Hygienepass für Pankows Gastronomie - Transparenz schmeckt nicht jedem

Sebastian in am 2. März 2009, 17:26   23 Kommentare »

Der Bezirk Pankow hat heute die ersten Positiv- und Negativlisten zur Hygiene von Betrieben veröffentlicht. Betriebe, die auf der Positivliste stehen, dürfen sich einen Smiley als Erkennungsmerkmal an die Ladentür kleben.

Der Smiley wird an Betriebe und gastronomische Einrichtungen vergeben, die bei der amtlichen Lebensmittelkontrolle eine überdurchschnittliche Qualität und Hygiene nachgewiesen haben.

Pankow geht als Pilotbezirk auf Basis des Verbraucherinformationsgesetzes als erstes in die Transparenzoffensive. Insbesondere die Negativliste bereitet jedoch manchem Bauchschmerzen. Wer dort drauf steht, fühlt sich stigmatisiert. Aber auch die positive Auszeichnung schmeckt nicht jedem. Der Berliner Hotel- und Gaststättenverband hat den Modellversuch bereits im Herbst 2008 abgelehnt. Kernargument der Funktionäre, dass sie auch mit der heutigen Einführung wieder vortragen haben, ist die mangelnde Flächendeckung. Da nur wenige Betriebe im selben Zeitraum geprüft werden können, komme es zu Wettbewerbsverzerrung.

Da frage ich mich allerdings, ob das nicht eine Wettbewerbsbereinigung ist, schließlich werden die Kunden erstmals in die Lage versetzt, selbst zu entscheiden, ob sie Geld dort ausgegeben, wo auf Hygiene nicht so viel Wert gelegt wird. Eine schnelle Ausweitung auf Berlin ist in der Tat notwendig, um gleiche Bedingungen für alle zu erreichen.

Beim Blick auf die Negativliste fällt zuerst ins Auge, dass zwei Filialen einer großen Bäckereikette und diverse Asiarestaurants zu finden sind. Jetzt fehlt eigentlich noch eine Applikation fürs Handy und eine Qype, damit man vor Betreten einer Lokation mal schnell nachschauen kann :)

23 Kommentare

1

Die Erklärung

Also ich habe zwar grundsätzlich was gegen solche Listen, aber das ist doch letztlich nix anderes als es die Stiftung Warentest seit Jahren macht. Wer nicht auf die Liste kommen will, der sollte seinen Laden einfach auf Vordermann bringen und ihn so halten. Es scheint, als ob da einige einfach diesen Druck brauchen. Leider.

2

ulla

Diese Liste wirft doch nur ein zweifelhaftes Licht auf die Arbeit der Gesundheitsbehörde. Wenn der Veterinär bei seinem Besuch derart gravierende Mängel feststellt und diese nach 14 Tagen – soviel Zeit hat der Geschäftsinhaber – bei der erneuten Kontrolle nicht beseitigt sind, wird das Geschäft geschlossen. So einfach ist das. Eine Anzeige gibt’s zusätzlich.

Es kann doch nicht angehen, daß das Gesundheitsamt mit dieser Liste sein Gewissen beruhigt, nicht weiter kontrolliert und Menschen ohne Internet fröhlich von Ratten angeknabberte, in ranzigem Fett frittierteSchnitzel auf schlecht gereinigten Tellern serviert bekommen dürfen weil man sich scheut, das Etablissement zu schließen.

In Wirklichkeit wird allerdings nur sehr selten kontrolliert – zuviel Betriebe, zu wenig Veterinäre. Schon deshalb ist die Liste “nicht das Papier wert”, auf dem sie steht.

3

Stefan

@ulla
Das sagt doch niemand, dass die Ratten dort immer noch am Essen weiterknabbern. Welche Massnahmen konkret ergriffen wurden, steht doch nirgends.

Die Liste listet die schweren Verstösse (mindestens Ordnungswidrigkeit) der letzten Monate bei den Kontrollen im Bezirk auf. Mehr erfährt man nicht.

Und ich als mündiger Konsument kann das durchaus einordnen und auch nochmal innerhalb der Liste differenzieren (nach Beschreibung, Datum, etc).

4

Mark S

Heute schreibt der Tagesspiegel : “Derzeit arbeiten in Pankow zwölf Kontrolleure, die im Abstand von einem halben bis zwei Jahren die 7000 Läden und Lokale prüfen. Knapp ein Drittel, etwa 2300 Betriebe, wurden beanstandet.”

