„Was die Lohas machen, genügt mir nicht“

Günter in am 9. Oktober 2009, 11:55   Kommentar schreiben »

Silvia ist ganz weiß im Gesicht ist, als wir uns treffen – sie hat sich Violettas nanotechnologiefreie, mineralische Kinder-Sonnencreme ins Gesicht geschmiert. Wir sitzen im Sand und die 26-Jährige hat vor sich einen Hügel aufgetürmt, den sie formt, als würde sie Töpfern, beinahe so, als ob sie das Gespräch über ihre Suche nach einer gerechten Welt illustrieren möchte: Eine Insel der Gerechtigkeit.

Silvia Hable mit ihrer Tochter Violetta.

Wir treffen uns auf einem Spielplatz in Berlin-Prenzlauer Berg – damit Violetta nicht langweilig wird, während wir uns unterhalten. Violetta ist die einjährige Tochter von Silvia Hable. Die hat kürzlich ein autobiografisches Buch veröffentlicht – mit gerade mal 25 Jahren. „Augen zu gilt nicht“ heißt es, und erzählt von einem Mädchen, das mit 16 zum ersten Mal von zuhause ausgerissen ist, um aus der Wohlstandsgesellschaft auszubrechen.

2005 lief eine Doku über Silvia im Fernsehen: „Ich war das perfekte Kind“. Das perfekte Kind war Silvia da längst nicht mehr: Ständig im Konflikt mit Eltern und Schule – schwänzte den Unterricht, erhielt Verweise. Schaffte das Abitur dann aber doch, gut sogar.

Doch dann ging Silvia Hable nicht zum Studieren oder machte eine Ausbildung. Sie zog das Leben auf der Straße vor, landete schließlich in der Berliner Punk-Szene. Gepierct an Nase und Lippen, pinkfarbener Irokesenschnitt – und oft ein Bier zu viel, wie sie heute sagt. Demos, Hausbesetzungen, Ärger mit der Polizei, Jugendarrest.

Heute erinnert nichts mehr an die Punkerin. Schon im Film erfährt der Zuschauer, dass die Szene nicht das war, wonach Silvia suchte, nicht die solidarische Gesellschaft, von der sie träumte. Wenn es eng wurde, waren auch die Punks sich selbst am nächsten.

„Ich will nicht mehr die Welt verändern, sondern nur noch mich“, sagt Silvia am Ende des Films. Der Zuschauer ist da beinahe enttäuscht: Nach so kurzer Zeit schon alle Ideale aufgegeben?

„Nein“, sagt Silvia, „aber ich kann nicht mein ganzes Leben lang so wütend sein“. Mit den Eltern kommt sie wieder besser zu recht: Zusammen haben sie einen Gemüsegarten angelegt – und der Vater hat seinen Fleischkonsum verringert. Sie habe erkannt, dass sie nicht mit denen streiten sollte, die auf ihrer Seite sind. Von älteren Generationen könne sie lernen – und gemeinsam mit anderen lasse sich mehr gegen den Kapitalismus ausrichten.

„Mir genügt nicht, was die Lohas machen. Es reicht nicht, zu sagen: Wenn ich Bio kaufe, bin ich ein guter Mensch.“ Die Lohas, das sind jene meist gutsituierten Konsumenten, die den „Lifestyle of Health and Sustainability“ pflegen, also einen Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit. Wahrscheinlich sitzen wir gerade inmitten dieser Lohas, hier, im Prenzlauer Berg, dem Szene-Stadtteil, den die Gutverdienenden so gern besiedeln, am besten in neuen, schicken Townhouses.

Politisch sein, das bedeutet für Silvia Hable mehr, als nur „politisch korrekt“ zu konsumieren. Am besten schon mal: wenig konsumieren. Zur Zeit probiert sie das handyfreie Leben aus: „Mit Handy hätten wir wahrscheinlich schon dreimal telefoniert, um uns hier zu finden. Warum sollte ich den Großkonzernen unnötig Geld in den Rachen werfen und mir noch freiwillig einen Hirntumor zuziehen?“

Die kleine Violetta gräbt sich derweil einen Graben im Sand, in den Wasser fließt, das ein paar ältere Jungs hochpumpen. Eine Schaufel hat sich Violetta von einem anderen Mädchen genommen. Nicht immer laufe das ohne Geschrei ab, sagt Silvia. „Aber wenn Eltern das Geld über alles stellen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass die Kinder ihre Schaufel verteidigen.“ Für Violetta hat sie nur eine Babytrage gekauft – so ein Geschirr, mit der sie die Kleine auf Bauch oder Rücken mit sich herumtragen kann. Die meisten Kleidungsstücke sind gebraucht, auch einen Kinderwagen vermisst Silvia nicht. Ab und zu Stoffwindeln – ansonsten probiert sie es mit „windelfrei“, einer Methode, bei der man von Geburt an „auf die Ausscheidungsbedürfnisse des Kindes eingeht“, wie Silvia erklärt: „Kleine Babys können das noch sehr genau mitteilen, wenn sie nicht lernen müssen, in eine Windel zu machen.“

Silvia Hables Buch: "Augen zu gilt nicht".

