Brezen
Steffka in am 4. September 2009, 11:55 32 Kommentare »
Da hierzulande der zugezogene Schwabe ja a priori eine Hassfigur darstellt, habe ich mich in einer einwöchigen Recherchephase mal in sein Herkunftsland begeben. Und war erschrocken, ob der idyllischen Lebensumstände, die den Himmel darstellen müssten, wenn Berlin die Hölle wäre.
Stuttgart und Umgebung erscheint so, wie sich Touristen vermutlich Deutschland vorstellen: flache Hügel, Fachwerkhäuschen, zufriedene wohlhabende Menschen. Personen, die dort weg wollen, müssten eigentlich bestens zu Berlin passen, da sie einer Welt entfliehen, wie sie hier im besten Falle in Charlottenburg oder Steglitz zu finden ist und die ganz sicher nicht Berlin repräsentiert. Meist wollen sie aber genau das Gleiche nur in Berlin. Naja, man steckt nicht drin, in den emigrierten Schwaben.
Ein bisschen tun sie mir leid, denn obwohl sich ja Bezirke wie Prenzlauer Berg und Mitte wirklich Mühe geben, dem schwäbischen Lebensstil nahe zu kommen, gibt es etwas, das Berlin nicht bieten kann. Das sind die wirklich leckeren Brezeln. Ein Glück macht ja hier und da inzwischen eine schwäbische Bäckerei auf, die auch die Berliner am süddeutschen Gebäckglück teilhaben lässt.
32 Kommentare
central station
am 4. September 2009, 13:27 #
Ja genau. In Mitte herrscht vollends der schwäbische Lebenssteril (sic!).
Keine einzige Dreckecke, und nur ordentlich angezogene, spießige Menschen, überall Latte und null Graffiti.
Fachwerkhäuschen müssen wir noch bauen! Die fehlen noch, um das Bild komplett zu machen.
Und dann bitte Mauer drum, um Prenzlberg, Mitte, Charlottenburg und Steglitz extra einzäunen, damit das echte Berlin sich nicht so gestört fühlt.
Klischees sind was Herrliches :-)
Aber manchmal tun mir diejenigen auch leid, die gar nicht mehr rauskommen aus diesem Denken. Eine solche Einseitigkeit ist fade, öde und steril wie Glaskästen oder saubere Häuserwände…
Drösel
am 4. September 2009, 15:18 #
Brezen?!
Definitiv nicht. Das ist baierisch. Der Schwabe sagt und schreibt BREZEL. Mit L.
Im übrigen ist Stuttgart von Seyfried nicht ohne Grund Kaputtgart genannt worden – eine Stadt mit noch derberen Nachkriegsschäden muss erst mal gefunden werden.
Hauptstätter Straße!
Ric
am 4. September 2009, 18:08 #
Naja, interessanterweise sind Fachwerkhäuser vor allem etwas typisch nord- und mitteldeutsches.
In Süddeutschland eher selten, und in Südbayern quasi nicht existent (auch nicht vor dem Krieg).
Diese Deutschland-Klischees sind halt genauso chaotisch und bunt zusammengeworfen, wie Deutschland ja eigentlich auch selbst ist.
Ich versteh viele Deutsche immer nicht die diese Vielfalt als “Kleinstaaterei” abtun, alles als “Provinz” bezeichnen was nicht einer bestimmten “Leitkultur” und einer bestimmten Aussprache des Hochdeutschen folgt, alle Dialekte sterilisieren wollen, ständig in Kategorien wie “typisch deutsch” (natürlich nur abfällig gemeint) denken,…
ich habe in Berlin erst richtig bemerkt wie bunt und interessant die Bundesrepublik ist, das Stimmengewirr aus verschiedensten Dialekten in der Schlange vor dem Bundestag, die Leute die ihre regionale Küche aus der Heimat mitbringen… das ist doch toll! Und ich bin immer noch dabei Regionen zu entdecken die mir zuvor unbekannt waren. Aus meiner Heimatstadt Augsburg ist man halt nun einmal viel schneller am Mittelmeer in Italien als an der Ostsee, dementsprechend war ich dort noch nie zuvor in meinem Leben. Rügen ist wirklich wunderschön.
