31.08.2010

Der Boden unter Berlin

Jürgen in am 31. August 2010, 18:08   3 Kommentare »

Zum schönen Thema “Himmel über Berlin” wird oft geschrieben oder fotografiert, über den Boden unter der Stadt schon eher selten, obwohl er doch – im wahrsten Sinne des Wortes – Fundament für das heutige und teilweise auch noch unentdeckter Teil der städtischen Vergangenheit ist.

In den vergangenen Jahren fiel er mir des öfteren an Baugruben und insbesondere an aufgerissenen Straßen auf: Der penetrante Mischgestank aus Gas und Fäkalien. Was für ein Mief dort manchmal aus dem Boden quoll! Das Erdreich ist voller Leitungen. Nicht alle sind in Bauunterlagen bzw. auf Zeichnungen eingetragen. Immer wieder liest man von Baggerfahrern, die eine Leitung beschädigt haben, deren Existenz nicht bekannt oder an einer anderen Stelle verzeichnet war. Manchmal ist freilich auch Unaufmerksamkeit im Spiel.

Der zweite Weltkrieg hat dafür gesorgt, dass im Berliner Erdreich noch immer Bomben zu finden sind, die – wenn man zu ihnen vorgedrungen ist – unschädlich gemacht werden müssen. Im nördlichen Umland, konkret Oranienburg, gibt es besonders viele dieser Funde. Es vergeht kaum ein Monat ohne Alarm, der meist Evakuierungen vieler Menschen nach sich zieht.

In der Torstraße in Mitte wurde das Gebäude rechts neben der Alten Seifenfabrik abgerissen. Gestern und heute war ein Bagger dabei – der Baggerfahrer bestätigte mir, dass vorher auf Bombenfunde mit Sonden (alle zwei Meter Einstich) geprüft wurde – sich in das Erdreich einzubuddeln. Dabei kam eine Menge Schrott in verschiedenster Form zum Vorschein. An beiden Tagen sah ich direkt auf der Baustelle einen Kleinlaster, der von einer Frau und einem Mann mit diesen Metallresten beladen wurde. Beide machten dies auf eigene Initiative und Rechnung, waren von der Firma des Baggerfahrers weder informiert, noch beauftragt. Wie Möwen oder Krähen, die auf einem Acker dem pflügenden Traktor folgen und sich die auftauchenden Würmer und Käfer schnappen, so folgte dieses Paar dem Bagger bei seiner Arbeit im Boden unter Berlin.

3

29.08.2010

Lieber Dani Levy

Jürgen in am 29. August 2010, 20:38   4 Kommentare »

Was haben Sie uns 2004 für einen schönen Film geschenkt! “Alles auf Zucker”, mit einem wunderbaren Schauspielerensemble, aus dem Henry Hübchen und Hannelore Elsner noch herausragten, war ein weiser und humorvoller Streifen.

Ihrem neuesten Werk “Das Leben ist zu lang” – jetzt in den Berliner Kinos angelaufen – vermag ich dieses Prädikat leider nicht zu verleihen. Warum? Sie stellen uns, angeführt von der Hauptfigur des Alfi Seeliger (Markus Hering) – Pechvogel, Nebbich, Loser – den Betrieb und die Praktiken der Filmbranche vor. Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Feten, Besetzungen oder auch nicht, Intrigen, Verletzungen, Eitelkeiten – alles als Farce geschrieben. Sie lassen Alfi über eine Katze stolpern, dabei das Puzzle seiner Tochter zertöppern, aus dem Fenster stürzen, auf dem OP-Tisch landen und tausend Hypochonderängste ausstehen. Vor allem lassen Sie ihn, den Alfi, an seinen Mitprotagonisten verzweifeln: Dem alten, ideen- und kapitalschwachen Produzenten, seiner liebestollen, russischen Mätresse, dem skrupellosen Fernsehsender-Chef, dem merkwürdigen Bankberater usw.

Sie zeigen uns Menschen, die sich auch manchmal wie A…löcher benehmen, nämlich andere anschwärzen, ausbooten, intrigieren, Zusagen nicht einhalten und auf Schwächeren herumtrampeln, aber sich auch lächerlich machen, ihre Eitelkeiten pflegen und anderes mehr. Solche Leute gibt es nicht nur in der Filmbranche. Der Zuschauer kennt sich selbst und seine Schwächen, aber auch Figuren mit diesen Eigenschaften aus seinem Leben. Aber so, wie es gezeigt wird, ist es zu selten witzig, ironisch oder gar humorvoll.

Trotzdem: Schöne Grüße an Veronika Ferres, die in der Restaurant-Szene zeigt, wie gut sie spielen kann. Ebenfalls Kompliment an Meret Becker, die am Krankenbett ihres Alfi zeigt, was in ihr steckt und auch an den unvermeidlichen Heino Ferch, der als Arzt Professor Mohr so aussieht wie – Heino Ferch und einen netten Gag über Privatversicherte losläßt.

Aber, lieber Dani Levy, als Sie schließlich selbst auch noch im Film erscheinen, weiß man weder warum, noch ein oder aus.

Mit herzlichkonstruktiven Grüßen – Ihr Kritiker

4

26.08.2010

Na siehste ...

Jürgen in am 26. August 2010, 19:39   5 Kommentare »

“Wenn es darum geht, eine Partnerin zu gewinnen, nützt alle Größe und Körperkraft nichts […] Beliebt sind weder aggressive Draufgänger noch anhängliche Kletten […] Die erfolgreichsten […] sind vielmehr freundliche Männchen, die sich immer wieder mit kleinen Gunstbeweisen um eine langfristige, gute Beziehung zum anderen Geschlecht bemühen […]”

Aus der Berliner Zeitung vom 25.8.10 und einem Artikel der geschätzten Kerstin Viering über (u.a.) das Liebesleben der Hyänen. (Basis sind langjährige Forschungen des in Berlin-Friedrichsfelde ansässigen Instituts für Zoo- und Wildtierforschung.)

