Zugezogene, der die das
Beate in Bloxikon am 26. Dezember 2009, 10:41 15 Kommentare »
Es ist eine Hassliebe, wie sie im Buche steht. Denn eine Stadt wie Berlin kann nicht mit und nicht ohne sie. Auch die Berliner selbst sind ob ihrer Existenz und Zunahme mancherorts gespalten. Sie sind es, die das “Multi” zum “Kulti” bringen. Sie sind es, die Farbe, Exotik und kulturelle Vielfalt in den Moloch der Hauptstadt zaubern. Sie sind es, die Geld, Arbeit und Leben importieren. Und doch polarisieren sie vor allem beim Berliner Urvolk wie kaum ein anderer Stein des Anstoßes: Ja, die Zugezogenen haben’s nicht leicht in ihrem Dasein. Sie werden geliebt – und gehasst.
Es sind ja nicht nur die Plakate, die Bayern, Rheinländern und Schwaben “gute Heimfahrt” entgegentröten und die Schwemme der Zugezogenen verteufeln. Oder die den revolutionsschwangeren Spruch “Wir sind ein Volk” um das “Und Ihr seid ein anderes” ergänzen und damit Zugezogene meinen. Es sind auch handgemalte “Schwaben raus!”-Sprüche an Häuserwänden. Es ist das Naserümpfen über den x-ten Biomarkt. Und irgendwie auch die Tatsache, dass der gute alte Berliner Dialekt gerade in den Bezirken verschwindet, in denen er früher der Lebenssaft seiner Bewohner war.
Besonders gut sind all diese Phänomene im vielzitierten Prenzlauer Berg zu beobachten. Fragt man alteingesessene Ur-Berliner, rollen die mit den Augen. Da zögen die ‘68er-Kinder in Scharen in die überteuerten Dielen-und-hohe-Decken-Altbauten und suchten einen Geist, den sie doch selbst durch ihre Anwesenheit vertrieben. Da raunten sie hinter vorgehaltener Hand verschwörerisch und erzählten sich von abenteuerlichen revolutionären Arbeiterspelunken in Kellergewölben – die es nie gab. Und da vermuten sie hier, gerade hier den Geist des guten alten Berlin – der doch längst verflogen ist. Verflogen mit dem Geruch von Dinkelkeksen, Kölsch und Leberkäs.
Deutlich wird das wahre Ausmaß der Zugezogenen vor allem jetzt in den Weihnachtstagen. Der halbe “P-Berg” ist plötzlich voller freier Parkplätze. Komplette Häuser bleiben dunkel, weil niemand da ist. Ein Phänomen, das man nur dann beobachten kann, wenn’s auf Familienbesuch in die Heimat geht.
Und doch kann man nicht umhin, die große Welle der Neu-Berliner willkommen zu heißen, sie irgendwie zu mögen – sind sie es doch, die der Stadt ständig den Spiegel vorhalten. Sie pieken in Wespennester und provozieren zu Diskussion und Eigenkritik. Sie bereichern Küche, Bett und WG-Feier. Sie beleben Straßen, füllen Cafés, malen Stuckwände bunt an und importieren kuriose Bier- und Wurstsorten. Und feiern kann man mit ihnen auch.
Also, Berlin, sieh Deinem Schicksal ins Auge – die Gentrifizierung rund um Kolle, Mainzer und Samariterviertel ist eh durch. Die einst hustende Berliner Arbeiterlunge atmet jetzt den Duft der großen weiten Welt. Und die beginnt nun mal nicht erst außerhalb der deutschen Grenzen. Tolerant ist, wer nicht nur ausländer- sondern auch inländerfreundlich ist.
Ein lebendiges, buntes neues Jahr wünsch ick Dir, Berlin!
15 Kommentare
central station
am 26. Dezember 2009, 12:31 #
Ein schöner Text. Den letzten beiden Sätzen möchte ich mich voll anschließen!
Ich würd mal behaupten, meine Generation* (die unter 30-jährigen) tickt da auch gar nicht mehr so “Ossi-Wessi”, “Zugezogener-Urberliner”, “Ausländer-Deutscher”. Wir sind im vereinten Deutschland/ Berlin aufgewachsen und kennen es eben nur “multikulti”, mit allen Vorzügen und Nachteilen.
Ich persönlich kenn den Prenzlauer Berg auch nur so, wie er heute ist, und höchstens aus Erzählungen das, was da “verloren gegangen” ist – übrigens auch die ganzen Schwabenklischees. Trotzdem finde ich Berlin auch heute noch eine unglaublich vielfältige, lebendige, bunte Stadt, in der jede/r schon das passende Eckchen für sich findet, egal wie man drauf ist.