Aber auch der Konsum ist für sie nicht alles, neue Lebensformen will Silvia schaffen, eine kleinteilig und gleichberechtigt organisierte Gesellschaft – und damit hat sie schon einige Übung: In Lissabon arbeitete sie ein Jahr lang in einem sozialen Zentrum, baute einen Stadtgarten mit auf, vor kurzem arbeitete sie auf einem Bio-Bauernhof, ebenfalls in Portugal. Wenn man sie nach ihren Ideen fragt, sprudelt es nur so aus ihr heraus: Die „totale Freiheit“ sei es für sie gewesen, auf den Dächern Berlins zu leben. Dergleichen Wohnformen schätzt sie nach wie vor – wenngleich sie mit Violetta kaum mehr im Zelt auf dem Hausdach übernachten würde. „Aber es gibt dort oben unheimlich viele Möglichkeiten“, sagt Silvia und denkt dabei an Energiegewinnung und Gemüseanbau: „Wir könnten 40 Prozent unserer Nahrungsmittel auf Dächern kultivieren.“ Dann müssten auch Stadtbewohner nicht mehr pestizidvergiftete Lebensmittel kaufen, die über hunderte von Kilometern herangekarrt wurden und Architekten könnten sich, anstatt neue „Carlofts“ und andere Yuppiewohnungen zu planen, an der Statik der grünen Dächer verdingen. Pilze ließen sich problemlos im Keller züchten, Autos könnte man mit anderen teilen – und sich zu Tauschringen oder Einkaufskooperativen zusammenschließen. Silvias nächstes Vorhaben: Ein Laden, der nach dem Prinzip einer Bibliothek Alltagsgegenstände verleiht, Werkzeug zum Beispiel.

Einer Wirtschaftspolitik, die das Wachstum wie ein Mantra beschwört, kommt das natürlich nicht so gut zupass. Wo kommen wir da hin, wenn sich die Leute Dinge gegenseitig leihen – anstatt sie zu kaufen? Mit solchen Denkstrukturen hat Silvia Hable oft zu kämpfen. Andererseits sei sie seit Ausbruch der Finanzkrise „wieder besser drauf“, hat Mut geschöpft, dass sich ihr jetzt mehr Menschen anschließen. „Je schwieriger es auf dem ersten Arbeitsmarkt wird, desto mehr etablieren sich alternative Arbeitsmärkte. Dort gibt es vielleicht weniger zu verdienen, aber dafür ist die Arbeit selbstbestimmter und der Mensch näher dran am Produkt, besonders soziale und ökologische Tätigkeiten werden in zukunft einen höheren Stellewert bekommen – und junge Mütter werden auch nicht abgehängt.“ Ihr Traum ist es, einen dritten Weg zu finden, jenseits von Karrieremüttern, die nach Kitaplätzen ab der sechsten Lebenswoche rufen und Hausfrauen, die zuhause vereinsamen und sich nur aufs Kind konzentrieren. „Dass Eltern ihre Kinder mitnehmen können zum Arbeiten, das würde den Kindern guttun, weil sie nicht vom Erwachsenenleben künstlich abgeschottet werden.“ Zurück in Berlin will sie sich den Transition Towns anschließen, einer jungen Bewegung, die „Energiewendestädte“ aufbaut. Durch Selbstversorgung mit Lebensmitteln und Energie soll dem Klimawandels und des bevorstehenden globalen Ölfördermaximums begegnet werden. Mancher Kommunalpolitiker stelle für solche Projekte schon mal Räume oder Grundstücke zur Verfügung, weiß Silvia Hable.

Und wenn das nicht gelingt, müsse man eben wieder Häuser besetzen. Vielleicht stimmt der Schlusssatz aus dem Film: Vielleicht will Silvia Hable nur sich selbst verändern. Aber wenn sie damit auf andere abfärbt, könnte das vielleicht nicht schaden.

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