bei Nacht

cunda

Häuserfassade mit Animation vor dem Berliner Fernsehturm

Zum Jubiläum ein Blick hinter die Fassade - Foto: h|b

Noch bis zum Wochenende verwandelt sich das Berolinahaus am Alexanderplatz mit Einbruch der Dunkelheit in ein großes Open-Air Kino. In rund 9 Minuten wird die Geschichte eines vor 170 Jahren gegründeten Unternehmens gezeigt, das in diesem Haus seine Filiale hat und vor genau 100 Jahren in der Berliner Königstraße das erste Geschäft auf deutschem Boden eröffnete. Zu sattem Sound und mit 3-D Effekten bewegt sich knirschend und scheppernd scheinbar die ganze Hausfassade und lässt einen staunenden Blick hinter die Kulissen zu.

Wer es nicht zum Alex schafft, kann den Film auch formatfüllend hier anschauen /berlinprojection. Ruhig mal die Lautsprecher aufdrehen, vermittelt schon fast das Vorortgefühl. Live wirkt es aber auf jeden Fall besser. Wer bis hierher noch nicht weiß, um welches Unternehmen es sich handelt, ein kleiner Tipp: Es sind die Erfinder der Jeans mit den Glöckchen, einer Modesünde aus den späten 70ern ;-)

Allerseelen

Nachts. Eben. Auf dem Nachhauseweg – ich stehe an einer roten Ampel.

Ein Obdachloser kommt mir entgegen, streckt sich entspannt, trinkt  seine Bierflasche leer, schaut mich an und sagt: “Heute bin ich katholisch!”. “Fei-er-tag!”. “Allerheiligen“.

“Schon vorbei” entgegne ich ihm trocken, weil müde.

“Macht nüscht”, antwortet er, “dann nehme ich Allerseelen. Ist doch für arme Seelen wie mich. Ach, haste mal ‘n Euro?”

Musik aus Berlin: Sido und Bushido, Frauen-Band Laing, Kraftklub

Ein neues Video von den Berliner Rappern Sido und Bushido – gemeinsam! So mach ich es – die ausgekoppelte Single mitsamt dem Video wurde von Berlin Specter, dem ehemaligen Chef von Aggro Berlin produziert. Das Plattenlabel, welches Sido, Bushido, Tony D, Fler und Kitty Kat produzierte, existierte von 2001 bis 2009. Gedreht wurde in Kiew und Berlin. Das Video ist in klassischer Rapper-Manier provokant, d. h. es geht um Bankraub, Ruhm, Gewalt, Sex und ein bisschen chi-chi-mäßig aufbereitete orientalische Anleihen.

Bushido, um den es in der letzten Zeit ruhig war, greift im Video und im Text seine alten Themen von Kampf und Unterdrückung auf, Sido spielt mit denselben Klischees, das gemeinsame Album haben sie vermeintlich vielsagend 23, die Zahl der Illuminaten, genannt.

Der Song ist musikalisch rapper-gefällig (und gefällt mir mit am besten vom ganzen Album), das Album perfekt durchproduziert, aber ohne neue Impulse, ohne wirklich beeindruckende Rap-Elemente, bewegende Texte. Die Jungs sind attraktiv, trainiert, tragen ihre gestutzten Jungmänner-Bärte und gut sitzende Anzüge, aber mit gerade mal 30 geht ihnen ein bisschen die musikalisch-kreative Luft aus.

Gewaltvideos, produziert im Ego-Shooter-Videospiel-Stil, sind zwar im allgemeinen Trend in der Musikbranche, aber nichts mehr, was riesiges Medien-Interesse hervorruft. 23 bzw. So mach ich es wird seine Fans haben, ein großer Wurf ist es nicht.

Die Berliner Frauen-Band Laing geht auf Tournee, Anfang November ist sie in Potsdam im Waschhaus zu sehen. Ihr 2011 re-mixter Song von 2009 heißt Sehnsucht, gefälliger Pop, ein witzig gemachtes Video, und es geht nicht um Liebe, nicht um Gewalt – sondern um blauen Dunst. Hörens- und sehenswert. Auch der Vorgänger-Song, eine Cover-Version von Trude Herrs “Morgens immer müde” (1960), war schon eine witzige und peppige Nummer, die viel von Berliner Radios und in Clubs gespielt wurde.

War in den letzten Tagen schon öfters in den Medien und Blogs, ist aber dennoch erwähnenswert und ein guter Song mit ein paar Berliner Bildern. “Ich will nicht nach Berlin” von Kraftklub nimmt ganz witzig die Berliner Kreativ-Szene auf’s Korn, zwischen Vintage und Retro-Wortspielereien, bei fetzigem Sound mit eingängigem Text, kraftvoll eingespielt und doch auch verspielt, Berliner Rock-Pop, der gefällt.