Die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil Deutschlands ist übrigens nicht Berlin sondern Stuttgart ^^ Also Migranten die ohne diese ganzen regionalen Klischees und Vorurteile aufgewachsen sind, nach Deutschland kommen und sich hier unbefangen einen Ort wo sie gerne leben und arbeiten wollen aussuchen wählen halt nun einmal öfter die süddeutschen Gefilde aus. So schlecht und “provinziell” kann es dort also nicht sein! Man kann doch Berlin auch gut finden ohne im gleichen Atemzug “Besser als…” zu sagen.
El Harblnero
am 5. September 2009, 02:35 #
Die Bäcjerei/Backshops im Kaufland bekommene rstaunlich gute Brezeln hin, meinem Vater als Exilbayer schmecken die richtig gut.
Auch wenns Natürlich kein Vergleich mit “a bretzn vom Ruadler” ist.
Da der Herr Rudler aber seit 20 Jahren keine Bretzeln mehr macht wird er das wohl verkraften können ;-)
ulla
am 5. September 2009, 08:26 #
@Ric
Haben Sie das noch nicht gewußt? Die Berliner sind sozusagen die Texaner von Deutschland. Hier ist grundsätzlich alles viel besser, bedeutender oder dramatischer als anderswo.
Wenn wir die Alpen hier hätten, wären die natürlich viel höher und die Nordsee und das Wattenmeer wären viel imposanter und nur Berliner und ein paar ganz mutige auserwählte Provinzler würden sich trauen, rüber zu den Inseln zu wandern ;-))).
Das mit der Nähe zum Mittelmeer kriegen wir auch noch hin.
Wenn einer von uns mal wieder so einen Anflug von Größenwahn zeigt: Nur nicht widersprechen – wir können uns enorm steigern!
Abgesehen davon sind wir aber harmlos und kommen mit dem Rest der Welt gut zurecht ;-).
Prokrastes
am 5. September 2009, 12:36 #
> Die Bäcjerei/Backshops im Kaufland bekommene rstaunlich gute Brezeln
> hin, meinem Vater als Exilbayer schmecken die richtig gut.
Das sind dann furztrockene Bayerische “Brezn”. Als Halbschwabe macht mich das schaudern.
Ric
am 5. September 2009, 12:54 #
“Das sind dann furztrockene Bayerische “Brezn”. Als Halbschwabe macht mich das schaudern.”
Warum schreibt immer jeder “bayErisch”, sagts ihr auch “bajÄrisch”? :-D
Brez’n sind ja regional verschieden ^^ die aus Minga mag ich auch ned. Grundsätzlich sind die aber viel rescher als die aus Schwaben, ja ^^ Die schwäbischen find ich total schlotzert und labat ;o) Dadurch kann man sie auch “feuchter” nennen..
Danke für den Tipp mi’m Kaufland, muss ich mal probier’n.
am 5. September 2009, 13:13 #
Bezüglich der Klischee-Vorwürfe aus den verschiedenen Ecken: ja, der Text übertreibt. Dennoch habe ich das Leben rund um Stuttgart (Esslingen, Ludwigsburg) so wahrgenommen und das heißt nicht, dass in Berlin alles besser ist. Das muss eben jeder für sich entscheiden. Ich frage mich nur, aus welchen Gründen, welche Menschen wo leben wollen und wie sich das auf die entsprechende Region auswirkt. Ebenso wie ich darüber nachgedacht habe, warum sich zum Beispiel Migranten lieber in Stuttgart niederlassen.
ulla
am 5. September 2009, 14:05 #
@steffka
Nun, ich denke, daß es so viele Migranten nach Stuttgart und überhaupt in den süddeutschen Raum zog und zieht hat sicher auch etwas damit zu tun, daß diese Bundesländer wirtschaftlich gut da stehen und es relativ einfach ist, bzw. war, dort eine – entsprechend der Ausbildung – gut bezahlte Arbeitsstelle zu bekommen.
