04.03.2010

Schapka und Tschechow, Teil 1

Jürgen in am 4. März 2010, 17:55   Kommentar schreiben »

Meine Bekanntschaft mit dem großen, fernen Land im Osten begann so etwa 1956-58. In Prenzlau gab es eine große Kaserne, in der bis 1945 eine Wehrmachtseinheit untergebracht war und die nach der Befreiung durch die Russen übernommen wurde. Die Soldaten kamen nahezu täglich mit ihren LKW’s, die, wer weiß womit, betankt wurden und deren Abgase entsprechend stanken, in das, durch den Krieg, noch teilweise zerstörte Stadtzentrum, klopften in den zahlreichen Ruinen die Ziegelsteine ab und transportierten sie an den Rand der Stadt, um dort Schweineställe zu bauen. Die Soldaten – sie sahen meist selbst noch wie große Jungen aus – in ihren zerwaschenen, gelbgrünen Uniformen und ihren schiefen Käppis schenkten uns Abzeichen, wenn wir danach fragten. Die Offiziere trugen Schapka.

In der fünften Klasse bekamen wir Russischunterricht. Mit meinem ersten Satz “Menja sawut Jurgen” kam ein kleiner Hauch von Internationalität auf. Russisch blieb bis zum Abitur eines meiner Lieblingsfächer, vielleicht weil es die Sehnsucht nach der Fremde etwas fütterte. (Englisch bekamen wir erst in der 9. Klasse). Als 1968, ich war noch Schüler, die Warschauer Vertragsstaaten in die CSSR einmarschierten, bekam mein Bild von den Russen einen Knacks.

Während meines Studiums in Berlin-Karlshorst lernte ich erstmals einen wirklich näher kennen. Nikolaj war bescheiden, hilfsbereit, freundlich, mit einem Wort: Ein guter Mensch. Wenn ich ihn fragte, wie es ihm in Berlin gefalle, meinte er immer (mit vor Heimweh verschwommenen Augen): GDR gutt. Andererseits war er für einen Trunk nur mäßig zu begeistern, traute sich z.B. aber nach einem Schwimmhallenbesuch mit pitschnassen Haaren an die eiskalte Januarluft und zeigte dabei einen Fatalismus, den ich erst viel später bei Arabern wiedertraf.

Die Freundschaft mit dem “Land des Roten Oktober”, wie man das in der DDR manchmal im Zeitungsdeutsch bezeichnete, äußerte sich darin, daß man als Normalbürger, abgesehen von Briefverbindungen auf Schulebene, eigentlich kaum Kontakt mit Russen hatte. Private Urlaubsreisen dorthin waren – außerhalb des Reisebüros Jugendtourist (Alexanderplatz) – so gut wie unmöglich. Zum “Ausgleich” konnte man Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft werden, endlos Beitragsmarken kleben und einmal pro Jahr in die – gut besuchte – Teestube im Haus der DSF neben dem Maxim-Gorki-Theater einreiten. (Die Teestube – Tadschikische – gibt’s heute noch.)

Als ich 1980 mit einer Jugendgruppe nach Leningrad reiste, war ich von der Eremitage und vom Sommerschloss Zar Peter des Ersten Peterhof ungeheuer beeindruckt. Andererseits war die Versorgungssituation für die Menschen kompliziert. Was mich aber sehr erstaunte: Frauen verrichteten dort schwere körperliche Arbeiten z. B. im Straßenbau. Fortsetzung folgt.

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22.02.2010

Groundhog Day

Harald in am 22. Februar 2010, 12:00   14 Kommentare »

Groundhog Day in Berlin - Der Winter bleibt - Foto:h|b

Irgendwo in Punxsutawney, Pennsylvania versucht man am 2. Februar jeden Jahres (Mariä Lichtmess) Waldmurmeltiere zum ersten Mal im Jahr aus ihrem Bau zu locken. Wenn das Tier „seinen Schatten sieht“, wenn also klares, helles Wetter herrscht, soll der Winter noch weitere sechs Wochen dauern.

Als wir gestern durch den Berliner Tierpark streiften und hinter dem Alfred-Brehmhaus zu dem dortigen Murmeltierhügel kamen, erwartete ich eigentlich – wie die letzten Male vorher auch – lediglich eine geschlossene Schneedecke über den – tief im Bau vergrabenen – amerikanischen Murmeltieren zu sehen.

Doch erstaunlicherweise hatte sich wohl ein Späher bereiterklärt, die feindliche Oberfläche zu erklimmen, um mal nach dem Rechten zu sehen. Nach meiner Einschätzung düfte er die folgende Botschaft wieder mit nach “unten” genommen haben: “Jungs, draußen ist es ar…kalt, auf unserem Hügel liegt eine undefinierbare weiße, nasse, kalte Masse und Essen ist auch weit und breit keins zu sehen, also: weiterschlafen”.

Wahrscheinlich bleibt uns auch die nächsten sechs Wochen der Winter erhalten, auch wenn gestern schon ein klein wenig der Frühling zu erahnen war. Aber das haben wir ja schon ausführlich in einem anderen Beitrag des HSB abgehandelt ;-)

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22.01.2010

Gundara Produktschau in Treptow

Susanne in am 22. Januar 2010, 08:43   Kommentar schreiben »

Letzten Sommer auf dem Designmarkt am Maybachufer habe ich die für mich absolut ideale Dokumentenmappe entdeckt. Etwas, wonach ich schon seit Jahren Ausschau gehalten hatte. Leider habe ich dennoch gezögert, sie gleich mitzunehmen, keine Ahnung, warum.

Inzwischen herrscht krachender Winter, und ich habe den Webshop von Gundara entdeckt, wo ich das seinerzeit Versäumte endlich nachholen konnte. (Wobei ich sagen muss, dass der Shop hier und da noch ein wenig hinkt, offensichtlich wird daran noch gearbeitet – insgesamt hat aber der Ablauf reibungslos funktioniert.)

