Stadtnotizen

Wildes Berlin

Der Tagesspiegel hat eine sehr schöne Fotostrecke zum Thema zusammengestellt.

Wenn der Anrufer mehrmals klingelt …

Heute vormittag, das alte Analogtelefon klingelt. Ich hebe ab, melde mich mit Namen, werde dann gefragt.

“Guten Tag, hier ist Firma XYZ. Ist Frau Schmidt zu sprechen?”

Längere Pause – ich muss jetzt schnell überlegen. So eine Anfrage hatte ich in den letzten 5 Wochen ungefähr 10 mal. Anrufe von unterschiedlichen Firmen nach jemandem mit immer anderem Namen, der oder die offensichtlich nicht hier wohnt. Dann frage ich die Anruferin zurück:

“Von welchem Callcenter aus rufen Sie an?”

Die Gefragte reagiert empört und wird etwas lauter:

“Neiiin – wir sind doch kein Callcenter!!! Ich will nur wissen, ob die Frau Schmidt zu sprechen ist!!”

Ich so:

“Ich ermittle grad Ihre Telefonnummer und rufe dann die Polizei an.”

Jetzt wird die Stimme auf der  anderen Seite lauter – ich lege auf.

PolizeianzeigeBei den ersten Anrufen dieser Art dachte ich noch an etwas dümmlichen Mitbewerber-Telefonterror.  Aber als ich das Wort “Polizei” ausgesprochen hatte, fiel mir diese Einbruchsannonce in unserem Hausflur ein. Vor ein paar Wochen wurde schon einmal eingebrochen.  Und die kürzlich veröffentlichten Kriminalstatistiken weisen hier im Bezirk steigende Einbruchsdelikte aus.

Nach polizeilichen Erkenntissen existieren Einbrecherorganisationen, denen würde ich solche Telefonspionage wohl zutrauen – mal eben testen, ob die Einwohnerin zuhause oder in Urlaub ist. Ist die Mailbox einmal zu oft dran, ist Bude reif für den Bruch.

Also, ich habs getan. Polizei angerufen, meine Beobachtungen geschildert und die Vermutung geäußert, dass es sich um die Vorbereitung einer Straftat handelt. Prävention, mit anderen Worten. Mal sehn, was passiert.

Berliner Straßennamen zeigen Spuren aus vielen Kriegen

Bei Namen wie Gendarmenmarkt und Stauffenbergstraße ist es offensichtlich. Aber mit der Skalitzer Straße oder dem Hackeschen Markt verbinden vermutlich nur wenige Menschen einen Hinweis auf vergangene Kriege. Das Projekt Straßenkrieg des Künstlers Hans Hack zeigt diese Verbindungen sehr anschaulich. Überall in Berlin gibt es Straßen und Plätze, deren Namen auf Ereignisse, einzelne Personen oder auch eroberte und verlorene Gebiete seit der Varusschlacht 9 n.Chr. verweisen. 750 Straßennamen aus 40 Kriegen.

Ausschnitt aus "Kriegsspuren in Berliner Straßennamen"

Ausschnitt aus “Kriegsspuren in Berliner Straßennamen”

Wie wichtig ein Bewusstsein für das Thema ist, zeigen auch die schon seit Jahren zum Teil heftig geführten Diskussionen, um die Umbenennung von Straßen und Plätzen. Nur um ein – immer noch – aktuelles Beispiel herauszugreifen, sei der Streit um die kolonialen Namen im Wedding (Afrikanisches Viertel) genannt.

Die technische Umsetzung der Webanwendung zu den Kriegsspuren in Berliner Straßennamen von Dacosto ist auch ein anschauliches Beispiel für Datenjournalismus. Auf der Karte lässt sich mit Filterung nach Zeiträumen, einzelnen Kriegen und Kriterien wie Personen, Militärische Einheiten oder Kriegsschauplätze die große Datenmenge gut erschliessen und differenziert betrachten. Man merkt, dass einer der profiliertesten Datenjournalisten aus Berlin Lorenz Matzat an der Realisierung beteiligt war.

