Eva Strittmatter
Jürgen in Kultur am 9. Februar 2010, 06:38 9 Kommentare »
Eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der DDR feierte gestern ihren 80. Geburtstag. Aus ihrem Gedichtband “Ich mach ein Lied aus Stille”- Edition Neue Texte, Aufbau-Verlag:
Freiheit
Ich kann dich lieben oder hassen-
Ganz wie du willst. (Kann dich auch lassen.)
Und du kannst schweigen oder sprechen.
Ganz wie du willst. Daran zerbrechen
Werd ich nicht mehr. (Ich kann auch gehn.)
Ganz wie ich will, wird es geschehn.
9 Kommentare
1704
am 12. Februar 2010, 13:19 #
vielleicht hätte es hier ja eine größere resonanz gegeben, wenn das ausgewählte gedicht inhaltlich der jahreszeit entsprechend zeitgemäßer wäre?
z.b.
Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.
(aus: Vor einem Winter, Eva Strittmatter, Hundert Gedichte,
Aufbau-Verlag 2001)
Jürgen (hsb)
am 12. Februar 2010, 15:48 #
@1704: Manch einer wird sich für Lyrik interessieren und sich dennoch nicht äußern, sondern einfach nur genießen.
Was die Jahreszeit angeht: Das Gedicht “Vor einem Winter”, welches ich gleichfalls sehr gelungen finde, besteht aus fünf Strophen. Vom (vor dem) Winter ist lediglich in der letzten, die Sie hier zitieren, die Rede.
Falls Sie aber noch ein richtiges Wintergedicht wollen, so verweise ich – ohne mich auch nur ansatzweise mit Eva Strittmatter vergleichen zu wollen – auf meines vom 24.1.10 hier im HSB.
1704
am 12. Februar 2010, 16:29 #
@ jürgen #2
lyrik ist leider schon lange eine nischensparte der literatur, von daher ist das evtl. nicht vorhandene interesse auch fast schon kulturell vermittelt.
_Das Feld ist kahl, auf ferner Höhe glänzet
Der blaue Himmel nur, und wie die Pfade gehen,
Erscheinet die Natur, als Einerlei, das Wehen
Ist frisch, und die Natur von Helle nur umkränzet.
Der Erde Stund ist sichtbar von dem Himmel
Den ganzen Tag, in heller Nacht umgeben,
Wenn hoch erscheint von Sternen das Gewimmel,
Und geistiger das weit gedehnte Leben.
Friedrich Hölderlin, Der Winter
oder das hier:
_Der Sturm heult immer laut in den Kaminen,
Und jede Nacht ist blutigrot und dunkel,
Die Häuser recken sich mit leeren Mienen._
_Nun wohnen wir in rings umbauter Enge
Im kargen Licht und Dunkel unsrer Gruben,
Wie Seiler zerrend an der Tage Länge.
Die Tage zwängen sich in niedre Stuben,_
_Wo heisres Feuer krächzt in großen Öfen.
Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben.
Und starren schräge nach den leeren Höfen._
Georg Heym, Der Winter
[ich dachte, es erschlösse sich Ihnen, warum ich das gedicht unvollständig wiedergegeben habe (ich ging davon aus, daß Sie es sehr wahrscheinlich kennen werden) – ich weiß, daß es eigentlich ein “herbstgedicht” ist]
Jürgen (hsb)
am 12. Februar 2010, 17:16 #
@1704: Natürlich kenne ich das Gedicht von Eva Strittmatter. Ich hab die Gedichte auch zu Hause. Aber Sie hoben ja so explizit auf den Winter ab, daher mein Hinweis.
Was die Lyrik allgemein betrifft, wär ich nicht ganz so pessimistisch. Immerhin gibts die eine oder andere moderne Belebung. Siehe auch Poetry Slam.
Mir persönlich gefällt die “Gebrauchslyrik” a la Kästner , gerne auch mit Ironie oder Sarkasmus, am besten.
