Ausnahmezustand in Berlin

Michael in am 7. November 2009, 20:15   21 Kommentare »

Wer heute mit den Touristenbuslinien 100 oder 200 der BVG gefahren ist, bekam dort eine längere Gratis-Zugabe von der berühmt-berüchtigten Berliner Schnauze.

Wir sind am Nachmittag mit ausländischen Freunden in der Stadt unterwegs gewesen. Natürlich wollte unser Besuch zum Brandenburger Tor und die Dominosteine anschauen. Der 200er Doppeldeckerbus der BVG war völlig überfüllt (wie alle anderen auch), hielt nur an jeder zweiten Haltestelle. Der Busfahrer, waschechter Berliner, offensichtlich “juut jelaunt”, durch die Lautsprecheranlage: “Die Flitzpiepe an der mittleren Tür macht mal den Türbereich frei. Haste Schuhjrösse 48? Oder soll´n wa bis zum Mauerfall hier stehenbleiben???”

Gedrängel, Geschiebe im Bus, keiner weiß genau, was gemeint ist, aber man bewegt sich. Vor und zurück. Ist ja zu voll, um sich irgendwohin zu schieben.

“Ick seh allet” tönt der Fahrer nach ein paar hundert Metern Fahrt erneut durch die Lautsprecheranlage. “Die junge Frau da im Oberdeck soll mal hübsch ihre Hüften nach unten schwingen, oben sind nur Sitzplätze erlaubt! Aba dalli! Ick fahr sonst nich’ weiter!”. Wir warten gefühlte Ewigkeiten im stickigen Bus, bis jemand der Frau erklärt hat, worum es geht und sie die Treppe herunterkommt.

An der Haltestelle Lustgarten entschließt sich der Fahrer zu folgender Durchsage: “Ausnahmezustand, Leute, Ausnahmezustand! Ihr dürft heute mal bei mir hinten und in der Mitte einsteigen!” Ungefähr 80% der Fahrgäste im Bus schaut sich fragend ob der sehr lautstarken Durchsage an, ich schätze mal, außer ein paar älteren Berlinern und uns sind ausschließlich ausländische Touristen aus der ganzen Welt im Bus. Gerade will ich einer spanischen, offensichtlich besorgten Touristin übersetzen, was der Buschauffeur sagte, als dieser erneut seine Stimme schwang: “Aba nich das mir eener nach vorne drängelt und dann fragt was denn ein Fahrschein kostet, verstanden? Ein bißchen Luft brauch’ ick noch hier vorne!”

“Ausnahmezustand in Berlin” brüllt er dann nochmals mit belustigter Stimme, um dann endlich mal Gas zu geben und Strecke zu machen.

Ist Berlin nicht immer irgendwo oder irgendwie im Ausnahmezustand?

22 Kommentare

1

Michael

Genial, so lieb’ ick dat in Berlin. Bin ja nur 1-2 x pro Jahr dort, aber die Busfahrer (manchmal ja ganz “arme Schweine”) sind einfach genial. Fahren manchmal wie dat letzte Hemd, sind aber um Kommentare i.d.R. nich’ verlegen. Vielleicht sollte jemand noch ma ne Übersetzung innet englische machen … d.h. kann man “Flitzpiepe” übersetzen :-) ?

2

Toska

Solche Busfahrer (die sind manchmal nicht zu beneiden um ihren Job ) ,
sind mir echt sympatisch.

Und Flitzpiepe bedeutet Dummopf, wat ja och zutrifft, wenna det nicht kapiert, dat die Türe nicht zujeht wenna seine Qartratlatschen nicht wegnimmt.

Det “ Berlinische “ kann man nicht übersetzen, ist einfach einmalig. Wäre ja noch schöner wenns man ins englische übersetzt, für wat denn ;-)!!

und mit “ Ausnahmezustand “ hatta ja völlig Recht.
Diese Jubelfeiern gehn mir aufn Keks. Janz Berlin gesperrt , als Autofahrer haste ja keene Hoffnung mehr, mal ohne Sperrungen von A nach B zu kommen.

Also mit dem letzen Satz @Michael ( HSB ) haben Sie völlig Recht.

3

Ulf

…mir als berliner sind solche Busfahrer nur in Geschichten begegnet..

4

Raffael

“Und Flitzpiepe bedeutet Dummopf, wat ja och zutrifft, wenna det nicht kapiert, dat die Türe nicht zujeht wenna seine Qartratlatschen nicht wegnimmt.”