5

22.08.2010

Drei Frauen

Jürgen in am 22. August 2010, 19:34   2 Kommentare »

Die Frau: Vielleicht 40-jährig, eher klein, von schlanker Gestalt, geschmackvoll, ja apart gekleidet, meist im Kostüm und mit eleganter Tasche. Jeden Morgen läuft sie durch diese Straße. Eine Dame mit Chic. Sie wird irgendein Büro ansteuern, um dort ihre Arbeit zu tun. Was mich an ihr beeindruckt, ja erstaunt, ist ihr stets gleicher Gesichtsausdruck. Ob es regnet, stürmt oder schneit, ob Baufirmen mit ihren Fahrzeugen teilweise die Bürgersteige blockieren und das Durchkommen für die Fussgänger erschweren. Egal. Stets liegt freudige Erwartung, Optimismus, ja Stolz auf ihrem Gesicht. Die Chic-Madame strahlt in den Morgen, als wolle sie sagen: Seht her! Ich bin froh auf der Welt zu sein und freue mich auf diesen Tag. Dieses Strahlen wirkt nicht aufgesetzt, es kommt scheinbar von innen.

Meist wirkt die Frau, wenn wir uns begegnen, leicht abwesend. Ihr schwarzes Haar – ich glaube, sie hilft mit Farbe nach – kontrastiert mit den oft rot geschminkten Lippen. Meist ist die Frau verstöpselt – sie hört Musik durch eine Schnur – wenn sie, manchmal mit Fahrrad, das Haus verlässt. Wir haben bisher nur wenige Worte miteinander gewechselt. Einmal fragte sie mich, wie man in den Hauskeller gelangt. Als ich ihr erklärte, daß alle Hausbewohner mit ihrem Wohnungsschlüssel zugleich auch in den Keller kommen, war sie sehr erstaunt. Einige Male habe ich sie mit einem Mann gesehen. Zu dieser Zeit umhüllte ein besonderer kosmetischer Duft ihre Gestalt. Mittlerweile ist sie wohl wieder solo und dieses Parfüm ist auch verflogen.

Die Familie besteht aus ihrem Mann, zwei bärengroßen Söhnen, einer davon ist behindert und dieser Frau. Sie ist von deutlich kleinerer, aber etwas gedrungener Gestalt und immer freundlich. Oft sehe ich sie mit schweren Einkaufstaschen behängt, für ihre Familie sorgend. Jeden Morgen kommt ein VW-Bus und holt einen ihrer Söhne ab, der wohl eine betreute Ausbildung macht. Sie steht dann immer an der Tordurchfahrt und verabschiedet ihn. Wenn der Junge mich sieht, kommt er stets und drückt mir die Hand. Ihr Mann, nicht ganz so kommunikativ, aber ebenso gedrungen wie seine Frau, ist ein etwas rauer, mürrischer Typ, der sich auch schon mal heftig mit Falschparkern anlegt. Letztens erzählte er mir nun, an Krücken humpelnd, dass er große gesundheitliche Probleme hat und vielleicht nicht mehr arbeiten kann. Die Frau wird wohl auch das noch durchstehen.

2

20.08.2010

Sommerausklang

Jürgen in am 20. August 2010, 21:13   5 Kommentare »

In den nächsten Tagen und Wochen hätte der “Sommer im Quartier” u.a. noch folgende Veranstaltungen zu bieten:

  • 29.8.10 – Otto Sander liest Joachim Ringelnatz
  • 4.9.10 – “Christine und die Störche” . DEFA-Kinderfilm, 1961
  • 4.9.10 – “Solo Sunny”. DEFA-Film, 1980
  • 12.9.10 – Burghart Klaussner liest aus “Verbrechen” von Ferdinand von Schirach
    Weitere Details siehe hier.

5

17.08.2010

Rieke und der Hermannplatz

Jürgen in am 17. August 2010, 18:12   22 Kommentare »

Wenn mein Opa mal ganz besonders guter Laune war, begann er, schunkelnderweise, seine eigene Version über Rieke zu singen, die so lautete:

*In Rixdorf ist Musike, Musike, Musike,
da tanzt die lahme Rieke … in Rixdorf bei Berlin*

Rixdorf feiert in diesem Jahr den 650. Geburtstag. Grund genug für einen Glückwunsch und einen Gang durch Neukölln. Mitte (alt) ist eher übersichtlich, aber überlaufen, scheinbar renommeegetränkt und tourismuskompatibel. Neukölln ist anders. Deshalb mal wieder über den Hermannplatz, die Karl-Marx-Straße hinunter, in das alte Herz des jetzigen Stadtbezirks: Nach Rixdorf.

» Weiterlesen …

22

12.08.2010

Anwalts Liebling oder Lieblingsanwalt

Jürgen in am 12. August 2010, 18:35   Kommentar schreiben »

Mein liebster Anwalt ist Schriftsteller. Nein, er ist Anwalt von Beruf, aber zwischendurch verwandelt er sich auch immer wieder mal in einen Schriftsteller, präziser formuliert, Krimiautor.

