Another Glorious Day - Dokumentarfilmpremiere im Eiszeit-Kino

Michael in am 20. November 2009, 13:10   16 Kommentare »

Ein weiterer glorreicher Tag – ein US-Marines Gefängnis von innen

The Brig - Ausschnitt aus dem Film Foto: Karin Kaper

Das Innenleben eines US-Marines-Gefängnisses: Sadismus, Gewalt, Brutalität, Schmerz, Kummer, Folter. Was Männer sich dort antun und aushalten müssen, zeigt der Kinodokumentarfilm “Another Glorious Day” von den Berliner Filmemachern Karin Kaper und Dirk Szuszies, der gestern im Eiszeit-Kino in Kreuzberg Premiere hatte und dort nun auf dem Spielplan steht.

Wieviel Stolz die Amerikaner in die Marines investieren, zeigt sich in den Selbstdarstellungen der Marines auf diversen Internetseiten. Kein Wunder, dass es schnell zu kontroversen Wahrnehmungen einer Wirklichkeit kommt, wenn man nicht in der Hochglanz-Drillmaschine der Marines selber involviert ist. Eine schonungslose Darstellung eines Tages im der Marines-Gefängnis (The Brig) im Theater galt in den USA 1963 als staatsfeindlich und übermaßen provozierend, deshalb wurde das Theater geschlossen (vordergründig wegen angeblicher Steuerschulden, Ergänzung vom 20.11.2009 abends) und die beiden Leiter (ehemals vor den Nazis aus Deutschland geflüchtet) ins Gefängnis verfrachtet.

Auf den Spuren des Living Theatre und der Marines: ein poetisch-soziokulturelles Theaterstück, aufbereitet als Dokumentation

Das Living Theater wurde 1947 in New York gegründet und verschrieb sich damals wie heute dem poetischen Drama mit politischem (und sexuell liberalem) Hintergrund. Die Gründer wurden auch als anarcho-pazifistische Theatergruppe bezeichnet, waren sie doch selbst in New York die ersten, die Theaterstücke von Bertold Brecht, Jean Cocteau, T.S. Eliot und Gertrude Stein auf das Bühnenprogramm setzten.

Um so mehr zeigt das Dokumentar-Drama von Szuzies/Kaper die ursprüngliche Idee der Gründer des Living Theatre, der Schauspielerin Judith Malina (83) und dem Maler und Poet Julian Beck, die Sinn- und Würdelosigkeit des menschlichen Verhaltens beim autoritären Militär durch eine intensive Körpersprache und Stimmgewaltigkeit der Schauspieler zu transportieren. Beide Theatermacher arbeiteten in New York mit Erwin Piscator, dem berühmten Regisseur und Intendant, ebenfalls aus Deutschland geflüchtet, zusammen. Der kommunistischen Idealen zugewandte Regisseur hatte seine Hauptschaffenszeit in der Weimarer Republik.
Es gelingt den Filmemachern trotz einiger Längen, einen gnadenlosen, sich immer wiederholenden Blick auf das zu werfen, was beim Militär Menschen ihren eigenen Landsleuten antun, um als “Maschine” im Krieg eingesetzt zu werden.

Premieren-Abend: Karin Kaper und Dirk Szuzies gestern bei der Vorstellung ihres Dokumentar-Films "Another Glorious Day". Foto: MM (HSB)

Dirk Szuszies, der selber am New Yorker Living Theatre in seiner Jugend mitspielte und diese Zeit als sehr prägend für sein Leben empfand, setzt nun mit seiner Partnerin Karin Kaper dem schon in den 60er Jahren gefeierten Theaterstück The Brig von Kenneth H. Brown (Das Gefängnis) ein würdiges Denkmal.

Politisches Theater contra Dokumentation – das schwierige Zusammenspiel zweier Genres

Die Inszenierung als Remake (2007) des Klassikers von 1963 durch das ebenfalls wieder ins Leben gerufene Living Theater ist Rahmen und Kernhandlung des Films. Im April 2008 kam das Living Theatre zum zweiten Mal in seiner Geschichte nach Deutschland, auf Einladung der Berliner Akademie der Künste. Grund genug für Szuzies, einen Dokumentarfilm aus alten Aufnahmen und Ausschnitten aus der aktuellen Inszenierung in Berlin im Mai 2008 zu machen. Auch der Autor des Stückes und die Gründer des Theaters kommen zu Wort, schildern und kommentieren das aktuelle Thema aus ihrer Sicht.

So entstand eine interessante Dokumentation als zeithistorisches und intelligentes Patchwork aus Plot, den Theatermachern, Schauspielern und dem aktuellem politischen Kontext des Irak-Krieges und dem Afghanistan-Drama.