Wer sich ebenfalls ein Bild von der wirklich ausgezeichneten Qualität der in Afghanistan handgemachten Taschenkollektion machen möchte, hat dazu morgen die Gelegenheit: am 23. Januar, zwischen 12 und 17 Uhr, am Schmollerplatz 17 in Treptow öffnet Gundara das Haus für alle, die sich die Taschen und Rucksäcke einmal genauer ansehen und auch in die Hand nehmen wollen. Letzteres lohnt sich, auf jeden Fall.

Darüber hinaus sind auch noch Woll- und Filzartikel, Teppiche und sogar Einrichtungsgegenstände im Angebot. Und – passend zum Wetter – heiße Getränke: Kaffee, Tee oder Schokolade. Ich selbst schaffe es vermutlich nicht, auch wenn ich sehr gerne mal einen genaueren Blick auf den Tripack werfen würde. Aber vielleicht erzählt mir ja später hier wer davon.

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17.01.2010

Berliner Bilder: Wintertag am Müggelsee

Michael in am 17. Januar 2010, 22:10   5 Kommentare »

Winterlicher Sonntagnachmittag am Müggelsee Foto: MM (HSB)

Frischer Schnee auf altem Schnee, dazu jede Menge hungrige Enten und Schwäne, die sich an den wenigen noch eisfreien Seeflächen am Müggelsee in Friedrichshagen treffen.

Winter am Müggelsee Foto: MM (HSB)

Ein verlassener Rastplatz, fast wie ein Gemälde von Edward Hopper in der typischen kühlen, aufgeräumten Einsamkeit und doch spürbaren Nähe von Menschen.

Gut, dass man bei der Bar “Gestranded” in Friedrichshagen auf die heiße Idee kam, kleine Lagefeuer zum Aufwärmen (im Hintergrund) anzufachen und damit einen einladenden Platz für ein wärmendes Getränk zu schaffen.

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11.01.2010

Fotoausstellungen im Willy-Brandt-Haus

Harald in am 11. Januar 2010, 10:05   1 Kommentar »

Die Skulptur von Willy Brandt leitet durch die Ausstellung - Foto: h|b

Mit gleich zwei Fotoausstellungen lockt noch bis zum 15. Januar 2010 das Willy Brandt Haus fotografisch interessierte Besucher in das Atrium und den 2. Stock. Wer einen aktuellen Personalausweis und keine Angst vor der SPD hat, sollte sich diese Ausstellungen nicht entgehen lassen. Ich hab sie mir schon angesehen, echt Klasse. Die beiden Ausstellungen im Detail:

Martin Roemers “Relikte des Kalten Krieges”

Der niederländische Dokumentarfotograf Martin Roemers hat sich auf die Spurensuche nach der Zeit des Kalten Krieges begeben. Über zehn Jahre unternahm er Reisen durch die einstigen Feindesländer diesseits und jenseits der Linie: durch Ost- und Westdeutschland, durch Großbritannien, Belgien und die Niederlande, durch Polen, die Ukraine und andere Ostblockstaaten.

Martin Roemers (*1962) lebt als freischaffender Fotograf in den Niederlanden. Seine Fotografien wurden in internationalen Magazinen und Zeitungen unter anderem im “National Geographic”, “The New York Times”, im “Spiegel” und der “Zeit” veröffentlicht. 2006 erhielt er den World Press Award.

Barbara Klemm “Helldunkel. Fotografien aus Deutschland”

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Fotografien, die in Deutschland Ost und West vor und nach der Wiedervereinigung entstanden sind. Es sind Bilder aus allen Bereichen des Lebens, aus Politik und Wirtschaft, von prekären wie alltäglichen Situationen sozialer Wirklichkeit, von Demonstrationen, Protesten und dem Leben der Einwanderer ebenso wie von kulturellen Ereignissen. Die Fotografien von Mauerfall und Wiedervereinigung sind ein dramatischer Höhepunkt, der sich in früheren Bildern ankündigt und dessen Folgen Barbara Klemm seither beobachtet.

Barbara Klemm (*1939) war seit 1959 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig, von 1970 bis 2004 als Redaktionsfotografin mit dem Schwerpunkt Feuilleton und Politik.

Ausstellungsbeschreibungen von der Website des Hauses

Bitte beachten: Die Ausstellung Barbara Klemm “Helldunkel. Fotografien aus Deutschland” bleibt am 12. und 13. Januar 2010 leider geschlossen. Die Ausstellung Martin Roemers “Relikte des Kalten Krieges” hat an beiden Tagen geöffnet.

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08.01.2010

Dit lassen wir uns nicht nicht vermiesen!

Phil in am 8. Januar 2010, 18:51   18 Kommentare »

Ganz Berlin ist von einer weißen Schneedecke überzogen, der Deutsche Wetterdienst rechnet für das Wochenende mit verstärkten Schneefällen, die Berliner S-Bahn fürchtet den nächsten Krisenfall und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät private Lebensmittelvorräte und notwendigen Medikamente zu überprüfen und ggf. aufzufüllen.

Kriegsähnliche Zustände? Nein! Wir Berliner lassen uns nicht bange machen. Schließlich haben wir schon schlimmere Situationen überstanden, oder? Wir nutzen diese einmalige Gelegenheit für eine Schneeballschlacht:

Große Schneeballschlacht am Teufelsberg
Datum: Samstag, 9. Januar 2010
Zeit: 14:00 – 17:00
Ort: Teufelsberg

Schneeballschlacht im Mauerpark
Datum: Samstag, 9. Januar 2010
Zeit: 15:00 – 17:00
Ort: Mauerpark

Neukölln vs. Kreuzberg
Datum: Sonntag, 10. Januar 2010
Zeit: 14:00 – 17:00
Ort: Görlitzer Park

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06.01.2010

Einmal Krementschug, hin und zurück

Jürgen in am 6. Januar 2010, 16:59   27 Kommentare »

Berlin erlebt (endlich) mal wieder einen ordentlichen Winter, der allerdings für die Menschen und die Wirtschaft eine stabile Energieversorgung erfordert. Gute Gelegenheit, an ein fast vergessenes Kapitel der ostdeutschen und jetzt deutschen Geschichte zu erinnern: Die Erdöltrasse Druschba.

