20 Jahre Mauerfall: Dominosteine fallen am Fest der Freiheit in Berlin

Michael in am 8. November 2009, 22:01   17 Kommentare »

Auf dem Fest der Freiheit, von Kulturprojekte Berlin initiiert, werden morgen am Abend ab ca. 20 Uhr über 1000 bunt bemalte und gestaltete Dominosteine zu Fall gebracht, 2,50m hoch, auf einer Strecke von rund 1,5 Kilometern. Mehr als 200 der Steine wurden in andere Städte oder ins Ausland geschickt zur Gestaltung. Hauptsächlich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit oder ohne Hilfe von Lehrern und Künstlern wurden die Steine künstlerisch gestaltet. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen: historische Daten, wichtige Ereignisse in der Vorgeschichte, persönliche Gefühle und Darstellung von staatlicher Gewalt, Hoffnung und Liebe prägen die Gestaltung der Dominosteine, kurz: jeder Stein steht für eine eigene, subjektive Geschichte. Symbolisch betrachtet sollen die fallenden Dominosteine einzelne Ereignisse des Jahres 1989 darstellen, die schließlich als Kettenreaktion den Fall der Mauer bewirkten. Seit Samstagmorgen bis morgen Abend steht die bunte Domino-Mauer.

Viele werden das Ereignis ob des angesagten schlechten Wetters wahrscheinlich vom Fernseher aus verfolgen: den Höhepunkt vom “Fest der Freiheit” im Mauerfall-Jubiläumsjahr 2009 am Abend des 9. Novembers zwischen dem Potsdamer Platz, dem Brandenburger Tor und dem Reichstagsufer.

Moderiert wird die Veranstaltung von Thomas Gottschalk, der gestern in seiner Sendung “Wetten daß…” eine Wette verlor und heute im grauen Trabant von Braunschweig nach Berlin gefahren ist, Guido Knopp (ZDF History) und Klaas Heufer-Umlauf von MTV. Die Opern-Gruppe Adoro wird den Titel “Freiheit” interpretieren, Jon Bon Jovi “We Weren’t Born To Follow”, und Stamping Feet aus Berlin (Breakdance-Weltmeister) werden mit Trommelrhythmen einheizen.

Sie harren ihres Falls am 9.11.: die Dominosteine Foto: MM (HSB)

Das Programm am Montagabend

17:00 Uhr: Beginn der offiziellen Veranstaltung zwischen Potsdamer Platz, Brandenburger Tor und Reichstagsufer.

19:00 Uhr, Pariser Platz: Konzert der Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim. Folgende Werke mit historischem Bezug zur deutschen Geschichte werden aufgeführt: Richard Wagner (1848 komponiert: Lohengrin, Vorspiel 3. Akt), Arnold Schönberg (1947 komponiert: A Survivor from Warsaw), Ludwig van Beethoven (1813 komponiert: Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92) und Friedrich Goldmann (2009 kurz vor seinem Tod komponiert, Fragment, Komponist der DDR: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen).

19:25 Uhr: Live-Redebeiträge (Video-Leinwände) der anwesenden Gäste Nikolas Sarkozy (F), Dimitri Medwedew (RUS), Gordon Brown (UK), Hillary Clinton (USA), Angela Merkel und Klaus Wowereit.

20:00 Uhr, vor dem Reichstag: Anstoß der ersten Dominosteine (Live-Beitrag: Wie es begann: Lech Walensa und der Ungar Miklos Nemeth sowie Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher.

20:15 Uhr, Potsdamer Platz: Das neue Europa. Berliner Schüler und José Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission sowie Jerzy Buzek, Präsident des Europäischen Parlaments, geben Statements. Anstoß der zweiten Domino-Strecke bis kurz vor dem Brandenburger Tor. Ebenso wie der bangladesische Friedensnobelpreisträger und Wirtschaftsprofessor (Erfinder der Mikrokredite) Muhammed Yunus und der koreanische Kunstprofessor Ahn Kyu-Chul und sowie der koreanische Schriftsteller Hwang Sok-Yong, die im Auftrag des Goethe-Institutes eine Mauer-Reise mit Domino-Elementen in Länder durchführten, die noch heute von einer Mauer geteilt oder begrenzt werden (z.B. Zypern, México, Korea)

20:30 Uhr, Brandenburger Tor: Die Welturaufführung der Hymne “We are one” des bekannten DJ’s Paul van Dyk. Die letzten Dominosteine werden zu Fall gebracht, es kann wieder von Ost nach West und umgekehrt gegangen werden. Ein großes Festfeuerwerk – die Feuerwehr bewacht seit Tagen die am und um das Brandenburger Tor positionierten Leuchtraketen – schließt das “Fest der Freiheit” ab.

Wer noch eine gut gemachte Chronik der Wende anschauen möchte, kann diese auf den Tagesschau-Seiten tun.