In seinem Erstlingswerk “Verbrechen“ (2009) führte uns Ferdinand von Schirach in die Welt der Kapitalverbrechen ein und beschreibt dabei die Abläufe aus der Sicht des Strafverteidigers, der in den geschilderten Fällen die Interessen der Angeklagten zu wahren hatte. In seinen Stories, die alle auf wahren Vorlagen beruhen, sprudelt das Blut, brechen die Knochen und Charaktere oder aber es geschieht unheimliches. Wie spricht Kriminalhauptkommissar Dalger in “Notwehr”: “ Folgen Sie dem Geld oder dem Sperma. Jeder Mord klärt sich so auf.”

Die elf Stories sind gut geschrieben. Sie sind so überzeugend geschrieben, dass einige von ihnen, wie “Fähner” oder “Tanatas Teeschale” als faszinierend bezeichnet werden können. Schirachs Stil ist genau, sachlich, oft lakonisch, knapp und dennoch anschaulich. Textabsätze verwendet er häufig und gekonnt. Die Spannungsbögen funktionieren. Er schreibt so, wie man sich die Arbeitsweise eines guten Chirurgen vorstellt: Mit klarem Kopf, sicherer Hand und nüchterner, distanzwahrender Präzision. Manchmal kommen seine Sätze mit der Schärfe einer Rasierklinge oder überraschend wie eine Reifenpanne. Zwei Geschichten sind nicht so gelungen, weil mit abgewetzten Pointen, aber alle anderen Stories sind Klasse.

Ob ein Film zum Blockbuster wird oder ein Buch ganz oben auf den Verkaufshitlisten steht, interessiert mich kaum. Worüber ich mich aber – ich gebe es zu – etwas geärgert habe: Als ich schon vor Monaten in der Kanzlei von Schirach wegen eines Interviewwunsches anrief, kam kein Rückruf. Ich kam zu spät. Dafür brachte dann die Berliner Zeitung etwas später dieses, in jeder Hinsicht, sehr interessante Gespräch.

“Verbrechen” ist im Piper-Verlag erschienen. Preis 16,95 €. Das neue Buch von Ferdinand von Schirach heißt übrigens “Schuld“.

0

07.08.2010

Acht Monate bis Ultimo?

Jürgen in am 7. August 2010, 19:25   11 Kommentare »

Was passiert im März 2011 mit einem der geschichtsträchtigsten und schönsten Gebäude der Berliner Mitte?

Das Postfuhramt (PFA) in der Oranienburger Straße – die Geschichte des Hauses ist zur Zeit in einer kleinen, aber interessanten Ausstellung (u.a. mit Foto von der berühmten Kuppelhalle) im Vestibül zu sehen, der auch nachfolgende Informationen entnommen wurden, – nach Plänen des Architekten Carl Schwatko 1876-1881 erbaut, um 1900 Standort des bedeutendsten deutschen Transportunternehmens (250 Pferde mit Kutschen im Bestand der Deutschen Reichspost) und in der 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts zum “Postzentrum” Berlins ausgebaut, mit Telegrafenschule, Transradio AG und großem Auto-Fuhrpark, wurde nach 1945 durch die Deutsche Post weiter genutzt (DDR-Postzeitungsvertrieb), erlebte dann ab 1974 und 1985 zwei Restaurierungsetappen, die nach 1990 nicht weiter fortgesetzt wurden. Ab 1995 vermietete die Post das Gebäude für temporäre Kunstausstellungen, wie die jetzt und noch bis 19. September 2010 laufende von C/O:
MAGNUM. Shifting Media. New Role of Photography. – Eintritt: 10,- Euro

» Weiterlesen …

11

02.08.2010

Abschied II

Jürgen in am 2. August 2010, 16:44   121 Kommentare »

In diesem Monat wird hier im Dreh eine Kaufhalle schließen. Ich war selten dort einkaufen, dennoch gehört sie zu meinem Kiez, der sich immer glatter und teurer macht. Die Halle wird nun bald abgerissen. Anschließend werden hier Eigentumswohnungen entstehen, die wiederum von Leuten gekauft werden, deren PKW’s dann immer in der hauseigenen Garage übernachten dürfen.

Vor 1990 gehörte die Halle zur HO, danach folgten Tip, Plus und jetzt Netto. Die Namen kamen und gingen, das Sortiment eines Discounters blieb, nur die Firmenlogos und Verpackungen wechselten. Die größte Veränderung für die Kunden war, dass eines Tages Bio-Produkte in den Regalen auftauchten.
Die Außenwände des Gebäudes waren immer voller Graffiti, wohl zwei Generationen von Sprayern haben sich, über die Zeit, hier abgearbeitet. Seit Monaten ist Ebbe, denn die Eingangswand ist mit Plakaten komplett überklebt.

In der Halle selbst wurde der Bäckerstand bereits demontiert. Der, von Verkaufstresen und Regalen, befreite Raum lenkt den Blick neu auf sonst verdecktes, wie alte Waschbecken, Rohrleitungen und ein paar Spinnweben. Überall hängen Zettel, die jetzt niemand mehr liest. Die Änderungsschneiderei im Eingangsbereich ist leer gezogen, nur an der Glastür hängt noch ein DIN A4-Blatt: Neueröffnung am 1. Juli.

Im Verkaufsbereich sind einige Regale nur noch halb gefüllt, als ob die Schließung schon übermorgen wäre. Nur wenige Kunden kommen noch, laufen langsam und zögernd durch die Regalreihen, als wollten sie sich noch etwas Schönes zum Abschied aussuchen. An der Kasse macht – vertretungsweise, wie er mir sagt – ein Kollege aus der benachbarten Halle mechanisch seine Arbeit. Der Mann geht in Kürze in Vorruhestand. Auch der vietnamesische Zigarettenhändler draußen neben dem Eingang muß sich einen neuen Standort suchen.