In den Sommermonaten des Jahres 1977 machte sich eine Gruppe Studenten, darunter auch wir, von Schönefeld mit dem Flugzeug auf nach Kiew, Hauptstadt der Ukraine, damals noch Sowjetrepublik innerhalb der UdSSR. Wir fuhren, sozusagen als Jugendbrigade, für sechs Wochen – in den Semesterferien – zum Arbeiten an die Druschba-Trasse. Der Einsatz war freiwillig, versprach Abenteuer, aber auch sehr gute Bezahlung. Unser Standort war Krementschug am Dnjepr und wir wurden im Wohnungsbau eingesetzt. Sechs-Tage-Woche und Zehn-Stunden-Tag im Dreischichtsystem.

Die DDR war auf Rohstoffimporte, insbesondere Öl und Gas aus der UdSSR angewiesen und hatte, im Rahmen eines RGW-Beschlusses, die Aufgabe übernommen, mit eigenen Mitteln und Personal sowie auf eigene Kosten den 550 km langen Rohrleitungsabschnitt von Krementschug nach Bar zu bauen. Das heißt: Die Rohrleitungen wurden verlegt, mit allem, was dazu gehört. Die Verlege- und Transporttechnik mußte teilweise gegen Valuta in Westeuropa und Japan eingekauft werden. Alles sonstige an Material und Technik, bis hin zur Verpflegung wurde aus der DDR in die Ukraine geschafft. Die UdSSR bezahlte dann mit Erdgas bzw. -öllieferungen.

Wir bekamen als Studenten bei dem o.g. Arbeitsrhythmus wenig vom Land zu sehen, bis auf ein, zwei Ausflüge nach Kiew und Charkow und ab und zu mal Baden im Dnjepr. Bei den Einheimischen waren wir beliebt, vor allem die blonden Jungs bei den jungen Ukrainerinnen. Als sehr negativ empfand ich den ständigen Alkoholkonsum – die Studenten waren in die Brigaden eingegliedert – nach der Arbeitszeit.

Die Erdölleitung wurde letztlich bis nach Schwedt/Oder ins Petrolchemische Kombinat, heute PCK verlängert. Durch den Einigungsvertrag BRD-DDR hat das neue Deutschland diese Öl- bzw. Gaslieferungen und die damit verbundene Versorgungssicherheit “geerbt”. Das Rohöl wird auch heute in Schwedt veredelt und dann weitergeliefert u.a. per Pipeline in das Tanklager Seefeld bei Berlin. Die Energieversorgung der Hauptstadt und ganz Deutschlands (ca. 25% des verbrauchten Öls) wäre heute ohne diese Trasse kaum denkbar!

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23.11.2009

Budenzauber - Weihnachten in Berlin

Susanne in am 23. November 2009, 15:47   5 Kommentare »

Passend zur Frühlingswärme wurden in den letzten Tagen in Berlin allerorten die Lichter, Lämpchen und Bretterbuden installiert, auf dass es allüberall kräftig singen und klingen und auch in der Kasse klingeln mag. Heute also eröffenen bereits die ersten Weihnachtsmärkte in der Stadt, etliche andere folgen in den nächsten Tagen.

Exakt nachlesen lässt sich das auf der schicken Seite Weihnachten in Berlin, wo es neben einer ausführlichen Liste der Weihnachtsmärkte auch Geschenkideen für Frauen, Männer, Kinder, Paare usw. gibt, außerdem einen Fotowettbewerb. Interessant für Weihnachtsfans könnten sich die aktuellen Berliner Weinhachtsinfos entwickeln, eine Art angeschlossenes Blog der Seite. Mal sehen…

Mir ist ja eher warm, und so mag ich weder die dunkle Jahreszeit noch Glühwein. Ich hab einfach schlechte Karten zurzeit.

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20.11.2009

Sonntags schön in die Kirche

Steffka in am 20. November 2009, 11:45   11 Kommentare »

“Pah”, denkst Du Dir jetzt bestimmt lieber Leser. Fangen die vom HSB jetzt auch noch an christliche Werte zu propagieren und geben Empfehlungen für sonntägliche Kirchenbesuche? Nein, wir möchten euch wenn, dann überhaupt nur darin missionieren, die Schönheit dieser Stadt zu entdecken. Und aus diesem Grunde empfehle ich allen, die noch nie auf dem Kirchturm der Zionskirche waren, diesen unbedingt zu besuchen. Wenn man die etwas klaustrophobische Wendeltreppe (also nix für Oma) und das anschließende Schwindelgefühl überwunden hat, bietet sich einem das – wie ich behaupten möchte – schönste Panorama Berlins.

Bei gutem Wetter kann man die Windränder vor den Toren der Stadt sehen und natürlich sowieso alle tollen Gebäude, dafür ist man auf dem Fernsehturm nämlich irgendwie zu weit oben. Die Kirche öffnet bei erträglichem Wetter jeden Sonntag die Pforten des Turms ab 12 Uhr und gegen einen minimalen Beitrag von einem Euro könnt ihr euch oder eure Besucher beeindrucken. Ganz abgesehen davon, dass sich eine Visite dieser Kirche auch wegen der schlichten Eleganz des gesamten Gebäudes lohnt.

