Mittenmang
Jürgen in Stadtnotizen am 21. November 2009, 12:54 3 Kommentare »
Mit dem heutigen, heiteren Sonnabend schickt sich der November an, voll aus seiner Art zu schlagen. Während auf den Ost-West-Magistralen in Mitte, wie der Leipziger Straße und der Torstraße der Verkehr schon am frühen Vormittag wieder anschwillt, liegt die noblere Friedrichstraße morgens noch in beinahe provinzieller Beschaulichkeit. Nur wenige Fußgänger und Autos sind unterwegs. Letzteres wirkt sich wenig geschäftsfördernd für die rumänischen Autoscheibenputzer aus, die, zwar auch noch etwas müde, aber an der Kreuzung Friedrichstraße/Leipziger Straße schon präsent sind.
An der Ecke Kronenstraße im Einstein-Kaffee sitzen frühstückende Touristen, auf ihren Schaufensterplätzen direkt auf den Bürgersteig schauend, wie die Hühner auf der Stange. An der Ecke gegenüber ist eine Filiale der Dresdner Bank, deren grünes Firmenlogo nun langsam durch das Gelb der übernehmenden Bank verdrängt wird.
Diese Wochenendmorgen sind mir auch deshalb so angenehm, weil die Baufirmen in meinem Kiez dann mal Ruhe geben. Kräne prägen in diesen Wochen das Bild der Rosenthaler Vorstadt. Nördlich der Invalidenstraße, unmittelbar in westlicher Nachbarschaft zum Nordbahnhof, zieht Die Bahn einen weiteren Verwaltungskomplex aus dem Boden. Die im Dreh bereits vorhandenen vier Blöcke (ich sag Mehdorn-Tower) scheinen den Bedarf an Büroarbeitsplätzen nicht zu decken.
Der Rosenthaler Platz schließt nunmehr seine letzte vorhandene Baulücke und besetzt sie mit einem all seasons Hotel, welches 2010 eröffnet wird. Direkt gegenüber wurde bereits 2008 das The Circus Hotel errichtet. Und weitere 100 Meter weiter an der Ecke Rosenthaler Straße/Linienstraße strebt ein easy-Hotel (Werbung: simple comfort, great value) seiner Vollendung entgegen. Die Schaffung preisgünstiger Übernachtungsmöglichkeiten steht dabei offensichtlich im Vordergrund. Auch das Wombat in der Nähe des Rosa-Luxemburg-Platzes zählt in diese Reihe.
Von den in meinem Haus existierenden 28 Mietsparteien sind nur noch vier übriggeblieben, die auch schon vor 20 Jahren hier wohnten. Alle anderen sind neu und ziehen auch regelmäßig wieder aus. Mit Robben und Wientjes ist ja für die 25-jährigen Alt- und Neuberliner Umziehen auch zum Volkssport geworden.
Bei aller Bewegung: Ich freu mich, wenn mittenmang auch noch was altes und bekanntes übrigbleibt und wenn es Jünemanns Pantoffelproduktion ist!
3 Kommentare
Wolfgang
am 23. November 2009, 09:44 #
Ich kann den letzten Satz nur unterschreiben.
Vor kurzem bin ich mal wieder durch die ganze Ecke spaziert und war schockiert.
Ich wohne eigentlich sehr na dran, aber es verschlägt mich meist in andere Richtungen. Als ich jetzt mal wieder durch die Spandauer Vorstadt streifte und sehen musste, wie sehr sich diese ganze Ecke verändert hat in den letzten 6 bis 7 Jahen, seit ich in Berlin ankam, da kamen mir fast die Tränen.
Ein Flagshipstore neben dem nächsten Designeroutlet. Dazu Hostels, Hotels, Guesthouses und ähnliches seelnloses Zeug. So langsam kommt mir die ganze Ecke wie ein riesiges Disneyland vor. Dann sollte man so Konsequent sein und das ganze Gebiet zwischen Hackschem Markt, Torstraße und Oranienburger Tor abriegeln und Eintritt verlangen. Freuen sich die Touristen noch, wenn man wieder mal ne Mauer baut in Berlin.
Die ganze Ecke hat nichts mehr mit Berlin zu tun. Die ist nur das falsche, kranke Bild, was die Touris alle wieder mit nach Hause nehmen von Berlin. Genauso hässlich und künstlich wie der Potsdamer Platz z. B.
Als Tourist kann ich sehr leicht sagen: “Beeindruckend! Aber zum Glück muss ich hier nicht wohnen.”
Bitte Berlin, denk daran, das du nicht annähernd das Einzugsgebiet wie andere echte Weltstädte hast. Wenn du also die “Einheimischen” alle verjagst sitzt du bald nur noch auf gelangweilten Weltbürgern und Touristen.
Es sollten sich hier auch noch “normale” Menschen wohlfühlen können, das wär schön. Und es sollte noch echte Freiräume geben, an denen Experimente steigen können. Sonst ist dein Hype bald vorbei und du verschwindest im Globalen Bedeutungslosloch. Städte wie Warschau und Prag oder ähnliches werden dann locker an dir vorbei ziehen. Du bist dann vielleicht noch gut für nen Städtekurztrip, oder ein Silvester am Brandenburg Gate, aber zu sonst zu nix zu gebrauchen. Willst du wirklich enden wie ein Rom, oder auch ein Paris? Als seelenlose Touristenfalle?
Weltstadt geht anders.
Da nutzt auch keine “be Berlin” Kampagne nix.
Helen
am 23. November 2009, 21:54 #
Ich habe an anderer Stelle schon einmal geschrieben, daß Berlin nicht mehr das Zuhause der Berliner ist. Und das hat Berlin mit anderen Städten gemeinsam, nur in London war es anders. Ich war in Covent Garden, in Notting Hill – alles Areale, die auch den Touristen bekannt sind und trotzdem hatte ich das Gefühl, hier waren die Londoner.
Mit meinem Mann war ich neulich in der Friedrichstr./Unter den Linden einkaufen. Er ist geflüchtet, ihn kriege ich wohl nicht mehr in die Stadt.
Jürgen (hsb)
am 24. November 2009, 22:26 #
@Wolfgang: Also, ich kann Dich beruhigen. Ich fühl mich, trotz mancher neuen Häßlichkeit und vieler Veränderungen in meinem Kiez auch nach 25 Jahren noch wohl. Mitte ist für mich z. B. um die Museumsinsel und den Monbijou-Park herum, aber auch die Spree entlang am Hauptbahnhof immer noch das interessanteste Stück Berlin.
@Helen: Mit dem Einkaufen gehts mir übrigens genauso-ich flüchte auch immer. Aber das soll ja noch mehr Männern so gehen.
Was Berlin als Ganzes angeht, stell ich mir wenigstens einmal pro Woche die Frage, in welche Richtung das laufen soll. Manchmal hab ich den Eindruck, der Senat und die Senatsverwaltung sind in punkto Stadtplanung und -entwicklung nur noch mit sich selbst beschäftigt und bringen nichts mehr zu Ende.