Auf zu den nächsten Jubiläen! 2010: 20 Jahre Wiedervereinigung, 2011: 50 Jahres-Gedenken zur Errichtung der Mauer, ebenfalls mit großen Veranstaltungsprogrammen.

17 Kommentare

1

Hernando Velasquez

@Michael

Vielen Dank für die Mühe, die Sie sich mit dem Text und den vielen Links gemacht haben.

Sowas wünschte man sich auch mal von den bezahlten Profis.
Zum Beispiel von Redakteuren in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
Recht lieblos geht’s da manchmal zu.

2

eva

ich habe die dominosteine gestern fotografiert, sind wirkliche hübsche dabei.

nbwolf.blogspot.com/2009/11/dominosteine

lg

3

necurryauffefaust

das die noch keiner umgeschubst hat ist schon bemerkenswert.
wahrscheinlich haben die potenziellen umschubser ganz andere dinge zutun z.b.
autos abfackeln oder “rumschmieren”

4

ulla

Ob bei all der Jubelei wohl auch so mancher Wessi daran denkt, wie schnell sich im privaten Bereich verwandt- und bekanntschaftliche Ost/West-Beziehungen, die 20, 30 Jahre lang gehegt und gepflegt wurden, plötzlich in Luft auflösten?

Und das lag nicht an uns Wessis.

5

central station

Einmal im Jahr kann man doch feiern, das Negative wird oft genug besprochen und analysiert, gerade in Berlin. Findet ihr nicht? Wir wissen doch alle, dass die Wende nicht nur Gutes brachte. Aber einmal im Jahr (also, im Jahr 2009) kann man ruhig die rosa Brille aufsetzen. Dann deprimiert das Wetter auch nicht so :-)

Einige der Steine kannte ich schon ausm Hauptbahnhof.
Was passiert eigentlich mit denen nach dem Domino Day?
Wer behält die?
Ich hätte ja gerne den mit dem Bahnhof drauf…schmacht :-)

@necurry:

Die werden doch bewacht.
Wie kommste drauf, dass potentielle Umschubser dieselben wären, die Autos abfackeln oder rumschmieren (zumal doch nicht mal “Rumschmierer” gleich Autoabfackler sind, und selbst bei “Rumschmierern” gibts solche und solche)? Oder wars Sarkasmus? :-)

@ulla

Das tut mir leid. Woran lag es?

6

Werner Bredebusch

ulla

am 9. November 2009, 11:16 #

“Und das lag nicht an uns Wessis.”

Ihre Rolle als gönnerhafte Tante aus dem goldenen Westen(Westberlin ) wurde schlicht überflüssig. Die schönen bunten Glasperlen können sich die “Eingeborenen” jetzt selbst kaufen.

Ja,ja die Spezie Ossi ist schon sehr undankbar.Sind von der westlichen Demokratie nicht überzeugt und wählen tun sie auch noch so komisch. Ist schon ein Kreuz mit Denen.

7

ulla

@central station

mich selbst betrifft das eigentlich gar nicht so sehr. Ich höre es nur immer wieder von anderen, besonders älteren Leuten, die sich zu Mauerzeiten und davor mit, na, sagen wir mal, privaten Transferleistungen den Allerwertesten aufgerissen haben und heute den lieben Nichten, Neffen, Cousinen etc. aus den 5 Neuen nicht mal mehr eine Geburtstagskarte wert sind. Das mag ja menschlich sein – anständig finde ich es nicht.

Hatte mich bei der vielen Gedenkerei und Feierei ein bißchen nachdenklich gemacht obwohl ich das Feiern an sich – allerdings nur am Sonnabend, gestern und heute bei diesem igitt-igitt-Wetter konnten und können mich keine 10 Pferde auf die Feiermeile bringen – ganz okay finde.

8

Hernando Velasquez

@ulla

…so mancher Wessi daran denkt, wie schnell sich im privaten Bereich verwandt- und bekanntschaftliche Ost/West-Beziehungen, die 20, 30 Jahre lang gehegt und gepflegt wurden, plötzlich in Luft auflösten?

Jacobs Krönung
Lux-Seife
Fa-Duschgel
Nivea-Creme
Levis Jeans
…und in den frühen Jahren viele, viele 5-er Packs Strumpfhosen

Viele Westler schämten sich, ALDI-Waren zu verschenken, obwohl sie für sich selbst fast alles dort einkauften.

Westpaket

9

Michael (hsb)

@Hernando Velasquez: danke für das Kompliment! Es macht wirklich viel mehr Mühe, und es ist um so erfreulicher, wenn es ein Leser erkennt!

Und danke für den Link in Post 8. Er passt gut in die heutige Story von mir!