Ich habe eben ein bißchen gegoogelt – wenn’s stimt, was da so zu lesen ist, wäre es schön, wenn wir hier auch bald so ein gutes Verhältnis zu den Migranten hätten wie die Stuttgarter es schon haben. Egal ob mit oder ohne Brez’n.
necurryauffefaust
am 5. September 2009, 16:43 #
“Naja, interessanterweise sind Fachwerkhäuser vor allem etwas typisch nord- und mitteldeutsches.
In Süddeutschland eher selten, und in Südbayern quasi nicht existent (auch nicht vor dem Krieg). “
wobei fachwerkhäuser ansich glaube ich, nicht regional begrenzt sind.
ein reetdachhaus ist im grunde auch ein fachwerkhaus nur wird es reetdachhaus bzw. reetdachgedecktes haus gennant.obwohl meist auch ein gefache zu sehen ist.
vom rein logischen her ist es auch nicht sinnvoll gewesen im nordeutschen raum fachwerkhäuser im sinne von eben solchen zu bauen.
da zum einem das wetter viel zu ungemütlich ist als das ein fachwerkhaus lange ohne schaden überstehen kann zum anderen ist an der küste nunmal viel reet zu finden.
ich glaube da verwechselst was im norddeutschen raum sind eher backstein bzw reetdachgedeckte häuser zu finden.
die hast du aber auch nur in historischen altstadtkernen oder ländlichen gebieten sonst ist´s wie überall in deutschland..glas,beton,stahl unpersönlich,kalt und steril wie unsere gesellschaft..naja zum grössten teil zumindest.
Ric
am 5. September 2009, 17:26 #
@necurryauffefaust
Hm, ja das ist ein altes Mißverständnis. Für mich ist Norddeutschland einfach Nord-Deutschland. Geographisch, also es gibt eine südliche und eine nördliche Hälfte. Norddeutschland beginnt für mich etwa am Main und umfasst Dresden genauso wie Berlin oder Düsseldorf oder Kiel ^^
Für die “Norddeutschen” ist das irgendwie der Großraum Hamburg, Ostfriesland bis maximal runter nach Hannover oder so hab ich das Gefühl ^^ Berlin liegt sogar ein biserl nördlicher als Hannover. Geographisch ^^
Und doch die sind regional begrenzt, es gibt die in Altbayern einfach nicht (wozu historisch auch weite Teile von Österreich zählen, da gibt es auch keine). Das ist halt eine andere Bautradition, weil eine andere Kultur. Ein “Deutsches Volk”/eine “Deutsche Kultur” gibt es ja nicht, das ist eine ideologische Erfindung der letzten 200 Jahre, aber gut das führt hier jetzt zu weit. So etwas wie Fachwerk wäre das “Bundgewerk”. Das ist aber bloß eine ganz billige Bauweise für Wände von Scheunen und Ställe auf dem Land. Sowas wie den “Römer” in Frankfurt gibt und gab es z.B. in München oder Augsburg nicht. Und ich finde meine Heimatstadt alles andere als kalt und steril, und “unsere” Gesellschaft auch nicht ^^
Schau, wenn man selbst negativ eingestellt ist und : ( so durch die Gegend läuft dann ist man doch auch ein Teil der Gesellschaft und wenn alle : ( machen dann heißt das aber auch dass es umgekehrt geht, wenn du : ) machst, dein Freund auch, deine Familie.. und irgendwann fühlen sich alle wohler ^^ Das ist eine reine Einstellungsfrage.
am 5. September 2009, 18:38 #
@Ric: also, Berliner finden, Köln liegt in Süddeutschland, Kieler finden das auch, Frankfurter meinen, es ist halt Rhein-Main, Bayern finden es nördlich (weil nördlich vom Weißwurstäquator), und wir Rheinländer empfinden uns als Westdeutsche – weiter Westen geht ja nicht. Und da die rheinische Kultur eine der ältestesten in Deutschland ist, mit zum teil über 2000 Jahre alten Städten, empfinden wir uns als etwas ganz besonderes.
