02.11.2006
Glück?
Paula in Stadtnotizen am 2. November 2006, 22:16 3 Kommentare »
Das verfilzte Haar trägt er offen. Die Klamotten stehen vor Dreck und umhüllen löchrig seinen dünnen Leib. Ganz bestimmt riecht er nicht gut. Das Leben nimmt er nur noch durch einen Schleier wahr, seine Tage und Nächte sind einzig durch Alkoholbeschaffung und –vernichtung bestimmt.
Soll er – wir müssen uns ja nicht begegnen.
Morgens, kurz nach neun, war er schwer damit beschäftigt, zwei leere Bierflaschen in den Händen zu behalten, sie dorthin zu tragen, wo es volle gibt – nur kurz über die Straße. Er sah den Laden, dachte ans nächste Bier und fiel vom Bürgersteig vor mein Auto.
Zäher Verkehr in niedriger Geschwindigkeit, nagelneue Bremsen und ein volles Durchtreten des Pedals ließen ihm sein Leben.
Er ist einfach aufgestanden (sogar seine leeren Flaschen waren noch ganz) und auf die andere Straßenseite gewankt – zum nächsten Bier.
01.10.2006
boulevART©
Paula in Kultur am 1. Oktober 2006, 00:15 Kommentar schreiben »
„Kunst erobert den Kurfürstendamm“ ist das Motto der anläßlich des zehnjährigen Jubiläums des KUNSTHERBST BERLIN stattfindenden Ausstellung boulevART. Zwischen Breitscheidplatz und Lehniner Platz verwandeln sich Fassaden, Schaufenster, Bürgersteige und Vitrinen in Präsentationsflächen für Arbeiten junger Künstler.
„Seestücke“ im Fenster eines Hotelrestaurants lassen von großen Reisen in wilde Landschaften träumen, die Plastik „parasite“ wächst aus der Wand einer Bank, ein phantasievolles Automodell ist in den Schauraum eines Autohauses integriert.
An zehn thematischen Kunst-Stationen haben die Organisatoren, die Berlin Partner GmbH und das Institut für Kultur- und Medienmanagement der FU, die Werke plaziert. Manche Arbeiten wirken so selbstverständlich an ihrem Ort, daß man meinen könnte, sie wären schon immer dort gewesen. Andere verblüffen den Flaneur mit Ideen, die, jedoch nur auf den ersten Blick, scheinbar nichts mit dem Großstadtboulevard und seinen Besuchern zu tun haben, so zum Beispiel die Performance-Installation „Paradise“ im Institut Français.
Noch bis zum 5. Oktober lassen die Kunstwerke den Kudamm-Bummel zur spannenden Entdeckungsreise werden.
28.09.2006
Kunstwochenende
Paula in Kultur am 28. September 2006, 00:35 1 Kommentar »
Zum elften Mal öffnet das Art Forum, inzwischen weltweit etablierte Kunstmesse, mit „zeitgenössischer Kunst, frisch, energisch, qualitätvoll“, am Freitag unter dem Funkturm seine Tore. Viele Berliner Galerien werden Bewährtes und Neuentdeckungen präsentieren. Mehr als die Hälfte der von der Jury bestimmten Teilnehmer kommt aus dem Ausland – Galeriegrößen und Geheimtipps.
Auch die kleinen Geschwister des Art Forums können sich sehen lassen. In der Arena nimmt der Berliner Kunstsalon mit rund 40 Galerien, Projekten und Kunstnetzwerken im dritten Jahr sein Domizil. Die Berliner Liste residiert im ehemaligen Vitra Design Museum in der Kopenhagener Straße und wirbt für sich als Messe für aktuelle Kunst. In der Backfabrik hat die Preview in diesem Jahr ihre Ausstellungsfläche erweitert. Auf 3500 Quadratmetern erwarten 53 Galerien neugierige Besucher.
Mit interessanten Rahmenprogrammen und quirligen Partys runden die Veranstalter das vielfältige Angebot ab. Auf also ins frühherbstliche Kunstvergnügen!
12.09.2006
"Schmerz laß nach"...
Paula in Kultur am 12. September 2006, 12:10 Kommentar schreiben »
... ist in diesem Fall kein Aufschrei sondern Synonym eines einst markigen Werbespruchs für ein Mittelchen „millionenfach bewährt bei Hühneraugen, Hornhaut und Warzen“. Solcherlei, heute oft skurril anmutender Zeilen finden sich viele in der Ausstellung “Flieg Johanna, flieg – Eine Reise durch die Werbewelt der DDR“ in den Schönhauser Allee Arcaden.
10.09.2006
Wölfe - scheinbar gezähmt
Paula in Kultur am 10. September 2006, 00:45 2 Kommentare »
Beim Betreten der Galerie der Deutschen Guggenheim öffnet sich eine magische Welt. Sogartig durchzieht eine imaginäre Bewegung den Raum, es zischt und knallt – und doch ist alles real. (Ver)zauberer des Kunstraumes ist der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang (*1957).