Als ich die Kaufhalle verlasse, fällt mir das Fahndungsblatt in’s Auge: Die Polizei in Köln sucht einen Kriminellen, der seit dem 12.6.09 schon neun Netto-Filialen ausgeraubt hat. Der männliche Täter würde in den Abendstunden kommen, sich als Außendienstmitarbeiter ausgeben und mit diesem Trick in das Marktleiterbüro gelangen. Der Mann auf dem Foto sieht nicht so aus, als ob er eine abschiednehmende Halle verschonen würde. Aber hier gibt es nichts mehr zu holen.

121

28.07.2010

Ohne Worte

Jürgen in am 28. Juli 2010, 16:29   22 Kommentare »

“…Zoologische Gärten in Australien starteten ein Erhaltungszuchtprogramm, in welches später auch Zoos aus Nordamerika einbezogen wurden. An dem Zuchtprogramm beteiligt sich in diesem Jahr auch der Tierpark Berlin. Er erhielt drei Männchen, zu gegebener Zeit soll auch ein Weibchen geholt werden.”

(Berliner Zeitung, 28.7.10, Seite 17, “Kostbarkeit mit Streifenschwanz”- Gelbfuß-Felsenkänguruhs)

22

27.07.2010

Akropolis adieu

Jürgen in am 27. Juli 2010, 20:32   Kommentar schreiben »

Die Berliner Verkehrsbetriebe sorgen sich zweifellos um ihre Mitarbeiter. Im Zuge der Schaffung guter Arbeits- und Pausenbedingungen für das Personal wurde am Endpunkt der Tram-Linie M10, die momentan noch am Nordbahnhof beginnt bzw. endet, ein Toilettenhäuschen errichtet. Das besondere an diesem Häuschen besteht darin, daß die kleine Blechkabine mit dem Bild eines römischen oder griechischen Säulentempels lackiert wurde, möglicherweise soll es sogar die Akropolis darstellen. Vielleicht entspringt diese Idee einem kulturpolitischen Konzept der BVG mit dem Ziel der Aufmunterung heraneilender Fahrgäste, also der Kunden, sowie des eigenen Personals: Strebt der Fahrer dem Häuschen zu, muss er unwillkürlich an seinen letzten oder bevorstehenden Mittelmeer-Urlaub denken, was die Arbeitsfreude erhöht und die Rückkehr auf den Fahrersitz der Straßenbahn erleichtert.

Nur lange verweilen kann er auf diesem Örtchen nicht. Ein Straßenbahnfahrer vertraute mir an, man könne es jetzt drinnen vor Hitze und Stickigkeit kaum aushalten. Nun, man müßte also das oben erwähnte Konzept noch etwas überarbeiten.

0

23.07.2010

Berlin - Usedom

Jürgen in am 23. Juli 2010, 16:32   12 Kommentare »

Nach gestriger Nachricht in der Berliner Zeitung ist der Radfernweg Berlin – Usedom nunmehr komplett. Der letzte, noch nicht einbezogene, Abschnitt bei Panketal konnte nun in den Weg integriert werden. Ich bin die Strecke, zumindest von Berlin nach Prenzlau, schon öfter gefahren. Schöne Landschaft.

Wer es noch etwas sportlicher haben will, kann am Lauf “Baltic-Run” Berlin -Usedom teilnehmen, welcher am 25.7.10 startet. Die Tagesetappen liegen zwischen 60 und 70 km, also etwas für Ambitionierte. Das Wetter wird ja nächste Woche wohl kühler, was die Sache etwas erleichtert. Weitere Details siehe hier.

Es gibt aber natürlich auch die Möglichkeit mit dem Auto oder der Bahn an’s Ostseeziel zu gelangen. Das Projekt einer direkten Zugverbindung, wie sie schon einmal existierte, würde das Berliner Ausflugs- und Badepublikum sicher erfreuen.

12

21.07.2010

Geben und nehmen

Jürgen in am 21. Juli 2010, 17:17   6 Kommentare »

Die Berliner Polizei mit ihren neuen, schmucken, blauen Uniformen ist pfiffig, hat den Blick für die richtige Situation und stellt das immer mal wieder unter Beweis. Heut früh wurden in der Torstraße in Mitte Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt. Alles was sich aus Richtung Rosenthaler Platz in westlicher Richtung bewegte, wurde entsprechenden Messungen unterzogen. Verkehrssünder wurden rechts in die kleine Novalisstraße hineingewunken. Da diese Straße von in zweiter Reihe parkenden PKW’s und Lieferfahrzeugen um diese Zeit sehr gut belegt ist, sorgte der durch die Polizei organisierte zusätzliche Fahr- und Haltebetrieb für ein Verkehrsdurcheinander. Schließlich war eine Spur der Novalisstraße durch die Polizei blockiert, die andere mussten sich ein- u n d ausfahrende Fahrzeuge teilen. Offensichtlich fiel der Polizei selbst die ungünstige Standortwahl auf, denn die Kontrolle war kurz danach schon wieder beendet.

Das man nicht nur geben, sondern auch mal nehmen kann, beweisen fünf Berliner mit der Idee, die einheimische Natur abzuernten. Wer Kirschen, Äpfel, Brombeeren, Haselnüsse u.a. Früchte in Parks und anderswo sammeln möchte, kann sich bei Freies Obst für freie Bürger informieren.