Wie übrigens die Bayern mit ihrer eigenen Geschichte auch, die Hessen mit Ihrer Demokratietradition, die Nordländer mit ihrer Hanse, etc., etc.
Und das ist gut so! Zeigt es doch die Vielfalt unserer “multikuturellen Historie”, Deutschland ist Vielfalt, begleitet von tradiertem Kleingeist, der mal stärker, mal schwächer ist, und von Hochkultur, sowie (technischer) Perfektion.
Das gegenseitig abgrenzen ist hier aus zwei Gründen stärker: historisch, weil Deutschland eben aus vielen “Regionalkulturen”, die ein viel höheres Niveau hatten als (klein)Städte im Ausland, und mehr politische Verantwortung tragen durften. Und Deutschland war nie zentralistisch mit einer dominanten Hauptstadt, das gelang noch nicht einmal dem letzten Kaiserreich und Hitler nachhaltig.
Und wenn man man Karl den V. und seine Residenzstädte anschaut, versteht man auch warum Deutschland so vielfältig ist.
Dazu kommt: Nirgendwo auf der Erde muss man sich für gebildet sein entschuldigen, oder wird deswegen angegriffen, hier schon. Weniger im Süden und im Westen, dafür umso mehr im Norden. Habe Jahre in Hamburg (aufgeschlossen) und Schleswig-Holstein (superkleingeistig) verbracht. Aber das ist auch eine subjektive Empfindung.
Und zur Architektur: ganz kurz: – Nordeutschland: Backstein massiv, Reeetdach auf Bundwerk
-Mitteldeutschland: Fachwerk ab dem Harz, Schiefer (Bergisches Land), Fliesen, Kachel (Rheinland), Fachwerk mit Reet und Backstein (Niederrhein) – Süddeutschland: verputztes Fachwerk, Fachwerk (ähnlich wie im Elsaß) verputztes Mauerwerk, Holzetage auf gemauerter Etage.
cora
am 5. September 2009, 18:53 #
“Berliner finden, Köln liegt in Süddeutschland, “
Ist mir neu, ist doch “Wessiland”, oder?
necurryauffefaust
am 6. September 2009, 02:10 #
also da ich in der ehemaligen ddr grossgeworden bin,ich in nordeutschland wohne (da wo ich wohne ist wohl einer der nördlichsten punkte wenn nicht der nördlichste punkt in deutschland),gibts für mich eigtl. nur norddeutschland,mitteldeutschland und süddeutschland.
nordeutschland ist klar, von sagen wir mal kiel bis hannover maximal.(könnte man berlin also mit zu zählen)
west-und ostdeutschland vermeide ich zu sagen einfach weil mir das so negativ klingt.
man kennt ja diese ossi-wessi witze,wir wessis sind was besseres weil bei uns gabs bananen,na und dafür seid ihr nach ostdeustchland gefahren um nitritfreie wurst zu kaufen usw.
und da ich hier im norden wohne kann ich schon sagen das hier fachwerkhäuser relativ selten sind.
wie gesagt das wetter und so.
was meine einstellung angeht,ich finde beton und glasbauten wirklich steril und kalt selbst wenn da farbe,in welcher form auch immer, dran ist empfinde ich das noch so.
zwar in abgemindeter form aber es ist so.
und was nützt es mir wenn ich höflich und zuvorkommend bin(was ich auch bin bzw. versuche), wenn der grossteil der bvölkerung bzw. die die für uns denken und uns lenken genau das gegenteil sind.
das ist dan ein kampf gegen windmühlen.
aber sollten wir hier nicht weiter ausdiskutieren geht glaube ich sonst am thema vorbei.
also easy going :)
cora
am 6. September 2009, 10:51 #
@Ulla
Naja, war doch allet Wessiland, wat nich Osten war, oder?
Ric
am 6. September 2009, 12:21 #
@necurryauffefaust
Als die Mauer gefallen ist war ich 3 Jahre alt ;-) Für mich ist die DDR genauso ein Phantom der Geschichte wie das alte Preußen oder Österreich-Ungarn. Insofern, … ist das ein Thema wozu ich nichts sagen kann. Ist halt Geschichte..