@Toska:

Schwachsinn … die Türen schließen parallel zur Seite von außen … kein vernünftig denkender Nicht-Flitzpiepe käme auf die Idee das der Sperrbereich an der Tür so groß ist wie er ist …

5

Stefan Metze

Und genau wegen dieser Ausnahmezustände im Bus braucht Berlin Unter den Linden die U5.

Ich schließe mich @Ulf an.

6

ulla

Ich schließe mich Ulf, Raffael und Stefan Metze an.

P.S.
Wie man von Berliner Busfahrern über Jugendgewalt zu den antiken römischen Bädern kommen kann, hat schon etwas Faszinierendes. Apropos Richter: Im antiken Griechenland hatte man dann noch das Scherbengericht um unliebsame Busfahrer, pardon, unliebsame Mitbürger, aus der Stadt zu entfernen.

7

Toska

Also, ick schliess ma keene Meinung an, ick habe meine eigende.

Für mich ist das nicht ungehobelt, sondern einfach die echte Berliner Schnauze.

Aber jut, man kanns och kommpliziert machen. Ach, mir tut die Leute leid ,die den Humor nicht hören und sehen können.

Na denn, schöne Woche für alle.

Nr. 4

Wenn ick mal Buss fahre, habe ich schon beobachtet, dass im Mittelbereich die Tür nicht schlisst, wenn jemand im Sperrbereich steht.

kann also Ihrer technische Version nicht so hinhauen.

8

central station

Die Stadt ist derzeit ja wirklich übervoll, man kann kaum treten.
Das nervt, obwohl’s mich natürlich freut, dass so viele Menschen nach Berlin kommen. Die Touristen sind auch immer begeistert von Berlin. Herrlich erfrischend ist das.
Bus bin ich lange nicht gefahren, aber auch U-Bahnfahrer haben solche Sprüche drauf ,-)

@Stefan Metze (5)

Genau!
Schon das Teilstück U55 (was keiner braucht) ist ständig überfüllt, nicht nur an diesem Wochenende. Sogar am Bundestag steigen Massen ein, was ich nicht für möglich hielt. Trotzdem fährt die Bahn ab 20 Uhr immer als Kurzzug mit 2 Wagen – das führt dann oft zu Szenen wie in der S-Bahn (weil alle mit wollen, obwohl die Bahn schon in 10 Minuten wiederkommt), und weil der Kurzzug immer ganz vorne hält, rennen die Leute oft wie um ihr Leben :-)
Lustig ist das, obwohl man, als nur mal so zum Spaß mitfahrender Berliner, schon fast ein schlechtes Gewissen kriegt, dass man begehrte Sitzplätze auf dieser hochfrequentierten, scheinbar absolut notwendigen Linie blockiert… :-)

9

ngb

Made my day, danke :D

10

Icke

Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit fahr’ ich durch halb Berlin. Aber der spannendste Teil ist die kurze Bus-Strecke vom Allex (Am Doppel-L erkennt man den Berliner) bis zur Staatsoper. Dort kann man, egal zu welcher Uhrzeit, solche Busfahrer und Fahrgäste beinahe täglich erleben. Mir in freudiger Erinnerung geblieben ist ein Fahrer, der die Tür blockierende Fahrgäste über die Funktionsweise einer Lichtschranke am Türraum aufklärte (“Das Prinzip einer Lichtschranke…”), was diese aber irgendwie nicht verstanden hatten, sodass er dann doch laut werden musste.
Gestern Nachmittag bin ich zufälligerweise auch mit einem 200er gefahren. Am Lustgarten bat der Busfahrer die in der Tür Stehenden sich entweder ins Fahrzeuginnere zu kuscheln oder sich sanft rausschubsen zu lassen. Wer dem Wort “Stoßzeit” einmal Leben einhauchen möchte, dem empfehle ich die Touri-Route Unter den Linden, aber nicht mit dem TXL!

11

Toska

Die 100er und 200er Linie sind besser wie jede Stadtrundfahrt und vor allen Dingen preiswerter.

Übrigens@Michael (HSB ) vielen Dank für Ihren Bericht. Man konnte sich mental richtig in die Lage versetzen ;-)

Fahren Sie mal (falls Sie mal in Rom sind ) die Vatikanlinie mit dem Bus, da ist das hier ein Hochgenuss. Oder haben Sie schon?

12

wahlberlinerin im Exil

Ach ja, der diskrete Charme. Der mag in Zürich nicht so recht aufkommen. Allerdings verstehe ich meist eh nicht, ob der Fahrer gerade was nettes sagt, oder nicht…

13

marcel

vielleicht gehts ja nur mir so. aber ich finde diese ausgedachten geschichten immer irgendwie peinlich.

und flitzpiepe heißt nicht dummkopf.

