Auto-Lobbyist Wissmann redet Quatsch
Günter in Stadtnotizen am 20. Juli 2008, 22:04 15 Kommentare »
Der frühere Verkehrsminister und heutige Auto-Lobbyist Matthias Wissmann hat in der ARD-Sendung “Anne Will” gerade (sinngemäß) behauptet, dass man den Studio-Standort Adlershof mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrad unter erträglichen Bedingungen quasi nicht erreichen kann.
[Ergänzung 21.7., 8:35 Uhr: Wörtlich hat Wissmann gesagt, es sei “praktisch unmöglich”, das Studio mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zu erreichen; siehe auch Klima-Lügendetektor von Greenpeace]
Das ist Unsinn: Mit dem Auto braucht man z.B. vom S-Bahnhof Schönhauser Allee zum Studio Berlin laut Google-Maps zirka 30 Minuten. Wer die Strecke mit dem Auto tagsüber schon gefahren ist, weiß, dass es in der Realität deutlich länger dauern kann – ein Freund benötigte für ungefähr dieselbe Strecke kürzlich über 50 Minuten.
Mit der S-Bahn dauert es von der Schönhauser Allee bis zum S-Bahnhof Adlershof je nach Verbindung zwischen 28 und 32 Minuten – plus 4 Minuten mit dem Fahrrad zum Studio Berlin (bei 10 Stundenkilometern, laut BBBike).
Ich schau mir jetzt lieber Columbo an.
15 Kommentare
Mark S
am 20. Juli 2008, 23:06 #
Columbo auf SuperRTL? Eine Uralt-Folge von 1971? Okay, im Vergleich zu Will und Wissmann eindeutig die bessere Wahl.
Samuel
am 21. Juli 2008, 00:47 #
bist du da abends auch schonmal wieder heimgekommen ohne ewig auf deine Bahn zu warten/Schienenersatzverkehr/usw? Die Wartezeiten beim ÖPNV sind genau wie die Wege zur und von den Haltestellen mit einzurechnen. Die entfallen beim Auto, bis auf die Parkplatzsuche natürlich.
Ergo: Man braucht in Berlin kein Auto, aber wer eins hat, der fährt deutlich bequemer durch die Hauptstadt. Somit ist die Sache der Erträglichkeit sehr sehr individuell.
Jana
am 21. Juli 2008, 01:05 #
Da fährt doch alle zehn Minuten ‘ne Straßenbahn, andauernd der Bus und in knapper Entfernung auch regelmäßig die S-Bahn . Außerdem kommt man mit dem Auto momentan kaum voran in Adlershof, bei den ganzen Bauarbeiten.
Und das mit dem “bequem fahren” würde ich beim Fahrstil so mancher Mitbürger auch eher bezweifeln. ;) Plus: rote Welle überall!
am 21. Juli 2008, 09:00 #
@Samuel. Zu Deiner Frage: Ja, oft. Gerade abends sind die Bahnen nach meiner Erfahrung recht pünktlich. Wenn ich weiß, wann meine Bahn fährt (was ich im Zweifel von unterwegs auch per Handy leicht herausfinden kann), habe ich kaum Wartezeiten. Ich habe oft das Fahrrad dabei, daher sind die Wege zur Haltestelle sehr kurz. Das geht oft schneller, als nach mühsamer Parkplatzsuche vom Auto nach Hause zu laufen.
bart
am 21. Juli 2008, 11:46 #
Ich benötige eigentlich nur abends und nachts ein Auto. Tagsüber bin ich mit ÖPNV + Fahrrad noch relativ gut unterwegs. Jedoch hat subjektiv die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der S-Bahn innerhalb der letzten zwei Jahre stark abgenommen.
Und abends fahre ich lieber mit dem Auto, da es mir zu viele stark betrunkene Idioten auf den Bahnhöfen und in den BVG-/S-Bahn-Fahrzeugen gibt. Das macht mir keinen Spaß, um ehrlich zu sein habe ich zunehmend auch Angst :( Samstagabend stand ich bspw. am S-Bahnhof Ostkreuz. Neben mir stand eine Frau, die plötzlich von besoffenen Jugendlichen eine Bierflasche auf den Kopf geschüttet bekam. Irgendwie nicht nett und hinterher stinkt sie dann auch wie eine billige… naja, lassen wir das :p
fry
am 21. Juli 2008, 16:44 #
Trotzdem muss man ernsthaft mal fragen, lieber Verkehrsverbund BB, warum darf ich als Besitzer einer Umweltkarte (und damit die teuerste Karte) kein Rad mit in die Bahn nehmen? Im Gegensatz zu jemanden, der ein ermäßigtes Montasticket besitzt und dafür nur die Hälfte an Geld dafür bezahlt?