Naja ich meine damit nicht Höflichkeit, also Umgangsformen, sondern authentische Lebensfreude die aus dem Herzen scheint ^^ Es gibt immer zwei Arten etwas, und das Leben an sich zu sehen, das berühmte halbleere sowie halbvolle Glas. Und in Berlin ist es oft halbleer :o( Der tiefsitzende Pessimismus der Berliner, und eine fühlbare “Agressivität”, macht mir wirklich zu schaffen und zieht mich dann irgendwann auch runter. Fast wie ein Virus…
central station
am 6. September 2009, 12:55 #
glas,beton,stahl unpersönlich,kalt und steril wie unsere gesellschaft.
Da haben wir es wieder.
(Du bist nicht alleine mit dieser Meinung, necurry!)
An alle:
Was genau ist an diesen Materialien immer so unpersönlich, steril, …. (übliche Platte – “seelenlos” fehlt noch!) ?
Seit Ewigkeiten frage ich das die unterschiedlichsten Menschen, und keiner konnte mir bisher je richtig antworten. Woher kommen diese kollektiv-subjektiven Eindrücke? Sind nämlich nicht gerade wenige Leute, die so empfinden. Was macht ein Backsteinhaus “persönlicher” als eins aus Glas?
Glas spiegelt nicht nur, es ist vor allem durchschaubar, transparent, lässt Licht und Sonne rein. Von der Farbe her zwar meistens in grünen oder bläulichen (kühlen) Tönen, dennoch wird es bei Sonneneinstrahlung heißer als Stein, und reflektiert Sonnenuntergänge in schönsten, auch warmen, Farben.
Der Palast der Republik war auch aus Glas, trotzdem liebten ihn viele, die heute über diese “sterilen, anonymen Glaskästen” nörgeln.
Ein Großteil der älteren Bahnhöfe hat ne Halle aus Stahl und Glas. Trotzdem sind in der Regel nur die neueren scheiße.
Kommerz kann auch in verfallenen Holzhütten stattfinden, und hat nichts mit Architektur am Hut.
Was also ist es, das diesen Ekel vor Glas, Stahl, Beton (aus Beton sind eigentlich die meisten Bauten) auslöst? Generell und besonders gegenüber der Moderne. Warum hat nur Altes eine Seele…? Denkt denn keiner daran, dass alles Alte mal neu war, aber eben die Chance bekommen hat, Geschichte mitzuerleben? Das Neue wird sofort abgelehnt, ohne die Chance zu erhalten, Teil der Stadt zu werden.
Stellt Euch mal vor, früher haben die Leute sich übers Brandenburger Tor aufgeregt. Heute gar nicht mehr auszudenken ,-)
Ist es einfach die Angst vor dem Neuen?
Diese kleine Architekturdiskurs muss einfach gerade mal sein, denn mir fallen diese Vorurteile seit einiger Zeit schon auf, und ich bin interessiert, was dahinter steckt.
(Vor allem, weil ich gänzlich anders empfinde.
Ich seh jedes Bauwerk individuell, und geh nicht nach Materialien oder wer drin hockt, oder sonstiger Symbolik.
Es gibt absolut schöne moderne Glas-Stahl-Bauten für mich, aber auch hässliche.
Kalt, abweisend, seelenlos können genauso auch ältere Gebäude aus Stein auf mich wirken…es kommt aufs Gesamtbild an)
central station
am 6. September 2009, 13:00 #
@Ric (17), ich kann Dir nur zustimmen. Mir fällt das auch auf, gerade bezüglich Berlin. Meckermetropole halt. Es liegt an den Generationen, denke ich. Für die Berliner, die DDR oder BRD noch voll mitbekommen haben, hat sich nach der Wende viel verändert, sehr schnell, und nicht immer nur zum Guten. Dass wir Jüngeren das nicht alle* so nachvollziehen können, ist normal.