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27.10.2009

Diplomat an der Oder

Jürgen in am 27. Oktober 2009, 17:27   3 Kommentare »

Ich sitz ihm gegenüber: Dr. Gunter Pleuger, 1941 in Wismar geboren, von 2002-2006 Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen und seit 2008 Präsident der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Die Viadrina wurde 1506 gegründet und war nicht nur die erste brandenburgische Landesuniversität, sondern gehörte mit zu den ältesten deutschen Universitäten überhaupt. Heute (Stand Oktober) – 18 Jahre nach der Neugründung 1991 – zählt diese kleine, aber feine Universität 6146 Studierende, davon 2658 aus Berlin und Brandenburg. Das Markenzeichen dieses Hauses ist die Internationalität, insbesondere ihre Lage an der Schnittstelle zwischen West und Ost. Ein Drittel der Studenten an den drei Fakultäten sind Ausländer, die hier – wie grundsätzlich für alle Studierenden – ohne Zahlung einer Studiengebühr, viele davon mit Stipendien, ihrer Arbeit nachgehen können.

Die Viadrina schneidet im Ranking gut ab, das spricht sich herum und zieht aktive, junge Leute in die Stadt. Das ist auch dringend erforderlich, denn Frankfurt hat nach der Wende einen spürbaren Teil seiner Bevölkerung verloren, die auf der Suche nach Arbeit Richtung Westen wegzog. Es gibt an der Uni Studienrichtungen und -abschlüsse, die einmalig in Deutschland sind: Deutsch-polnisches Recht mit zwei Diplomen und in zweisprachiger Ausbildung. Natürlich setzt Dr. Pleuger seine Erfahrung und seine internationalen Kontakte auch ein, um zusätzliche Möglichkeiten für die Uni zu erschließen, so z.B. um speziell Absolventen für EU-Behörden vorzubereiten. Diese Zusammenarbeit wird selbstverständlich auch mit der regionalen Wirtschaft in Ostbrandenburg gepflegt. Hier wären z.B. die neu entstandenen Strukturen der Solarindustrie zu nennen.

Die Universität tut viel für ihre Studenten, bietet z. B. preisgünstige Appartments für die Unterbringung an. Aber die Studenten leisten auch einiges für die Uni und die Stadt, haben z.B. in Eigenarbeit einen Plattenbau zum Studentenheim ausgebaut und betreiben die einzige Buslinie über die Oder nach Slubice, der Partnerstadt Frankfurts auf der anderen Seite des Flusses.
Und schließlich: Wer in Berlin wohnen und in Frankfurt studieren will, kann das mit dem Semesterticket und einer zügigen Verbindung auch problemlos tun!

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31.08.2009

Der Unterschied

Jürgen in am 31. August 2009, 08:04   3 Kommentare »

Anläßlich eines gestrigen Ausfluges zum Tegeler See machten wir die Bekanntschaft mit einer für uns neuen Sportart: Kanupolo. Auf einem Abschnitt des Hohenzollernkanals standen sich eine Hamburger Mannschaft und die Recken des KC Nord-West-Berlin gegenüber. Die Spieler fahren in Kajaks und versuchen, mit Hilfe der Hände und der Paddel, den Ball – fast Medizinballgröße – in das jeweils in 2 m Höhe befindliche gegnerische Tor zu befördern. Ein harter Sport, der Schnelligkeit, Robustheit und Schlagkraft, letzteres kann man auch sehr wörtlich nehmen, erfordert.
Nichtsdestotrotz gibt es am Ende des Spiels einen erschöpften, aber glücklichen Sieger und einen gleichfalls geschafften, aber mehr oder weniger deprimierten Verlierer.

Das ist der Unterschied zu wahlkämpfenden Parteien, ihren Vorständen und Vorsitzenden: Bei denen gibt es stets n u r Gewinner, wie immer das Spiel auch ausgeht!

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23.08.2009

Autobahnengel

Jürgen in am 23. August 2009, 22:30   4 Kommentare »

Ein Parkplatz vor Berlin. Eine ca. dreißigjährige Schönheit, alles gestylt, kämmt ihr bis auf den Rücken reichendes, blondes Haar. Provozierend auffällig, also sucht Publikum. Ihr Freund daneben, Figur Body Builder mit sehr kurzem Haarschnitt, versucht sie zu umarmen, wird aber abgewehrt. Sie will der Hauptdarsteller bleiben. Schließlich brausen beide mit seinem(?) Audi TT, frisiert(?) davon.

Wird er diese Frau halten können?

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16.08.2009

Gnadenlose Architektur: Konzentrationslager Sachsenhausen

Susanne in am 16. August 2009, 14:21   5 Kommentare »

Exakt in der geometrischen Mitte des Häftlingslagers in Sachsenhausen, das inklusive dem kleinen Lager und der Kommandantur ein perfektes gleichschenkliges Dreieck bildet, befindet sich der Standort des Galgens.

Besuchen kann man diesen Ort, der heute Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen heißt, derzeit noch täglich von 8.30 bis 18 Uhr. Ab 15. Oktober ist nur noch bis 16.30 geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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Tag- und Nachtgestalten

Jürgen in am 16. August 2009, 09:13   6 Kommentare »

Heute früh 7.15. Die junge Frau in Schwarz stackelt über den Hinterhof und beendet die Nacht. Gestern abend – so mild – war der Hackesche Markt mal wieder mit Menschen überfüllt. Feuerschlucker, Zauberkünstler und Musiker geben ihr bestes. Auch die Kellner müssen bei den Massen den Überblick behalten. Eine Gesangsgruppe aus Niedersachsen – alle mit Sombreros – steigt in die S-Bahn und beginnt sofort mit La Bamba. Das zahlreiche Publikum nimmt es lächelnd und zuckend auf. Ob das Repertoire noch größer ist, erfahren wir leider nicht, da wir Alexanderplatz rausmüssen. In der Unterführung zu den Rathauspassagen stürzt plötzlich ein bayrisch sprechender Mann auf uns zu: “Ihr seids jetzt hier positiv aufgefallen. Das gefällt mir gar nicht.” Sprachs und dreht wieder ab. Einer aus der berliner Typensammlung der Nachtgestalten.