Kann das angehen? Erkläre es mir bitte einmal jemand.
bart
am 21. Juli 2008, 17:57 #
Tja fry, das ist nun mal eine Umweltkarte. Das zusätzliche Gewicht des Fahrrades würde den Energie-/Treibstoffverbrauch der benutzten Transportmittels erhöhen. Und das wäre schlecht für die Umwelt!
am 21. Juli 2008, 19:09 #
Mit welchem ermäßigten Monatsticket bitteschön darf man denn ein Rad mitnehmen?
am 21. Juli 2008, 20:50 #
Ach so, also die, die ganz logisch über kein eigenes Einkommen verfügen? Ja, das ist natürlich dreist. Au Mensch, frey! Hirn nutzen!
cora
am 21. Juli 2008, 21:07 #
Nun, auf einem Soz-Ticket darf man jedenfalls keines mitnehmen, wie ich schon mal teuer erfahren durfte – vor Harz durfte man das, wenn ich mich nicht irre.
(Da hätte ich im Vorfeld den Rat: Hirn nutzen benötigt. Ticket beantragt, bei der BVG gehlot und die diesbezüglichen AGB zu den Tarifbestimmungen nicht gelesen. Ich bin mir aber sicher, dass die BVG früher auch MErkblätter zum Theama ausliegen hatte aan den Schaltern)
Chris
am 22. Juli 2008, 00:55 #
Naja, abends ists wirklich ne Qual nach Adlershof rauszukommen. Und das Beispiel funktioniert nur am östlichen und südlichen Ring. Vom Wedding ist das ganze schon komplizierter. Aber alleine der Vorteil in der S-Bahn lesen zu können wiegt die zusätzlichen Minuten auf.
Wünschenswert wäre auf jeden Fall, dass die S-Bahn in den Stoßzeiten häufiger fährt. Zu Vorlesungsbeginn sind die Bahnen ziemlich voll. Es strömen inzwischen jeden Tag Tausende Studenten und auch Arbeiter nach Adlershof, die Takte scheinen mir in den Stoßzeiten zu lang.
truetigger
am 22. Juli 2008, 20:12 #
Ich bin zwar vor 8 Jahren aus Berlin weg, aber schon damals hatte ich an der HU draussen auf dem noch recht leeren Campus viel zu tun. Inzwischen mit dem Tram-Anschluss, der Ringbahn uvm könnte es vielleicht noch etwas besser mit dem ÖPNV aussehen.
(1) Ja, ich hab Wissmann auch gesehen – und Adlershof ist nicht das schlechteste Beispiel. Denn Adlershof ist mit dem Radl allein aus Prenzlauer Berg nur mühsam zu erreichen, Berlin ist gross. Es geht, aber jeden Tag ist es mühsam. Radl + Bahn zusammen im Berufsverkehr ist auch unlustig. Kleinere Entfernungen kann man mit Radl ODER S-Bahn recht gut erreichen, Adlershof war mit Umsteigen verbunden und zog sich hin. Also SOOOO schlecht fand ich das Beispiel nicht.
Natürlich ist der Vergleich S-Bahn + Auto in Berlin fad – allein das Parkplatz-Suchen macht die ganze theoretische Zeitersparnis dahin. S-Bahn ist nach Routenplaner nicht schneller als das Auto, aber dafür zuverlässig. Im Auto hat man locker 30min im Stau drauf, ein Unsicherheitsfaktor. Hätte Wissmann eine Stadt mit weniger gut ausgebautem ÖPNV genommen, hätt er glaubhafter gewirkt.
(2) Das spätnächtliche Heimkommen war dank des Nachtbus-Konzepts zumindest damals kein Problem. Andere Städte wie jetzt Graz (Österreich) sind da UNENDLICH weit von entfernt. Allerdings sind diese Städte dann wieder fahrrad-tauglich :)
Zusammenfassend hatte gerade Wissmann für einen Lobbyisten sehr klug agiert: Statt dumpf das Auto gegen alles schönzureden trat er für “Abriss der ideologischen Denkbarrieren” auf und versuchte, die Auto-Industrie als Wohltat zu verkaufen. Beängstigend gut.