Berliner Grundnahrungsmittel
Linda in Schnauze am 30. Oktober 2005, 16:33 6 Kommentare »
Auch im Berliner Duden führt kein Weg daran vorbei, an den Fressalien. Stürzen wir uns also wagemutig ins kulinarische Berlin, sozusagen an die Basis der Lebensmittelversorgung! Das Problem ist schnell auf einen Nenner gebracht: In der Stadt gab es praktisch seit Gründung in der sandigen Mark Brandenburg schlichtweg kein Material und kein Geld für besonders luxuriöse Mahlzeiten für Normalbürger. Geld gibt es heute zwar immer noch nicht in dem gewünschten Ausmaß, ein größerer Hinderungsgrund für Berliner Spitzengastronomie ist aber – neben der fehlenden Tradition – purer Zeitmangel. All diese Faktoren laufen am Ende auf das selbe Ergebnis hinaus: ein gewisses Understatement bei der Essensqualität.
Grundnahrungsmittel Nr.1 ist unangefochten seit mehr als hundert Jahren die Klappstulle. Dient selbst in angesagtesten High-Tech Firmen als ernst zu nehmende Mittagsverpflegung, da eigentlich nie Zeit zum “richtigen” Essen ist. Außerdem ist so eine liebevoll von Hand geschmierte Brotschnitte eine sentimentale Erinnerung an Mutterns haushälterische Versorgungskunst während der eigenen Kinderzeit. Manchmal aber nimmt die Arbeit dermaßen überhand, dass es nicht einmal zum Stullefuttern reicht: Was man dann nach Hause wieder mitnimmt ist das Hasenbrot. Manche behaupten, das schmeckt besser als ein Frisches. Naja.
Ist nach der Arbeit noch Zeit zum Einkaufen, nimmt man den Hackenporsche, geht zum Jemüsefritzen, kauft ein paar Fußlappen (Salatblätter) und eine Gärtnerwurst (Gurke), dann braucht man noch Hackepeter für Buletten, vielleicht noch ein paar Schrippen und Schusterjungs. Fußlappen bitte nicht verwechseln mit Salat, das ist wieder was anderes, eigentlich ziemlich Problematisches. Bekannt aus der Redewendung: Jetzt haben wir den Salat! Der Einkaufzettel sieht ganz so aus, als gäbe es Hamburger, ist aber nicht so.
Zuhause macht man nämlich gehackten Molli (oder auch Schrippenpuffer, je nach Bröselanteil), dazu gibt’s Quetschkartoffeln. Trinken könnte man dazu ‘ne Molle, wenn sie kühl ist Mollekühle. Falls die Zeit noch gereicht hat für die Feinkost-Abteilung im KaDeWe, hat man eventuell Moppelkotze (Mayonnaisesalat) eingekauft. Lädst du dir gern Besuch ein? Dann brauchst du Nachtisch. Back’ doch vorher Nappsülze (Napfkuchen). Pass auf, dass der Kuchen nicht klietschig wird! Meistens reicht aber, wie oben erläutert, die Zeit nicht so recht zum Selberbacken. Daher kauft man dann oft Pfannkuchen ein. Ja, bitte P-f-a-n-n-k-u-c-h-e-n. Die heißen sonst – völlig unverständlich – überall Berliner. Klingt fast so, als ob Berliner genießbar wären. Dazu gereicht wird Blümchenkaffee, der wegen der Gesundheit so dünn ist, dass man unten in der Sammeltasse die Blümchen erkennen kann. Wer keinen Kuchen mag, bekommt eine Bürne, die liegt schon lange und ist deswegen ziemlich mudicke. Jetzt wird’s mir doch schon etwas blümerant von Magen her, deswegen trinke ich schnell einen Schluck Quasselwasser.
Natürlich gibt’s parallell zu dieser etwas proletarischen Fressalienkultur auch andere regionale Küchenerzeugnisse im gastronomischen Angebot der Stadt. Das steht dann aber nicht mehr im Berliner Duden.
6 Kommentare
am 31. Oktober 2005, 01:58 #
Trackback von :Berlin, ick liebe dir!
Ick bin zwar nur nen ex-rand-berliner, aber immerhin hab ick och zwee Jahre in der stadt jewohnt. Bevor es mich nach Meckpomm und jetzt nach Wiesbaden verschlagen hat. Aber der Dialekt was soll ich sagen ich liebe ihn. Ich weiß, auch wenn viele behaupt...
am 31. Oktober 2005, 20:29 #
der gehackte molli ist übrigens ein “falscher hase” oder auch hackbraten – keine gewöhnliche bulette! wollt’ ich nur noch mal bemerken… :-)