14

textbauer

Solche Fahrer sind durchaus sympathisch. Jedenfalls deutlich sympathischer als die mürrischen, von denen der Tsp gerade einen aufs Korn genommen hat: www.tagesspiegel.de/berlin/Verkehr

15

Toska

Nr. 14

Man kann auch Dummkopf, Trottel oder Depp sagen.

Irgendwas wird schon zutreffen-nicht war?

16

cora

Ausgedachte Geschichten?
Mein Vater war seit Ende der 60er bei der BVG. Er fand es immer absolut peinlich, wenn er zur Ablösung fuhr und es sich nicht anbot, das Auto mitzunehmen, er also selbst in Montour unterwegs war und der Kollege:“Ohne -Socken-Straße” ausrief.

Er selbst gehörte immer der Fraktion:“Mach-ma-n-Einjang-frei” an….

Es gibt immer welche (berliner) die es “witzig” machen und welche, die pragmatisch sind…..

Nicht, dass es meinem Vater an Witz fehlt.

17

Michael (hsb)

@ulf, marcel: Natürlich ist ein Autor (hier: ich) immer ein subjektiver Erzähler, oder es kommen narrative Elemente hinzu oder durch selektive Wahrnehmung entsteht so eine Geschichte.

In diesem Fall ist die Story zu 100% so live und in Farbe passiert. Da ich regelmässig öffentliche Nahverkehrsmittel benutze, erlebe ich schon einige “Geschichten”, “Begegnungen”, habe unterschiedliche “Erlebnisse”, wie auch immer man das definieren mag, die ich – wie fast jeder Autor – auch “verarbeite”. Und sie spiegeln auch diese Stadt wieder.

@Raffael. Die Türen schließen zwar tatsächlich wie von Dir beschrieben, trotzdem hat toska recht: es gibt einen auf dem Boden markierten Sperrbereich vor der Tür. Wenn dort ein Mensch mit einem Fuß, die ganze Person oder eine Tasche mit mehr als 10kg Gewicht steht, kann die Tür weder öffnen noch schlißen – als Sicherheitseinrichtung.

@cora. Ich fand diesen Busfahrer jedenfalls witzig, in diesem Moment, in dieser Stimmung, in der Umgebung, in der ich mich befand. Das kann morgen schon wieder anders empfunden werden – wie gesagt, subjektive Wahrnehmung. Lieber humorig als ürig (das ist rheinisch für miesepeterisch).

In meiner Jugend fand ich solche Geschichten auch eher peinlich, was aber an meiner eigenen, mangelnden Offenheit und Toleranz für unterschiedliche Menschentypen lag, die mir zwar nach wie vor nicht immer liegen, deren Charaktere ich aber heute als “ergänzende Vielfalt” einstufe. Und teilweise auch charmant und lustig finde.

18

cora

@18
Ich persölich finde solche Busfahrer auch witzig…. Aber ich weiß auch, dass sie eben keine “AUSGEDAxCHTEN” Figuren sind.

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nter0ne

Hatte vor ein paar Jahren mal das Vergnügen einen politisch unverschwiegenen Straßenbahnfahrer zu haben: “Werte Fahrgäste, die Fahrt jeht weiter uff der Mollstraße, weil die Scheiß-Nazis denken Sie müssten uffm Alex demonstrieren!” Die Leute schauten sich verwundert an und schienen sich zu fragen ob er das wirklich so gesagt hatte… hat er!

Ansonstne hatte ich im Frühling nen tollen S-Bahn-Fahrer. Müsste auch wieder Alex gewesen sein: “Liebe Fahrgäste, dieser Zug hat ganz ganz gaaanz gaaaaaaanz viele Türen. Nutzen Sie bitte möglichst viele davon, damit wir heute ooch nochma wegkommen!”

Ich mag das! :)

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necurryauffefaust

ne schnauze im opnv gehört einfach dazu…fahrt mal nach hamburg zur central station ;) da erlebt man sowas jeden tag.
z.b. durfte ich mal miterleben wie ein sich küssend verabschiedenes pärchen vom gleisvorsteher durchs bahnhofsmikro angemahnt wurde das sie endlich aufhören sollten sich gegenseitig speichel in den mund zu befördern damit der zug abfahren kann.(das mit de speicheln hat er wirklich so gesagt)
ist doch großartig sowas.
da muß man einfach drüber lachen erstrecht wenn man selbst die angemahnte person ist.

21

Matthias

Sehr amüsanter Artikel! Ich bin zwar regelmäßig in Berlin (ca. 3x jährlich), aber ich kenne solche Erlebnisse auch nur aus Erzählungen.

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