Neben dem einen Behrens-Bau sitzt ein halbbetrunkener Gitarrist und singt mit wunderbarer Stimme. Leider hören ihm nur zwei zu, einer davon bin ich. An der Weltzeituhr übt ein Gitarren-Trio. Obwohl die Musik sehr scheppernd und dürr klingt, steh’n mehr Leute da, wahrscheinlich wegen der Small-Faces-Retro-Frisuren der jungen Herren. Im Nikolaiviertel darf man in einem Restaurant an der Spree nicht mehr draußen Platz nehmen, die Anwohner hätten sich wegen des Lärms beschwert. Drinnen gibts dann sowas wie: Ein Meter Bier. Auf dem Weg an der Spree entlang Richtung Monbijou-Park wieder mächtiges Gewusel. Zwei sehr blonde junge Männer – ich tippe auf Schweden – mit gekreuztem Blick, versuchen sich zu orientieren. Eine englische Touristen-Gruppe walzt durch den Park zur nächsten location. Und dann immer wieder: Leere Bierflaschen und Scherben. Ich hasse letztere, weil sie den Reifen die Luft nehmen, vor allem aber, weil sie von Kulturlosigkeit zeugen. Unglaublich, aber wahr: Die sehr laute Torstraße mutiert langsam zur Gaststätten-draußen-sitzen-und-gucken-Meile. Wollen die vielen Leute den Lärm der Straße noch übertönen?

Kontrastprogramm tags wäre: Die Altstadt ist nicht so groß, aber schön. Mal zu Schuster Voigt reingucken, der als Hauptmann seine Lage verbessern wollte. Im Rathaus ist eine kleine Ausstellung. Und dann runter zur Spree. Dort oder in der Altstadt stehen die Bühnen. Da gibt’s Musik. Wir sind in Köpenick. Keine Hektik, alles gemütlich. Wippende Schuhspitzen unter dicken Bäuchen und zufriedenen Schnurrbärten. Dann zum Müggelsee und in die Berge. Oder bißchen weiter nach Friedrichshagen. Bölschestraße. Bürgerbräu- Rotkehlchen – mein Lieblingsbier. Wenigstens einmal im Jahr dorthin, wo Wasser u n d Wald eins werden.

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05.08.2009

Wishbringer's Bikes

Susanne in am 5. August 2009, 15:27   2 Kommentare »

Unser treuer Leser Harald hat eine unserer (beinah) täglichen Kurzmeldungen zum Anlass genommen, sich auf den Weg zu machen. Herausgekommen sind tolle Bilder von schicken Maschinen. Er selbst war allerdings mit dem Fahrrad unterwegs.

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02.08.2009

Lieblingsorte in Berlin (und Umgebung): die Friedenskirche in Potsdam

Michael in am 2. August 2009, 14:42   6 Kommentare »

Klar, der ganze Park ist einmalig, ein wahr gewordener gärtnerischer Traum, UNESCO-Weltkulturerbe.

Dennoch ist dieser Mikrokosmos, die evangelische Friedenskirche in Potsdam einer meiner Lieblingsplätze. 1845 bis 1848 erbaut, wie eine frühchristliche Basilika, ein Gemeinschaftsentwurf der damaligen Architekten-Créme, Persius, von Arnim, Hesse und Stüler. Diese italienische, diese kopierte und doch preußisch variierte Architektur, umgeben vom “Marly-Garten”, ein Kontrast zwischen Alt und Neu, ein verspielt und liebevoll gestaltetes Stück konzipierter Naturelemente. Peter Joseph Lenné, der über ein halbes Jahrhundert prägend die Gestaltung der Berlin-Potsdamer Kulturlandschaften mit architektonischen Sichtachsen auf Solitärbauten, eingebunden in Parkanlagen mit heimischen und exotischen Pflanzen, gestaltete, hat auch den Marly-Garten, dieses Stück großartiger Gartenarchitektur entworfen.

Friedenskirche (1845/48 erbaut) in Potsdam, Patio Foto: MM (HSB)

Ein klassischer Kreuzgang – die Anlage ist wie ein Kloster gestaltet -, die den Süden gerade bei Temperaturen wie heute in Berlin lebendig werden lassen, der plätschernde Brunnen, die strenge Architektur der Stützbögen und die liebliche, verspielten Plastiken, das Spiel von Licht und Wärme im Kontrast mit der Kühle und Feuchtigkeit, die sich in den von der Sonne unerreichten Ecken aufhält. Eine Kirche, die heute noch Kirche ist, eine Klosterarchitektur (es war nie eines), ein Garten erzählen leise über die Sehnsüchte des preußischen Königs.

Die gemütliche Bank an dem Teil des Hausers, an dem man am liebsten wohnen möchte, fernab von Sorgen des Alltags, im Grünen, umgeben von schöner Architektur, der Garten, die Kirche mit ihrer Kampanile, die Selbstverständlichkeit, italienisches und preußisches verwachsen zu sehen und zu fühlen.

Das lädt ein zum flanieren, träumen, ein Ort zum sich selbst finden.

Ein wunderbarer Platz.

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30.07.2009

Verschiedene Welten

Jürgen in am 30. Juli 2009, 22:27   1 Kommentar »

Der Main-Radweg bietet ein attraktives Stück Natur und Sport. Auf dem Abschnitt ab Wertheim folgen weitere schöne fränkische Städtchen, wie Lohr, Gmünden und Karlstadt. Sie alle zeichnen sich in diesem Sommer u.a. dadurch aus, daß längst ihrer fachwerkenen Gemütlichkeit die Festzelte am Ufer des Mains jeweils für etwa 10 Tage pro Standort plaziert werden und sich das Publikum dort mainwärts spanferkel- und brezenverspeisend sowie bierglasvollselig, ausdauernd und ausgelassen präsentiert. Das “Wirtshaus im Spessart” wäre dagegen ein Nichts.

