Das weiße Band
Jürgen in Kultur am 21. Januar 2010, 21:00 3 Kommentare »
Der Film “Das weiße Band” läuft bereits seit einigen Wochen in den Berliner Kinos. Leider bin aus zeitlichen Gründen erst jetzt dazu gekommen, ihn mir anzusehen. Mein Urteil: Ein Kunstwerk!
Die Handlung spielt in einem norddeutschen Dorf in den Jahren unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg. Hauptfiguren in dieser beinahe archaischen Umgebung sind ein überaus sitten- und glaubensstrenger evangelischer Pastor mitsamt seiner großen Familie, ein Dorfarzt, dem die Frau gestorben ist und der nun mit der Hebamme, die ihm das Haus besorgt, zusammenlebt, ein Baron, der als Gutsbesitzer Herr über alles und jeden ist und ein junger Lehrer, der versucht in der dörflichen Mischung aus Dumpfheit, Elend, Neid, Intoleranz, Gnadenlosigkeit und sehr bescheidenen Freuden zu bestehen.
Der Film von Michael Haneke bietet eine Reihe hochkarätiger, schauspielerischer Leistungen, eine ruhige und sorgfältige Kamera und einen Erzähler, der den Zuschauern den Ablauf des Geschehens mit einer einfachen und klaren Sprache ergänzt und verbindet dies alles zu einem künstlerischen Ereignis, wie man es nur selten auf der Leinwand erleben kann. Der Streifen – in schwarz/weiß gedreht – ist spannender als ein Kriminalfilm und er ist in vielen Einstellungen präzise wie ein Kammerspiel. Insbesondere dann, wenn die Kamera dicht am Schauspieler agiert, gelingen beeindruckende Szenen, wie zwischen Dorfarzt und seiner Haushälterin (Hebamme) oder der Besuch des Lehrers bei den Eltern seiner Freundin.
Das wunderbarste an diesem Film ist jedoch das Spiel der Kinder, die hier in großer Zahl das familiäre, schulische und dörfliche Leben dieser Zeit nachempfindbar machen. Manche Szenen, wie das Verhör eines Mädchens durch die Polizei oder wie der “Herr Vater” von seinem jüngsten Sohn einen Vogel geschenkt bekommt, vergißt man nicht so schnell. Wer es auch schaffte, die Kinder (fünf bis sechzehn Jahre) zu diesem Spiel vor der Kamera zu inspirieren, dem ist etwas großes gelungen.
Der Streifen wird wahrscheinlich kein Massenpublikum erreichen – gestern sahen ihn im Cinemaxx am Potsdamer Platz 50-60 Zuschauer. Aber: Dieser Film ist ein wohltuender Gegensatz zu dem Müll, der uns beinahe täglich in diversen Medien vor die Augen kommt.