1704
am 12. Februar 2010, 17:34 #
@ Jürgen (hsb) #4
“gebrauchslyrik” – warum nicht! muß auch nicht unbedingt nur Kästner sein, poetry slam hingegen sehe ich eher kulturpessimistisch kritisch, aber da jede zeit so ihre eigenen ausdrucksmöglichkeiten sucht und wohl auch findet, ist es auch irgendwie okay. mir ist das, mit verlaub, oftmals einfach zu viel gelaber und dilletierende wichtigtuerei, aber das mögen andere eben anders sehen und poetry slam ist politisch/gesellschaftlich durchaus wichtig…
Jürgen (hsb)
am 12. Februar 2010, 18:30 #
@1704: Gelaber und Wichtigtuerei findet man in allen Altersstufen und wahrscheinlich auch zu allen Zeiten. Andererseits gehören sie – leider – in der heutigen, schnelllebigen, schnellurteilenden und schnellvergessenden Zeit offenbar zu den Eigenschaften, die stärker ausgeprägt zu sein scheinen. Ich hab das in einem anderen Beitrag, will aber dann nicht weiter abschweifen, die Aufblaser und Aufbauscher genannt.
Interessant ist aber auch, in dem Fall keine Lyrik, sondern Prosa, was uns der “Fall” Helene Hegemann lehren könnte. Die 17-jährige hat nach dem Erscheinen ihres Debüt-Roman “Axolotl Roadkill” mit Plagiats-Vorwürfen zu tun. Siehe auch hier.
Soll das heutzutage alles normal werden, das einfach abgeschrieben wird, daß die Heide wackelt?! Soll das jetzt die Übernahme durch die Leute werden, die pausenlos behaupten: Alles kann, nichts muß. Also, die sich auch an keine Regeln halten wollen?
1704
am 12. Februar 2010, 20:06 #
@ Jürgen (hsb) #6
ich kann mich an die diskussion um “Aufblaser” und “Aufbauscher” noch gut erinnern, ich denke, da dürften Ihre/meine position ja weitgehend klar geworden sein.
ich persönlich neige ja zu der ansicht – ist auch keineswegs etwa auf meinem mist gewachsen -, daß die ware als fetisch des kapitalismus eben auch dafür sorgt, daß irgendwann auch nichts anderes mehr zu haben ist…
necurryauffefaust
am 12. Februar 2010, 21:33 #
ja recht hat der jürgen,man muss nicht immer und zu allem seinen senf hinzugeben.
das ist ein gedicht lesen,verstehen,gut oder schlecht finden und fertig.
ich glaube auch nicht nicht das lyrik in unserer gesellschaft nicht mehr diesen stellenwert hat den sie früher mal hatte.
mag vllt ein seltsam anmutendes bsp. sein aber hip-hop oder rap oder wie immer man das auch nennen mag ist doch auch eine form der lyrik oder schlichtweg reime.
zugegeben mit dieser form der lyrik kann ich zwar nichts anfangen aber macht ja nix.
:)
1704
am 12. Februar 2010, 23:02 #
@ necurryauffefaust #8
stimmt, es sind “schlichtweg reime”, das ist ja oftmals auch genau das problem, oft auch, daß es mehr als “schlichtweg reime” auch nicht ist. und bzgl. hip hop oder rap ist es leider viel zu oft ganz genau so! mal abgesehen davon, daß da auch oft genug so etwas wie attitude einen ausdruck findet. wobei, warum nicht an eine der boombranchen in der z.b. deutschen musiklandschaft gedacht: der deutsche schlager oder diese traurigsten beispiele angeblich deutscher volksmusik. sollte nach dem hören derselben irgendjemand noch in der lage sein, freiwillig nach einem lyrikbändchen zu greifen, ist das an sich schon den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wert, mindestens aber die silberne anstecknadel der consumers in resistance…