Ich frage mich, a) wie 12 Personen diese Arbeit schaffen können und b) wieso nur die Namen von 39 bemängelten Betrieben veröffentlicht werden, wenn doch offenbar jeder dritte Betrieb Mängel aufweist…

5

Mart

@mark
1. ca. 250 Arbeitstage pro Jahr x 12 Kontrolleure x 4 Kontrollen am Tag (Vorgabe in deutschen Großstädten = mgöliche 12000 Kontrollen pro Jahr (abzüglich Urlaub, Krankheit etc. liegt man sicherlich bei ca. 10000

2. Betriebe haben die Möglichkeit, Mängel nachzubessern und werden dann wieder von der Liste entfernt, bei “Ersttätern” bzw. gerpngfügigen Mängeln geht das auch ziemlich schnell

allgemein: ich denke, mehr Transparenz kann nicht schaden und unterstützt nebenbei noch die Arbeit der Kontrolleure… Und warum sollte in Berlin nicht funktionieren, was in Dänemark, Zwickau oder NRW schon erfolgreich läuft? (in Zwickau übrigens mit Unterstützung des DEHOGA – sehr interessant, oder?)

6

Jürgen (hsb)

Der Konsument braucht einen größeren Schutz. Es geht nicht nur um wohlschmeckendes Essen, sondern auch um seine Gesundheit. Bei den bisherigen Fleischskandalen konnte man sehen, daß der tatsächliche oder potentielle Konsument meistens erst dann informiert wurde, wenn das Fleisch bereits “verbraucht” war. Vielleicht reicht es im Fall Pankow, wenn man nur eine Positivliste erstellt und den Smiley vergibt. Im negativen Kontrollfall muß man eben die Gaststätte schließen, dann allerdings mit kurzer Nachkontrollfrist.

7

Christian

Eben gefunden. Eine kleine Visualisierung des Grauens:

maps.google.de/maps/ms?ie=UTF8

8

ulla

@Stefan

natürlich habe ich in meinem Kommentar überspitzt – trotzdem bin ich der Überzeugung, wenn die Gesundheitsämter ihren Aufgaben besser nachkämen, würde sich diese Liste erübrigen. Aber hier wird, wie überall, “kaputt gespart”, das notwendige Personal nicht eingestellt und genau besehen dem Konsumenten die “Bestrafung” der Sünder aufgezwungen.

Das Bezirksamt kann auch heute noch Läden schließen, in denen die Zustände unhaltbar oder die Geschäftsinhaber uneinsichtig sind. Wieso wird das nicht gemacht? Dann hätte man klare Verhältnisse. Aber jede Wette – die Behörde wird antworten “kein Personal”. Statt dessen setzt man voraus, daß alle Bürger über einen Internetanschluß verfügen oder aber nur noch mit notebook unterm Arm unterwegs sind wenn sie ein Lokal aufsuchen möchten. Was für eine typische unausgegorene Beamtenidee!

Dem Kommentar von Mark S kann ich mich übrigens nur anschließen.

9

Stefan

@ulla
Das Bezirksamt klingt in Deiner Beschreibung ja wie Stiftung Warentest: Dem Konsumenten wird ja auch bei Stiftung Warentest ‘aufgezwungen’, Sünder mit “mangelhaften” Produkten durch Konsumboykott zu bestrafen anstatt dass Papa Staat selber gleich verbietet. ;-)

Woher weisst Du, dass kein einziger Laden in Pankow geschlossen wurde? Stand das irgendwo? Ich sah bisher nur diese Liste, die jene Gastrobetriebe auflistet, die Hygienedelikte im Rahmen einer Ordnungswidrigkeit begangen, aber offenbar nicht genug für eine Schliessung.

Und niemand verlangt, daß Du mit nem Notebook rumlaufen musst. Genauso wenig muss man auch ins Einkaufszentrum mit dem aktuellen Heft von Stiftung Warentest.

Einfach ein zusätzliches Angebot. Die meisten Bürger sind reif genug, um die Grenzen von sowas selber zu erkennen. ;-)

10

cora

Wenn ich die Möglichkeit habe, mir eine (Negativ-)Liste anzusehen, dann nutze ich diese…reiner Eigenschutz.