Schneckenwetter

Heute ist wieder mal Schneckenwetter. Das heißt: warm mit hoher Luftfeuchtigkeit. Eine Kombination, die deutsche Fußballer bei der WM in Brasilien fürchten. Oder auch gerne mal als Begründung für nicht gelungene Auftritte heranziehen. Die Schnecken unseres Hinterhofs mögen solches Wetter. Dann kriechen sie in erklecklicher Zahl über die Wege, die zu den Mülltonnen führen. Würden sie ein ordentliches Haus mit sich führen, könnte man ans Einsammeln denken, zwecks knoblauchlastiger Zubereitung zum späteren Verzehr. Doch es ist die schleimig-glitschige unbehauste Variante. Farblich und substantiell eher an Fäkalien erinnernd. So macht man sich nicht beliebt. Hat Patricia Highsmith wirklich an diese Gastropoden gedacht, als sie das Liebesspiel von Hortense und Edgar schilderte?

Public Viewing

Heute Abend gilt's ..... - Foto: h|b

Heute Abend gilt’s ….. – Foto: h|b

Kennzeichen

Es gibt einige Möglichkeiten für Berliner Autofahrer, mit dem Kennzeichen ihres Fahrzeugs verschlüsselte Botschaften zu übermitteln. Ich bin in der glücklichen Lage, meine Initialen bekommen zu dürfen: B-MR. Da so ein Wunsch bei der Umschreibung aber extra kostet, habe ich verzichtet und das Kennzeichen der Verkäuferin übernommen: B-AW. Fußballfans aus Dortmund und Mönchengladbach sind auf jeden Fall im Vorteil. B-VB und B-MG dürfen vergeben werden. Anhänger aus München oder Basel müssen nach Frankfurt am Main umziehen: F-CB. Musikalisch orientierte dürfen auf B-AD oder B-AP hoffen. Ökonomen wissen, was B-IP bedeutet. Schnelle Fahrt ist trotz B-AB nicht garantiert. Mit der Kombination B-VG darf man sich hierorts übrigens öfter auf ein freundliches Lächeln der Busfahrer freuen. Das gilt auch für die B-SRler. Marken-Fetischisten können sich B-MW anschrauben lassen. HJ, KZ, NS, SA und SS dürfen nicht hinter dem B stehen. Sie sind bundesweit unerwünscht. Angeblich sollen anstößige Kombinationen nicht vergeben werden. Das hat das Landratsamt in Hanau nie gekümmert. Die Folge HU-RE soll sogar unter der Hand gehandelt worden sein. Alles weitere erläutert ein Wikipedia-Artikel. Ich erinnere mich immer noch an das Kennzeichen des ersten Autos meines Lieblingsopas: B-XE 40. Ein brauner Käfer mit kleiner Heckscheibe ohne Mittelsteg. Warum merkt sich unser Gedächtnis solche Sachen?

Es ist genug! – Demo gegen Homophobie

Kommenden Samstag um 11 Uhr am Wittenbergplatz treffen und dann über den Potsdamer Platz rüber zum Alex laufen. Das ist angesagt, es ist mehr als angesagt!

Stop Homophobia!

Unnötig, aus meiner Sicht, hier noch einmal aufzuzählen, warum. Das steht alles hinter dem Link, der auf dem Banner liegt. Ich werde dort sein, nicht um sichtbar zu sein. Das bin ich ohnehin. Ich werde dort sein, um zu sein.

Wer noch? (Meine lieben heterosexuellen Freundinnen und Freunde! Wie wär’s?!)