„Head on“ benennt der gelernte Bühnenbildner seinen dreiteiligen Werkkomplex, den er speziell für diese, seine erste große Einzelausstellung in Deutschland geschaffen hat.
Cai, seit 1995 in New York lebend, ist ein Wanderer zwischen den Welten und ein durchdringender Beobachter ihrer Geschichte und Kultur. In seinen Arbeiten verschmelzen Gegenwart und Vergangenheit zu einem Konglomerat verwirrender Eindrücke. Erst bei genauerem Hinsehen gibt die 4×9 Meter große Zeichnung „Vortex“ ihr Geheimnis Preis. Cai bedeckte die Japanpapierfläche mit Schablonen und bestreute sie mit 15 verschiedenen Sorten Schießpulver. Mittels Zündspur entflammt, verschwand das Bild im Innenhof der Deutschen Bank unter einer Rauchwolke, um danach seine, durch Schmauch- und Brandspuren, von Planung und Zufall beeinflußte Komposition sichtbar werden zu lassen.
An der gegenüberliegenden Wand läuft das Video „Illusion II“. Trügerisch ist der erste Eindruck des vermeintlichen Feuerwerks. Elegisch steigen Lichtfunken in die Nacht.
Cai ließ für diese Installation von den Babelsberger Filmstudios ein typisch deutsches Haus auf dem Freigelände hinter der Ruine des Anhalter Bahnhofs nachbauen und füllte es mit Pyrotechnik. 15 Kameras hielten das Abfackeln bildlich fest. Die anfängliche Begeisterung für die farbenfrohe Illumination weicht beim Betrachter schnell einem bedrückenden Gefühl für die zerstörerische Kraft des Feuers. Das Haus brennt nieder. Assoziationen zum zweiten Weltkrieg, zu gegenwärtigen Konfliktherden steigen auf. Verflogen ist die unbedarfte Erlebbarkeit bunten Feuerwerks, machtvoll greift die Kraft der Zerstörung nach dem Betrachter.
Wenige Schritte weiter sind furchterregend die Wölfe los. 99 Isegrims rasen zähnefletschend aufwärts, strömen einem Ziel zu. Des Rudels Spitze zerschellt an einer Glaswand. Schmerzverkrümmt winden sich die Leittiere am Boden. Die Berliner Mauer, Sinnbild einstigen Widerstands, erscheint vor dem Auge des Betrachters. Joseph Beuys’ Aktion „I like America and America likes me“, in der er sich, umhüllt von einem Schaffell und eingesperrt in einen Käfig, über Stunden einem Kojoten aussetzte, scheint hier gegenwärtig. „Deeskalation – hin zur Harmonie“ ist das für Cia. Nicht umsonst ließ er seine Wölfe in China fertigen. Schaffelle umhüllen Korpusse aus Metalldrähten und Stroh, denen Kunststoff täuschend echte Gesichter gibt.
Vertrautes im Neuen entdeckend wird der so virtuos auf der Klaviatur von Schamanentum und Mythen spielende Cia 2008 mit seinen materialisierten Ideen die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking gestalten.
27.07.2006
Rauschen
Paula in Kultur am 27. Juli 2006, 01:48 3 Kommentare »
Noch bis zum 4. August bietet sich Mitte-Flaneuren in der Auguststraße 16 jeden Abend ein beeindruckendes Bild. Pünktlich um 22.30 Uhr schaltet Ingrid Berger ihre Videoinstallation „Rauschen“ an. Alle Fenster des Gebäudes werden von einem pixeligen Flimmern erfaßt.
Dieses Haus mit seiner Klinkerfassade war nie ein Wohnhaus. Als Siechenhaus der jüdischen Gemeinde 1876 eingeweiht, wurden seine Räumlichkeiten bald vom nebenstehenden jüdischen Krankenhaus genutzt. Nach dessen Umzug in den Wedding fanden Institutionen der Wohlfahrt hier ihren Platz. Während des Naziregimes diente der Gebäudekomplex als Ausgangsstation für die Deportation. Ab 1947 hatte hier eine Schule ihr Domizil. Seit 1993 steht das Haus leer.
Der Leerstand erst machte das Projekt der Bühnenbildnerin Ingrid Berger (*1972) möglich. Mit einsetzender Dämmerung verblassen Fassaden und Konturen von Gebäuden. Ihr Inneres wird jetzt durch die Bewohner nach außen getragen. Lampen, Monitore, Fernseher oder Kerzen erzeugen unterschiedliche Lichtstufen, lassen Passanten ausschnittweise am Leben Unbekannter teilhaben.
09.06.2006
Jetzt geht's looos...
Paula in Stadtnotizen am 9. Juni 2006, 01:15 5 Kommentare »
Angeblich präventativ Vorgeschädigte, kickende Hypochonder und Fußball(wahn)sinnige werden es in den nächsten vier Wochen schwer haben. Doch für Betroffene und Randgruppen gibt es ein Therapeutikum. Eine Berliner Firma hat schon mit Liebeskummerpillen jede Scheidungsparty zum Erfolg gemacht und will jetzt WM-Gefährdeten und -Geschädigten wieder zu voller Körperkraft verhelfen. Also einfach schön den Wasch Beipackzettel lesen und schlucken (mit)spielen!