6

12.07.2010

Der Kirschbaum

Jürgen in am 12. Juli 2010, 19:30   Kommentare

Die Plansche an der Invalidenstraße in Mitte ist in diesen heißen Tagen zum Sammelpunkt türkischer und arabischer Familien aus dem nahen Wedding geworden. Auch am gestrigen Sonntag scharten sich die Großfamilien mit ihren zahlreichen Kindern um die Wasserfläche mit der bescheidenen Wasserfontäne. Während insbesondere die Mütter die Kinderwagen und ihr Picknickgepäck wie zu Wagenburgen formierten, sammelten sich Kinder und junge Frauen unterschiedlichen Alters im Innenraum, aßen, tranken oder alberten herum. Die konsumierende Gesellschaft schaffte es im Laufe des späten Nachmittags, dass die kleinen Müllberge um die Papierkörbe herum immer weiter anwuchsen. Einige Männer saßen den ganzen Nachmittag ein paar Meter weiter, nuckelten an ihren Wasserpfeifen oder spielten wortlos Karten. Andere gingen auch mal auf Einkaufstour und brachten Süßigkeiten oder Getränke mit, die sie an die Frauen verteilten.

Am nördlichen Rand des kleinen Parks steht ein Kirschbaum, der jetzt schöne, dunkelrote Früchte trägt. Das hatten die Kinder schnell herausgefunden. Hauptmatador bei der Ernte war jedoch ein vielleicht 30-jähriger Mann mit langem Hemd, Halbglatze, starkem Vollbart, sehr kräftiger Gestalt und zwei Krücken – der Riese hatte nur noch ein Bein. Zuerst versuchte er den im Baum kletternden Kindern Anweisungen zu geben und stieß ab und zu mit einer Krücke in Richtung der unteren Äste, ohne dass er dabei sein Gleichgewicht verlor. Die ganze Zeit stand seine kleine mit langem weinrot/schwarzem Kleid und Kopftuch bekleidete Frau bewundernd neben ihm, vielleicht auch um einzugreifen, wenn er das Gleichgewicht verlöre.

Dann, ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, schwang sich der Mann wie Tarzan an die unteren Äste und kletterte weiter. Die Krücken hatte er seiner Frau überlassen. Sofort bildete sich eine große Menschentraube. Vor allem die Kinder lärmten und jauchzten vor Vergnügen. Als er vom Baum mit einer Handvoll Kirschen wieder herunterturnte, lachte er stolz und übergab sie seiner, ihn anstrahlenden, jungen Frau.

22

07.07.2010

Drei Fragen, Herr Botschafter

Jürgen in am 7. Juli 2010, 06:00   Kommentare

Interview mit dem Botschafter Spaniens in Deutschland, Herrn D. Rafael Deczcallar de Mazarredo.

Frage: Was gefällt Ihnen am besten in Berlin?
Antwort: “Berlin ist eine wirklich besondere Stadt, weil es all die Vorteile einer Großstadt mit anderen auch sehr schönen Dingen vereint, wie relativ wenig Verkehr und unglaublich vielen Grünflächen. Außerdem befindet sich die Stadt Berlin immer noch im Prozess, ihre neue Identität als wiedervereinte Stadt zu gestalten. Dabei ist sie sehr offen und lädt alle, die in diese Stadt kommen, dazu ein hierbei mitzumachen.”

Frage: Was können, Ihrer Meinung nach, die Deutschen von den Spaniern lernen?
Antwort: “Natürlich kann jeder etwas vom Anderen lernen, aber ich bin kein großer Freund von Stereotypen oder Klischees. Ich glaube, wir Spanier wie auch die Deutschen haben vermocht, aus unserer Geschichte sehr hilfreiche Lehren zu ziehen. Deswegen haben wir in Spanien wie in Deutschland heute sehr dynamische Gesellschaften, in der die Werte der Demokratie tief wurzeln, und die sich außerdem ganz und gar dem gemeinsamen europäischen Projekt verschrieben haben.”

Frage: Welchen Tipp haben Sie für das Fußballspiel Deutschland-Spanien am 7. Juli bei der Weltmeisterschaft in Südafrika?
Antwort: “Ich denke, das deutsche Team hat bei dieser Weltmeisterschaft das beste Spiel geliefert, und die Partie am Mittwoch wird sehr schwierig. Aber auch die spanische Mannschaft ist hervorragend, und ich hoffe auf ein wirklich spannendes Spiel.”

Herzlichen Dank an Herrn Botschafter Deczcallar de Mazarredo für dieses Interview.

0

06.07.2010

Juligezwitscher

Jürgen in am 6. Juli 2010, 18:21   Kommentar schreiben »

Wer dieser Tage zusätzlich zum Getröte der Vuvuzelas und zum allgemeinen Fußballlärm noch offen für akustische Reize anderer Art ist, sollte hier weiterlesen. Auch diejenigen unter den Lesern, die nicht unbedingt immer nur den Weisen altgedienter Rocker, wie jüngst AC/DC im Olympiastadium oder der gestern auf der Waldbühne gastierenden Pop-Ikone Prince (einziges Deutschland-Konzert seiner Welttournee) bzw. – ganz was anderes – den mehr oder weniger skurrilen Klängen auf europäischen Schlagerfestivals lauschen wollen, kann die folgenden Alternativen ja mal prüfen:

Aus Berlin-Weißensee bietet die Mädchenband mit dem, nun ja, sperrigen Namen “Die toten Crackhuren im Kofferraum” den vermutlichen Sommerhit des Jahres an. Ob es trotzdem gute Musik ist, kann ja jeder selbst heraushören.

Dagegen ist das schwedische Duo First Aid Kit schon international unterwegs. Sie fanden jedenfalls Berlin toll und kommen sicher bald wieder. Ihr Album “The Big Black & The Blue” finde ich sehr gelungen. Hier mal zum Reinhören.