10

ulla

@HV

Danke für den Link

11

necurryauffefaust

@central station.

natürlich war das sarkasmus von meiner seite.
es heisst doch in einer stadt wie berlin sei alles möglich,warum also dann nicht auch schmierende autabfackler die dominosteine umschubsen? ;)
aber mal ehrlich wieso hat da noch keiner vorher seinen spieltrieb rausgelassen?
ich könnte mir vorstellen da sind ne menge leute vorbeigelaufen denen es in den finger gejuckt hat.
Abgeshen davon wissen wir doch das nur weil etwas bewacht wird,niemand zu schaden kommt.
banken werden bewacht,trotzdem überfallen.
central staitons und normal stations ;) werden bewacht,trotzdem passieren dort übergriffe,diebstähle usw.
aber das ist etwas was man den berlinern anrechnen muss,das trotz des fingerkribbelns niemand es gewagt hat die steine vorher umzuschubsen.

TOP!

alos bitte nicht falsch verstehen ich halte berliner nicht für grobschlächtige,rabiate dominoumschubser.
es gibt nur solche und solche und in einer großstadt wie berlin nunmal mehr von diesen oben genannten.

12

Prokrastes

Was hat eigentlich das ZDF geritten, für seine Fernsehaktion ausgerechnet, ausgerechnet Thomas Gottschalk vor die Kamera stellen zu müssen? Und den unsäglichen Guido Knopp?

Warum?

13

Mic

Hallo,
zu den Leuten, die daran dachten, die Dominos vorher umzuschubsen (die gab es nämlich wirklich):
Es sind die gleichen, die irgendwas beschmieren und Autos abfackeln!
Aber die Steine waren nunmal gesichert, nicht nur durch die Menschen drumherum sondern ja auch durch die Sicherungsstifte. Sie hätten also schon viel Schwung gebraucht um sie anzustoßen.
Und wenn dann genau diese Leute gerade die von palästinensischen und israelischen Jugendlichen gemeinsam bemalten Dominos mit Farbbeutel bewerfen müssen, sieht man schon, wie weit es mit der Intelligenz bei diesen Menschen gekommen ist!
Und der Vorteil bei diesem Event war auch ganz eindeutig, dass sich z. B. Schüler, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch garnicht geboren waren, wirklich tiefgehend mit diesem Ereignis auseinander gesetzt haben!

14

Michael (hsb)

@Mic: Ihrem Beitrag kann ich nur zustimmen! In weiser Voraussicht waren aber auch über 200 Sicherheits-Beauftragte in 3 Schichten an drei Tagen und Nächten damit beschäftigt, diese “destabilisierenden” Aktionen zu verhindern.

Viele der bemalten Steine sind tatsächlich von jungen Menschen bemalt worden, die 1989 noch gar nicht geboren waren.

Insofern ist es ein gelungenes und spielerisches Heranführen an bedeutende Geschichte, rund 15 000 Menschen sollen an der ganzen Aktion (z.B. ganze Schulen) beteiligt gewesen sein.

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Redeule

Gottschalk war in der Sendung unerträglich, abstossend. Hätte nur noch gefehlt der hätte “Top die Wette gilt” gebrüllt. Dieser Veranstaltung fehlte jede Würde!!! Überhaupt entsteht bei mir durch die Berichterstattung in den Medien derzeit der Eindruck, 16 Mio. DDR-Bürger hätten pausenlos an der Mauer gestanden und hätten nur darauf gewartet zu flüchten. Wenn dem so wäre, wer hat dieses totalitäre Regime an der Macht gehalten?? Ist das ein deutsches Problem? Nach 1945 wollte es ja auch keiner gewesen sein :-(

16

1704

@ Michael (hsb) #14

“… Insofern ist es ein gelungenes und spielerisches Heranführen an bedeutende Geschichte” – “gelungenes”: woran machen Sie das denn fest? Sie wissen doch gar nicht, was man diesen “jungen Menschen”, “die 1989 noch gar nicht geboren waren” so alles dazu erzählt hat! oder zählt für Sie schon das “umfallen” der steine zu diesem “gelungen”? es soll ja leute gebe, die die East Side Gallery als ausdruck der damaligen schrecken und unmenschlichkeit der mauer verstehen (wollen), und es soll leute geben, die “kunst” rein therapeutisch verstehen, allerdings weist die buntheit der steine nicht darauf hin, daß ein solcher ansatz gegenstand der pädagogischen bemühungen war…

@ Redeule #15

“… wer hat dieses totalitäre Regime an der Macht gehalten??”

eine frage, die sicher erst in ca. 100 jahren beantwortet werden kann, wenn halbwegs sichergestellt ist, daß niemand mehr da ist, der diese frage heute ehrlich beantworten könnte, und auch eine überprüfung aufgestellter behauptungen nur noch schwer möglich ist…

17

Hanna

Das war wirklich eine Spitzen Veranstaltung! Die Statskapelle war jetz auf Tournee und hat jetzt ein Tour-Tagebuch online. Äußerst unterhaltsam kann ich nur empfehlen. Wer hätte gedacht, dass spietzenmusiker auch humorvoll schreiben können? www.staatskapelle.wordpress.com

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