Der durchschnittliche Berliner ist sehr skeptisch gegenüber allen und allem, und klammert sich ans Gewohnte. Aber er hat auch diese besondere Herzlichkeit ,-)
(*gibt aber auch schon “typische Berliner” in unserem Alter ,-))
Ric
am 6. September 2009, 13:13 #
@central station
Also das “Bauhaus” ist inzwischen schon um die 100 Jahre alt, “neue” Architektur ist das nicht mehr und man sollte das auch nicht mehr als solche darstellen sondern unbefangener mit dem Fundus an Architekturelementen und Baustoffen umgehen und nicht alles was nicht nach dem Motto “form follows function” geplant wird abkanzeln.
Bei der Stadtplanung der Nachkriegszeit habe ich fast das Gefühl als ob der damaligen Generation Kategorien wie Gemütlichkeit und Schönheit als altmodisch oder gar “faschistisch” galten und darum die Städte nach rein funktionellen Gesichtspunkten wiederaufgebaut wurden. Das hat wohl im Ruhrgebiet z.B. auch niemanden sonderlich gestört solange es dort wenigstens genug Arbeit gab, da störten dann auch die ganzen Straßenschneisen durch die Stadt nicht denn immerhin kam man so noch schneller zur Fabrik bzw. von dort wieder in die Privatheit der eigenen vier Wände.
Nun wo das Industriezeitalter aber endet (weniger als 25% aller Arbeitsplätze sind noch im Industriesektor!) und andere Qualitäten einer Stadt wieder mehr in’s Zentrum rücken verliert das Ruhrgebiet massiv an Attraktivität. Es war nämlich komplett auf die Bedürfnisse einer Industriegesellschaft ausgerichtet. Und es ist auch kein Zufall dass in allen europäischen Städten die früh- und vorindustriellen Viertel die beliebtesten Wohngegenden sind und sich keiner mehr um die menschenverkleinernden Großwohnblöcke reißt.
So schaut das Zentrum von Augsburg aus, meine Heimatstadt (link auf ein Photo bei Wikipedia): de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei
Keine Backsteinbauten zu sehen! Weil’s die nicht gibt. Jede Region hatte mal eine ganz typische Architektur, mit Verwendung lokaler Baustoffe. Was mich an sog. “Moderner Architektur” stört ist die Austauschbarkeit und Beliebigkeit. Bei Photos von “modernen” Bauten in Berlin oder Boston kann man ohne weiteres nicht sagen in welcher Stadt das Gebäude jeweils steht wenn man keine Zusatzinformationen wie Straßenschilder sieht. Dieser total langweilige Einheitsbrei nervt die Leute.
Zumal würde wirklich modernes und zeitgemäßes Bauen wieder auf nachwachsende Rohstoffe wie Holz zurückgreifen, nicht auf schlecht isolierbare wie Beton und riesige Glasfronten die ein schreckliches Raumklima mit sich bringen. Große Gebäude mit Glasfronten müssen im Sommer mit viel Energie gekühlt und im Winter mit viel Energie geheizt werden. In jeder Hinsicht also eigentlich eine Bauweise von Gestern!
central station
am 6. September 2009, 14:32 #
Also das “Bauhaus” ist inzwischen schon um die 100 Jahre alt, “neue” Architektur ist das nicht mehr und man sollte das auch nicht mehr als solche darstellen sondern unbefangener mit dem Fundus an Architekturelementen und Baustoffen umgehen und nicht alles was nicht nach dem Motto “form follows function” geplant wird abkanzeln
In Bezug worauf? Wo habe ich von Bauhaus gesprochen?
Es ging um Glas und Stahl, und das kommt in allen Stilen vor :-)
Unbefangen ist ein gutes Stichwort.
Seid mal ein wenig unbefangener, rennt nicht gleich schreiend weg, wenn ihr ein (modernes) Gebäude aus Glas seht.
Schaut einfach mal hin, versucht Details wahrzunehmen, vergleicht.
Die sehen genausowenig alle gleich aus, wie alle Menschen mit blonden Haaren gleich aussehen. ,-)
Was mich an sog. “Moderner Architektur” stört ist die Austauschbarkeit und Beliebigkeit. Bei Photos von “modernen” Bauten in Berlin oder Boston kann man ohne weiteres nicht sagen in welcher Stadt das Gebäude jeweils steht wenn man keine Zusatzinformationen wie Straßenschilder sieht. Dieser total langweilige Einheitsbrei nervt die Leute.