Wer den balladenhaften Pop liebt, der fühlt sich vielleicht bei Karat und ihrer neuen CD gut aufgehoben. Einige Songs, und viele erwarten das ja auch, hören sich so ähnlich an, wie Karat auch schon früher mit Herbert Dreilich klang. Seit geraumer Zeit singt Sohn Claudius in der Band.

Besonders freue ich mich über das Wiederauftauchen von Wir sind Helden auf der Musikbühne. Demnächst erscheint ein neues Album und am 26. Oktober gibt’s ein Konzert in Berlin. So klang es mal vor Zeiten oder so. Klasse! Eben heldenhaft.

0

01.07.2010

Erster und letzter Gang

Jürgen in am 1. Juli 2010, 21:14   11 Kommentare »

Ein alle beschäftigendes Thema dieser Tage ist natürlich das Wetter, sprich die Hitze. Während es manchem gar nicht warm und sonnig genug sein kann, sind andere weniger euphorisch und weichen auch mal gern in den Schatten bzw. die Kühle aus. Da man ja auch bei diesem Wetter etwas essen und vor allem trinken muss – Geschäfte mit funktionierender Klimaanlage haben in diesem Zusammenhang durchaus einen Standortvorteil – kann der Einkauf auch mit einer temporären Abkühlung verbunden werden, wie in meinem Kiezladen.

Das Geschäft ist proppenvoll. Unter den Kunden dominieren die überwiegend braungebrannten, jungen Semester. Insbesondere in der Getränkeabteilung und vor dem Regal für Molkereiprodukte herrscht Hochbetrieb.

Da sehe ich, wie sich ein alter Mann mit Krückstock durch das Gedränge tastet. An seiner Seite eine hochgewachsene Verkäuferin – sie überragt ihn um fast zwei Köpfe – die gemeinsam mit ihrem Schützling seinen Einkauf erledigt.

Sein kleiner Körper fällt unter all den deutlich größeren sofort auf. Der alte Mann trägt ein kariertes Hemd und eine einfarbige Hose, die er bis unterhalb der Brust hochgezogen hat. Über seinem knochigen, blassen Gesicht liegen schlohweiße Haare, akkurat gescheitelt. Die Arme, welche aus seinen hochgekrempelten Hemdsärmeln herausragen, sind spindeldürr, wie sie zuweilen bei Greisen werden.

Der Einkaufsrundgang verläuft für den Mann offensichtlich zufriedenstellend, nur am Molkereiregal schaut er die Verkäuferin etwas verwundert an, weil der Brandenburger Kräuterquark schon alle ist. Als er sich – gedankenverloren – an der Kassenschlange anstellen will, winkt ihn ein junger Mann nach vorn. Nach dem Bezahlen steuert er mit seinem linkshändigen Einkaufsbeutel und der rechts abstützenden Krücke die Tür an, welche ihm geöffnet wird. Ich sehe ihn draußen – die weißen Haare hat inzwischen der Wind verwirbelt – wie er nur zwei Türen weiter das Haus, offensichtlich sein Zuhause, wieder betritt.

11

29.06.2010

Yes, you can

Jürgen in am 29. Juni 2010, 18:33   Kommentar schreiben »

Nachricht aus Berlin

Ein Sportreporter, der elf Sprachen spricht
und damit viele Sprachrekorde bricht,
greift nun, gepackt von Ehrgeiz,
nach den Sternen:
Er möchte seine Muttersprache lernen!

(Hansgeorg Stengel – Epigramme und Gedichte, 1980, Eulenspiegel Verlag Berlin)

0

24.06.2010

Ein Freund

Jürgen in am 24. Juni 2010, 18:18   20 Kommentare »

In letzter Zeit war in den Zeitungen oft von seinesgleichen zu lesen. Nun habe ich ihn leibhaftig getroffen – im Humboldthain. Von seiner Schlauheit und Kunst, auch inmitten der Großstadt zu überleben, war schon oft zu hören. Nun lief er mir über den Weg, genauer gesagt, er kam den Flakberg hoch, ich herunter. Auch als er mich sah, machte er keine Anstalten, den asphaltierten Steig zu verlassen, lief jedoch langsamer und blieb dann stehen, ebenso wie ich. Wie fiel der Vergleich aus? Er war sehr mager, was ich von mir nicht sagen würde. Mit seinem langen, rotbraunen Fell kann ich allerdings nicht mithalten. Nach einem kurzen Moment strich er dann doch ins Gebüsch ab – vielleicht missfiel ihm mein rotes Laufshirt.

Dieser Fuchs liebt das Abenteuer! Er sucht sich den Humboldthain als Wohngebiet aus, dem Lärm der umliegenden Straßen, des Blub-Bades, der fahrenden S-Bahnen ausgesetzt. Flakturmbesuchende Touristen, bergsteigenübende Kitagruppen und schwarz- wie langgekleidete Türkinnen, die den Berg hinaufwalken, bringen ständige Unruhe. Wenn er nachts sein Revier verlassen will und Pech hat, überfährt ihn vielleicht ein von einem Jungmann gefahrener, röhrender BMW. Die Begegnung, auch am Tage, mit dem in unterschiedlicher Gestalt auftauchenden Zweibeiner ist für das Tier offenbar aber normale Stressbewältigung bzw. Gewohnheit, wie für unsereinen der Lauf zur abfahrenden U-Bahn oder der Schriftwechsel mit dem Finanzamt.