(* Verallgemeinerung; natürlich bestätigen, wie immer, Ausnahmen die Regel)
Ralf
am 26. Dezember 2009, 13:43 #
Schliesse mich an: Schöner Text. Jedoch läßt auch dieser Fragen, die den Bewohnern unter den Nägel brennen, offen. Was tun gegen Verdrängung durch zu hohe Mieten und durch ein sozial-kulturelles Diktat der Mehrheit, der Zugezogenen. Würde mir für 2010 wünschen, dass endlich die Politik handelt und gegen einen zügellosen Anstieg der Mieten und Luxussanierungen vorgeht. Und dass man diese Diskussion wirklich von allen Seiten ernst nimmt und nicht stets den Neid der Besitzlosen und Ost-West Klischees anführt, wenn es darum geht die Stadt zum Wohle aller verändern.
zazie
am 26. Dezember 2009, 21:42 #
Man sollte nicht vergessen, daß nicht wenige “Ur-Berliner” selbst zugezogene Groß- oder Urgroßeltern haben ;).
am 26. Dezember 2009, 22:45 #
“Tolerant ist, wer nicht nur ausländer- sondern auch inländerfreundlich ist.”
Wie abgedroschen blöde immer wieder dieses bescheuerte Tolerant klingt, für mich zumindest.
Also wenn des kei Mode is…
Also für meinen Bedarf glangts!
Wenn man’s mal umdreht, so auch wie G.Polt in dem Video im Subtext, viele tolerieren auch die Meinung von Rechtsradikalen. Schon komisch mit dieser verflixten Toleranz.
Übrigens, selbst Zille war kein Berliner, sondern Ausländer, Sachse um genau zu sein.
Von mir aus sind alle Willkommen, bei den Sachsen bin ich mir noch nicht so sicher.
Rhenus
am 27. Dezember 2009, 08:58 #
Glaubt Ihr wirklich, die ganzen Touristen wollen den Arbeiter bzw. Assi mit Dialekt hören? Wohne nicht in Berlin, war eher abgestoßen, als ich Samstag nachts 20-jährige an der Gethesmanekirche asozial berlinern hörte.
Ich möchte gar kein Berlin nur mit Berlinern besuchen und erleben. Dazu hat der Krieg zu viel Elite verscheucht und ist der Berliner leider viel zu provinziell. Will er natürlich nicht so hören. Gilt aber für alle Städte, die zu viel von sich selbst halten und deshalb auf das Reisen verzichten.
ulla
am 27. Dezember 2009, 09:24 #
@Rhenus
“Gilt aber für alle Städte, die zu viel von sich selbst halten und deshalb auf das Reisen verzichten.”
Aha – und wohin verreisen die anderen Städte denn gerne so, ich meine die Städte, die nicht soviel von sich halten? Vielleicht in eine andere Stadt, auf’s flache Land oder nach Übersee?
Mal wieder Fragen über Fragen…..
am 27. Dezember 2009, 15:21 #
“… Die Berliner sind einander spinnefremd. Wenn sie sich nicht irgendwo vorgestellt sind, knurren sie sich in der Straße und in den Bahnen an, denn sie haben miteinander nicht viel Gemeinsames. Sie wollen voneinander nichts wissen, und jeder lebt ganz für sich. Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker…”
(Ignaz Wrobel [Kurt Tucholsky], ‘Berlin! Berlin!’, Berliner Tageblatt, 21.7.1919)
Metro
am 27. Dezember 2009, 15:32 #
“… Die Berliner sind einander spinnefremd…”
Gilt das nicht für alle Deutschen ?!
Erinnert mich an einen Spruch der alten Germanen:
Der größte Feind eines Germanen, ist ein anderer Germane.
Typisch deutsch halt, und wird sich wohl auch nicht ändern.
Poupoun
am 27. Dezember 2009, 16:21 #
Berliner sind auf ihre Art durch dieses Verhalten (Achtung, jetzt kommt ein berliner Angstwort) in meinen Augen sehr provinziell. Diese Einmischung in anderer Leute Angelegenheiten, Sicht- und Lebensweise kennt man sonst eher vom Dorf. Selbst innerhalb ihrer Stadt gibt es nicht wenige Ostberliner die Westberliner nicht ausstehen können – und umgekehrt. Das lässt sich bis auf einzelne Kieze, ja Straßenseiten, runterbrechen. Sehr obskur für eine Großstadt.