Saisonfinale

Die "Ostkurve" verabschiedet sich mit einer bunten Choreografie aus der Saison - Foto: h|b

Die “Ostkurve” verabschiedet sich mit einer bunten Choreografie aus der Saison – Foto: h|b

Mit einem 0:4 gegen Dortmund, gute Gastgeber wissen eben was sich gehört, verabschiedete Hertha heute nachmittag die Bundesligasaison und auch gleichzeitig zwei ihrer besten Spieler. Lewan Kobiaschwili beendet seine aktive Karriere hier in Berlin und Adrian Ramos wechselt zum BVB. Ob er gleich im schwarz-gelben Vereinsbus mitfahren durfte, ist nicht bekannt. Die Regie hatte dieses Ereignis geschickt inszeniert und wechselte Ramos gegen Kobiaschwili ein. Beide wurden von den Herthafans mit Standing Ovations gefeiert.

Zwei der 4 Tore für den BVB schoss Robert Lewandowsky, der damit nach dem Spiel auch die Trophäe des Torschützenkönigs überreicht bekam. Lewandowsky wechselt nächste Saison zu Bayern München. Aber vorher stehen sich sein alter und neuer Arbeitgeber nächsten Samstag noch beim DFB Pokale an selber Stelle gegenüber. In Ermangelung anderer Ziele übten die Dortmund-Fans schon mal lautstark den „Bayern die Lederhosen auszuziehen“ im Stadion. Das Spiel war zu der Zeit schon gelaufen und die Hertha, die am Anfang durchaus mithalten und sich ein paar Chancen erarbeiten konnte, war bereit das Ergebnis zu akzeptieren. Mal schauen wie es nächstes Jahr weitergeht.

Trafo Pop

Die Fahrraddemo überquert die Oberbaumbrücke - Foto: h|b

Die Fahrraddemo überquert die Oberbaumbrücke – Foto: h|b

Das Kollektiv “Trafo Pop” hatte gerufen, Hunderte waren erschienen. Dazu jede Menge Medienvertreter. Schließlich sollte es keine normale Fahrraddemo werden, denn ER – David himself – sollte auch mitradeln. Sie hatten sogar extra eine Blinkjacke mitgebracht. So wie damals. In den 80ern. Aber er war wohl doch von der re:publica so erschöpft, dass er nicht mitfahren wollte. Aber immerhin K.I.T.T. war da. Sein Fahrer nicht.

Das ließ uns Radlern die Stimmung nicht vermiesen und so radelten wir eine kurze Runde über den Kotti, dann die U1 entlang, über die Oberbaumbrücke zum “Hassobjekt” der Mediaspree-Gruppe. Das Ziel der Demo: Das “Hinkelhaus”. Hier gab es kurz ein paar warme Worte – vor gut einem Jahr brachte David Hasselhoff hier die Massen zum mitsingen – und dann begann es auch schon von oben zu nieseln. Eine weitere Fußnote zur Rettung der Mauer, die sicher auch mit Lücke noch Hundertausende von Touristen anziehen wird.

Warme Worte vorm "verhassten" Hinkelhaus - Foto: h|b

Warme Worte vorm “verhassten” Hinkelhaus – Foto: h|b

Zell-Schrumpfung

Ausgediente T-Zelle, Foto: lindalink

Ausgediente T-Zelle, Foto: lindalink

Ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können! Die T-kom hält in ihrem Warenlager in Michendorf  ausrangierte  Telefonhäuschen vor. Bei wahren Schnäppchenpreisen können auch private Kunden zuschlagen.

In den Stadtteilen suchen telefonlose Fernsprechkunden immer öfter vergeblich nach funktionierenden  T-Zellen. Hier an einer Häuserblockecke am Klausenerplatz steht ein leider verrottendes Exemplar, das einmal als Ergänzung für eine Postfiliale, Postbankautomaten und einen Briefkasten gedacht war.

Immerhin hat sich hier mittlerweile ein Laden mit ausgesuchten badischen Weinen niedergelassen. Einem Besäufnis aus Kummer über verlorengegangene Infrastruktur steht also nichts mehr im Weg!