Ausgemergelt wie er war, kann der Fuchs das Überlebenstraining in diesem Park allein vielleicht zu keinem positiven Ende bringen. Er braucht Helfer. Beim Runterlaufen vom Berg traf ich einen 40-jährigen Mann, genauso mager wie der Fuchs. Ich erzählte ihm von meiner Begegnung aber der Dünne war nicht überrascht. “Ick hab ihm schon wat zu fressen hinjeleecht, hoffentlich frister dit”, meinte er. E i n e n Helfer hat er also mindestens schon, vielleicht sogar einen Freund.

20

15.06.2010

Ein bekannter Name - Teil III

Jürgen in am 15. Juni 2010, 20:38   1 Kommentar »

Wie bereits im HSB am 8.6.10 informiert, wurde der insolvente Karstadt-Konzern bzw. das was davon noch übrig ist, an den Investor Nicolas Berggruen verkauft. Ich verfolge die Entwicklung dieser traditionsreichen, deutschen Warenhauskette seit längerer Zeit mit Interesse und Anteilnahme, nicht nur, weil ich dort gern mal einkaufe, sondern weil es ein Stück Wirtschaftsgeschichte – auch und gerade für Berlin – darstellt und weil es bestimmte Dinge gibt, die bewahrenswert sind, auch wenn sie sich vielleicht auf den ersten Blick überlebt haben.

Karstadt hatte, über seine damalige – inzwischen insolvente – Holding Arcandor die Warenhäuser an eine Immobiliengruppe verkauft und wieder zurückgemietet. Im Juni 2009 kam das Problem mit ganzer Wucht auf die Tagesordnung, denn Karstadt stellte die Mietzahlungen ein. Vor allem der ehemalige Arcandor-Chef Middelhoff geriet stark in die Kritik. Selbst Bundeskanzlerin Merkel sprach von “ungünstiger Vertragsgestaltung” zu Lasten von Arcandor und insofern fiel ein schlechtes Licht auf den Vermieter, einen Immobilienfonds unter Beteiligung der Privatbank Sal. Oppenheim und des Kölner Investors Josef Esch.

Zurück in das Heute: Die aktuellen Verhandlungen zwischen Berggruen und Highstreet über die Höhe der notwendigen Mietreduzierungen laufen. Nach jüngster Meldung ist wieder Bewegung zu verzeichnen. Aber: Man beachte auch den letzten Satz der Spiegel-Online-Meldung!

Wer sich für den oben erwähnten Investor Josef Esch und die, inzwischen von der Deutschen Bank übernommene, Privatbank Sal. Oppenheim interessiert, dem sei ein außerordentlich interessanter Artikel aus “Cicero” vom Mai 2010 empfohlen. Darin wird der Niedergang der Sal. Oppenheim-Bank, aber auch die Rolle von Josef Esch und Thomas Middelhoff, gegen den am 12.6.09 von der Staatsanwaltschaft Essen Ermittlungen wegen Untreue aufgenommen wurden, im Zusammenhang mit Karstadt dargestellt. Seit wenigen Tagen gibt es auch eine Anklage des “Welt”-Chefredakteurs gegen Thomas Middelhoff.

Dieser Cicero-Report von Constantin Magnis ist ein weiteres, konkretes Zeugnis über Charakter, Verständnis und Praktiken von Teilen der sogenannten Wirtschaftselite Deutschlands!

1

10.06.2010

Man joggt

Jürgen in am 10. Juni 2010, 12:46   11 Kommentare »

Die Wasserflasche ist sehr groß,
mit der Frau hier im Park erscheint.
Nun trabt sie leicht und lässig los,
(Sonne verbessert auch den Teint).

D e r dort ist selbst beim Lauf mobil:
Sein Handy schreit, da bleibt er steh’n.
Drei Runden absolviert – nicht viel.
Doch braucht ihn wer, drum muß Mann geh’n.

Ipod schlägt Puls, Gedanken ruh’n,
Kopf hört Musik, Körper schwebt fort.
Modern! Gleichzeitig alles tun.
Schau her, mein Freund, ich treib auch Sport.

11

08.06.2010

Er geht

Jürgen in am 8. Juni 2010, 20:51   17 Kommentare »

Oberstleutnant Sanftleben tritt zurück. Zumindest im Medium Fernsehen wird er noch seltener als bisher zu sehen sein. Mit ihm verläßt auch der Rentner Dombrowski das helle Studiolicht. Fortan wird ihn die Einschaltquote nicht mehr tangieren.

Aber Georg Schramm, der hinter all diesen Figuren steckt, wird dem Zuschauer fehlen. Sein Kabarettistentum ist von seltener Schärfe und Qualität. Dombrowski, die Figur mit dem Gesicht und dem Image eines ewig unzufriedenen, weil erfolglosen, Versicherungsvertreters und Sanftleben, der forsche Militär, der das Wort Kollateralschaden mit bellendem Lachen bedenkenlos an jedem Sonntagnachmittagskaffeetisch fallenlassen würde – beide schleudern sie dem deutschen Zuschauer, also uns, insbesondere aber einer besonders fehlentwickelten Spezies, dem Politiker, ihre Wahrheiten ins Gesicht und an die Nieren.

Georg Schramm ist für mich der beste politische Kabarettist Deutschlands. Hier einer seiner legendären Auftritte, wenn auch schon einige Jahre her.

Heute abend tritt Georg Schramm zum letzten Mal in “Neues aus der Anstalt” (ZDF, 22.15) als Patientensprecher Dombrowski auf. Fortan wird er wieder mehr mit seinen Soloprogrammen auf der Bühne stehen.

Georg Schramm, seinen Figuren und hier stellvertretend dem Oberstleutnant Sanftleben kann ich nur zurufen: Danke. Wegtreten und weitermachen!