11

claudia (hsb)

In einem Land in dem der Kunde gesetzlich erstaunlich ungeschützt ist, wenn er mangels Hygiene oder verdorbenen Essensprodukten mit gesundheitlichen (und das sind in dem Bereich leider dann sehr schnell lebensbedrohliche) Problemen zu kämpfen hat, begrüße ich so eine Liste absolut.

Hätte ich gleich noch gerne gesondert für die sanitären Anlagen.

12

ulla

Nee, Stefan, hier bringen Sie etwas durcheinander. Z.B. Die Stiftung Warentest kontrolliert ja freiwillig. Die Gesundheitsämter haben die Pflicht zu kontrollieren.

Die Siftung kann mir empfehlen, irgend etwas zu tun oder auch nicht.Das Bezirks-, bzw. Gesundheitsamt, muß tätig werden. Und ich denke, eben mal ‘ne Liste zur gefälligen Bedienung ins Netz zu stellen, reicht da nicht aus.

Was Sie da in Ihrem 2. Absatz schreiben, finde ich auch eigenartig. A) habe ich nicht behauptet, daß “kein einziger Laden in Pankow geschlossen wurde”. Ich habe geschrieben, daß die Bezirksämter die Möglichkeit haben, diese Läden zu schließen. B) Sie finden u.a. tote Ratten in der Küche und Mausefallen in Spülbecken – so ist es überall in Presse und Funk zu vernehmen – nicht ausreichend für eine Schließung, weil’s nur Ordnungswidrigkeiten sind? Na dann “Prost Mahlzeit”.

“Die Bürger sind reif genug” – das stimmt. Reif genug, um sich gierig auf ein neues Feindbild – jetzt sind’s mal “die Ekelgaststätten”, morgen “die Rentner”, dann “die Jugendlichen” oder “die Polizei” etc. – zu stürzen. Und Papa Staat, wie Sie so schön schreiben, hat mal wieder perfekt seine, vorsichtig ausgedrückt, Versäumnisse mit einer perfekt erzeugten Riesendiskussion zugedeckt.

13

cora

@Claudia HSB

Soll ich mal anfangen?

Walltoilette am Gesundbrunnen, Leopoldplatz etc. Imax Potsdamer Pl., die am Hauptbahnhof ist auch nicht lecker, immerhin muss man da bezahlen und die Damen laufen mit dem immer gleichen Lappen hinteher…

14

ulla

Sag’ ich doch die ganze Zeit – die Liste, schon mal weil selbst bezügl. Restaurants unvollständig, kann man sich schenken!

Wenn die Gesundheitsämter konsequent alle Lebensmittel ver- oder bearbeitenden Betriebe (Bäcker, Gemüsehändler, Supermärkte und natürlich Gaststätten), genauso öffentl. Toiletten. kontrollieren und bereits bestehende Gesetze anwenden würden, müßten sie nicht jetzt mit so einer “transparentenen” Maßnahme den Verbrauchern Sand in die Augen streuen.

15

Stefan

@ulla
Du hattest hiermit für mich suggeriert, dass es keine Ladenschliessungen gab:
“Das Bezirksamt kann auch heute noch Läden schließen, in denen die Zustände unhaltbar oder die Geschäftsinhaber uneinsichtig sind. Wieso wird das nicht gemacht?”

Und ich las in der Liste nichts von toten Ratten in der Küche, von denen Du schriebst. Ich las was von Rattenbefall in Lagerräumen im Keller (was vermutlich auch schon “nur” Kotspuren heissen kann?). Das sind durchaus auch Unterschiede, sonst schreibt der nächste User im Stille-Post-Stil: “Kunden bekamen tote Ratten auf dem Teller serviert”. ;-)

Und natürlich ist so eine Liste nicht perfekt und auch nicht allumfassend für alle Bereiche (wie übrigens auch Stiftung Warentest nicht, obwohl die auch Firmen mit ihren Urteilen schwer in Bedrängnis bringen können!), aber wenn man immer auf das Perfekte warten würde, bevor man mal anfängt, ginge gar nix voran.

16

ulla

Wer lesen kann ist klar im Vorteil, @Stefan. Ich schrieb auch nicht, daß die Ratten so in der Liste stehen, sondern daß das den Verbrauchern durch Funk und Presse so verklickert wird – schließlich muß man die Volksseele doch irgendwie zum Kochen bringen.