Betritt ein Großstädter den Marktplatz eines dieser Städtchen, fällt der Fremde allein schon dadurch auf, daß er versucht, nach 18.00 beim Bäcker noch ein Stück Kuchen zu kaufen. Geht aber nicht, weil der, ebenso wie der Metzger, schon geschlossen hat. Immerhin g i b t’ s dort aber noch Metzger, was man von Berlin-Mitte – hier natürlich Fleischer – kaum noch sagen kann. Was ich aber in Berlin bisher nicht gesehen habe, in Karlstadt aber fand: Ein Warenhaus, in dem die Zeit scheinbar stehengeblieben ist: Ein Sammelsurium von Produkten, angefangen von Glühbirnen aller Größenordnungen über seltene Büroartikel bis hin zu Produkten, die ich für ausgestorben hielt: z. B. Gummis für Einweckgläser. Die Produkte lagerten in altmodischen Regalen, die per Hand beschriftet waren. Am Kopfende des ebenerdig, in nur einer Etage, plazierten Kaufhauses, saß der betagte Chef wie ein Kontorvorsteher und nahm von seinen beiden Angestellten per Zuruf nötige Bestellungen entgegen.

Wieder in Berlin stelle ich fest, daß in Mitte offensichtlich zu wenig Leute in den Urlaub gefahren sind – der Verkehr rollt. Die Bautätigkeit nördlich der Torstraße hält mit geringen Fortschritten und unverminderter Wucht an. Die Bahn hat als kleinen Dank für das S-Bahn-Chaos das Kundencenter im Nordbahnhof für immer geschlossen. Ein feiner Zug!

Übrigens: Die in Franken erhältlichen überregionalen Zeitungen zeigen einen in Text und Bild sehr präsenten Baron. Er wird wohl seiner Partei im bevorstehenden Wahlkampf gute Dienste leisten können. Ob wir das auch von unserem Regierenden Bürgermeister sagen werden, ist eher unsicher. Im “Kompetenzteam” des Kanzlerkandidaten seiner Partei ist er jedenfalls nicht vertreten.

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03.07.2009

Monster

Jürgen in am 3. Juli 2009, 20:47   22 Kommentare »

Sobald sich der Frühling der Hauptstadt nähert, beginnen die Medien prompt mit der Berichterstattung über diese furchterregenden Wesen in brandenburgischen Wäldern. Es geht hier nicht um Fliegen und Mücken, die für manch einen der Ausflügler an Spree, Wann- und Müggelsee schon per se zu Bösewichten der hauptstädtischen Fauna zählen. Nein, ich meine die Zecken, seit Jahren auch um Berlin herum heimisch geworden. Die Zecke ist – Auflösung folgt im letzten Satz – sozusagen der natürliche Verbündete der Obst- und Gemüsehändler.

Ich geb`s offen zu. Gelegentlich zieht es mich vom Sommer bis zum Spätherbst in die Wälder nördlich Berlins. Ich tausche dann die von der Evolution mir zugedachte Rolle des Jägers in die des Sammlers. Der Juli ist da und das heißt: Jetzt kommt die Blaubeerzeit. Auch Walderdbeeren kann man finden. Dann beginnt irgendwann Ende August die Pilzzeit. Es gibt viel zu ernten, wenn man ein wenig Zeit einsetzt und die Stellen kennt. Wer selbst Blaubeeren sammelt und daraus Marmelade kocht, wird diese mit einem ganz anderen Gefühl verspeisen. Auch gebratene Maronen, Pfifferlinge oder gar Krause Glucke mit Petersilie sind etwas feines.
Überhaupt müssten alle Berliner dankbar sein, für dieses schöne Umland. Die aus den westlichen Bezirken, weil sie vor 1990 außer Grunewald, Tegeler Forst und Balkonien nicht viel hatten. Und die aus den östlichen Bezirken, weil sie jetzt auch in die Gebiete kommen, die mal Truppenübungsplatz waren.

Aber so viele Berliner trifft man dann doch nicht im Wald. Die einen wissen nicht wo man Blaubeeren findet. Die andern verspüren einen unwiderstehlichen Drang, immer nur die meist auffälligen Giftpilze einzusammeln. Und wieder andere fürchten sich gar sehr vor der Zecke, dem brandenburgischen Monster und bleiben daher lieber gleich in der Stadt.

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01.06.2009

Ausgerechnet Spandau

Linda in am 1. Juni 2009, 13:07   Kommentar schreiben »

Ja, der Stadtteil hat definitiv einen schlechten Ruf.

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17.05.2009

Geschafft!

Jürgen in am 17. Mai 2009, 20:19   Kommentar schreiben »

Auch für viele Berliner Läufer ist seit vielen Jahren der Rennsteiglauf im Mai in Thüringen Teilnehmermagnet und sportlicher Höhepunkt. Gestern fand nun die Nr. 37 bei angenehmen Temperaturen statt. Startmöglichkeiten ergaben sich u.a. für den Supermarathon (72,7 km), den Marathon (hier ist die Strecke 43,5 km und somit etwas länger als die klassische Variante), Halbmarathon und diverse Wanderstrecken für jedes Alter. Auf den genannten Laufstrecken waren in diesem Jahr ca. 11000 Läufer dabei. Obwohl der Lauf sehr beliebt ist und inzwischen eine große Tradition hat, wird in den Medien außerhalb Thüringens nur wenig berichtet. Dem greifen wir hier schon mal partiell vor. Beste Berliner Teilnehmer auf der Marathon-Strecke waren:

Frauen:
6. Platz Katrin Schütze 03:35:37
45. Platz Anke Holstein 04:05:34
48. Platz Steffi Winkler 04:06:28 LG RON HILL

Männer:
73. Platz Ron Scheduikat 03:18:23 LG Buchsbaum
206. Platz Michael Geißler 03:34:30
214. Platz Michael Dittmar 03:35:26 TU Berlin

Der Autor dieses Beitrages war beim Rennsteig-Marathon bereits zum 23. Mal dabei und hat ihn diesmal glücklich nach 04:11:00 und dem 959. Platz geschafft.

Allen Sportinteressierten sei dieses sportliche Groß-Ereignis wärmstens empfohlen. Die Anreise lohnt sich schon allein wegen des im Mai wunderschönen Thüringer Waldes.

