Steffka in Bloxikon am 8. Dezember 2009, 08:01 2 Kommentare »
Kürzlich ist mir der Geist von August Endell begegnet und zwar direkt am Hackeschen Markt. Er war irritiert, wieviel Action an der Kreuzung herrscht und dass alles noch hektischer ist, als zu seiner Zeit. Und da habe ich ihn auf einen Streifzug eingeladen, durch die von ihm mitgestalteten Hackeschen Höfe und rundherum und ihn dabei in einen Dialog zur Schönheit der Stadt verwickelt. Hier ein Ausschnitt aus dem inoffiziellen und rekonstruierten Protokoll unseres ursprünglich dreistündigen Gesprächs:
Ich: Na, August, ist ein bisschen anders alles als zu Deiner Zeit oder? Aber guck, wie hübsch Deine Fassade wieder glänzt, die Kacheln fangen wieder das Licht der Stadt ein, so wie Du es Dir immer gewünscht hast.
August: Das ist schön anzusehen, aber warum bleiben die Leute immer mitten auf der Straße stehen? Und warum riecht es so nach Seife und Kaffeebohnen? Man kann sich gar nicht kontemplativ in mein Werk versenken.
Ich: Das sind Touristen, die machen das hier immer so. Und der Geruch kommt aus dem Seifenladen „Lush“ und der Rösterei „Coffee Mamas“ da drüben. Ist ja auch ein wenig eng alles. Aber schau, hier gibt es ein Varieté, ein Kino, eine Galerie, Restaurants und tolle Läden. Die Höfe florieren und hier steppt sozusagen der Bär, wie wir das heute sagen würden. Donnerstags ist Markt gegenüber!
August: Früher, meine Dame, da war hier auch schon einiges los! Also vor dem Krieg. Und dann in der DDR nicht so, aber dann wieder. Die Expressionisten haben hier eine Vereinigung gegründet. Und dann wurden Juden versteckt in der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Und außerdem wurde hier noch richtig produziert. Die Russen haben das alles ein wenig runterkommen lassen. Ein Glück haben die Mieter die Fassade gerettet. Das erklären Sie doch den Touristen oder?
Ich: Mhm, da gibt es bestimmt Führungen, sehen Sie ja, wie viele Reisegruppen hier herumspringen. Viele Berliner wissen es aber nicht mal. (ich halte ihn davon ab, einer Gruppenführerin rabiat am Ärmel zu zupfen und schleuse ihn schnell in den Nebenhof) Aber wo wir hier schon im Nebenhof stehen. Haben Sie einen Euro? Also haben Geister überhaupt Geld?
August: Was heißt denn hier Geist, bitte? Und natürlich habe ich einen Euro, ich bin doch nicht von gestern. Hier soll ich den reinstecken? (Die Maschine der ehemals im Tacheles ansässigen Metallschweißer und Bastler Dead Chickens bewegt sich.) Oh, beeindruckend, das ist ja wie die Fortsetzung des expressionistischen Gedankens mit anderen Mitteln. Und überall Kunst!
Ich (versuche mich auf sein Niveau einzulassen): Es ist auch Geschichte. Die moderne Geschichte Berlins kumuliert irgendwie am Hackeschen Markt, finde ich. Oder was meinen Sie? Wir könnten darauf einen Drink nehmen im Eschloraque Rümschrümp. Ist alles ein wenig dreckig, aber..
August: Danke in meinem Zustand trinke ich nicht. Und verwechseln Sie Dreck nicht mit Poesie! Denn das ist das Erstaunliche, daß die große Stadt trotz aller häßlichen Gebäude, trotz des Lärms, trotz allem, was man an ihr tadeln kann, dem, der sehen will, ein Wunder ist an Schönheit und Poesie. (Anmerkung des Autors: er würde sich wahrscheinlich nicht erinnern, aber genau das hat August schonmal aufgeschrieben, nämlich in seiner Abhandlung „Die Schönheit der großen Stadt“ von 1908)
Ich: Das hast Du schön gesagt August! Eine Brezel auf den Hackeschen Markt!
Wir nehmen dem Brezelmann am Eingang zwei Stück ab und begeben uns daran knabbernd zum Weihnachtsmarkt in der Sophienstraße. Ich versuche ihm zu erklären, dass man heute alle Informationen im Internet findet.