17

06.06.2010

Veränderungen

Jürgen in am 6. Juni 2010, 12:56   27 Kommentare »

Thema von vorgestern, aber nochmal: Über Horst Köhlers Rücktritt wird weiter spekuliert. Ich finde, daß er manchmal etwas missionarisches hatte. Er wollte das Amt verändern, aber das Amt veränderte ihn. Bei seinem letzten Interview sprach er nur die Wahrheit aus und es merkte einer. Dann hoffte er auf Unterstützung von denen, die ihn auserwählt hatten. Aber es half keiner. Was wird bei der Nachfolger-Wahl für dieses untypisch deutsche Amt (der Inhaber hat keine Macht) herauskommen – die Ruhe vor dem großen Sturm oder wird Deutschland noch ein Stück östlicher?

Veränderungen auch in der Stadt: In meiner Straße wurde die letzte Lücke geschlossen und ein Haus eingebaut. Vorher war dort ein rustikaler Ort zum sitzen. Der Rosenthaler Platz – durch den ständigen Auto- und Straßenbahnverkehr war die Kreuzung schon immer voller Unruhe – ist neu umbaut und wird schöner werden. Aber ich finde auch gut, daß es dort ein neues Cafe mit einem ganz alten Namen gibt: Fabisch. Dieser hatte mal Tradition an dieser Stelle.

Eine Kreuzung weiter an der Ecke Torstraße/Rosa-Luxemburg-Straße hat sich ein neuer Kandidat für ein mindestens diskussionswürdiges Gebäude etabliert. Dieser anthrazitfarbene Steinriegel ähnelt in seiner Wuchtigkeit der Kommandobrücke eines Schiffes, könnte aber auch als Location für den nächsten Bond-Film-Bösewicht infrage kommen. Ja, es ist moderne Architektur, aber wirkt sie hier nicht zu dominant?

Kürzlich sagte mir eine junge Frau, die vor einem Jahr aus Münster nach Berlin gekommen ist, daß ihr die Stadt gefalle, vor allem Multikulti und die Geschichte. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viele Menschen aus Deutschland und anderen Nationen es nach Berlin zieht. Das Haus, in dem ich wohne, wechselt regelmäßig seine Bewohner. Die allermeisten Neumieter verhalten sich aber rücksichtsvoll. Die Bevölkerung der Stadt verändert sich und die neuen müssen mit den alten klarkommen bzw. umgekehrt. Ich stimme aber auch diesem Mann zu, der meint, daß jeder, der vor allem Privatheit und Ruhe in einer Großstadt suche, besser woanders hinziehen solle.

Verändern kann man aber auch, indem man innehält. Wer braucht diesen Schlossneubau, den die überwältigende Mehrheit der Berliner ablehnt, im Herzen der Stadt? Mutig wäre, wenn man jetzt storniert und in Ruhe etwas plant, was nicht an eine zwiespältige Vergangenheit erinnert, sondern in die Zukunft zeigt. Hier wäre moderne und dennoch berlinverbundene Architektur gefragt.

27

04.06.2010

Eierköppe, lahme Enten und Fußballhelden

Jürgen in am 4. Juni 2010, 06:59   8 Kommentare »

Meine aktive fußballerische Laufbahn ist sehr übersichtlich. Als Junge spielte ich mal für ein knappes Jahr bei Dynamo Prenzlau als Verteidiger, wurde aber schnell aussortiert, weil meine Fähigkeit und Bereitschaft, das Bein stehen zu lassen, wenn ein fremdes auf mich zukam, wenig ausgeprägt war. So mutierte ich zunächst zum Zuschauer, was einerseits die Lungen kräftigt, andererseits den Wortschatz in gewisser Weise erweitert. Als ich dann als Student dem Ball mal wieder nachjagde, stürzte ich auf einem Schotterplatz, was dazu führte, dass ich fortan nicht nur zwei Augen hatte, sondern noch zwei zusätzliche im Knie.

» Weiterlesen …

8

31.05.2010

Anna kommt an

Jürgen in am 31. Mai 2010, 21:06   3 Kommentare »

Silly holte gestern abend ihr – am 15.5.10 ausgefallenes – Konzert in Huxley’s Neuer Welt nach. Die Lokalität war ausverkauft und auch voll. Die Band hat nach nunmehr 14 Jahren wieder eine CD herausgebracht, welche unter dem Namen “Alles rot” firmiert. Diese Musik wird – neben den alten Silly-Songs – während einer Konzerttour durch Deutschland vorgestellt.

Silly bietet mit dieser Musik etwas neues und bleibt sich doch treu (Rock und Liedhaftes). Anna Loos, seit vier Jahren Sängerin und Frontfrau bei der Band, hat den, viele Jahre verwaisten, Platz von Tamara Danz übernommen. Sie singt mit Kraft und Hingabe. Anna kommt an.

Gute Musik. Am besten von den neuen Titeln gefällt mir – “Ich sag nicht ja”. Ordentliche bis gute Texte. Sehr schön z.B. aus “Erinnert”: …Ich danke dir. Du hast mich an mich erinnert. Ich und ich war’n einander schon so fremd…. Bei manchem klingt etwas an: Der Beginn von “Alles rot” erinnert an den Refrain von “Asyl im Paradies” gesungen von Tamara Danz. Und in die Anfangsphase von “Findelkinder” klingen Töne aus “ …The Benefit of Mr. Kite” der Beatles-Platte von Sgt. Pepper hinein.

Dennoch: Es ist schön, Silly wieder so zu hören.

3