Das wird oft gesagt, finde ich zum Beispiel aber überhaupt nicht.
Einheitsbrei, das sind für mich in Bezug auf Berlin Plattenbauten, Reihenhäuser, Bahnhöfe wie Ostkreuz (tut mir leid, Berlin, ich seh das so!), und Shoppingcenter-Arkaden.
Formen von Graffiti (Tags) sind totaler Mainstream,
Werbung überall und verdreckte Straßen, zerkratzte Scheiben.
Eigentlich ist “steril” eine Besonderheit, wenn so ein Ort überhaupt existiert
(“Steril” gibt es vielleicht im Krankenhaus, aber nicht auf den Straßen Berlins, auch nicht am Potsdamer Platz).
Ich habe das Gefühl, dass es sich hier um akute Vorurteile handelt.
Bilder aus Boston und Berlin, oder Frankfurt oder Shanghai, kann ich sehr wohl unterscheiden.
Berlin hat vor allem eins: Vielfalt. Facettenreichtum.
Architektonisch wie auch von den Menschen her.
Aber man sieht nur das, was man hasst.
Es ist ja nun bei weitem nicht so, dass überall Glaspaläste stehen
(auch Shoppingcenter kommen nicht immer als solche daher).
Aber selbst dort, wo es überwiegend der Fall ist (Mitte):
Warum nicht einfach mal jedes Gebäude individuell betrachten?
Moderne Architektur sieht nicht immer gleich aus.
Am Potsdamer Platz steht ein Hochhaus, das könnte aus dem New York der 3oer Jahre sein, es ist aber zeitgenössisch, von 1998.
Selbst Glasbetonbauten Berlins sind doch total unterschiedlich. Das Sony Center ist ganz anders als das Kanzleramt (das mag ich zB gar nicht), das Spreedreieck sieht nicht im geringsten dem Hauptbahnhof ähnlich.
Die Gemeinsamkeit ist nur das ach so verhasste Glas.
Kennst Du das Hotel Esplanade? Eine alte Steinfassade, hinter einer Glasfassade. Alt trifft neu, sinnbildlich für die gesamte Stadt, und genau das ist das Reizvolle.
Wo sonst hat man diesen alt-neu-Mix?
Dubai zB ist nur modern, und mir schon wieder too much, zu überladen und einseitig. Städte wie Venedig leben von Nostalgie – auch einseitig.
Konnten die Menschen in Berlin früher eigentlich noch rot-gelbe Ziegelbauten sehen? Industriearchitektur war auch einmal voller Mainstream, egal ob Verwaltungsgebäude, Fabrik, Krankenhaus oder Bahnhof, immer Backstein und dieselben Formen.
Und nun? Heute hat es Seltenheitswert und ist darum beliebt.
Prophezeie ich in 100 Jahren auch für die ach so beliebig-langweilige Glasfrontenarchitektur :-)
Die Zukunft wird sicher wieder neue und ganz andere Stile hervorbringen.
So war es schon immer.
Große Gebäude mit Glasfronten müssen im Sommer mit viel Energie gekühlt und im Winter mit viel Energie geheizt werden.
Nicht unbedingt. Zumindest das Kühlen im Sommer ist einfach, durch spezielle Belüftungsklappen und Luftzirkulation.
Und Begriffe wie “steril” oder “seelenlos” klären sich auch nicht dadurch.
Holz kann ich als Baumaterial keine große Zukunft vorhersagen, es ist nicht sehr belastbar, es arbeitet (was besonders bei der Statik zu berücksichtigen ist), es ist schwer zu reinigen und leicht zu zerstören, altert schnell bzw wird morsch durch Feuchtigkeit etc.
Der Energie- und Umweltfaktor ist ja dennoch zweifellos sehr hoch.
Übrigens, kennt jemand das Plus-Energie-Haus?
