Megaspree Demo: friedlich, freundlich, Loveparade light!
Michael in Stadtnotizen am 12. Juli 2009, 00:59 10 Kommentare »
Samstagnachmittag: an drei Standorten sammeln sich die Teilnehmer zur Megaspree Demo, in Treptow, in Friedrichshain und in Kreuzberg. Manche bunt verkleidet, wie beim Karneval der Kulturen, andere mit Demo-Plakaten wie “Nie mehr Sex on the beach – Nein Danke!” oder “Spreeufer für Alle!”. Physisches Ziel: die Abschlusskundgebung vor dem roten Rathaus. Ziel der Organisatoren: der Kampf gegen die “Mediaspree-Investoren”.
Gegen 17 Uhr 45 Uhr fahren zwei kleine Boote auf der Spree, eins mit dem schweren Styropor-Riesenbaby im Schlepptau. Das Motto: Berlin treibt ihre Kinder ab. Vier Wasserschutzpolizeiboote eskortieren die 8 Organisatoren der Wasser-Aktion. An der Mühlenstraße, ca. 18 Uhr, stehen ein paar hundert Zuschauer, 16 Polizei-Mannschaftswagen sind allein hier im Einsatz, dazu einige weiße Mäuse (Motorrad-Polizei). Der Demonstrationszug nähert sich – eine bunte fröhliche Mischung von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und allen Altersklassen. Einige Zugwagen sind bunt verkleidet, die kleineren werden umschwirrt von tanzenden Demonstranten, die großen Wagen haben eine eigene Tanzfläche auf dem Hänger.
Erinnerungen an die ersten Jahre der Love Parade kommen auf.
Tiefe Bässe, ein satter Groove und viele chillige Sounds dröhnen über die Straße, eine Polizistin am Rande, eingepackt in eine martialische Uniform, die selbst aus einer 55kg Frau eine russische Schwergewichts-Olga mit einer Kreuzbreite von 80cm macht. Sie wippt rhythmisch mit, ich fotografiere sie, ein Kollege von ihr stößt sie an, sie hört auf und guckt dann gekonnt böse.
Rund 2000 Demonstranten ziehen auf der Mühlenstraße vorbei Richtung Alexanderplatz – am Ende werden es wohl rund 3000 gewesen sein. Die Polizei hatte ein massives Aufgebot zu Wasser und auf der Straße, am Rande wurde gar der stramme Gänsemarsch geübt, ein Dutzend Beamte parallel zur Demonstrantengruppe laufend.
Witzig war ein Spruch auf dem großen Truck: Spieglein, Spieglein an der Wand, noch bist du die geilste Stadt im Land.
Einige der Unterzeichner gegen die Mediaspree sind selber Unternehmer und wollen ihre als alternative Projekte angefangenen Clubs, Gastronomien und Biergärten retten, haben deshalb die Wagen zur Demo gesponsort. Und ihre Fans mitgebracht, die das RAW, das YAAM, den Ostrand, Cassiopeia, die Bar 25 und andere erhalten wollen.
Rund ein Jahr nach dem erfolgreichen Bürgerbescheid, der weder rechtlich bindend noch eine große Wahlbeteiligung (19,1%) hatte, wollen die Gegner des Mediaspree Konzeptes noch einmal auf sich aufmerksam machen. Und wahrscheinlich eine neue Diskussion beginnen.
Ob der Protest allerdings etwas bewirken wird, außer dem offensichtlichen Spaß (den er auch mir bereitet hat), bleibt eher fraglich. Denn die politischen Entscheidungen sind längst gefällt, und trotz Wirtschaftskrise boomt das Areal, der Verkauf der Filetgrundstücke ist weit vorangeschritten, und die meisten der Flächen, die bis Ende des Jahres fertig gestellt werden, sind schon vermietet.
Fakt ist, das wirklich viele Arbeitsplätze auf dem Gelände entstehen.
Bedauerlich, dass weder der Bezirksbürgermeister, noch die Investoren und die Gegner es geschafft haben, ein gemeinsames Konzept für alle zu entwickeln.
Denn wie mir ein Teil-Sympathisant der Demo heute sagte:“Ich finde, das Gelände sollte für alle da sein, die Bewohner der Stadt, dazu gehören die Alternativen, die kleinen gewachsenen Clubs und auch die, die die anderen nur Yuppies oder Dinks nennen.”