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13.05.2009

Spuren: Berliner, überall

Michael in am 13. Mai 2009, 23:34   Kommentar schreiben »

Mitos, Kreta: Der Mann entspricht dem Alt-68er-Kreuzberger Klischee: lange, graue Haare, wild und kaum gekämmt, braungebrannt, sehnig, sehr selbstbewusst auftretend und dennoch irgendwie scheu. Sein Mercedes-Combi: auch etwas älter, verkratzt, mit schwarzem Korsenkopf-Aufkleber mit dem Kopftuch (Botschaft in den 79ern: Autonome Republik Korsika) auf dem Heck. Die Anhängerkupplung ist ölig, er lädt gerade vom Hänger Mini-Katamarane ab, die Gauloise im Mundwinkel. Er ist den Sommer über auf Kreta, Mitos ist ein von deutschen stark frequentierter Ort an der Südküste der Insel. Die Vermietung läuft ganz gut.

Frauen-Selbsterfahrungskurse, alleinerziehende Mütter im Erfahrungsurlaub mit anderen alleinerziehenden Müttern. Yoga-Kurse am Strand. Überall Plakate in deutscher und französischer Sprache. Eine Individualisten-Oase. Die üppige spätblonde Mittfuzzigerin aus dem Wedding, mit dem 20 Jahre jüngeren kretischen Mann zusammenlebend, die ein Restaurant eröffnet hat. Sie arbeitet, er sitzt dekorativ an der Promenade. Klischee – und Wirklichkeit. Sie grinst. Ist glücklich. Berlin: warum? Reicht doch, wenn die hierher kommen. Und am Saisonende reicht es dann wirklich mit den Deutschen. Den Berlinern. Berichtet sie.

Ierapetra, Kreta: Die Immobilienmaklerin will nie mehr nach Berlin zurück, sagt sie. Voller Wut über die Verhältnisse in der Stadt sei sie weggezogen: det iss mir nüscht, wa? Um mir dann in endlosen kleinen Geschichten zu erzählen, dass Berlin doch ihre Heimat ist, sie interessiert nach all den Entwicklungen fragt, die die Stadt so nimmt, weil sie ja keine Zeit mehr hat, nach Berlin zu fliegen. Die Freunde kommen ja zu ihr, Haus am Meer, wunderbar, fast jeden Sommer die alte Clique, trotzdem: Heimweh. Der Geruch der U-Bahn. Das Rumpeln der S-Bahn, Menschen im Alltag, Punker, anders Aussehende. Das vermisst sie doch.

Heraklion, Kreta, die Inselhauptstadt: der blonde, gutaussehende junge Mann ist gebürtiger Berliner, vor drei Jahren auf die Insel gezogen, der Liebe wegen, sein Freund, ein klassischer Frauenschwarm, dunkelhäutig, lockig, schmalgliedrig, fein, und doch klassisch streng geschnittene Gesichtszüge, lauscht seinem Berliner Lover. Der lobt das Klima, das Meer, das gute Essen. Und erzählt mir dann, Stunden später beim gemeinsamen Essen, beim Wein, wie sehr er das offene schwule Leben vermisst, die Freiheiten, das nicht-immer-in-die Familie-eingebunden-sein. Und das bunte Motzstraßenfest vermisst er, mal durch die Bars ziehen, nackt und ausgelassen mit anderen Männern am Müggelsee oder Teufelssee herumalbern.

Agia Galini, Kreta: der steil am Hang liegende kleine Ort liegt an einem handtuchbreiten Strand. Ein Berliner Ehepaar führt seit 20 Jahren eine Pension, die einfachst, aber sauber und dem deutschen Klischeebild von “südländisch” entspricht: weißes Gebäude, gekälkt, bunte Fenster, Treppchen im Patio, viele Pflanzen im Topf, Rankpflanzen am Gebäude. Berlin? Weit weg. Zurück? Warum? Alles in Butter bei ihnen, nicht das große Geld gemacht, aber ein zufriedenes auskommen, ohne Stress, keine andauernde Veränderung. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.

Elounda, Kreta: die Wilmersdorfer Witwe, 78, mit 68 Jahren noch ein schönes Haus gekauft, die Rente ist gut, auf Kreta ist sie reich. Sie kommt im Sommer für 3 Monate nach Berlin, Freunde, Familie hier besuchen, dann ist es ihr auf Kreta zu heiß. Die Enkel machen Urlaub bei Oma. Ein Haus mit Blick auf die Mirabello-Bucht, sehr malerisch, Griechisch hat sie noch auf dem Gymnasium in Berlin gelernt. In Berlin wohnen möchte sie nicht mehr, höchstens begraben werden. Sie lacht. Ihr müsst zu viel arbeiten in der Hauptstadt, und im Winter ist es zu kalt.

Als wenn wir das nicht schon gewusst hätten!

Aber: ich war gerne im Urlaub dort, komme gerne wieder. Aber dort am Meer, in Griechenland leben? Traum, ja. Realität: nee, lass mal stecken. Lieber:

Berlin!

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03.05.2009

Jedes Jahr auf's neue

Jürgen in am 3. Mai 2009, 20:34   10 Kommentare »

Eine wirkliche Tradition im Berliner Umland schließt heute seine Pforten. Das Baumblütenfest in Werder gab es 2009 in der 130. Auflage. Das muß eine Institution erst mal schaffen. Natürlich war und ist das Fest immer auch ein Anziehungspunkt für tausende Berliner aus allen Schichten und Stadtbezirken.

Üblicherweise gibt es in den 4-5 Tagen Obstweine einheimischer Sorten zu verkosten, besonders lecker für meinen Geschmack in diesem Jahr Schlehe. Aber auch Kirsche, Himbeere, Holunder u.a. süffige Varianten bieten sich dem durstigen Gast an. Das Angebot an kulinarischen Spezialitäten reicht von der Thüringer Bratwurst über die leichten Knoblauchbrote mit Tomate und Mozarella bis hin zu deftigen Steaks. Die endlose Reihe der Verkaufsstände vom asiatischen Textilhändler über den nimmermüden westdeutschen Blumenverkäufer – natürlich mit Groß-LKW angereist – bis hin zum brandenburgstämmigen Budenbesitzer “Hau den Lucas” ist alles vertreten.

