Bezahlinhalte im Netz: "Aufmerksamkeit rausschmeißen"
Günter in Stadtnotizen am 7. Januar 2010, 09:00 4 Kommentare »
Lange haben wir darüber nachgedacht, wie man die Entscheidung des Axel-Springer-Verlags, Inhalte der Online-Ableger seiner Zeitungen (u.a. Berliner Morgenpost) kommentieren sollte. Für uns im Hauptstadtblog stellt sich die Frage, ob wir in unserer Presseschau überhaupt noch auf die Morgenpost verlinken sollen – schließlich sind gerade lokale Seiten und Archiv-Inhalte betroffen.
Stefan Niggemeier und Christian Stöcker haben die wichtigsten Argumente gegen Paid Content bereits aufgeschrieben. Wir wollten aber mal die Sicht eines Lokalverlegers abbilden. Deshalb haben wir mit Urs Gossweiler gesprochen, dem Verleger der Schweizer Jungfrau-Zeitung, die seit Jahren große Reichenweiten-Zuwächse verzeichnet. Das Konzept der Zeitung lautet kurz gesagt: Ausschließlich lokale Inhalte – und alles sofort kostenlos online. Zweimal pro Woche gibt es daneben eine gedruckte Version (“Printout”), die man abonnieren kann.
Paid Content – Interview mit Urs Gossweiler from Günter Bartsch on Vimeo.
Einige Zitate:
„Von was leben wir seit 500 Jahren bei der Zeitung? Wir leben davon, dass unsere Leserinnen und Leser ihre Aufmerksamkeit uns und unseren Inserenten schenken. Und das ist ein hoher Preis, den sie da bezahlen.“
„Die Abonnenentengebühr reicht für Druckerschwärzer, für Papier und für den Postboten. (…) Die Redaktion war immer rein durch die Werbung finanziert. Jetzt im Online brauche ich kein Papier, keinen Postenboten und keine Druckerschwärze. Der Nutzer macht das selber und trägt dafür die Kosten. Also stehen die Informationen kostenlos zur Verfügung – so wie es auf dem Datenträger Papier immer schon war.“
„Wir sollten die Leute, die uns ihre Zeit schenken, nicht abweisen und sagen: In Zukunft darfst Du Deine Zeit nur investieren, wenn Du dafür noch Geld bezahlst.“
„Unsere Reichweitenzuwächse online sind wesentlich größer als die Verluste auf Papier.“
„In der Schweiz haben die Zeitungen in der gegenwärtigen Krise zwischen 20 und 30 Prozent Rückgang. Die Jungfrau-Zeitung hat im Moment, Stand Ende November, ein halbes Prozent Rückgang. Grund ist, dass wir unsere Anzeigen zu einem Fixpreis multimedial verkaufen. (…) Wenn wir jetzt mit Bezahlcontent anfangen, dann schwächen wir zwei Kanäle, nämlich Web und Mobile. Und das hätte dramatische Auswirkungen auf die Werbeerträge. Ich begreife nicht, dass sich Verleger so viele Gedanken darüber machen, wie sie die Reichweite runterfahren, Aufmerksamkeit rausschmeißen und Kunden verlieren können.“
4 Kommentare
am 7. Januar 2010, 09:54 #
@guenter Danke für das Interview! Die Bildqualität spräche zwar eher für eine reine Audiospur, aber das Engagement von Urs Gossweiler wird durch Mimik und Gestik gut unterstrichen :) Beim gestrigen Autorenstammtisch haben wir das Thema paid content der Morgenpost auch angerissen. Ich halte es nach wie vor für ein “Experiment”. Und das kann man sich ja in Ruhe anschauen :)
Gut auch zu wissen, das wir “in Deutschland die Gralshüter der Demokratie sind” ;-)
wolf
am 8. Januar 2010, 18:19 #
interessantes Interview. Bleibt die Frage, ob die Regeln den Schweizer Mikrokosmos auch für eine Metropole gelten…