Schapka und Tschechow, Teil 1
Jürgen in Ausflug am 4. März 2010, 17:55 Kommentar schreiben »
Meine Bekanntschaft mit dem großen, fernen Land im Osten begann so etwa 1956-58. In Prenzlau gab es eine große Kaserne, in der bis 1945 eine Wehrmachtseinheit untergebracht war und die nach der Befreiung durch die Russen übernommen wurde. Die Soldaten kamen nahezu täglich mit ihren LKW’s, die, wer weiß womit, betankt wurden und deren Abgase entsprechend stanken, in das, durch den Krieg, noch teilweise zerstörte Stadtzentrum, klopften in den zahlreichen Ruinen die Ziegelsteine ab und transportierten sie an den Rand der Stadt, um dort Schweineställe zu bauen. Die Soldaten – sie sahen meist selbst noch wie große Jungen aus – in ihren zerwaschenen, gelbgrünen Uniformen und ihren schiefen Käppis schenkten uns Abzeichen, wenn wir danach fragten. Die Offiziere trugen Schapka.
In der fünften Klasse bekamen wir Russischunterricht. Mit meinem ersten Satz “Menja sawut Jurgen” kam ein kleiner Hauch von Internationalität auf. Russisch blieb bis zum Abitur eines meiner Lieblingsfächer, vielleicht weil es die Sehnsucht nach der Fremde etwas fütterte. (Englisch bekamen wir erst in der 9. Klasse). Als 1968, ich war noch Schüler, die Warschauer Vertragsstaaten in die CSSR einmarschierten, bekam mein Bild von den Russen einen Knacks.
Während meines Studiums in Berlin-Karlshorst lernte ich erstmals einen wirklich näher kennen. Nikolaj war bescheiden, hilfsbereit, freundlich, mit einem Wort: Ein guter Mensch. Wenn ich ihn fragte, wie es ihm in Berlin gefalle, meinte er immer (mit vor Heimweh verschwommenen Augen): GDR gutt. Andererseits war er für einen Trunk nur mäßig zu begeistern, traute sich z.B. aber nach einem Schwimmhallenbesuch mit pitschnassen Haaren an die eiskalte Januarluft und zeigte dabei einen Fatalismus, den ich erst viel später bei Arabern wiedertraf.
Die Freundschaft mit dem “Land des Roten Oktober”, wie man das in der DDR manchmal im Zeitungsdeutsch bezeichnete, äußerte sich darin, daß man als Normalbürger, abgesehen von Briefverbindungen auf Schulebene, eigentlich kaum Kontakt mit Russen hatte. Private Urlaubsreisen dorthin waren – außerhalb des Reisebüros Jugendtourist (Alexanderplatz) – so gut wie unmöglich. Zum “Ausgleich” konnte man Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft werden, endlos Beitragsmarken kleben und einmal pro Jahr in die – gut besuchte – Teestube im Haus der DSF neben dem Maxim-Gorki-Theater einreiten. (Die Teestube – Tadschikische – gibt’s heute noch.)
Als ich 1980 mit einer Jugendgruppe nach Leningrad reiste, war ich von der Eremitage und vom Sommerschloss Zar Peter des Ersten Peterhof ungeheuer beeindruckt. Andererseits war die Versorgungssituation für die Menschen kompliziert. Was mich aber sehr erstaunte: Frauen verrichteten dort schwere körperliche Arbeiten z. B. im Straßenbau. Fortsetzung folgt.