Handymusik hörende Jugendliche.= nein,aber wirklich
Und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) mittendrin – =der hat nichts unternommen?ohne Bodyguards an seiner Seite…”= wie schrecklich
Kann man nur hoffen, dass sich so etwas schreckliches nicht wiederholt