Genau hier liegen sowohl die Stärken als auch die Schwächen des Films: ist zum einen der Plot immer noch hochaktuell, ja, hat sogar ein Präsenz und Brisanz gewonnen. Das wird jedem politisch interessierten und wachen Zuschauer klar. Zum anderen ist die Naivität der drastischen Darstellung im Stil der 60er ein Manko: Szuszies verbringt gerade am Anfang des Films lange Strecken damit, den immer wiederkehrenden sinnentleerten und sadistischen Drill im Marines-Gefängnis exzessiv zu zeigen. Trotz der gelungenen wort-lauten Phrasen der Schauspieler, die eindringlicher kaum sein könnten und die fast schon persiflierend in ihrer Lächerlichkeit herüberkommen, wurden jedoch die von ihm gezeigten Bilder von der bunten Medienwirklichkeit und Intensität zahlreicher Hollywood-Filme zum Thema (z.B. von Regisseuren wie Oliver Stone oder Stanley Kubrick) eingeholt. Diese Bilder sind der Mehrheit der Zuschauer sicher in Erinnerung geblieben und schwächen, oberflächlich betrachtet, die Kernaussage ab. Positiv betrachtet bleibt Szuszies den stilistischen Mitteln der Zeit der Inszenierung, den 60er Jahren (Ergänzung 20.11.2009), treu. Dadurch verliert das Stück allerdings vor allem für ein jüngeres Publikum an Wirksamkeit. Das verändern der Stilmittel – ein heikles Thema sowohl für Theaterregisseure und Filmemacher, Werktreue oder behutsame/provokative Modernisierung der stilistischen Mittel? Ein Streitthema. Szuszies hat sich mehr für die werktreue entschieden, und ist dabei konsequent. (Überarbeitung 20.11.2009).

Dennoch gelingt es den Filmemachern, durch die eingestreuten Interviews, Einschätzungen, Bewertungen der Beteiligten den Spannungsbogen gerade zum Schluss wieder herzustellen. Das Dokumentarische, was ohne Zweifel Szuszies und Kaper’s Stärke ist (mehr als das Abfilmen eines provokanten, aber für die Filmemacher zu statischen Bühnenspektakels) gewinnt wieder Oberhand, in dichterer und spannender Folge lassen sie es in ihren Film einfließen und erschaffen ein manchmal spröde, zuweilen langatmiges, dann auch wieder spannend und absurd-tragikomisches wirkendes Dokument, welches ein wichtiges und immer währendes Thema der Menschheit behandelt: die Würde.

Spielplan: im Eiszeit-Kino in Kreuzberg, Nähe Lausitzer Platz, Eintritt 7€/6€ ermäßigt__*_*

16 Kommentare

1

1704

@ Michael

ein satz im textz, an dem etwas nicht stimmt:

“…

Positiv betrachtet bleibt Szuzies den stilistischen Mitteln der Zeit der Inszenierung treu – eine grundsätzlichel Mittel der Kunst, mit dem auch Theater-Regisseure zu kämpfen haben.

…”

zum einen natürlich irgendwie unklarer satzbau, unklarer wortsinn, zum anderen, als habe man einen gedanken angefangen, um ihn dann am schluß des satzes zu verwerfen (?)

mir erschließt sich nicht, was dieser satz überhaupt ausdrücken soll…

2

Susanne (hsb)

Mir auch nicht so recht, deshalb hab ich erstmal nur das völlig überflüssige “l” am Ende von “grundsätzlichel” entfernt. Auf den Rest bin ich auch gespannt. Und auf den Sinn. ;-)

3

1704

- ein grundsätzliches Mittel der Kunst

inwieweit das “den stilistischen Mitteln der Zeit der Inszenierung” treubleiben, etwas ist, womit “auch Theater-Regisseure zu kämpfen haben”,

wäre dann trotzdem erklärungsbedürftig und zweitens evtl. so auch gar nicht zutreffend (?) …

4

Hernando Velasquez

An der Erbsenzählerei will ich mich nicht beteiligen.

Mir ist was anderes aufgefallen:

@Michael: Eine schonungslose Darstellung eines Tages im der Marines-Gefängnis (The Brig) im Theater galt in den USA 1963 als staatsfeindlich und übermaßen provozierend, deshalb wurde das Theater geschlossen und die beiden Leiter (ehemals vor den Nazis aus Deutschland geflüchtet) ins Gefängnis verfrachtet.

@DER SPIEGEL: Am 19. Oktober 1963 wurde das Theater geschlossen. Im Auftrag der Finanzbehorde wurden die Türen versiegelt: Das “Living Theatre” hatte 23 000 Dollar Steuerschulden.

Jaja.
Was soll man dazu sagen?

Nebenbei: Bei Al Capone war es ja ähnlich. Das würd ich aber jetzt nicht als Beweis für eine der beiden Versionen sehen.

5

1704

@ Hernando Velasquez #4

wäre mir neu, daß es hier um “erbsen” ginge und darum, sie auch noch zu zählen.