Lebe!

Bunte Hausfassade mit einer Botschaft

Der aktuelle Tagesbefehl - Foto: h|b

nachts im ostbahnhof. eine reise unter menschen.

warten.

zug kommt später an. zeit haben. beobachten. nicht reden müssen.

ich kaufe eine zeitung. mit vielen bildern, zum ablenken, berliner bilder, new yorker bilder, künstler, die bestimmt etwas sagen wollen. verdichtung, kunst, verfremdung. ich verstehe es in diesem moment nicht, ablenkung hat nicht funktioniert, das leben, die bewegung im bahnhof ist doch spannender.

ein paar arbeiter stehen vor dem bahnhof neben einem eingang und rauchen, reden nichts, ihr blick geht in die leere, müde sind sie, wahrscheinlich. einer schmeißt die kippe hin, die anderen nicken ihm zu, sie folgen ihm, einer hat seine kippe noch im mund, als sie in den bahnhof eintreten und an mir vorbei gehen.

aus der hamburgerbraterei kommen ein paar hektisch durcheinander redende englische girlies, reden schrill, aufgeregt, erzählen sich von den wilden phantasien, die sie hier in berlin zu erleben hoffen, schauen sich nach kräftigen kerlen um, ein jüngere sicherheitsbeamter hat es ihnen angetan. sie kichern. er schaut ihnen schüchtern nach, als sie schon längst vorbei sind.

die verkäuferin in der brezelbude wischt mit wohlüberlegten, wenigen bewegungen die schutzscheibe vor den auslagen ab, tausende saubere und schmutzige hände haben heute diese scheibe berührt, sie ist rasch, will nach hause, ein langer tag, sie sieht aber irgendwie glücklich aus. wenig später lacht sie, ist fertig mit der arbeit, ein hübscher mann steht vor ihr, es ist wohl ihrer. sie macht das licht aus, sie gehen in den wunderbaren warmen oktoberabend hinaus, ich rieche den sex, den sie haben werden.

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Back to Deutschmarks

In der U-Bahn saß ich heute neben zahlreichen Amerikanern, die der deutschen Sprache teilweise mächtig waren. Sie schauten immer wieder mit Interesse auf das Fahrgastfernsehen im Zug, unterhielten sich dabei wild schnatternd mit Südstaaten-Slang.

Dann erschien eine Einblendung vom WWF, man solle 200 Mark (!) für ein Projekt spenden. Die Einspielung der Summe erfolgte mehrmals nach kurzen Filmsequenzen.

Beim zweiten Mal schrie der Amerikaner neben mir und stieß mich dabei an: “Look, Angela did it! She really did it! You guys have your Deutschmarks back!”

Ich muss ihn wohl etwas verdattert angeschaut haben, in Gedanken war ich ganz woanders – er schob dann direkt hinterher: “It was just a joke!”

Und schon waren wir in einem sehr interessanten Gespräch über Politik, Amerika, die Banken und “The Pope”.

Ich mag U-Bahn fahren in Berlin!

Cyprien Gaillard: Indianer am Alexanderplatz

Ein Indianer auf dem Haus der Statistik am Alexanderplatz. Eine Installation des Künstlers Cyprien Gaillard, bis zum 11. Dezember 2011 im Rahmen des "Based in Berlin"-Festivals zu sehen. Der Indianer ist das (umstrittene) Maskottchen des US-Baseballteams Cleveland Indians. Gaillard ist Preisträger der Nationalgalerie für junge Kunst 2011. Foto: ©MM|HSB2011

Berlin bei Nacht

Die Stadt ist lebendig heute Nacht. Wie in jeder Nacht im Sommer. Noch ist Sommer. Auf der Ecke schräg gegenüber wird gearbeitet. Holz wird geschliffen und die Schutzfolie von dem vor ein paar Tagen installierten Firmenschild gezogen. Vielleicht macht das neue Café morgen endlich auf. Seit ich Wochen wird daran gearbeitet. Seit fast einem Monat jetzt.

Die Biertrinker sitzen auch noch draußen, auf der Biergartengarnitur vor dem Spätkauf. Die, die jeden Tag dort sitzen. Und jeden Abend bis in die Nacht. Immer dieselben. Sie reden in gedämpftem Ton. Immerhin. Manchmal jubeln sie auch, mitten in der Nacht. Oder sie grölen. Einer von ihnen kichert, wenn er betrunken ist. Wenn er das wüsste.

