Marzahner Promenade trifft Sonnenallee

Michael in am 30. November 2008, 13:39   Kommentare

Der individuelle Weihnachtsmarkttest, Teil I

Allet so schön bunt hier: der Weihnachstsmarkt-Rummel, der sich ehemals auf dem Stadtschloßgelände befand, ist nun hinter dem Alexa.

Die Fahrgeschäfte sind schön sauber getrennt von den Freßbuden, damit nach der Fahrt nicht auf die Wege degubiliert wird. Durch die engen Gassen drängen sich unglaublich viele Menschen, im Gänseschritt, aber ohne: Marsch! Marsch! (nicht möglich). Schön auch: wer Horrorfilm oder Katastrophenfilm gerne anschaut, kommt hier voll auf seine Kosten. Selbst Jamie Lee Curtis, die Scream Queen Hollywoods, hat nie diese volle Stimmen-Bandbreite der quiekenden und frenetisch kieksenden blonden Mädchen bieten können, obwohl sie schon wirklich gut ist. Ich jedenfalls hatte noch nie so intensiv dauerkreischende pubertierende Mädchen erlebt. Noch nicht mal bei Tokio Hotel, wo ich mit meiner Nichte hin mußte. Und das will was heißen!

Herrlich auch dieses erfrischende Ostblond (99 % aller Girlies), das automatisch die arabischen und türkischen Jungs aus NoNeko (Nordneukölln) anzieht. Kurz habe ich gedacht, ein Neo-Jacksonianer oder ein Rapper wie Bushido hätten hier Dreharbeiten: Mädchen im Osteuropa-Einheitslook, fast wie auf der Oranienburger Straße, nur nicht so tailliert, blond, bunt, gefällig, piepsig, leicht putisiert, Jungs im Rapper-Einheitslook mir kurzen schwarzen Haaren, Silberkettchen dick (Gold ist schwuchtelig) und ca. 250 ml Parfum aufgetragen. Richtig Ethno eben: Marzahner Promenade trifft Sonnenallee. Hat auch was von Völkerverständigung. Und Margot hätte ihre Freude, auch wenn sie mehr auf blau stand.

Mal unter uns: hat mal jemand diesen trainierten und sonnenbankgegerbten Arab-Boys gesagt, wie schwuchtelig die mit ihren gezupften Augenbrauen und bunten Jäckchen aussehen? Andy Warhol hätte seine Freude gehabt …

Apropos Bushido: der hat seinen neuen Laden direkt in den S-Bahnbögen neben dem Alexa. Scheint sich also ein neuer Kontaktknoten zu sein, das Alexa, männliches Südeuropa trifft weibliches Osteuropa.

Auch dabei: ein paar aufgebretzelte Typen mit aufgebutchten Thor-Steinar-Klamotten (Marke der rechten Szene) haben sich möchte-gern-cool mit Berliner Bierpulle breitbeinig am schmalen Gang aufgestellt und gerne mal die arabischen Jungs gerempelt. Braucht man/frau auch nicht wirklich.

Wer auf haptische Erlebnisse steht und gerne mal wissen möchte, wie sich eine Sardine in Öl in Gesellschaft fühlt, konnte dann an den Karussels vorbei zur Freßmeile weitergeschoben werden. Mit maximal 4m Breite und gefühlt hoher Grundagression (die nur von dauerquiekenden Girlis abgemildert wurde) versuchten immer wieder Menschen mit Platzangst, seitlich zwischen den Buden auszubrechen und wurden von bärbeißigem Sicherpersonal zurückgeschubst.

Wer es gewagt hat doch etwas zu essen, hievte dann gern mal seine Currywurst auf die neue Jacke des Vordermanns, statt in seinen Mund, nach einem Schubser von hinten. Fettiges Weihnachtsgebäck mit Puderzucker hat sich auch gut gemacht als Verzierung der Kleidung. Am besten waren aber die Kettenraucher, die sich ihre Kippe im dicksten Gedrängel reinzogen und die heiße Asche auf ihre Nachbarn verteilten. Asche auf mein Haupt hatte ich anders in Erinnerung …

Mein Resumée: Alles in allem ein lohnenswertes Ziel für folgende Zielgruppen: 14-jährige Mädchen, die auf 16-jährige Araber stehen (und umgekehrt), Lichtenberger Rechte, die auf Stunk stehen, bildungsferne Schichten mit pubertierenden Kindern, die mal einen richtig schönen Abend in Gesellschaft verbringen wollen, Bewohner des Märkischen Viertels, die mal einen anderen Kiez sehen wollen, Horrorfilmfans und Leute, die ihre Kiez-Reinigung vor der Pleite bewahren wollen. Oder auf Zigarettenlöcher stehen.

Mein Tipp für Geschäftsleute: noch ein oder zwei Sonnenstudios direkt auf dem Markt plazieren, mit Parfumfabrikverkauf (Originalplagiatimporte aus China) im Wartebereich. Das garantiert Riesen-Umsätze! Und vielleicht noch ein paar Silberkettchen-Bauchläden mit Gravur-Service, die hab ich vermisst, echt!