Vollständig aus Holz, mit aufklappbaren Lamellen, an denen sich Solarkollektoren befinden. Dieses Haus erzeugt mehr Energie als es verbraucht. Und niedlich sieht es auch noch aus! :-)
Steht noch bis 30. 9. am Washingtonplatz.
am 6. September 2009, 19:16 #
So liebe Diskutierer, das Thema Architektur ist nur sehr schwer in einen Zusammenhang mit der Schwaben-Berlin-Diskussion zu bringen, daher möchte ich bitten, dieses Gespräch irgendwo in einem Café fortzuführen.
am 6. September 2009, 19:28 #
@steffka (hsb)
Nichtsdestotrotz habe ich @central station’s Ausführungen, die Architektur im Allgemeinen betreffend, an dieser Stelle sehr genossen.
Im Dienste der Guten Sache eine kleine Abschweifung .
Die geglücktesten Beiträge entstehen – nicht immer, aber oftmals –, wenn man der Diskussion einen gewissen Lauf lässt.
Dass das nun weit weg vom Thema ist, sehe ich allerdings auch so, sonst hätte ich folgenden Link hier noch angefügt, bzgl. Beton- und Glasbauweise, in wohl beeindruckendster Form.
ulla
am 6. September 2009, 20:19 #
@Cora
da schreib` ich doch glatt nochmal ;-)).
Und weil Schwaben auch in Wessiland ist, sind wir beide wenigstens bein Thema geblieben ;-).
Sigurd
am 6. September 2009, 21:01 #
Hamburg, Hannover, Köln, Frankfurt/Main, Stuttgart und München um nur einige Städte zu nennen, sind für Berliner doch immer schon Wessiland gewesen. Ob Nord-, West- oder Süddeutschland, alles Wessiland.
ulla
am 6. September 2009, 21:09 #
@Sigurd
Na das sagen @cora und ich doch schon die ganze Zeit.
Wir sagen aber nicht mehr “Zone”, wenn wir von Leipzig, Dresden oder Magdeburg reden ;-).
Sigurd
am 6. September 2009, 21:19 #
Und hier noch ein kleiner Bayrischkurs für Anfänger. Ich wüh a Brezn heißt es. Siehe Link.
Helen
am 6. September 2009, 22:23 #
Vor Jahren waren mein Mann und ich in Passau einige Tage im Urlaub. Wir hatten am Tage die Touristen erst mal abfahren lassen und sind dann essen gegangen. Weißwurst wollte ich probieren, das war gar nicht so einfach, vor allem mit dem WeißwurschtESSEN. Aber ich habe es geschafft, mein Mann hatte gleich drauf verzichtet.
Witzig ist aber der Sempft!
Drösel
am 7. September 2009, 09:26 #
Wir sagen aber nicht mehr “Zone”, wenn wir von Leipzig, Dresden oder Magdeburg reden ;-).
Nee, dit heißt ja auch “ßone”. Mittet “ß” am Wortanfang. So richtich schön spuckelastig aussusprechn.
cora
am 7. September 2009, 10:21 #
@Helen
Man muss die angeblich “zuzzeln”, die Weißwurst.
Aber fragen Sie mich nicht, was das ist :-)))).
Ric
am 7. September 2009, 11:18 #
@Drösel
Nicht zu vergessen die Schangse, den Betong, die Sesong im Schina-Restorong ohne Balkong mit dem Kuseng, und die Kassenbong xD
Ja Fremdwörter sind so eine Sache für sich :-D Ich find’s aber amüsant.
@Cora
Hm das ist geschmackssache. Manche zuzln manche schneiden in Stücke und essen die dann mit der Gabel vom Teller… und manche essen sogar den Darm mit. Ich persönlich mag Weißwürst eh ned, meine liebste bayrische Brotzeit ist und bleibt die Lewakas-Semmi (“Fleischkäsebrötchen”) mit am süßm Sempf :)
Helen
am 7. September 2009, 21:45 #
also mir wurden 2 Varianten vorgeführt – zuzzeln – da behält man die Wurst in der Hand und zuzzelt das Innere heraus— und Nr. 2 – die Wurst gerade aufschneiden und den Inhalt richtig mit Messer und Gabel essen.