Roger Melis

Jürgen in am 9. März 2010, 08:13   12 Kommentare »

Im Postfuhramt läuft seit dem 6. März eine Ausstellung über den ostdeutschen Fotografen Roger Melis. Er wurde 1940 in Berlin geboren, wuchs im Haushalt des Dichters Peter Huchel auf und lebte ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam. Dem Ausstellungsbegleittext kann man auch entnehmen, daß Melis 1969 zusammen mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann und anderen die Fotogruppe “Direkt” gründete. In der Zeit 1981-89 hatte er, aufgrund eines GEO-Beitrages, Auftragssperre für die DDR-Presse, lehrte aber weiter bis 1990 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Damit sind die vielleicht wichtigsten Rahmendaten für seine Arbeit genannt.

Die Ausstellung ist, wenn man so will, dreigeteilt: Fotos aus dem DDR-Alltag, Porträtfotografien deutsch-deutscher Kulturprominenz und die Arbeiten aus dem Ausland. Die Alltagsfotografien haben mir dabei am besten gefallen. Melis hat in Berlin, aber auch in der ostdeutschen Provinz fotografiert, so in Mecklenburg, der Uckermark, Sachsen und im Spreewald.

Seine Arbeiten – alles schwarz/weiß – aus dem Alltagsleben in der DDR, ob aus Berlin – Prenzlauer Berg (z.B. Kohlenträger), aus Mitte (Ackerstraße), ob aus Dresden – beeindruckend in seiner Aussagewucht: Frauenkirche/Dresden, 1966 – sind wahrhaftig, unspektakulär, teilweise archaisch. Seine Fotos – leider zu selten mit einer Prise Humor – sind liebevoll beobachteter Alltag und Zeitgeschichte zugleich. Meine Lieblingsfotos sind hier versammelt, u.a.:

  • Kinderwagen vor dem Schaufenster

Roger Melis: “Meine wichtigste Aufgabe habe ich immer darin gesehen, eindringliche Bilder von Menschen zu schaffen, ihnen dabei aber nicht die Seele zu rauben, sondern mich ihnen behutsam mit der Ehrfurcht vor dem Individuum zu nähern, die jedem gebührt”. Melis ist im Herbst 2009 verstorben.

Ein Manko der Aussstellung besteht darin, dass die kurzen Begleittexte zu den Fotos nahe dem Fußboden angebracht wurden, eine wirklich untaugliche Idee.
Die Ausstellung läuft bis zum 2. Mai 2010. Eintritt: 8,- Euro.

12 Kommentare

1

ulla

Wieviele Fotografien es in der Ausstellung gibt, weiß ich ja nicht, aber pro Bild eine Kniebeuge und Sie haben nicht nur etwas für die Bildung sondern auch etwas für die Gesundheit getan. “Mens sana in corpore sano” ;-))

2

oStsEE

Ich erinnere mich an eine seiner Ausstellungen (am Helsingforser Platz). Leider ist mir der Katalog dazu irgendwann bei einem Umzug abhanden gekommen…

3

Hernando

@Jürgen
Vielen Dank für den Hinweis auf die Ausstellung.

Sehr gute (vergleichbare) Fotos hat auch Bernd Heyden gemacht.

de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Heyden

4

Jürgen (hsb)

@Hernando: Die Anregung ist gut. Siehe auch hier.
Ich hab mir den Bildband gekauft. Er ist was besonderes.

5

Helen

@ Jürgen
Das Bild mit dem Kinderwagen erinnert mich daran, daß vor langer Zeit die Kinderwagen immer vor den Schaufenstern standen, unserer auch. Heute müssen die Karren überall mit rein.

6

Benjamin

tolle ausstellung. finde das sehr interessant.
super beitrag.

viele grüße
Benny

7

ulla

@Helen

Das liegt daran, daß die Kinderwagen früher größer waren – die paßten nicht durch jede Tür ;-)

8

Jürgen (hsb)

@Helen@Ulla: Wir haben den Kinderwagen immer draußen gelassen und wenn das Kind schlief (und nicht gerade kränkelte) haben wir es im Wagen gelassen. Das kann sich für heute wahrscheinlich keiner mehr vorstellen.
Ob die Kinderwagen früher größer waren, wüßte ich jetzt nicht.

9

Helen

Die Straßen waren eben sicherer, und ob ein Kind geklaut wurde, daran kann ich mich nicht erinnern. Wir waren Mütter, aber heute sind die Mütter Glucken.

10

ulla

@Helen

haben Sie sich das Bild mal genau angesehen? Es handelt sich um ein kleines Schaufenster von einem kleinen Laden und Mutter konnte von drinnen den Kinderwagen sehen. Vor welchem Geschäft Mutter geparkt hat, kommentiere ich jetzt mal besser nicht, der Fotograf wollte uns damit aber vielleicht etwas ganz Bestimmtes sagen ;-)). Abgesehen davon – stellen Sie sich mal vor, die ganze Front von Reichelt, Kaiser’s, Lidl etc. ist mit Kinderwagen zugeparkt und dazwischen jede Menge Fahrräder und Mutter verschwindet in den Tiefen des Ladens und kann keinen Blick auf ihr Kind werfen – also ich glaube, ich würde den Kinderwagen oder zumindest das Kind auch mit ins Geschäft nehmen.

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Helen

Genau das ist es auch, es gab damals eben mehr kleine Läden und da es alle so gemacht haben, Kinderwagen vor dem Laden, war das ganz normal.
Das Bild des Fotografen ist für mich nostalgisch, eine vergangene Zeit.

12

1704

Heringsdorf (Usedom), 1983
Ackerstraße, Berlin, 1985
Rummel an der Michelangelostraße, Berlin 1969
Silvesterfeier, 1975

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