Sie haben ja allem anschein nach keine probelme mit dem text(verständnis), können sogar sogleich loslegen, merkwürdigste vergleiche zu ziehen – wahrscheinlich, weil es Ihnen eben nicht um den text geht, sondern um etwas, was auch ohne diesen text sowieso schon da ist (meinung zum beispiel)…

6

Hernando Velasquez

@1704
An der Erbsenzählerei beteilige ich mich deshalb nicht, weil @Michael sicher bald alles aufklären wird.

Lassen Sie bitte Ihre Unterstellungen, was meine Fähigkeit der Texterfassung angeht.

Was ist merkwürdig an dem Vergleich der beiden Versionen der Theaterschließung?

Eines ist beiden jedenfalls schon mal gemeinsam: Meinungen werden mit transportiert – wenn sie nicht sogar Hauptzweck der jeweiligen “Meldung” sind.

7

1704

@ Hernando Velasquez #6

ich gehe mal davon aus, daß @Michael besonders zur “Erbsenzählerei” gar nichts beitragen wird, und das wäre auch gut so! und: ich habe Ihnen auch nichts “unterstellt”, sondern lediglich einen eindruck geschildert.

zu Ihrer frage – lassen Sie mich so antworten: ohne die Capone-bemerkung wär es auch gegangen. oder? der vergleich ist nicht das problem, sondern, wofür Sie ihn benutzen…

8

Hernando Velasquez

@1704
Das mit Al Capone verstehen Sie absolut miss.
Schön, dass auch Sie mal auf der Leitung stehen.

9

ulla

@HV

Och, @1704 ist nichts Menschliches fremd – da steht er öfter mal;-).

10

1704

@ Hernando Velasquez #8

da Sie gar nicht wissen können, wie ich das mit Capone verstanden habe, können Sie auch nicht meinen, mißverstanden worden zu sein.

@ ulla #9

Sie sind kalkulierbar, von daher…

11

Toska

Abgefilmtes Theater kann ja bekanntlich nerven.

Mit “ Another Glorius Day” gönnt man sich keine entspannte Kinounterhaltung, aber die Gewissheit, dass Theater aufrütteln und verwandeln kann.

12

Metro

Ich gehe nicht mehr ins Kino, schon seit ’94, und so wird es auch bleiben.
Irgendwann kommt eh alles im TV, und falls es zu stark geschnitten ist,
wird’s halt aus dem I-Net runtergeladen.
Kinopublikum nervt mich einfach nur, sowie dieses brainwashing von Werbung vorne weg.

“Es gelingt den Filmemachern trotz einiger Längen, einen gnadenlosen, sich immer wiederholenden Blick auf das zu werfen, was beim Militär Menschen ihren eigenen Landsleuten antun, um als “Maschine” im Krieg eingesetzt zu werden.”

Ist aber nicht wirklich neu, ne. Dazu braucht es keinen Film, sondern nur etwas Phantasie.

13

Michael (hsb)

@Toska: Das haben Sie aber aus einer anderen Kritik abgeschrieben, ihren Comment (11), liebe Toska! ;-) Erwischt!
Komme gerade von einem Heimat-Wochenende aus Köln zurück…Abstand zu Berlin tut immer mal wieder gut!

@Metro: der Film erhebt nicht den Anspruch, etwas “Neues” zu bringen. Shakespeare oder Goethe haben auch nichts “Neues” geschrieben. Es geht IMMER um Liebe, Macht, Würde und Geld, in unterschiedlichen Variationen.

14

Metro

@ Michael (hsb)

Ich hörte da etwas anderes, die großen 3 Themen im Leben, sowie in der Literatur sind Liebe, Krieg und Tod, alles andere, eben, nur Variationen oder Vorstufen bzw. Mittel zum Zweck.
Na okay, dann erhebt er eben weniger den Anspruch auf Neu. Macht ja nichts.

15

Michael (hsb)

@Metro: Man kann Macht und Geld der Kategorie Krieg zuordnen oder den Kampf um Geld und Macht (Hegemonialansprüche, Lebensraumerweiterung, etc.) als Ursache für Krieg bezeichnen.
Die Würde des Menschen, des Liebenden, der verletzt wird (psychisch), die des geschlagenen Soldaten, in der Kriegsgefangenschaft, bei Verträge etc. , da geht es doch überall um Würde! Und wenn es die Metaebene ist!

16

Metro

@ Michael (hsb)

Ist ja alles richtig, und wollte sie nicht persönlich angreifen, doch so wie ich es nunmal im Deutschunterricht der 12. oder 13. Klasse gelernt habe, kann man alles auf nur 3 besagte Themen eindampfen. Wer dann die Metaebenen nicht sieht bzw. schlußfolgern kann, naja, mag da jetzt gar nicht weiterschreiben, aber es gibt Solche.
Angenehmen Tag noch.

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