Etwas Tröstliches hat die Liste auf jeden Fall: Die Auflagenhöhe besonders der Boulevardpresse wird wieder in ungeahnte Höhen schießen, die Einschaltqoten in Talk-Runden zu dem Thema erhöhen sich und in entsprechenden Foren kann wieder endlos diskutiert werden.

Stiftung Warentest hat aber bisher mit der Sache wirklich nichts zu tun ;-)!

17

Stefan

@ulla
Durch das Argument, vermeintlich nur Funk und Presse zitiert zu haben (“so ist es überall in Presse und Funk zu vernehmen”) wird Dein Unsinn von toten Ratten in der Küche nicht richtiger.

google-news treffer für ‘tote ratten küche’: 0

Ich glaube, Du bist selber kräftig dabei, das Thema anheizen zu wollen und völlig unnötig zu dramatisieren. Dabei ist noch nicht mal Freitag. ;-)

18

ulla

@Stefan

Nun guck’ doch einfach mal genau hin – wo steht denn, daß ich die Information über die Tierchen glaube (obwohl sie so abwegig nicht ist) und richtig finde? Ich hab’ nur festgestellt, was ich wo gehört und gelesen habe. Deshalb google ich jetzt auch nicht – das müßten dann wohl eher etliche Journalisten tun – und ein Veterinär, der sich gestern im Radio mächtig wichtig vorkam.

Bevor Du Dich jetzt noch weiter ereiferst weil ich Deine Meinung über die Liste so nicht teilen kann, lies nochmal meinen Kommentar Nr. 14. Mehr will und habe ich zu dem Thema nun auch nicht mehr zu sagen.

19

ulla

Hi, hi, Stefan – guck’ mal das Bild zum Einleitungstext “Ekel-Restaurants am Pranger” im AS-Blog

20

tba

“Jetzt fehlt eigentlich noch eine Applikation fürs Handy und eine Qype, damit man vor Betreten einer Lokation mal schnell nachschauen kann :)”

hab mich immer gefragt was handy-applikationen sollen. das wäre doch endlich mal eine, die sinn macht. das könnte für mich die killerapplikation fürs internet-handy werden!

21

Sigurd

Den rechtlichen Aspekt kann ich nicht beurteilen. Ich bin aber sehr sicher, dass versucht wird, gegen diese Liste rechtliche Schritte einzuleiten.
Ich finde diese Liste gut, auch wenn sie noch nicht so ganz aussagekräftig erscheint. Der Gaststättenverband ist empört und fürchtet, dass viele dieser Gelisteten pleitegehen könnten, und gibt die Schuld daran den Kontrolleuren. Dies ist eine sehr merkwürdige Auffassung, nicht die Kontrolleure sind die Schuldigen, sondern die Verursacher dieser Zustände. Damit nimmt der Gaststättenverband ob gewollt oder ungewollt diese Betreiber in Schutz und somit eine gesundheitliche Gefährdung der Kunden in Kauf. Solch eine Moral ist nicht nur verwerflich sondern schon fast kriminell.
Andererseits müsste auch dem Kunden klar sein, dass diese geiz ist geil Mentalität, solchen auswüchsen Tür und Tor öffnet. Qualität hat nun mal seinen Preis. Damit ich nicht falsch verstanden werde, nicht alles, was teurer ist, ist auch gleich besser. Aber bei manchen Preisen müsste einem schon klar sein, dass dies nicht möglich ist.

22

Maria

Angeblich wurden im gleichen Bezirk 111 Restaurants / Imbisse wegen ganz gravierender Mängel geschlossen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, enthält die Liste nur das “Mittelfeld”.

Die ganz heftigen wurden dichtgemacht, den harmlosen wurde nur mal kurz auf die Finger geklopft und gelegentlich wieder vorbeigeschaut.

23

Sigurd

Eine große Mehrheit der Teilnehmer an unserem Pro & Contra vom Wochenende ist dafür, dass Gaststätten und Lebensmittelbetriebe, die gegen die Hygienevorschriften verstoßen, auf Listen im Internet veröffentlicht werden. 91,7 Prozent der Anrufer und 94,3 Prozent der Teilnehmer an unserer Internet-Umfrage sprachen sich für die Veröffentlichung aus, 8,3 Prozent bzw. 5,7 Prozent waren dagegen.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.03.2009)

Ist zwar nicht repräsentativ, aber nicht uninteressant. Zeigt es doch, dass offensichtlich ein Interesse bei der Bevölkerung an solch einer Veröffentlichung besteht.

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