Radfahrer radeln klappernd vorbei. Hundehalsbänder klingeln leise im Trab. Hundebesitzer pfeifen von weitem ihren Hunden nach. Autos huschen vereinzelt über das Kopfsteinpflaster, jedes dritte oder vierte ein bisschen zu schnell. Zu laut. Menschen wandern quatschend durch die Straßen, ihre Stimmen kommen und gehen. Manchmal wird auch gesungen.

Auf einem Balkon gegenüber glimmt ab und zu eine Zigarette auf. Gläserklirren, auch dort. Auch ich nehme noch einen Schluck. Irgendwo ist Musik.

Irgendwo in Berlin ist immer Sommer Foto: HSBengl

Da drüben werden Beats gemixt, bei Nacht und offenem Fenster. Gestern bis zwei oder drei. Heute nur bis kurz nach elf. Jetzt ist das Vorglühen beendet, weiter geht es in den Clubs. Und das ist gut so.

Später, viel später wird es still. Dann fliegen die Fledermäuse, man kann es nur ahnen. Durch die Bäume, hoch. Und Füchse traben durch die Straßen. Ganz für sich allein.

Aquarella 2011

Beleuchtete Schiffe mit Feuerwerk

Die Aquarella 2011 beim Finale an der Oberbaumbrücke. Morgen Abend ab 20 Uhr noch mal auf der Spree zu bewundern - Foto: h|b

Geld verbrennen in der Hauptstadt

Manche in dieser Stadt verbrennen Autos, andere ihre Zeit, dritte ihre Energie, und ganz andere verbrennen Geld. Meist sind das Banker und Politiker und Beratungsfirmen...Graffiti-Foto:© MM|HSB2011

Dankbarkeit

Beleuchtetes Haltestellen-Schild der BVG Foto: ©MM|HSB2011

Oft regt man sich über sie auf, auch zu recht: Die öffentlichen Berliner Verkehrsbetriebe. Der immer noch zumeist schlecht funktionierende SEV der Bahn. Die seit zweieinhalb Jahren dahinrottende, bemüht re-installierte S-Bahn, die wahrscheinlich noch ein weiteres Jahr nicht normal fahren wird.

Die gefühlt ewig unfreundlichen Busfahrer im Westteil der Stadt, die fahrplantechnisch zu früh abfahrenden Straßenbahnen im Ostteil der Stadt, die ständigen U-Bahnbaustellen in ganz Berlin, die nie ein Ende zu nehmen scheinen.

Aber manchmal bin ich richtig dankbar, dass es sie gibt. Die vielen Frauen und Männer, die jeden Tag ihren Schichtdienst machen, Massen von Menschen zur Arbeit, zum einkaufen, zum Partner bringen. Betrunkene sicher nach Hause fahren, aggressive Menschen ertragen, anstrengende Dienste durchstehen, mit guter Laune oder in trauriger Stimmung ihre Strecke abfahren. Tag und Nacht, bei Schnee und in lauen Sommernächten wie heute die Fahrgäste transportieren, Auskunft geben, bei Bedarf für Touristen ihre Fremdsprachenkenntnisse auskramen oder auch nur scheinbar apathisch auf die Straße schauen, währen die Kunden ein- und aussteigen.

Und manchmal geben sie mir das Gefühl, einfach für mich DA zu sein.

Die Tram kommt genau dann, wenn man sie braucht, der Anschluss klappt, die Stimmung in der Bahn ist gut, und irgendwie freut man sich über einen gelungenen Abend, die sichere und rasche Heimfahrt und die angenehme Wahrnehmung: Irgendwie funktioniert diese Stadt doch!

Ein herzliches Danke an alle BVG- und S-Bahnmitarbeiter, die dafür sorgen, dass wir nicht allein auf weiter Strecke unterwegs sein müssen!

die berliner zeit

Nachts an der Spree, nicht mehr ganz nüchtern Foto: ©MM|HSB2011

die hauptstadt
haben wir gemeinsam erobert
die leichtigkeit
bewundert, die sie zu haben schien
die langen
fahrradtouren quer durch die kieze
die langen
bus- und bahntouren auch in der nacht

geliebt haben wir das
und auch uns
zusammen

die hauptstadt
hat uns gemeinsam berauscht
die kalten
tage im winter mit dem geruch von gemütlichkeit
der glühwein
und die kandierten mandeln später im bett
die spaziergänge
an der grauen, trägen spree
die gespräche
manchmal leicht, oft auch schwer

geliebt haben wir das
und auch uns
zusammen

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