Die Umgebung von Werder mit viel Wasser und Getier – die Reiher sind auch nicht mehr so scheu wie früher – Ausflugsdampfern und blühenden Kastanienbäumen läßt dann die Stimmung entstehen, in der man schnell mal einen Becher zu viel leert und das kann bei Obstwein teuer zu stehen kommen:

Kurt hakt Ilse eine, denn fahr’nse
mit’n Zug nach Werder schwoofen.
Er trinkt viel und sacht: Wat meenste,
hätt ick mir alleen valoofen?

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Sind so komische Berliner … (2)

Claudia in am 3. Mai 2009, 10:54   22 Kommentare »

Manchmal.

Der ICE in der Hansestadt fährt in den Bahnhof ein, dessen Bahnsteig sicherheitsbedenklich rappelvoll gefühlt ist. Das Unternehmen „Deutsche Bahn“ informiert kurz nach der Abfahrt mit einer angenehmen Stimme über das Mikrofon, der völlig überfüllte Zug sei leider etwas ausgebucht. Man würde jedoch gleich zur Freude aller mit den Bordsnacks herum fahren, nur mögen doch deswegen bitte alle Passagiere ohne Sitzplatz die Gänge freihalten. Die angenehme Stimme aus dem Mikrofon indes verrät den Ganglümmlern nicht, wo im ICE der Ausstieg zum Dach vorgesehen ist, damit sie die Fahrt nach indischer Zugreise-Tradition oben bei Frischluft fortsetzen können, um den Weg für den Gourmet-Trolley frei machen.

Zehn Minuten erst nach Abfahrt des Zuges aus dem Bahnhof scheucht eine einzelne Dame mit rauer Berliner Kodderschnauze die beiden Jungs hinter mir in der Reihe von ihren Sitzen hoch. „Die Plätze sind reserviert!“ „Beide?, versucht einer der Jungs wenigstens noch den einen Platz für sich zu retten, denn es steht nur eine einzelne Person vor ihm. „Beide!“, kläfft sie zurück, „der Andere käme gleich.“ Zwei Männer geben bedrückt ihre sicher gehofften Sitzplätze notgedrungen auf und schleichen nach vorne in den „nicht-in-den-Gängen-steh“-Bereich und legen sich auf die sich dort bereits in der Überzahl stapelnden Fahrgäste. Fünf weitere Minuten später, trudeln drei Anzugträger, zwei mit Sitzplatzreservierung, der Dritte zu doof dazu, im Wagon ein und okkupieren die Reihe hinter der Madame. Männchen im Anzug im Gang übrig geblieben, sieht vor sich den leeren Sitzplatz und fragt höflich, ob er diesen haben dürfe. Trulla meint eiskalt: „Nö. Der Platz ist reserviert.“

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02.05.2009

Stadt der Tiere

Claudia in am 2. Mai 2009, 09:10   2 Kommentare »

tierheim berlin falkenberg| alle fotos i. d. Artikel claudia (hsb)

Ein Tierheim – kein Platz, den ich so richtig gerne besuche. Seit dem in Berlin das Tierheim von Lankwitz sich aufgemacht hatte nach Falkenberg, wo ein deutliches größeres Areal und der Neubau es zum größten und modernsten Tierheim Europas machte, habe ich noch nie dort hingefunden. Hohenschönhausen, Falkenberg, Ahrensfelde – das sind nicht die Bezirke, die der Süd-Berliner, wenn er keinen triftigen Grund dazu hat, mal eben nebenbei aufsucht. Das ist so ähnlich wie mit Spandau. Kurz: aus Sicht einiger Bezirke dieser Stadt liegt das Tierheim a. A. d. W.

Dazu hatten mich persönlich damals Aufnahmen vom neuen Tierasyl abgeschreckt. Die Beton-Landschaft auf Fotos empfand ich wenig ansprechend, trotz der vielgeschworenen Vorzüge: mehr Platz für mehr Tiere (was für ein trauriges Marketingargument für sich), weit auslaufende Flächen für größere und kleinere Nutz- und Huftiere und sonstigen spaßigen Gesellen, die lieber in den sterbenden Streichelzoos der Bezirke kleinen Berliner Gören einen Hauch von Nähe zum Nutztier ermöglichen wollten. Einen größeren Sammelort schaffen zu müssen für des Menschen liebstes Haustier aller Rassen? Manche Notwendigkeiten erklären sich dem Tierfreund nicht immer.

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29.04.2009

Vergänglich und unvergänglich

Jürgen in am 29. April 2009, 18:52   41 Kommentare »

Mit dem Regionalexpress dauert es vom Bahnhof Friedrichstraße bis nach Schönefeld nur ca. 25 Minuten. Da kann man nicht meckern. Dabei hält er noch in Alexanderplatz, Ostbahnhof und Karlshorst. Dann läuft man noch gemütlich 15 Minuten und ist schon auf dem Flughafen Schönefeld.

Im Flughafengebäude gelangt man nach dem Einchecken durch verwinkelte Gänge dann in den Wartebereich, der einem Wintergarten ähnelt. Am 22.4.09, Flug Nr. 4509, waren hier deutlich mehr Reisende als Sitzplätze. Einige Fluggäste mußten also, wie im morgendlichen Berufsverkehr, stehend warten. Der ganze Ablauf, einschließlich der Sicherheitskontrolle, verlief sehr flüssig und unspektakulär. Dennoch braucht Berlin endlich einen modernen Flughafen mit entsprechender Kapazität. An diesem Tag und auch bei der Rückkehr sah man jedenfalls vor allem Wolken aufgewirbelten Sandes, die über der riesigen Baustelle standen, dann vielleicht weiterziehen, um den Berliner Feinstaub zu nähren und mit ihm zu fusionieren.

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