03.06.2006
WM total II
Paula in Stadtnotizen am 3. Juni 2006, 02:01 Kommentar schreiben »
Die WM – definitiv kein Frauenthema. Geschlechtsgenossinnen widersprecht mir! Guckt Frau allerdings mal links und rechts des Tellerrandes, offenbaren sich neue Aspekte. Abseits der offiziellen FIFA-Promotion (und Abkassiererei) versuchen auch andere ihr Schäflein ins Trockene zu bringen. Mit mäßigem Erfolg, wie gerade das Magazin WAS vom RBB erkundete. Entgegen aller (propagierten) Erwartungen, scheinen die Umsätze der Berliner Händler und Gastronomen nach unten korrigiert werden zu müssen. Bleibt die Frage: wer profitiert in dieser Stadt wirklich von der WM?
02.06.2006
WM total
Paula in Stadtnotizen am 2. Juni 2006, 00:58 Kommentar schreiben »
Das große Ereignis wirft seine Schatten voraus. Überall wird gebaut,
gegrüßt, erwartungsvoll aufs Handy geschaut. Und Ortskundige warten hilfsbereit auf fremdsprachige Stadtverlorene.
Berlin scheint gerüstet, jetzt muß nur noch die Elite-Elf wollen/können.
Eine höchst ungewöhnliche Art der WM-Vorbereitung gibt es hier zu entdecken.
Gekonnt setzt ein Drei-Mann-Hauptstadt-Team im Schnelldurchlauf die 90 Minuten in Szene. Alle WM-Mannschaften sind symbolisch durch ein Bierchen vertreten. Das Spiel kommt flüssig daher, auch die zweite Halbzeit ploppt nach dem Seitenwechsel spannend.
So betrachtet, weichen selbst für Nicht-Fußball-Begeisterte die Schatten der WM einem unbeschwerten Lachen.
25.05.2006
Toi, toi, toi...
Paula in Aufnahmen am 25. Mai 2006, 23:47 4 Kommentare »
Egal was passiert, so betrachtet, kann die morgige Eröffnung des Hauptbahnhofs nicht nach ‘hinten’ losgehen. Und wer den definitiven Überblick behalten will, reserviert sich noch schnell einen Tisch im Solar, Restaurant und Lounge in der 16. Etage mit dem wohl überraschendsten Blick über die Stadt.
21.05.2006
Designmai
Paula in Kultur am 21. Mai 2006, 02:40 6 Kommentare »
Hoffnungsfrohes Grün begrenzt die Parcours in der Designcity des diesjährigen Designmai. Das Netzwerk Berliner Produktdesigner hingegen findet sich ohne Farbleitsystem in der Backfabrik zusammen. Dort entdeckt der geneigte Besucher Kleinigkeiten wie Potsdamer Plätzchen und City Rings, flippige Mode, ausgefallenen Schmuck, gestylte Möbel und liebevoll entworfenen Krimskrams. Leider unterscheiden sich die Angebote nicht allzusehr von dem, was man bei einem Bummel durch die von bösen Zungen als „Castingallee“ bezeichneten Kastanienallee nicht auch finden könnte.
Richtig spannend dagegen geht es in der Fabrikhalle der Designcity in der Luckenwalder Straße zu.
19.05.2006
Gelb
Paula in Kultur am 19. Mai 2006, 00:18 Kommentar schreiben »
Gelb symbolisiert Sonnenlicht, aber auch Eifersucht. Die Farbe beunruhigt und bringt, in einem grellen Ton verwendet, ein gewisses Maß an Gewalt zum Ausdruck. Auf dieses Farbpotential baut Hans Hemmert (* 1960) in seiner Ausstellung ego sum via in der Galerie carlier | gebauer.
Provokant verbindet der in Berlin lebende Künstler in seinen Skulpturen Dinge, die scheinbar nicht zusammen gehören. Da ist die, christlicher Symbolik entlehnte, Mutter mit dem Kinde mit der neuzeitlichen Pistolenlady in gelbem Lack verschmolzen (… was geht, schwester?), da treffen sich Schwertfrau und Baby (and when I arrive at my destination) in einem Monolith. Das in fester Form manifestierte nicht-voneinander-loskommen-können spiegelt die Widersprüche von traditionellem Rollenverständnis und moderner Lebensweise in überspitzter, fast ironischer Weise. Abhängigkeit und erkämpfte Freiheit streben in gleich kraftvoller Bewegung in entgegengesetzte Richtungen, nicht jedoch ohne den Blick zurück der miteinander verschweißten Figuren.
Die gewaltig gelbe Verbundenheit schreibt eine Untrennbarkeit heutigen Seins von der Geschichte fest. Ein Sieg im Kampf der Gegensätze scheint unmöglich – herausfordernde Denkanstöße, die auch den abgebrühtesten Konsumenten so schnell nicht mehr loslassen.
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