Farbige Ostern

Momentan treffen wir ein seltenes Farbenspiel in unserer Stadt an: Nicht in jedem Jahr kann man sich während der Osterfeiertage über die fröhlichen Farben der Obstblüte erfreuen.

Apfelblüte

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geBALLt gegen Armut

Fussball kann Türen öffnen.

Fußball kann Türen öffnen.

Fußball ist nicht nur eine schöne Nebensache für viele Menschen*, sondern auch ein globales Geschäft für wenige Menschen. Das Hochamt des globalen Kickens findet in diesem Sommer bekanntermaßen in Brasilien statt, also in einem sogenannten Schwellenland mit nach wie vor großer Armut trotz einiger staatlicher Anstrengung.

Wenn auch die materielle Absicherung in Deutschland nicht mit der in Brasilien vergleichbar ist, so ist auch hier – vor allem in Berlin – der Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe für viele Menschen eine alltägliche Erfahrung. Besonders Kinder und Jugendliche spüren dies schmerzhaft, weil der Blick auf besser gestellte Gleichaltrigen die Einschränkungen deutlich macht.

Dort setzt die Idee von geBallt gegen Armut an, einem Projekt der sozialen Institutionen Gebewo, des Vereins Internationaler Bund und Gangway Berlin. Kern des Projektes ist ein Fussball-Camp und am 7. Juni 2014 ein Charity-Spiel mit ehemaligen Bundesligagrößen.

“Mit den Einnahmen von geBALLt gegen ARMUT fördern wir ein Projekt unseres Kooperationspartners nepia e.V. für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. (mehr dazu)”

Wer das unterstützen möchte, kann Tickets für das Spiel kaufen und ehemalige Profis wie Pierre Littbarski, Ciriaco Sforza, Steffen Baumgart, Jens Nowotny, Andreas “Zecke” Neuendorf, Carsten Ramelow, Stefan “Paule” Beinlich und noch andere auf dem Rasen sehen.

* Der Autor zählt sich dazu.

Der digitale Berliner Unwillen

Warum haben wir hier eigentlich keine Massenbewegung gegen Geheimdienste nach den Enthüllungen von Edward Snowden? Ist es den Internetnutzern egal, was mit ihren Daten passiert? Haben die Aktiveren unter uns nach anfänglicher Netzeuphorie einfach resigniert? Im tazlab 2014 im Berliner Haus der Kulturen der Welt platzierte der Journalist Martin Kaul eine Diskussionsreihe „Digitaler Widerstand“. Lage und Möglichkeiten ausloten, um wieder in die Offensive zu kommen. Rückzug ist keine Option.

Und? Was kann man konkret tun, um sich gegen die Datensammelwut der Staaten zur Wehr zu setzen? Hilft es weiter,  sich über den Anonymisierungsdienst „Tor“ durchs Internet zu bewegen? Sollte ab sofort jeder nur noch mit PGP-Verschlüsselung per Mail kommunizieren? Alles nicht einfach zu beantworten, beschied man auf dem Podium und im Publikum.

Nun denn.

tazlab 2014

Christian Ströbele, Jacob Applebaum, Martin Kaul, Konstanze Kurz, Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo

7 Gedanken zum Weiterspinnen

1. Berlin ist ein Ort geworden, an dem sich Netzaktivisten aus aller Welt  versammeln und eine politische Netzkultur entstanden ist, meint Christian Ströbele. „Whistleblower“ und investigative Journalisten z.B. in den USA , Großbritannien, aber auch in der Türkei und Syrien fühlen sich in ihren Ländern nicht mehr sicher und emigrieren hierher. Das lässt ihn zumindest hoffen, dass sich in Deutschland eine effektive Bürgerrechtsbewegung entwickeln kann. Notwendig sind dazu wohl neue Formen des digitalen Ungehorsams.

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