Und das mit der “Schwemme” ist ja nun deutlich übertrieben, Berlin wächst ja gar nicht, es stagniert einwohnermäßig. Auch würde ich widersprechen dass jeder der nach Berlin zieht das macht weil er irgend einen “Zeitgeist” toll findet, die “Szene” sucht. Die werden von ihrer Firma dorthin versetzt oder bekommen ein Jobangebot in Berlin, so wird es in der Mehrzahl der Fälle ausschauen. Unbewältigte Vater-Sohn Konflikte die neurotischer Milchbubis vom Land “in die große Stadt” aufbrechen lassen um dort Wände zu bekritzeln dürfte nur für einen Promillebereich der “Neuberliner” den entsprechenden Hintergrund bilden. Die meisten Neuberliner wollen, wie die meisten Menschen generell, einfach nur in Ruhe ihr Leben leben ohne dass irgendwelche Narren ihnen das Auto zerkratzen oder an der Straßenecke weltschwere Debatten provozieren.
cora
am 28. Dezember 2009, 07:56 #
@6
“asozial berlinern”…
Na toll, was heißt das denn? Ich kann ganz gut “Weddinger Hinterhof” und bin dennoch nicht asozial.
Übrigens waren wir grad für einige Tage in Sachsen-Anhalt, es stieß sich niemand an meiner Aussprache (okay, den gröbsten “Weddinger” habe ich nicht ausgepackt ;-))), ebenso wenig, wie ich Anlass sah, mich insgeheim zu mokieren. Im Gegenteil: Man kann sich wunderbar über verschiedene Aussprachen amüsieren.
Asozial..tststs.
ulla
am 28. Dezember 2009, 08:59 #
@cora
Was erwarten Sie von jemandem, der ganze Städte auf Reisen schicken will und Berlin ohne Berliner haben möchte? Wen oder was mag er wohl mit der vor über 60 Jahren verscheuchten Elite meinen? Ich denke, die wären auch ohne Krieg nicht mehr da, weil sie inzwischen das Zeitliche gesegnet hätten. Ist ein bißchen wirr, die ganze Nr. 6.
Hatten Sie “außerhalb” schöne Tage?
cora
am 28. Dezember 2009, 09:19 #
@Ulla
Stimmt. Etwas konfus, naja, wir haben ja auch die Kirche im Dorf gelassen…äh, Berlin in Berlin, und sind lieber höchstselbst gereist :-).
Oh ja, sehr schön, knapp 3 Tage in Familie und essen, essen, essen ;-).
Sigurd
am 28. Dezember 2009, 19:19 #
Als ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte, wusste ich nicht so recht, wo mein Weg mich hinführt. Nur eines wusste ich genau, nicht zum Bund. Ich erkundigte mich, wie man Entwicklungshelfer in Afrika werden könne. Sehr erfreut wurde mir reichlich Information gereicht. Nach einer längeren Zeit des Überlegens faste ich den Entschluss, wenn schon Entwicklungshelfer, weshalb dann nicht in Berlin, damals noch Westberlin. Bevor jetzt die Aufschreie kommen, ist nett gemeint.
Eigentlich wollte ich nur so lange in dieser Stadt bleiben, bis der Bund die Hand nicht mehr nach mir ausstrecken konnte. Tja es kam wie immer ganz anders. Erst lernte ich Berlin lieben, etwas später meine Frau, eine waschechte Berliner Göre. So blieb der einstig als Entwicklungshelfer aufgebrochene, in dieser Stadt hängen.
Am Anfang sprach ich natürlich noch reichlich Dialekt mit Hochdeutsch gemischt. Wir unterhielten uns im Kollegenkreis auch des Öfteren über Dialekte. Wobei ein Berliner zu mir sagte, wenn eine Frau berlinert, hört sich dies ordinär an, bei einer bayrischen wirke es eher bäuerlich bieder.
Nun, nachvollziehen konnte ich beides nicht. Obwohl ich zugeben muss, dass mir ein gepflegtes Hochdeutsch am besten gefällt, bin ich doch der Meinung jeder soll babbeln, quatschen, sabbeln wie im der Schnabel gewachsen ist.
Poupoun
am 29. Dezember 2009, 22:17 #
@Sigurd
Ich halte das mehr für eine Generationen- als eine Herkunftsfrage. Ich kenne nicht wenige um die 20 Jahre die ihren Eltern nachtragen dass diese – in der Regel “alt68er” bzw. im Geist von 68 aufgewachsen – versäumt haben Brauchtum und Dialekt zu überliefern. Da hätte man dann immer noch entscheiden können ob einem das gefällt oder nicht. Aber dieses willfährige Ausradieren jeder kultureller Identität durch die Nachkriegsgenerationen, wie so manche gut gemeinte Übertreibung wohl auf der “deutschen Geschichte” beruhend, stößt gerade bei der jungen Generation auf wenig Verständnis.
Ich mit meinen 23 Jahren kenne vielen den es so geht und ich hab’ mir auch selbst mit viel Mühe mein druckreifes steifes Hochdeutsch was ich aus dem Elternhaus mitbekommen hab’ aufgeweicht und mir, anhand von “Hörbeispielen” von alten Leuten denen man so im Wartezimmer beim Arzt oder im Bus zuhören kann, etwas Mundart angelernt. Mir gefällt es und wenn sich jemand daran stört ist das allein das Problem der betreffenden Person :-)