Da hat er Recht, denn in dieser Stadt ist (noch) Platz für alle, für bunte Demos, tolle schräge Clubs am Ufer und schicke/öde Glas-Stahl Paläste. Und eine Gentrifizierung findet zumindestens in diesem Areal nicht statt, da es ja neu bebaut wird und niemand wegziehen muss. Und die jetzt ansässigen Clubs und Gastronomien sind nicht gerade mit volkstümlichen Preisen ausgestattet.
Immerhin ist das Ziel erreicht, dass ein breiter Uferstreifen an fast allen Stellen eine durchgehende Promenade am Spreeufer ermöglicht, und zwar bald von Stralau bis zur Jannowitzbrücke. Erst vor ein paar Wochen wurde ein weiterer Abschnitt von der Oberbaumbrücke bis zum Oststrand eröffnet.
10 Kommentare
Central Station
am 12. Juli 2009, 12:38 #
Teile der Megaspree-Demo hab ich gestern auch gesehen. Die Leute sind nämlich auch auf Schiffen die Spree entlang geschippert. Sehr cool :-)
Denn wie mir ein Teil-Sympathisant der Demo heute sagte:“Ich finde, das Gelände sollte für alle da sein, die Bewohner der Stadt, dazu gehören die Alternativen, die kleinen gewachsenen Clubs und auch die, die die anderen nur Yuppies oder Dinks nennen.”
Genauso sehe ich das auch.
(Huch, die Bezeichnung “Dinks” kannte ich noch nicht – ist das ein Synonym für Yuppies, oder das Gegenteil, oder was?)
Da hat er Recht, denn in dieser Stadt ist (noch) Platz für alle, für bunte Demos, tolle schräge Clubs am Ufer und schicke/öde Glas-Stahl Paläste.
Jenau :-)
(Wobei ich sagen muss, mir gefällt das nicht so wirklich, was da im Zuge von Mediaspree wächst.)
Noch ist Berlin geprägt von so viel Abwechslung, dass für jeden was dabei ist.
Ich fände es auch schade, wenn die Stadt, wie viele es befürchten, immer homogener würde. Selbst als absoluter Fan des neuen Hauptbahnhofs möchte ich nicht überall Stahl-Glas-Paläste sehen (das wird dann wirklich öde ,-)).
Kommerziell sind die kleinen alternativen Ufer-Strandclubs zwar auch irgendwo (umsonst gibt’s da schließlich auch nichts), aber ich mag sie, und es ist gut, dass man für sie kämpft.
Sei Vielfalt, sei Individuum, sei Berlin! :-)
am 12. Juli 2009, 21:58 #
Hello Crosshiller,
thanx 4 ur explanation, kannte den Begriff auch noch nicht.
Die wohnen sicherlich nicht, oder nur vereinzelt in Prenzlberg ;-)).
Hab die Demo selbst leider verpasst (auch den Paralympics Day gestern am Brandenburger Tor).
Manchmal ist ZU viel los in der Stadt …
Hello Central Station:
Gut geschrieben. Kann ich unterstreichen!
Nobbi
am 13. Juli 2009, 09:38 #
Netter Bericht.
Ich finde ebenfalls, dass das Spreeufer für alle Berliner frei bleiben sollte und ein entsprechend breiter Uferstreifen zur Erholung als Park zu gestalten ist. Bausünden der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen.
Unerträglich finde ich, was sich z. Zt. wenige Eigentümer am Griebnitzsee und am Groß Glienicker See leisten und erlauben! Das gemahnt an Feudalismus und genau das will wohl niemand.
Und wenn jemand entsprechendes Kapital besitzt, auch ganz doll romantisch veranlagt ist und partout sein eigenes Ufergrundstück haben möchte:
Einfach in der Mark Brandenburg eine große Ackerfläche günstig erwerben und einen künstlichen See ausbaggern lassen (der Abraum kann dann gleich für eine private Gebirgslandschaft verwendet werden, nach dem Motto: „Alles Mainz!“)
Und da wird wohl niemand irgend etwas dagegen haben?
Das war jetzt mal ein kleiner, praktikabler Vorschlag von mir.
Damit haben sich aber meine Gemeinsamkeiten mit den Medaspree-Versenkern auch schon erschöpft.
Apothekenrundschau
am 13. Juli 2009, 18:14 #
Ich finde unerträglich, wie Berlin sehenden Auges immer öder und langweiliger wird und seinen Charakter verliert. Berlin stand mal für DDR-Charme mit Westberliner Langeweile, Vielfalt, alternative Szene, Freiheit und für die berühmte Partyszene. Mittlerweile wird das alles betoniert und dermaßen kommerzialisiert, daß einem das Kotzen kommt. Immobilienspekulanten, Abzocker, Shopping-Architektur, Einheitsbrei, Monomassenkultur, Tourie-Nepp – die Stadt blutet aus.
Die Touristen der 90-er sind schon woanders, was hierher kommt, ist jetzt nur noch der dumpfe Kommerz-Massen-Tourist. Und wer sich nicht total langweilig in die eigenen 4 Wände zurückgezogen hat, der weiß auch, worum es geht.
weirdo
am 14. Juli 2009, 11:26 #
Mittlerweile wird das alles betoniert und dermaßen kommerzialisiert, daß einem das Kotzen kommt. Immobilienspekulanten, Abzocker, Shopping-Architektur, Einheitsbrei, Monomassenkultur, Tourie-Nepp – die Stadt blutet aus.
Tsiss!
Was haben sie gegen eine gepflegte Umgebung?! [/ironie]
Central Station
am 14. Juli 2009, 11:52 #
Die “Mediaspree versenken”-Initiative hatte übrigens sehr interessante alternative Nutzungsvorschläge für das Areal dort. Leider wurden ja selbst die besten Kompromisse (man war ja sogar bereit, Neubauten in gewissem Abstand zum Ufer zu akzeptieren!) der Organisation ignoriert.
Am Humboldthafen wird es ja bald ähnlich zugehen :-(
@Apothekenrundschau: Zwar (wie immer) drastisch formuliert, aber (diesmal) durchaus richtig beobachtet.
@weirdo: Die Ironie versteh ich nicht.
am 14. Juli 2009, 23:42 #
@ Central Station:
Zustimmung!!
Die Vorschläge mit dem Abstand zum Spreeufer und dadurch Nutzung/Zugang des Geländes für Alle (hoffe doch, dass die wirklich “für Alle” meinten und nicht “nur” für eigene “Off-Projekte” …) finde ich sehr Korrekt!
Da könnten sich die netten Investoren echt gerne mal in den Allerwertesten beissen – vielleicht werden sie dann zu Nutzerfreundlicheren Entscheidungen kommen ;-).
@ Apothekenrundschau und Weirdo:
Jeder für sich möchte sein eigenes Lebensgefühl im Umfeld haben, schätze ich. Und wer länger drin lebt nennt es “Kiez”.
Es gibt, gerade in Berlin, sehr unterschiedliche “Kieze”.
U.a. gewachsen-alte und noch-wachsende-neue. ;-)
Habe ganz persönlich in meiner kleinen Ecke oft das Gefühl, dass Alte Kieze gegen Neue Kieze gemessen werden.
Ebenso Altgewachsenes gegen gerade Entstandenes.
Warum immer dieses polarisieren? Kann man nicht beides spannend finden?
Central Station
am 15. Juli 2009, 00:32 #
Kann man nicht beides spannend finden?
Also, ich schon.
Ich stehe ja auch dazu, dass ich eher im neuen, öden, sterilen Massenkommerztouriedingens-Berlin ,-) zuhause bin, sprich rund um den HBF, wobei mich der Kommerz (und manchmal ooch die im Wege rumstehenden, allesfotografierenden, einkaufstütenschleppenden Touristen) ebenso nervt.
(Allein die ganze Werbung und diese zT überflüssigen Läden im Bahnhof stören und nehmen dem Gebäude seinen Charakter!)
Genauso mag ich aber den kiezigen Teil, Prenzlberg (ja, ich weiß, auch schon totkommerzialisiert und sowieso nur Yuppies… Flair ist trotzdem klasse und einzigartig), Tempelhof-Schöneberg, Wedding, und viele Ecken in Kreuzberg, das Ufer des Landwehrkanals, gemütliche Straßenzüge mit hübschen alten Gründerzeitfassaden und Gasbeleuchtung (allein diese Laternen sind schon wieder ne faszinierende Geschichte für sich!), die Oberbaumbrücke, all die grünen Parks und auch mal ab und zu ne Freifläche. Es muss wirklich nicht alles zugebaut werden, es muss auch nicht alles gleich aussehen (wie Apothekenrundschau schon schreibt, es geht Charakter verloren), und auch wenn die Stadt immer im Wandel ist, muss das nicht auf Teufel komm raus und schon gar nicht auf Kosten ganzer Kieze geschehen.
“Früher war alles besser” – na, diese Haltung kennt man doch.
Ich werde in zehn Jahren sicher genauso dasitzen und zetern.